Es geht um Liebe

Direkt in den Weihnachtsfestkreis führt die Geschichte von Elisabeth und Maria. Ich will sie kurz in Erinnerung rufen: Elisabeth und Zacharias waren ein altes Ehepaar, wie früher Abraham und Sara. Auch ihnen wurde angesagt, dass sie noch ein Kind – ihr erstes – bekommen sollten, trotz Ihres Alters. So wie später der jungen Frau Maria auch ein Kind angekündigt wurde. Elisabeth war voll Freude, bei Maria kann es anders gewesen sein.

Um sich Trost zu holen, besucht Maria ihre Verwandte Elisabeth. Die beiden Ungeborenen begegnen sich quasi zum ersten Mal – und es heißt, dass Johannes im Bauch von Elisabeth vor Freude hüpfte.

Es ist manches mythologisch und märchenhaft an dieser Geschichte. Darum bleibt die wesentliche Frage, was uns hier gesagt werden soll. Vielleicht auch Dieses: Maria war nicht allein und Jesus war es auch nicht. Da war dieser Johannes, den wir nur als Täufer kennen und oft als Randfigur der Geschichte behandeln. Genauso wie Josef.

Aber wichtig ist dieses Signal schon, dass Menschen, die einen Auftrag von Gott bekommen, nicht allein bleiben sollen, dass sie Menschen finden dürfen, die mit ihnen gehen. Diese junge Frau Maria begegnet ihrer Verwandten Elisabeth und spürt Solidarität. Die Reaktion der jungen Frau ist ein Lied der ganz besonderen Art. Ein Lied, das von dem singt, was von diesem Kind zu erwarten ist.

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Philipper 4,4.5b: ‚Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!’ – so heißt es im Wochenspruch. Aber ob Maria diese Freude wirklich sofort empfunden hat, wage ich zu bezweifeln. Zu hart war das, was ihr abverlangt wurde, ihr und Josef.

Aber nun begegnet sie dieser anderen werdenden Mutter. Auch für sie ist diese Schwangerschaft nicht nur leicht.

Maria erinnert mich an manche ehemalige Konfirmandin, die sich mit 16 oder 17 meldete: schwanger oder gerade Mutter geworden, überfordert – und doch lernt sie dann oft, zu akzeptieren und Kompromisse zu schließen. Elisabeth erinnert mich an Frauen, die mit Mitte 40 schwanger werden. Dankbar und ängstlich. Sprachlos wie Zacharias und doch voller Freude.

Bei beiden Müttern ist der Glaube das Entscheidende. Er hat Maria zur Mutter des Sohnes Gottes werden lassen. Weil sie sich dem Willen Gottes untergeordnet hat, kann Heil werden – für alle Menschen. Weil Elisabeth die Schwangerschaft in ihrem Alter freudig annimmt, wird Heil und Umkehr zum Leben für die Menschen möglich.

Daraus, dass diese beiden Frauen ihr Schicksal annehmen, entsteht dieses Lied.

Maria ist in diesem Lied nicht nur die, die singt, sondern auch die Handelnde. Sie handelt, in dem sie sich freut und Gott lobt und ihn groß macht. Ihr Handeln ist dankbare Antwort, ist in Worte gefasstes: Mir geschehe wie der Herr gesagt hat. An Marias Beispiel können wir erkennen, wie Gott das Niedrige hoch macht. Aus der einfachen Frau vom Lande wird die Mutter Gottes. Sie singt wein selbstbewusstes Lied. Sie ist nicht ‚Gottes Aschenputtel’. Das hat eine ganz schlechte Tradition aus ihr gemacht. Durch die Zuwendung Gottes, die sie als junge unverheiratete Frau erst einmal trifft wie ein schlimmer Schicksalsschlag und durch die Begegnung mit Elisabeth, gewinnt sie ein Selbstbewusstsein, dass ihr hilft davon zu singe, wie Gott alles umkehrt, wie er menschliche Werte und menschliche Verurteilungen umwendet.

Die Kirche besteht aus Armen, derer sich Gott erbarmt, aus Menschen, die die Zuwendung Gottes in ihrem Leben brauchen. Es geht nicht darum, Menschen klein zu machen, sondern darum die große Gnade Gottes zu preisen. Und es geht darum die Erfahrung dieser Gnade in unseren menschlichen, mitmenschlichen Begegnungen Gestalt annehmen zu lassen. So können Menschen einander zu Engeln werden. Sie können von Gott Erbarmen lernen, weil er gerade den Menschen ganz unten mit Erbarmen begegnet.

Dem Erbarmen Gottes entspricht das Gericht über die Hochmütigen: Gott ergreift Partei. Genauso ist es mit dem Sättigen der Hungernden. Das ist das Ziel. Die Reichen werden gedemütigt, weil sie nichts getan haben.

Das Ganze ist sicher eine Legende, aber eine Legende ist keine fromme Erzählung, sondern in Geschichte gefasster Glaube.

Ein kleines Mädchen aus der Provinz – Was kann aus Galiläa schon Gutes kommen macht groß – der Gott, von dem das Neue Testament erzählt, gewinnt Dimension.

Es geht um Liebe – die Liebe Gottes.

Es geht um die Freude – um unsere und um die Freude, mit der der ungeborene Johannes dem ungeborenen Jesus begegnet.

Es ist kein Lied der Innerlichkeit, ein Lied des Aufruhrs. Sie singt von dem Opfer, das sie bereit ist zu bringen, dass Gottes Reich wachsen kann auf Erden. Sie singt von der Glaubenkraft in ihr, die sie soweit bringt, es als Gabe zu glauben, dass sie den Heiland gebären soll gerade in ihrer Niedrigkeit.

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