Im Wachen habt ihr Frieden

Jetzt ist er also da, liebe Gemeinde. Jesus ist mit seinen Jüngern mittlerweile in Jerusalem angekommen. Die Ereignisse rund um seinen Einzug, das war am letzten Sonntag unser Thema in der Predigt. Es ging um die Hoffnungen und Erwartungen der Menschen damals und auch um unsere Erwartungen an diesem Tag und in der Adventszeit, in der alles wieder zurück auf Anfang geht.

Kaum in der Stadt zieht es Jesus sofort zum Tempel. Dort legt er sich mit den Händlern an. Sie haben den Tempel zu einem Ort von Geld und Konsum gemacht. Jesus verjagt sie kurzerhand. Den Hohepriestern und Schriftgelehrten ist er gleich ein Dorn im Auge – ein Unruhestifter. Einer, der die Menschen begeistert und der sie aufwiegeln könnte. Und so berichtet der Evangelist Lukas knapp: Sie trachteten danach, wie sie ihn umbrächten. (Lk 19,47).

Von da an ist Jesus jeden Tag im Tempel. Er spricht mit den Menschen und lehrt sie. In einer Unterhaltung kommen dann wohl einige auf die Schönheit des Tempels zu sprechen. Sie loben die Baukunst. Der Tempel muss ein Gebäude von überragender Schönheit gewesen sein. Jesu Reaktion hat die Menschen damals wahrscheinlich überrascht. Harsch, direkt und knapp: Es wird die Zeit kommen, in der von allem, was ihr seht, nicht ein Stein auf dem anderen gelassen wird, der nicht zerbrochen werde (Lk 21,6). Der Evangelist Lukas legt Jesus hier seine Erfahrung mit der Zerstörung des Tempels 70 nach Christus durch die Römer in den Mund. Damals wurde dieses gewaltige Gebäude tatsächlich bis auf die Grundmauern zerstört. Zu Recht muss sich Jesus dann von den Umstehenden fragen lassen: Meister, wann wird das geschehen? und was wird das Zeichen sein, wenn das geschehen wird? (Lk 21,7). Einige Verse später setzt dann unser Predigttext ein. Ich lese aus Kapitel 21 die Verse 25 bis 33:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, als ich am Freitagabend mit einer Tasse Punsch und einem Lebkuchen vor dem Computer gesessen bin und den Text noch einmal gelesen habe, da habe ich gedacht: „Das passt net so recht zum Advent, wie wir ihn gerade haben.“ Ein Advent mit Guzle und Glühwein, Schummermusik, Einkäufen und Weihnachtsmarkt. So wüste Szenarien mit kosmischen Zeichen, in denen Himmel und Erde ins Wanken kommen, die stören da doch eher. Unser Text heute malt Bilder, in denen von Vorfreude und Erwartung keine Rede ist, sondern in denen den Völkern auch noch Bange wird – das liegt quer zu unserem Advent.

Erst auf den 2. Blick ist mir dann aufgefallen, dass beide, dieser Advent, den wir gerade feiern und auch unser Predigttext die gleiche Blickrichtung haben: Vom Dunklen ins Helle. Von dem was uns am Ende des Kirchenjahres beschäftigt hat, vom Nachdenken über den Tod, von der auch schmerzlichen Erinnerung an die, die verstorben sind, von da aus geht alles zurück auf Anfang. Jeden Sonntag kommt eine Kerze am Adventskranz dazu, es wird heller und heller. Unser Blick weitet sich langsam wieder und wir richten uns auf. Wir schauen nicht mehr zurück, sondern nach vorne. Alles konzentriert sich aufs Weihnachtsfest, alles läuft zu auf den, der da kommen wird – klein und unscheinbar als neugeborenes Kind – und doch auf seine eigene Art mächtig und von großer Bedeutung. Eine Blickrichtung vom Dunklen ins Helle.

Am Anfang unseres Textes stehen also erschreckende, dunkle Bilder. Die Welt gerät aus den Fugen. Die Urgewalten des Meeres brechen zügellos hervor, auch der Himmel tobt und wütet. Dazwischen hocken verängstigt die Menschen und ducken sich. Wer sich nicht duckt, der steht fassungslos vor der Zerstörung oder ist den Naturgewalten hilflos ausgeliefert. Die Menschen werden vergehen vor Furcht. Die Erde, die ganze Schöpfung, alles, was so gut erdacht und geschaffen war, alles fällt wieder zurück ins Chaos. Und wir, die Menschen, wir fallen mit. Alles wieder wüst und leer.

Was wird das Zeichen sein?, wollten die Menschen von Jesus wissen – ob sie mit so einer gewaltigen Antwort gerechnet haben? Eine Antwort, die einen erschreckt. Mich hat diese Antwort nachdenklich gemacht. Denn solche Zeichen sind uns ja nicht ganz unbekannt. Nur brauchen wir im 21. Jahrhundert schon gar keinen Gott oder wiederkommenden Menschensohn mehr, dass Himmel und Erde ins Wanken kommen. 2004 verwüstete ein Tsunami, ein gewaltiges Seebeben, weite Teile der Küsten von Thailand und Indonesien. Über ¼ Million Menschen kommen ums Leben. Im Oktober diesen Jahres wüten an der amerikanischen Westküste die verheerendsten Brände seit Jahrzehnten. Letzte Woche war in den Zeitungen zu lesen, die Antarktis sei mittlerweile wohl irreparabel aufgetaut. Alles mehr oder weniger direkte Folgen des Klimawandels. Durch die weltweite Wirtschaftskrise, die uns schon seit einiger Zeit in Beschlag nimmt, ist das ein wenig in Vergessenheit geraten. Ein Klimawandel, der auch uns schon erreicht hat mit den trockenen Sommern, den Hagelschäden und den Stürmen, die auch hier in Deutschland ganze Landstriche verwüsten. Ein Klimawandel, der auch menschengemacht ist – zumindest verhindern wir ihn nicht. Dazu die unzähligen Krisenherde dieser Erde, die wir oft vergessen, weil sie für die Medien nicht interessant sind. Doch auch dort gibt es tagtäglich Verwüstungen, täglich sterben Menschen, täglich gerät die Welt aus den Fugen. Auch Teile unserer Welt fallen doch immer wieder zurück ins Chaos, zurück ins Wüste und Leere.

Auf Erden wird den Völkern bange sein und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde. Der Schrecken steht den Menschen ins Gesicht geschrieben. „Was um Gottes willen, was wird kommen?“ Dunkle Zeiten für die ganze Menschheit.

Doch dann, dann ändert der Predigttext plötzlich seine Blickrichtung. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Liebe Gemeinde, ist das nicht absurd und weltfremd? Angesichts von verheerenden Zerstörungen, von Tod und Geschrei und Naturgewalten nicht Schutz zu suchen? Angesichts von Kriegen und Ungerechtigkeit und Krisen sich nicht zu ducken und wegzuschauen? Angesichts all dessen also nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern im Gegenteil aufrecht dazustehen?

Doch gerade das macht unseren Predigttext zu einem Adventstext. Weil sich da plötzlich der Horizont öffnet und der Blick weit wird. Ein Blick, der wieder nach vorne schaut und das Licht in der Dunkelheit wieder sieht. Ein Blick, der endlich auch die Antwort findet auf die Frage: „Was um Gottes willen, was wird kommen?“

Denn nur mit erhobenem Kopf, da kann ich auch das Kleine und Unscheinbare sehen. Nur dann sehe ich über das hier und jetzt auch hinaus. Nur dann kann ich sie sehen, diese Erlösung von der unser Predigttext spricht. Die Erlösung, die an Weihnachten anfängt – ganz klein und unscheinbar als neugeborenes Kind. Später dann wird dieses Kind die Menschen berühren und in ihrer Seele heil machen. Umjubelt wird es einziehen nach Jerusalem. Streitbar wird es sein, gegen den Strom schwimmen. Es wird mit seinem Licht das Dunkel des Todes besiegen. Und denen, die im Dunkel sind, all denen die leiden und trauern und die es schwer haben, denen wird es mit seinem Licht leuchten. Denn Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

Liebe Gemeinde, etwas flapsig könnte man auch sagen: Gott hat das letzte Wort. Durchs Chaos und das größte Dunkel hindurch bleiben seine Worte bestehen. Es bleibt sein Versprechen bestehen, uns nahe sein zu wollen und uns nicht zu vergessen. Er hält sich an seine Worte, als er damals nach der Schöpfung, nach den ersten Worten gesagt hat: Und siehe, alles war sehr gut!

Das ist geblieben – seit diesem 1. Advent in Betlehem. Durch die Jahrhunderte hindurch haben diese Worte überdauert. Vielen Menschen haben sie Mut zum Leben gemacht. Mut, aufrecht zu gehen. Diese Worte haben Königreiche und Diktaturen überlebt, gute Zeiten und auch die ganz schlechten. Offensichtlich sind sie nicht tot zu kriegen. Und manchmal denke ich, wie gut, dass sie sich auch von all unseren kirchlichen Dogmen und auch Irrwegen nicht ganz einfangen lassen.

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Auch in der Adventszeit im 21. Jahrhundert ist das eine Aufforderung an uns, aufrecht und mit klarem Blick durch unsere Welt und auch durch unsere Zeit zu gehen. Eine Aufforderung diesen aufrechten Gang immer wieder einzuüben und sich eben nicht zu ducken und wegzuschauen. Eine Aufforderung, diese Worte nicht zu vergessen, die uns versprochen haben: „Ich werde wiederkommen, ich werde euch nicht alleine lassen.“

Eine Aufforderung, die aber auch eine große Herausforderung ist und bleibt – sich gerade von dunklen Zeichen und von den Unkenrufen vieler nicht erschrecken zu lassen. Aber auch den Blick nicht zu verschließen vor unseren selbst gemachten Zeichen. Ganz egal ob sie nun Klimawandel oder Wirtschaftskrise heißen. Für uns als Christinnen und Christen heißt das bis heute auch die bleibenden Worte Gottes und Christi ernst zu nehmen. Diese Erde tatsächlich zu bebauen und zu bewahren und nicht sie auszubeuten und zu zerstören. Tatsächlich mit all unseren Kräften nach Frieden und Gerechtigkeit zu suchen. Und nach einer Option für die Armen. Nicht nur in der weiten Welt, sondern gerade auch hier direkt bei uns. Alles im Wissen, dass er kommt. Im Wissen, dass wir eine Blickrichtung haben, die vom Dunklen ins Helle geht. Eine Blickrichtung, die unseren Blick weitet und uns diesen 2. Advent nicht vergessen lässt.

Deshalb können wir auch heute noch einstimmen in Christoph Blumhardts Liedstrophe: „Ja, wachet alle, alle! Bleibt himmlisch hoch im Geist, lauscht dem Posaunenhalle, der bald die Luft zerreißt. Doch wachet auch hienieden, seid Kämpfer in der Zeit; im Wachen habt ihr Frieden, schon jetzt in Kampf und Streit.

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