Wort, Licht, Eigentum

[Anmerkung: Ich nehme die Verse 9-14 zum Predigttext hinzu, lasse dafür die Verse 6-8 aus.]

Liebe Gemeinde,

in Goethes Faust Teil 1, Szene im Studierzimmer spricht Faust: „Wir sehnen uns nach Offenbarung, die nirgends würdger und schöner brennt als im Neuen Testament. Mich drängts den Grundtext aufzuschlagen mit redlichem Gefühl einmal das heilige Original in mein geliebtes Deutsch zu übertragen. Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort.“

Faust übersetzt hier den Anfang des Johannesevangeliums, unseren heutigen Predigttext:

Ich lese Johannes 1,1-5 und 9-14:

[TEXT]

Das ist einer der bekanntesten Texte der Bibel. Dieser Text ist uns vertraut, und wir fühlen uns in ihm zu Hause. Hier kommt uns verdichtete Erfahrung entgegen. Diesen Text nennt man auch die Weihnachtsgeschichte nach Johannes. Aber es ist keine Geschichte. Es ist vielmehr ein Gedicht. Und wie das bei Poesie öfter ist, ist es nicht ganz einfach, sich ihr mit den Mitteln des Verstandes zu nähern. Trotzdem möchte ich das jetzt einmal versuchen, denn es führt zu spannenden und erstaunlichen Ergebnissen.

In diesem Text werden drei verschiedene Bilder gebraucht, die ineinander verschränkt sind. Wort, Licht, Eigentum.

Bild 1: Das Wort

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“

Diese drei Verse beziehen sich zurück auf die Schöpfungsgeschichte. In der Schöpfungsgeschichte heißt es mehrmals: „Gott sprach … und es wurde“. Gottes Wort ist mächtig. Es hat die Macht die Wirklichkeit, die es benennt auch herzustellen. Jesus Christus ist Gottes wirkmächtiges Wort.

Bild 2: Das Licht

„In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Das Licht scheint in die Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.“

Das ist ein merkwürdiges Bild. Stellen Sie sich einmal vor: Es ist 6 Uhr morgens und dieser Raum hier ist dunkel. Sie kommen durch die Tür herein und schalten das Licht ein. Was passiert? Es wird hell. In diesem Raum ist dann Licht und keine Finsternis mehr. Das Licht scheint in die Finsternis. Und die Finsternis kann, wenn das Licht da ist, das nicht verhindern. Wie kann es sein, dass die Finsternis das Licht nicht ergreift?

Weiter: Bild Nummer 3: Eigentum:

„Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

Nehmen wir mal an Sie sind Hausbesitzer: Sie haben den Schlüssel für ihr Haus dabei. Sie kommen nach Hause, schließen die Tür auf und betreten Ihr Eigentum. Wie sollte Ihr Haus Sie daran hindern? Wie können Sie nach Hause kommen in Ihr Eigentum und dieses Ihr Eigentum nimmt Sie nicht auf. Wie kann das sein?

Die Bilder rufen die Frage hervor: Wie ist das möglich? Wie kann das sein? Sie sollen Verwunderung hervorrufen und vorbereiten auf das Wunderbare, das in den folgenden Versen gesagt wird:

„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind. Und das Wort ward Fleisch* und wohnte unter uns, und wir sahen (b) seine Herrlichkeit, (man kann auch übersetzen seinen Lichtglanz) eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

Unser Text redet von Jesus Christus: Das Wort, das alles geschaffen hat, das Licht, das in die Finsternis scheint, der Eigentümer, der in seine Welt kommt, Gottes Herrlichkeit. Das ist Jesus Christus. Unser Text redet von dem Wunder der Menschwerdung Gottes. Er redet von dem, was wir an Weihnachten feiern: Gott wird Mensch. Um mit Faust zu reden: Das „was die Welt im innersten zusammen hält“, erscheint in dieser Welt als ein kleines Kind. Die unvorstellbare Macht Gottes erscheint auf der Erde. Das ist unfassbar. Und es ist klar, dass die Bilder unserer Sprache nicht ausreichen, um das ausdrücken. Es ist klar, dass dies Erstaunen und Verwunderung auslöst und die Worte und Bilder nicht reichen um das zu begreifen.

Das Erstaunen und die Verwunderung, die unser Text ausdrückt, bezieht sich aber nicht nur auf das Wunder der Menschwerdung Gottes.

Genauso erstaunt ist der Verfasser darüber, dass Gott Mensch wird und es kaum jemand mitbekommt. Da geschieht das Wunder aller Wunder. Eigentlich müssten jetzt die Menschen jubelnd durch die Straßen rennen und was geschieht wirklich: Die Finsternis hat’s nicht ergriffen, die seinen nahmen ihn nicht auf. Der Lichtglanz Gottes, Gnade, Wahrheit. Alles was sich ein Doktor Faustus nur wünschen kann. Alle Erkenntnis, was die Welt im innersten zusammen hält vor seinen Augen ausgebreitet. Die Offenbarung direkt vom Himmel. Und kein Schwein interessiert sich dafür. Das darf doch nicht war sein.

Liebe Gemeinde, dieser Text ist wunderschön. Dieser Text ist Trost und Hilfe. Und gleichzeitig stellt er uns zutiefst in Frage. Gott ist Mensch geworden. Wir feiern Weihnachten. Wir erfreuen einander mit Geschenken. Wir genießen die gute Musik, wir freuen uns an der schönen Atmosphäre. Und das ist gut so. Wir freuen uns über die Weihnachtsbotschaft. Und da haben wir ja auch allen Grund zur Freude: Unser Text sagt uns: Jesus Christus hat uns die Macht gegeben Gottes Kinder zu werden. Wir sind von Gott geboren. Sein Licht ist in uns. Wir haben es ergriffen.

Könnte man irgendetwas Besseres oder Größeres von uns sagen? Ich glaube nicht.

Und wir können dieses göttliche Licht ja auch in uns wahrnehmen, wenn wir uns freuen. Wenn wir dankbar sind für all das Gute, das Gott uns geschenkt hat, wenn wir auf unsere Kinder und Enkel und die Menschen sehen, die wir lieben. Dann wissen wir: Ja, es ist gut. Gott wirkt in dieser Welt. Und wir sehen froh und voller Vertrauen in die Zukunft. Und wir wissen, dieses Licht ist ewig. Es ist Teil unseres Lebens. Und wir sind durchaus im Stande, es in der Welt scheinen zu lassen. Die Liebe, die in uns ist, können wir weitergeben.

Und dann ist Weihnachten vorbei. Und was bleibt? Kaum ist es Januar und alles ist vergessen?

Nein, so ist es nicht. Die Wärme und das Licht von Weihnachten wärmen uns noch ein Weilchen in das neue Jahr hinein. Aber auch für uns gelten meistens beide Teile unseres Predigttextes: Das Licht ist in die Welt gekommen, und wer es aufnimmt, dem gibt es die Macht Gottes Kind zu sein. Und diese Macht können wir nicht wieder verlieren, da wir von Gott geboren sind. Das ist unaufhebbar und unauslöschlich so. Wenn man einmal Kind ist, dann ist das Biologie. Niemand kann das ändern. Wir haben zwei Töchter, die habe ich geboren. Und das wird immer so bleiben. Dass wir Gottes Kinder sind, das kann uns niemand und nichts wegnehmen.

Aber leider gilt für uns auch: Er kam in sein Eigentum und die seinen nahmen ihn nicht auf. Auch das ist immer Teil unseres Lebens. In uns ist nicht nur Licht. In uns herrscht immer auch die Dunkelheit. Manchmal ist uns das Leben zuviel. Und manchmal bleibt uns nur die Sehnsucht nach der Offenbarung. Und wir können das Licht, das in uns scheinen müsste, nicht finden. Dafür kann es verschiedene Gründe geben: Erschöpfung, Depression, eine schlimme Erfahrung, Trauer oder Überheblichkeit.

Bei Überheblichkeit muss ich an Faust denken. Faust wollte wissen, was die Welt im innersten zusammenhält. Er strebte nach Großem, und ließ Gretchen mit dem gemeinsamen Kind sitzen. Das war der Tragödie erster Teil. Ihm war das Licht der Liebe zu dieser Frau zu wenig. Er hatte größere Wünsche. Vielleicht sind es manchmal die größeren Wünsche, die uns an dem, was wichtig ist im Leben, vorbei leben lassen, so dass das Licht Jesu in uns kleiner wird. Unser Text sagt, dass Jesus Christus uns die Macht gegeben hat Gottes Kinder zu werden. Das klingt großartig und ist es auch. Aber ich glaube, dass diese Macht etwas eher Unauffälliges ist. Manchmal denke ich, das Licht Gottes, das aus unserem Leben leuchten soll, ist eher wie eine winzige und gefährdete Kerzenflamme. Sie zeigt sich in einem Lächeln, das vorsichtig in den Mühen des Alltag erscheint und auch dort wieder verschwindet. Aber gerade in der Müdigkeit des Winters in dem eigenen Versagen in dem mühsamen Alltag möchte ich festhalten: Das Licht leuchtet in die Finsternis. Und wir können es auch finden, aber wir müssen aufmerksam werden, um das Licht Jesu Christi zu erkennen in uns selbst und in anderen. Durch diese Aufmerksamkeit kann die Flamme stetiger werden, sie kann aufleuchten und uns zu einem Handeln führen, dessen Leuchtkraft auch andere sehen können. Lassen Sie uns diese Aufmerksamkeit üben von Januar bis November. Und dann wird es wieder Weihnachten und es fällt uns vielleicht leichter, Gottes Licht in unserem Leben wahrzunehmen.

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