Das Lied der Königskinder. Oder: Der Irrtum des Karl Marx.

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext für den 4. Adventssonntag steht bei Lukas im 1. Kapitel: Es ist kurz vor Weihnachten. In der hochschwangeren Maria wächst etwas heran, von dem sie weiß, dass es nicht aus ihr kommt. Und von dem sie aber merkt, dass es anderseits ganz sie selbst ist. Es wächst in ihr eine Hoffnung, die vor einigen Monaten ein Engel Gottes in sie gepflanzt hatte. Maria hatte sie in ihrem Herzen bewegt, lesen wir. Sie ist gewachsen und hat Gestalt angenommen in dem Kind, das sie in sich trägt. Hochschwanger besucht Maria Elisabeth. Auch in Elisabeth hat die Hoffnung Gestalt angenommen. Auch sie ist hochschwanger – im besten Sinne guter Hoffnung. Aber hören Sie selbst:

[TEXT]

Maria. Im Vikariat in Hof habe ich sonntags vor einem Altar Gottesdienst gefeiert, in dessen Mitte Maria stand und uns ihr Kind entgegenstreckte. Geht das denn in einer evangelischen Kirche: Vor Maria beten?

Luther geißelte die bis heute in der katholischen Kirche gängige Praxis, Maria als Himmelsmutter zwar nicht offiziell als Göttin zu verehren, aber in der Praxis zu ihr zu beten als wäre sie der Heiland. Maria statt oder neben Gott: Das sei Abgötterei. Ich denke, da hat Luther Recht bis heute. Dabei konnte Luther persönlich sehr viel mit Maria anfangen. Maria konnte für ihn Sinnbild sein für die glaubende, vertrauende Kirche. Maria als Sinnbild für die Kirche, Sinnbild für uns, für Sie und mich. Wo Maria steht, da dürfen wir uns sehen – auch in den Ältären. Im Altar der Hofer Hospitalkirche wird Maria gerade von zwei Engeln gekrönt: Die sozial gefährdete, viel zu junge Mutter eines unehelichen Kindes wird von Gott so wertgeachtet wie ein König. Aus einem Niemand wird ein Königskind: „Meine Seele erhebt den Herrn, denn er hat große Dinge an mir getan. Sein Arm tut große Taten. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen!“

Maria, das sind wir, sagt Luther: Maria singt nicht nur sich. Sie singt uns, damit wir mit ihr singen. Was sie singt, ist unser Lied!

Können wir das mitsingen in unserem Leben? Sind wir wirklich Maria? Nimmt in uns wirklich die große Hoffnung Gestalt an, dass es Gott richtet mit den Ungerechtigkeiten; dass er es zurechtbringt für uns und die Welt? Stimmt´s denn, was Maria singt? „Der Herr hat große Dinge an mir getan! Er stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. ER erfüllt die Hungrigen mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen!“

Nun ja: Wenn wir uns die Geschichte der Welt ansehen, dann scheint es eher ein Auf- und Ab der Gerechtigkeit zu geben. Manchmal scheint´s zu stimmen, was Maria singt und dann wieder überhaupt nicht. Eher scheint die Weltgeschichte ein schwankendes Gleichgewicht von Gut und Böse zu sein. Oder sind wir schon auf dem Holzweg, wenn wir die Wahrheit ihres Liedes in der Weltgeschichte und unserer persönlichen Geschichte suchen? Ist vielleicht eher gemeint, was Jesus dem Schächer am Kreuz neben sich versprach: „NACH deinem Tod, heute noch, wirst du mit mir im Paradiese sein“? Erfüllt sich, was Maria singt alles erst im Himmel, nach unserem Tod? So war´s doch auch bei Jesus: Auf Erden eigentlich ein armer Hund. NACH der Auferstehung aber wurde sichtbar, wie es wirklich ist: Er sitzt zur Rechten Gottes. So haben wir es eben im Glaubensbekenntnis bekannt.

Gerechtigkeit und Glück erst NACH dem Tod? Ich denke, Karl Marx hatte nicht ganz Unrecht, als er Religion, die nur auf das Jenseits vertröstet, als Opium, als Schmerzbetäubung für´s Volk kritisierte.

Was Marx aber übersah ist, dass das Leben jedes Menschen von dem bestimmt wird, was er sich im Jenseits erwartet. Und da hat jeder seine Vorstellungen, ob er will oder nicht. Kein Mensch kann sich doch vorstellen, in ein Nichts zu werden. Wir können einfach nicht Nichts denken. Was nach dem Sterben im Tod kommt, füllt sich also immer mit Etwas. Die Frage ist: Mit was, mit welchen Vorstellungen, füllen wir das Unvorstellbare?

Wie wir das Unvorstellbare füllen, entscheidet darüber, wie wir unser Leben sehen! Wenn wir etwas Schreckliches hinter dem Tod vermuten, wird unser Leben von der Angst vor dem Tod bestimmt sein. Wenn wir dort das große Vergessenwerden vermuten, dann werden wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren, dann werden wir entweder alles tun, damit wir es genießen oder alles, damit es in Zukunft genießbar für andere wird. Oder alles verliert seinen Sinn, weil alles vergessen wird: Keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur eine Sekunde Gegenwart. Wer sie beherrscht, beherrscht die Welt wie in George Orwells schrecklichem Science-Fiction-Film 1984.

Früher starb man an einer Krankheit in der Annahme, Gott habe einen zu sich berufen. Die Krankheit zerfraß einem nicht das Selbst. Denn es war ja Gott, der einen beim Namen rief. Deshalb starb man. Viele heutige Krebspatienten leiden unter dem Gefühl, dass die Krankheit ihre Person zerfrisst. Dabei ist, denke ich, nicht entscheidend, ob man heute weiß, wie Krebs funktioniert, was man früher nicht wusste. Entscheidend ist, denke ich, wie man früher im Unterschied zu heute das Unbegreifliche füllte, was auf einen wartete: Früher wartete Gott. Die Krankheit war sein Ruf nach hause. Wenn ich denken darf: „Gott ruft mich durch den Krebs nach Hause.“ Dann ist etwas ganz anderes, als wenn ich annehme, dass ich mich Schritt für Schritt, Zelle für Zelle selbst zerstöre und ich mich als Person in einen Haufen Biomüll verwandle. Beide Male geschieht das Selbe. Beide Male stirbt ein Mensch an Krebs. Beide Male weiß er, wie Krebs funktioniert. Aber beim einen Mal bleibt er als Person, als Kind Gottes erhalten und bewahrt – trotz aller Krankheit, die den Körper zerfrisst. Und beim anderen Mal erlebt ein Mensch, wie er vernichtet wird von etwas, das in ihm sitzt und das er nicht abschütteln kann.

Wir füllen den Raum des Todes mit unseren Vorstellungen: immer. Maria und mit ihr die ganze Bibel füllt uns den Raum des Unvorstellbaren mit Gesang. Sie singt ein Lied, dem es gelingt, dass wir als freie, mutige und hoffnungsvolle Menschen leben, wenn wir es mitsingen. Maria singt uns vor, damit wir mitsingen. Damit es unser Lied wird, unsere Vorstellung des Unvorstellbaren, die unser Leben bestimmt wie nichts anderes sonst: „Meine Seele erhebt den Herrn, denn er hat große Dinge an mir getan. Sein Arm tut große Taten. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen!“

Das hat Marx übersehen: Ein Mensch der weiß, dass diese Welt nicht alles ist und dass er ein zuhause hat. Ein Mensch, der weiß, dass er nicht irgendwer ist, sondern gekröntes Gotteskind und dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird; dass Gott alles zum Guten richten wird. Der lebt anders. Denn das, mit dem wir das Jenseits füllen, wirkt zurück auf unser Leben. Es ist keine Vertröstung auf das Jenseits sondern weltverändernde Realität. Ein Königskind mistet den Stall anders aus als ein Sklave. Denn es weiß: Ich bin kein niemand, sondern Königskind – was immer geschieht. Das Gottesreich bricht dann schon ganz unten an, im Stall. Dann nämlich, wenn wir mit Maria das Lied der Königskinder singen.

Wer es singt und für sich annimmt, wird sich gerade nicht verkriechen und als Schleimspur hinter den Mächtigen herkriechen. Er wird aber auch nicht vor lauter Angst, dass was jetzt nicht gelingt, niemals gelingt, in blinde Aggression verfallen und die gewaltsame Weltrevolution ausrufen. Weil er weiß, was letztlich zählt, wird er weder kriechen noch beißen, sondern besonnen einen vernünftigen Weg auf das zugehen, was ihm verheißen ist: 46 Meine Seele erhebt den Herrn, 47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; 48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. … 49 Denn er hat große Dinge an mir getan … 51 Sein mächtiger Arm tut große Taten. … 52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.

Maria, das sind wir. Sie singt uns, damit wir mit ihr singen. Deshalb habe ich immer gerne vor dem Altar in Hof Gottesdienst gefeiert. Denn was er mir zeigte, ist UNSERE Zukunft: Wir werden gerade von zwei Engeln gekrönt: Die sozial gefährdete, viel zu junge Mutter eines unehelichen Kindes wird von Gott so wertgeachtet wie ein König. In ihrem Herzen nimmt die Gewissheit Gestalt an, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird; dass Gott alles zum Guten richten wird. Was Maria gilt, das gilt uns. Sie singt für uns. Und wir dürfen mitsingen: Das Lied der Königskinder. „Meine Seele erhebt den Herrn, denn er hat große Dinge an mir getan. Sein Arm tut große Taten. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen!“

Wer uns hört, dem soll es gehen wie Elisabeth. Es soll ihm die Hoffnung im Leibe hüpfen. Und er soll uns umarmen und sagen: 45 Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

Das gebe Gott.

drucken