Please hold the line

Please hold the line. Bitte legen sie nicht auf, sie werden gleich verbunden. Genervt knalle ich den Hörer wieder auf die Gabel. Ich warte doch nicht sinnlos am Telefon. Da kann ich doch erst mal was anderes tun und es in zwei Minuten erneut versuchen. Und dann … wieder diese nette Tonbandstimme am anderen Ende der Leitung – Bitte legen sie nicht auf. Es bleibt mir keine andere Möglichkeit als zu warten.

Viele Situationen kennen wir, an denen es uns ähnlich geht. Die U-Bahn Richtung Hermannstraße ist gerade weg, ich muss acht Minuten warten. Beim Arzt komme ich nicht sofort an die Reihe und ich nehme platz im Wartezimmer. Das Kasse im Supermart ist ausgelastet und ich muss in der Warteschlange stehen. Wir warten oft und viel in unserem Leben. Und das ist ganz unabhängig von Alter und sozialem Status. Das Baby wartet darauf, dass es endlich wieder auf den Arm genommen wird, der Schüler wartet auf die Ferien, der Arbeitssuchende wartet auf Arbeit und der, der Arbeit hat wartet, dass es Urlaub gibt. Wir warten auf die Post, wir warten auf das Essen, wir warten auf Besuch. …

Wir harren darauf, dass ein bestimmter Zustand eintritt. Wir erwarten etwas, wir richten unseren Blick aus auf etwas, das noch kommen soll.

Der Predigtext für den dritten Sonntag im Advent ist auch eine Wartegeschichte. Johannes der Täufer sitzt im Gefängnis. Er wartet auf seinen sicheren Tod. Aber er wartet auch auf die Ankunft des Messias. Die Propheten haben ihn angekündigt, den Messias, den Retter. Wenn er kommt, dann muss sich alles verändern. Der Messias muss die Unterdrückung beenden, er muss alle Ungerechtigkeit aufheben, er muss sein Gottesreich aufbauen.

So die Erwartungen des Johannes. Und nun sitz er im Gefängnis und hört von den Taten Christi. Keine starke Armee hat er, er trägt kein Schwert, er kommt nicht mit Macht und Herrlichkeit. Johannes, der Jesus kannte, der ihn als Herrn angesprochen hat, der sich weigerte Jesus zu taufen weil er sich für zu gering empfand. Johannes, der so überzeugt war, dass Jesus der ist, den er immer verkündet hat, dieser Johannes zweifelt. Er hört von den Taten, die dieser Jesus vollbracht hat und merkt: Hey, meine Erwartungen an den Messias sind ganz anders. Alles das, was der Messias muss, macht Jesus nicht. Keine Armee, kein Befreiungskrieg. Ich bin enttäuscht. Kann es sein, dass Jesus wirklich der Messias ist? Ich weiß es nicht, Ich kann es nicht glauben. Und doch, alle erzählen mir davon. Könnte es vielleicht doch. Nein, unmöglich!

Liebe Gemeinde, wie sehr erkenne ich mich wieder in der zweifelnden Anfrage des Johannes.

In den Schriften, die wir heute Altes Testament nennen hat er die Prophezeiung gelesen. Sie erinnern sich, Jesaja schreibt: "Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken."

Jesus passt nicht in dieses messianische Schema, jedenfalls nicht ganz. Wo bleiben Gottes Rache und die Vergeltung, sein Gericht? Das muss doch erst einmal kommen – meint Johannes jedenfalls.

Samuel Beckett schrieb in den fünfziger Jahren ein Theaterstück mit dem Titel Warten auf Godot Die Hauptfiguren verbringen ihre Zeit damit, dass sie auf eine Person namens Godot warten, die sie nicht kennen, von der sie nichts Genaues wissen, nicht einmal, ob es sie überhaupt gibt. Bis zum Ende des Stücks wird nicht klar, wer Godot ist und warum genau man auf ihn wartet. Die Wartenden erscheinen damit als Verkörperungen der Illusionen auf die Ankunft eines Erlösers zu warten. Godot selbst erscheint in der Tat bis zuletzt nicht und das Warten auf ihn ist offensichtlich vergeblich.

Zwischen den einzelnen Akten keimt in den Wartenden der Zweifel auf, ob das Warten denn Sinn macht dies drückt sich z.B. in dem mehrfach wiederkehrenden Dialog aus: Komm, wir gehen! – Wir können nicht. – Warum nicht? – Wir warten auf Godot. Please hold the line, Bitte legen sie nicht auf.

Wenn ich warten muss, dann bekomme ich schnell schlechte Laune. Vor allem, wenn ich verabredet bin und dann am ausgemachten Ort stehe und keiner ist da. Und wenn ich dann gewartet habe, dann kommt der Zweifel in mir auf. Bin ich am richtigen Ort? Geht meine Uhr falsch? Oder habe ich mich im Datum geirrt? Soll ich wieder gehen? Ich kann nicht, denn ich warte. Johannes wartet nicht auf Godot. Er wartet auf den Christus. Und im Gegensatz zu dem Theaterstück hat Johannes eine klare Vorstellung von dem, worauf er wartet. Er erwartet den Messias, der das Reich Gottes aufrichten soll.

Die Christen dieser Erde – und das sind immerhin über 2 Milliarden Menschen, sehen in Jesus den zum Menschen gewordenen Gott, der das Evangelium vom Reich Gottes verkündete.

Allerdings: In den Nachrichten unserer heutigen globalisierten Welt sieht man Abend für Abend in weiten Teilen der Welt Terror und Kriege, Armut und Hunger, Umweltkatastrophen und Massenarbeitslosigkeit. Der Dominoeffekt von der Immobilienkrise in den USA hin zu den Turbulenzen im Weltfinanzsystem. Vom Versuch, der drohenden Klimakatastrophe mit der Produktion von Biokraftstoff entgegen zu treten hin zur Lebensmittelverknappung in den Schwellenländern und zum rasanten Preisanstieg für Grundnahrungsmittel. Das Reich Gottes dagegen, indem das Heil gedeihen soll, scheint in unendlicher Ferne zu sein. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn wir an der frohen Botschaft zweifeln und wir beim Warten auf das Reich Gottes schlechte Laune bekommen.

Die ersten Christen erwarteten die Wiederkunft Jesu jeden Tag. Das Reich Gottes hat er versprochen und er wird sein Versprechen erfüllen. Und wenn es soweit ist, dann werden Blinde sehen und Lahme gehen, Taube hören und Stumme werden die Taten Gottes loben.

Das ist die Antwort, die Jesus dem zweifelnden Johannes zukommen lässt.

He Johannes! Du willst wissen ob ich der Christus bin? Du willst wissen ob das Reich Gottes angebrochen ist? Dann siehe und höre: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.
Jesus antwortet nicht konkret mit "Ja ich bin es", sondern er zeigt auf das, was ist.

Wir Menschen möchten das Reich Gottes aber ganz konkret vorzeigen. Wir haben unsere menschlichen Vorstellungen, unsere eigenen Erwartungen. Und bei all unseren Erwartungen vergessen wir etwas ganz wichtiges: Das Reich Gottes ist mitten unter uns.

Das Reich Gottes ist mitten unter uns, so sagt es Jesus im Lukasevangelium. Man kann nicht sagen: siehe, hier ist es, oder: siehe, dort ist es!

Dieses Reich, wo Blinde sehen und Lahme wieder gehen können und wo den Armen das Evangelium verkündet wird, hat mit Jesus vor 2000 Jahren schon begonnen! Wir beten jeden Sonntag: "Dein Reich komme!". Wir bitten darum, dass Gott uns die Augen öffnet, damit wir nicht durch unsere eigenen Erwartungen blind werden. Wir bitten darum, dass Gott uns Mut und Kraft gibt für sein Reich einzutreten. Wenn Menschen in China bei den Olympischen Spielen diesen Jahres nicht mehr stumm und lahm sind, sondern aufstehen und ihre Stimme erheben um gegen Unterdrückung und Zensur zu demonstrieren. Und wenn eine große Zahl an Menschen nicht taub dastehen, sondern ihre Ohren öffnen und die Hilferufe hören. Dann ist reich Gottes unter uns.

Und auch im ganz Kleinen passieren diese Wunder immer wieder. Wenn wir unseren Nachbarn sehen und ihn auf der Treppe grüßen, Wenn wir unsere Lahmheit verlassen und dort helfen wo unsere Hilfe gebraucht wird, dann ist Christus mitten unter uns, dann müssen wir an unserem Zweifel nicht verzagen, und wir brauchen nicht enttäuscht sein, dass sich unsere Erwartungen nicht so erfüllen wie wir es uns vorstellen. Selig, sagt Jesus, wer sich nicht an mir ärgert. Glückselig, wer im Unvollkommenen das Reich Gottes entdeckt und sich freut. Glückselig, wer in den Warteschleifen, in denen wir auf eine bessere Welt warten, schon Freude wagt.

Please hold the line. Bitte legen sie nicht auf, sie werden gleich verbunden – warum also die Wartezeit nicht nutzen?

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