Dem Träumer anvertraut

Liebe Gemeinde!

I.) Eben haben wir die Weihnachtsgeschichte gehört, wie sie der Evangelist Lukas aufgeschrieben hat. Die Worte sind uns vertraut, seit unserer Kindheit haben wir ihnen oft gelauscht.

Vielleicht geht es Ihnen ja auch so, dass die Worte der Weihnachtsgeschichte sie immer wieder auf eine innere Reise gehen lassen, direkt nach Bethlehem, in den Stall und an die Krippe, in der das Kind liegt.

Ich vermute die meisten von uns haben ein ganz eigenes Bild von Stall und Krippe. Wie sieht es aus? Ist es ganz finster in dieser Nacht? Oder leuchtet am Himmel ein heller Stern? Liegt der Stall auf dem Feld in Dunkelheit oder lockt Sie ein Lichtschein an? Gehen Sie nun etwas noch näher heran und treten sie ein. Nachdem Ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, können Sie jetzt die Menschen im Inneren erkennen.

Da ist Maria – die Mutter des Kindes. Wie sieht sie aus? Stolz und glücklich über das Kind oder noch ganz erschöpft von der Anstrengung der Geburt?

In der Krippe liegt das Kind. Sehen Sie es an – schläft es oder schreit es in dieser ersten Nacht auf Erden?

Und noch andere sind da: die Hirten, die die Botschaft der Engel gehört haben und gleich hierher gekommen sind, um das Kind zu finden. Vielleicht stehen ja auch noch Ochs und Esel im Stall, die mit ihrem Atem den Raum wärmen.

Und wo steht Josef in Ihrem Krippenbild? Welchen Platz nimmt er ein? Kniet er an der Krippe, betet er, beruhigt er das Kind oder stärkt er Maria den Rücken. Oder steht Josef eher im Hintergrund, im Halbdunkel an einen Balken gelehnt, in Gedanken versunken nach allem, was geschehen ist, staunend über den Weg, den Gott ihn mit Frau und diesem Kind hierher geführt hat? Halten Sie bitte ihr Bild von Josef für einen Moment fest, nehmen sie es in Gedanken mit …

II.) Josef – wer ist er eigentlich? Der Verlobte der Maria, aber wohl eben doch nicht der Vater des Kindes. In eigenartiger Weise ist er zugleich Haupt- und Randfigur in der Weihnachtsgeschichte, bleibt auch für uns immer ein wenig der Unbekannte an der Krippe. In der knappen Fassung der Geburtsgeschichte bei Matthäus im 1. Kapitel, dem Evangelium für diese Christnacht, erfahren wir etwas mehr über ihn. Dort heißt es:

(18) Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter mit Josef verlobt war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.
(19) Josef aber, ihr Mann war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.
(20) Als er da noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn was sie empfangen hat, das ist vom heiligen Geist.
(21) Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
(22) Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht:
(23) „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben“, das heißt übersetzt: Gott mit uns.
(24) Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.
(25) Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

III.) Josef – Zimmermann aus Nazareth. Wenn es ganz allein nach ihm gegangen wäre, so erfahren wir von Matthäus, wäre er wohl gar nicht Teil des vertrauten Krippenbildes geworden.

Wenn es allein nach ihm gegangen wäre, hätte er sich lieber davon gemacht, nachdem er erfahren musste, dass Maria, seine Verlobte, schwanger ist – jedoch nicht von ihm. Sicher waren seine Gefühle und seine Ehre verletzt und dann noch die Aussicht auf das Gerede der Leute. Welchem Mann wären da nicht Fluchtgedanken gekommen. Warum, warum eigentlich soll er nun die Verantwortung für Frau und Kind übernehmen, wenn er nicht der Vater ist? Warum soll er Rücksicht nehmen, warum sich mit Maria und dem Kind auf eine höchst ungewisse Zukunft einlassen und die eigenen Wünsche und Pläne hinten anstellen? Nein, niemand hätte das unter den beschriebenen Umständen von einem Mann wie Josef erwartet und er selber sieht das zunächst auch nicht ein. Ganz offen wird erzählt, dass Josef sich entscheidet, zu tun, was ihm als recht und billig erschien: Er will Maria verlassen – ohne große Worte, ganz heimlich will er dies tun.

Doch zuvor schläft Josef noch eine Nacht darüber. Und da geschieht etwas Unerwartetes. Josef träumt in dieser Nacht träumt. Er vernimmt die Stimme Gottes. Eindringlich fordert diese Stimme ihn auf, bei Maria zu bleiben und trotz allem zu ihr zu halten. In seinem Traum hört Josef auch die große Verheißung über das Kind, das Maria erwartet: Durch ihren Sohn sollen die alten Worte der Propheten Wahrheit werden, dieses Kind wird das Volk von seinen Sünden retten.

Doch damit das alles so geschehen kann, soll Josef einen, seinen Beitrag dazu leisten. Er soll bei Maria bleiben und für sie und das Kind sorgen, sie auf ihrem Weg führen und begleiten. Was für ein Traum. Und was für Aufgabe! Oder soll man eher sagen was für eine Zumutung für ihn?

Und was tut Josef? Er wacht auf und tut, was der Engel ihm gesagt hatte. Kein Einwand, kein Nachdenken, kein Zögern wird berichtet. Josef bleibt stumm – aber Josef handelt. Josef träumt, wacht auf und tut, wie es ihm gesagt worden war: Einfach so.

Und dieses Bild des Josef entwickelt sich in den folgenden Geschichten bei Matthäus weiter: Noch in Bethlehem träumt Josef abermals und erhält eine neue Weisung: „Steh’ auf, nimm das Kind und seine Mutter mit dir und flieh’ nach Ägypten“; und wieder tut Josef, was ihm gesagt war.

Einige Zeit später, als die Gefahr vorbei ist, träumt er erneut. Und wieder folgt Josef den Worten des Engels und führt seine Familie zurück aus Ägypten bis hinauf nach Nazareth in Galiläa.

IV.) Josef träumt, wacht auf und tut wie ihm gesagt wurde.

Dieses Bild von Josef, diesem schweigende, aber handelnden Träumer, berührt und beeindruckt mich. Da wischt einer seine Träume nach dem Aufwachen nicht einfach beiseite und geht zur Tagesordnung über, so wie wir es oft tun.

Im Gegenteil: Nach diesen Träumen sieht Josef sein Leben in einem ganz neuen Licht und weiß sich eine große Geschichte eingebunden. Er hat verstanden: Hier geht es nicht mehr allein um ihn, um sein privates Leben, um seine verletzte Ehre oder seinen persönlichen Vorteil. Es geht um vielmehr um Gottes Plan für diese Welt. Und in diesem Plan erhält er, Josef, der Zimmermann aus Nazareth, eine wichtige Aufgabe.

Denn Gott will mit dieser Welt einen neuen Anfang machen. Durch das Kind der Maria soll es geschehen. Durch ihren Sohn will Gott in diese verdrehte Menschenwelt kommen, um allen, die auf ihn hoffen, Frieden und Hoffnung zu bringen.

Doch damit dies alles so geschehen kann braucht Gott Josef. Gott braucht Josef, damit er, selbst von Gott und seinen Träumen geführt, Maria und das Kind auf dem langen und gefährlichen Weg führen, begleiten und beschützen kann. Und diese Aufgabe nimmt Josef scheinbar ohne zu zögern an, nachdem er geträumt hat.

Da wirft einer sein ganzes Leben um, weil er einen Traum hat. Das Wort Gottes, das ihm in der Nacht erschienen ist, hat sein Herz und seinen Sinn verwandelt. Mit dem Vertrauen auf Gottes Wort und mit der Vision von Gottes neuer Welt, die mit dem Kind seiner Frau beginnen wird, kann Josef die Aufgabe annehmen, die Gott ihm gestellt hat – obwohl sie viel von ihm verlangt und ihn mit Frau und Kind auf in eine ungewisse Zukunft führt.

V.) Menschen wie er, Männer wie er, wie dieser stille, aber handelnde Josef hätten es heute sicher nicht ganz leicht. Jemand, der sich, so wie er vom Wort Gottes in Anspruch nehmen lässt, der sich von seinen Träumen führen lässt – so einer entspricht nicht unbedingt dem, was heute von modernen Menschen erwartet wird und so einer widerspricht dem Männerbild unserer Zeit.

Echte Männer, so vermitteln es Medien und Werbung bis heute unentwegt, sollen ihr Leben selbst in der Hand haben und natürlich selber Richtung und Ziel bestimmen. Sie zeichnen sich aus durch selbstsicheres Auftreten und beruflichen Erfolg. Ideale, die auch heute von der Mehrzahl der jüngeren Männer übernommen werden. In der Werbung sind auch die jungen Väter immer wieder im Blick. Scheinbar spielend meistern sie dort ihre Aufgaben in Beruf und Familie. Die Welt liegt ihnen zu Füßen, sie machen Karriere, fliegen von einem Geschäftstermin zum nächsten rund um die Welt. Trotzdem vergessen sie natürlich nicht, ihr Kind vor dem Schlafengehen noch schnell mit dem Handy anzurufen.

Nicht in der Werbung zu sehen ist die Kehrseite dieses schönen neuen Männerideals. Wer heute in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Karriere machen will, der steht immer auch unter einem immens hohen Druck. Die Konkurrenz ist groß, manchmal genügt ein Fehler und schon nimmt ein anderer deinen Platz ein. Die Leistungserwartungen sind hoch. In der Computerbranche werden längst wieder 60 Wochenarbeitsstunden erwartet und in anderen Bereichen ist es nicht anders. Und so fehlen auch die neuen Männer ihren Frauen und Kindern oft nicht weniger als die Männer in vorangegangenen Generationen. Schön und problemlos ist die neue Männerwelt eben auch nicht.

Jedenfalls bringen solche Bedingungen auch keine Josefs hervor, sondern fördern eher Einzelkämpfernaturen, deren Alltag vom Kampf und Konkurrenz bestimmt wird und nicht von Träumen, Hoffnungen und Visionen. Denn um im Leben zu bestehen muss man eben stark sein, eigene Interessen klar formulieren und sie auch gegen andere durchsetzen können.

Aber die Träume und Visionen von Solidarität und Miteinander drohen dabei auf der Strecke zu bleiben. Die Starken setzten sich durch, die anderen aber, die den Leistungsanforderungen nicht entsprechen, die ihre Arbeit verloren haben, erst recht die, die auf Hilfe angewiesen sind, die müssen dann eben sehen, wo sie bleiben.

Josef steht für ein anderes Selbstverständnis. Josefs Vertrauen auf seine Träume, seine Bereitschaft bei denen zu bleiben, die auf seine Hilfe angewiesen sind und mit ihnen auch schwierige Wege zu gehen, die er sich nicht ausgesucht hat, alles das steht gegen das uns vertraute moderne Denken. Doch Josef kann dies, weil er auf das Wort Gottes vertraut, das ihm gesagt ist.

VI.) Und wie steht es mit uns? Wagen wir es in dieser Nacht mit Josef zu träumen? Gibt es auch für uns in der Heiligen Nacht ein Wort Gottes, das uns eine Vision gibt, um der Spur des Träumers Josef zu folgen.

Ich denke schon. Denn in der Heiligen Nacht hören wir die gute Botschaft, dass Gott einen neuen Anfang mit uns Menschen macht. In der Heiligen Nacht dürfen wir selbst zu Träumenden werden, deren Herzen höher schlagen, wenn wir von dem Kind hören und singen, das uns von Gott gegeben ist. Aus dem Lukasevangelium klingen die Worte der Engel herüber auch in diese Stunde: „Euch ist heute der Heiland geboren. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Ja, wie Träumende sind wir, wenn wir heute Nacht die Botschaft hören und uns zu Herzen nehmen, dass aller Welt so große Freude widerfährt und doch – trotz allem – Frieden ist auf dieser Welt. Die Welt ist zwar noch die alte, mit allen ihren Härten, Nöten und Ungerechtigkeiten. Doch ihre Vorzeichen sind schon neu im Licht der Heiligen Nacht: Ja – seit das Kind geboren wurde steht die Welt unter den Vorzeichen der Gnade Gottes, der Liebe und der Hoffnung. Diesen Traum dürfen wir heute miteinander träumen.

Ich wünsche uns, dass wir diesen Traum, der zu Weihnachten in unsere Herzen gegeben wird einfach abschütteln wie einen Traum am Ende der Nacht und ab morgen oder spätestens nach den Feiertagen einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Ich wünsche uns, dass uns das Wort, dass wir in dieser Nacht hören auch in den Wochen und Monaten nach Weihnachten weiter bewegt und vorantreibt.

Von uns wird nicht erwartet, was Josef aufgetragen worden ist. Aber auch wir werden gebraucht – mögen wir doch erkennen, wohin und zu wem wir durch die Weihnachtsbotschaft gesandt werden.

VII.) Nun – vielleicht ist der Josef in dieser Heiligen Nacht ja etwas, bekannter und wichtiger geworden. Nun müssen wir ihn aber wieder in unser Krippenbild zurückstellen, dort an den Platz, wo sie ihn vorhin gesehen haben. Denn dort gehört er hin, dieser Träumer, der nicht viele Worte macht und doch seine Aufgabe erkennt und weiß, was er zu tun hat. Maria und das Kind sind auf ihn angewiesen. Schon bald wird Josef die nächste Weisung Gottes hören: „Steh’ auf, nimm das Kind und geh“.

Denn das Kind bleibt dem Träumer anvertraut. Er nimmt das Kind aus dem Stall von Bethlehem mit in hinaus in die Welt – damals und heute. Denn das Kind braucht den Träumer noch immer. Denn bei ihm kann das Kind leben, wird wachsen und groß werden in dieser Welt.

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