Ungewollt kinderlos – ungewollt schwanger

Liebe Gemeinde,

1. Zwei gleiche und ganz verschiedene Frauen
zwei Frauen begegnen sich. Zwei Frauen, denen es ganz ähnlich geht, die im Abstand von 6 Monaten nahezu gleiches erleben. Die beiden Frauen sind schwanger und erwarten ihr erstes Kind. Und doch sind es zwei Frauen, die auch sehr unterschiedlich, sehr verschieden, sehr gegensätzlich sind. Die eine mit Namen Elisabeth ist eine angesehene Frau und hoch betagt. Das Ansehen wird wohl mehr von ihrem Mann herrühren, der Priester ist und immer wieder am Heiligtum Dienst zu tun hat. Frau Doktor hier, Frau Doktor da, auch wenn ja eigentlich der Ehemann der Doktor ist und die Frau in ihrer Bescheidenheit immer wieder einmal darauf hinweist. Nur das einzige, was ihr selbst und unabhängig von ihrem Mann Ansehen und gesellschaftlichen Rang verliehen hätte, das ist ihr bisher versagt gewesen. Sie hatte keine Kinder. Daß die Frau unfruchtbar war, das schien damals nahezu eine unhinterfragbare Selbstverständlichkeit zu sein. Ihr fortgeschrittenes Alter hatte ihre Hoffnung, daß sich das noch ändern könnte zunichte gemacht.
Ganz anders ist es bei der anderen Frau, Maria mit Namen. Eigentlich ist sie ja fast noch als Mädchen anzusehen. Arg viel älter als fünfzehn oder sechzehn Jahre kann sie kaum gewesen sein, denn spätestens dann war man ja als Frau verheiratet. Sie war es noch nicht, eine Tochter aus einfachem Hause, schlicht und aufrichtig von Gemüt. Doch ja verlobt, das ist sie eben schon gewesen. Die Hochzeit war in Planung – doch dann kam da etwas dazwischen, etwas ganz und gar ungeplantes. Sie wird schwanger – ungewollt schwanger, ungeplant und dazu noch auf höchst wundersame Weise. Und sie, kaum daß sie recht verstanden hat, was ihr da angekündigt wird, sie sagt ja. Sie fügt sich in ihr Schicksaal, in das, was ihr geschickt wird, was Gott ihr schickt. Wie sollte sie auch anders, angesichts einer solchen göttlichen Ankündigung. Und dann macht sie sich eilend auf, wie es heißt, ins Gebirge Juda. Sie will Elisabeth besuchen. War es, weil der Engel deren Schwangerschaft der Maria mitgeteilt hatte, war es die eigenen Neuigkeiten, die sie mitteilen wollte, war es die Sitte, daß junge werdende Mütter bei älteren Frauen in ihre neue Rolle hineinwachsen lernen sollten oder alles drei?
So jedenfalls, indem Maria Elisabeth besucht, so begegnen sich die beiden Frauen, so unterschiedlich, was Alter und Stand angeht, die eine lange ungewollt Kinderlos, die andere ungewollt schwanger – und so gleich, indem beide Frauen nun ein Kind erwarten, es sollen besondere Kinder sein und so besonders sind auch die Schwangerschaften.
Nicht nur Maria weiß über diese Besonderheit, sondern ganz offenbar auch Elisabeth und sogar ihr noch ungeborenes Kind spürt die Freude der beiden Frauen, als sie sich treffen. In die Freude Elisabeths mischt sich Verwunderung: »Wie kommt es daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?« Ein eigentümlicher Satz. Alter und soziale Stellung sind eigentlich überdeutlich. Elisabeth ist die weitaus Ältere, die sozial höher Stehende, doch diese Begrüßung dreht die Verhältnisse um. »Die Mutter meines Herrn«, der Sohn, der ja noch gar nicht geboren, ja noch nicht einmal zu ahnen ist, er ist in den Worten Elisabeths schon gegenwärtig und gibt seiner Mutter Anteil an seinem besonderen Wesen.
Elisabeth preist und lobt Maria für ihr Kind, das erst noch zu erwarten ist, das noch gar nicht da ist, das noch gar nichts bewirkt hat. Der Blick des Glaubens sieht weiter und tiefer und vor allem: er sieht das noch ausstehende, das noch kommenden, das zu erwartende schon als Gegenwärtig. Und von dieser Zukunft her läßt Elisabeth ihre Gegenwart bestimmt. Von dieser Erwartung her dreht die Ältere die Verhältnisse um und begrüßt die jugendliche Maria als höchsten und vornehmsten Gast.

2. Marias Gebet / Marias Lied
Und Maria, die, die hier zu Besuch kommt, die nimmt diese Begrüßung auf, sie spinnt an diesem Faden weiter, sie fügt zur Gemeinsamkeit der Schwangerschaft die gemeinsame Interpretation hinzu. Lukas läßt Maria ihre Antwort hier sprechen, doch es scheint viel mehr, als habe Maria gesungen, von der Größe Gottes und von ihrer Freude. Und wie Elisabeth mit der lange kinderlosen Sara oder der Hanna, die dann beide doch noch ein Kind zur Welt brachten prominente Vorgängerinnen und Mütter im Glauben haben, so hat dies auch die Maria mit ihrem Lied. Sie trägt sogar den gleichen Namen: Miriam, die Schwester des Mose. Nach dem Durchzug durchs Schilfmeer preist sie Gottes Größe und lädt andere dazu ein mitzusingen. Und so hat das wohl auch Maria mit ihrem Lied gemacht. Nicht sofort, denn es war ja nur noch Elisabeth da, doch später hat die Christenheit eingestimmt in diesen Lobpreis, in das Magnificat. Es hat eine wichtige Stelle im Tagzeitengebet der Klöster und ist sehr oft vertont worden. Ganz besonders ist dieses Magnifikat mit dem neunten Psalmton verbunden.

2.1 Groß machen
47 Meine Seele erhebt den Herren / und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
Magnificat – es macht groß, so beginnt der lateinische Text. Es macht groß meine Seele den Herrn. Aber geht denn das. Kann meine kleine Seele Gott groß machen – und selbst wenn Marias Seele sehr viel größer gewesen sein sollte als meine – Gott groß machen? Gott, von dem es doch heißt, man solle ihn denken als ein Wesen als das es nichts größeres sich vorzustellen möglich sei.
Bei Maria scheint es ja fast so, als müsse man diesen Gott überhaupt erst einmal ins richtige Licht setzen, damit er von allen gesehen werden kann. Es scheint, als sei dieser Gott noch ziemlich klein.
Ja richtig, das scheint so, und es scheint oft so. Denn dieser Gott wirkt anders als all die anderen, die groß sind oder groß sein wollen. Gott wirkt eben gerade nicht mit großen und öffentlichkeitswirksamen Gesten, sondern er wirkt verborgen, so verborgen, wie seine Ankunft in dieser Welt noch ist, wenn Maria gerade eben von ihrer Schwangerschaft erfahren hat. Er wirkt verborgen bei diesen beiden Frauen zu Hause (den Ort dieses zuHauses kennt man gar nicht genau) – erst nach und nach erfahren auch die anderen davon, erst nach und nach stimmen sie mit ein in dieses Loblied.
Ja eben, es ist ein Loblied, das hier Gott groß macht. Nicht daß er es bräuchte, aber wir brauchen es doch. Wir müssen uns gegenseitig immer wieder einmal auf das Große hinweisen, daß da geschieht, oft noch sehr im verborgenen. Wer solch Großes entdecken kann im eigenen oder in einem fremden Leben der wird sich freuen, der wird miteinstimmen können.

2.2 Er sieht das Kleine
48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 Denn er hat grosse Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. 50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.

Das ist das Große des so verborgenen Gottes: die Niedrigkeit, das Kleine, das Unscheinbare, das Alltägliche, ja sogar das Anstößige, das ist Gott nicht gleichgültig. Gerade im Kleinen und Anstößigen zeigt er sich: ein junges unverheiratetes Mädchen ist schwanger. Er hat die Niedrigkeit, vielleicht auch die Schändlichkeit und Anstößigkeit angesehen. Er sieht mit anderen Augen. Große Dinge sind für ihn etwas anderes. Und was uns anstößig ist, gerade das nimmt Gott an, gerade das sucht er sich aus. Wenn Gott solche Kleine und Unscheinbare für sich auswählt und als Boten und Träger seiner Botschaft gebraucht, wiesehr mögen solche Menschen glücklich genannt werden, weil das kleine eben nicht immer und ewig klein bleibt.

2.3 Die Reichen bleiben leer
51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stösst die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
Das Große bleibt Groß nicht und klein nicht das kleine. Auch die Gernegroßen, die Strahlemänner – und frauen, die, denen es mal wieder oder immer noch gut geht, auch bei denen bleibt es nicht immer so. Die Gewaltigen stößt er vom Thron. Das erleben wir selten. Meistens sitzen doch die da oben ganz fest im Sattel. Doch wer ist denn das eigentlich, die Gewaltigen und die Reichen? Gehören nicht auch wir selbst dazu? Jedenfalls wirklichen Hunger leiden, das müssen wir nicht leiden. Und wenn wir selbst uns nicht als Gewaltige oder Mächtige fühlen, so gehören wir doch zu einer Gesellschaft und zu einem Land, das durchaus wirtschaftliche und politische Macht darstellt.
Ein Loblied auf Gottes Größe, auf die Umwälzung der Verhältnisse, ein Loblied, das dann doch gegen uns selbst gerichtet ist. Offenbar gibt es auch das. Offenbar muß uns auch manches aus der Hand genommen werden, wenn nicht wir selbst zu Gewalttätern werden wollen, sondern wenn Gott Gewalt also Macht ausübt. Offenbar muß mancher selbstgezimmerte Thron eingerissen werden, damit die eigene Ohnmacht und Hilfsbedürftigkeit deutlich wird. Offenbar wird für den Reichen manches leer bleiben, was man nicht nur mit Geld nicht kaufen kann sondern wo das Geld obendrein hinderlich ist. Die Niedrigen, die wenig oder gar nichts besitzen, die wissen, keine Leistung und kein Geld können den Menschen hochheben, ihn erheben, die besser machen, ihn aus seiner schuldhaften Verstrickung in die Machtverhältnisse der Welt erheben. Solches hochheben, solches erheben, das muß, ja und das wird auch von außen kommen, von dem, der da so verborgen in unsere Welt kommt.

2.4 Erinnern an Barmherzigkeit
54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, 55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit

Gott erinnert sich. Er hat uns nicht vergessen, auch wenn die Zeit darüber lange zu werden scheint. Und auch Maria geht in ihrem Lied zurück bis Abraham. Auch ihm ist die Zeit des Wartens lang, ja zu lange geworden, so daß er meinte, schließlich selbst nachhelfen zu sollen. Doch was versprochen ist, das hält Gott ein – bei Abraham und Sarah, bei Hanna und Elkana, bei Elisabeth und Zacharias, bei Maria und ja eigentlich der ganzen Welt. Denn dahin zielt ja Gottes Barmherzigkeit. Daran hängt und verliert ja Gott sein Herz, wie Martin Luther singt, wenn er den Vater zum Sohn sprechen läßt
»Er sprach zu seinem lieben Sohn:
Die Zeit ist hier zu erbarmen;
fahr hin, meins Herzens werte Kron,
und sei das Heil dem Armen
und hilf ihm aus der Sünden Not,
erwürg für ihn den bittern Tod
und laß ihn mit dir leben.«
Auch wenn die Verhältnisse ganz und gar umgekehrt werden sollen, wenn die Jüngere über de Älteren steht, wenn Gott das Schändliche und Niedrige erwählt, wenn er die Kleinen erhebt, wenn die Großen, Mächtigen und Gewaltigen von ihrem Thron gestoßen werden, seine Verheißung gilt allen, seine Barmherzigkeit gilt von Geschlecht zu Geschlecht, seine Barmherzigkeit vergißt er nicht, sein Barmherzigkeit heißt Leben, neues erfüllte, gerechtes Leben, ein Leben, das alle einstimmen läßt:
»Magnificat anima mea dominum« Meine Seele erhebt den Herren / und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.
Amen

Anmerkung: Der Predigttext wird nicht zu Anfang verlesen sondern ist vor der Predigt an der Stelle des Psalms als Wechselgebet liturgisch eingebunden. Wer es sich zutraut, mag die Zitate während der Predigt auch nach dem 9. Psalmton vortragen (EG Württ 781.6 – Kopien bei mir erhältlich)

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