Eselsreiter

Heil dir im Siegerkranz – so sangen die Deutschen und ehrten ihren Kaiser im Jahre 1871. Es schien wirklich, die Heilszeit bricht an. Die Wirtschaft erfuhr einen Aufschwung, überall wurde gebaut. Der Wohlstand wuchs. Eine schöne Zeit. Sie dauerte nur wenige Jahre und die Rüstungsindustrie brauchte Absatz – man machte Krieg. Unvorstellbares Elend, Kriegsverbrechen. Von Heil keine Spur. Ein kaputtes und trauerndes Volk. Und sie saßen in den Kirchen. Unsichere Jahre kamen, bis endlich wieder ein Licht strahlte. Gott hat uns den Retter gesandt. Heil Hitler hieß es jetzt. Sogar dir weihen wir unser Leben. Und wieder gings bergauf. Die Wirtschaft boomte, sogar Autobahnen hat er gebaut, die Armen bekamen ein wenig ab und durften sich Kraft durch Freude holen. Viele fuhren den bezahlbaren Volks-Wagen. Und noch besser sollte es ihnen gehen, wenn man nur erst das Reich vergrößert hatte. Und wieder kam ein Zusammenbruch, schlimmer als je geahnt. Aber nun sollte das Friedensreich kommen. Wer noch einmal eine Waffe anfaßt, dem soll die Hand abfallen, sagte der neue Heilbringen. Und sie saßen in den Kirchen. Und dann wurde sie erfunden, die Marktwirtschaft, die man sozial nannte. Der dicke Ludwig Erhardt brachte das Heil. Die Wirtschaft wird es richten. Und in der einen Hälfte des Landes klappte es, jeder baute sein Haus, der Wohlstand wuchs, gutes Geld und gute Ware, es konnte nur besser werden.

Noch musste der andere Teil die Strafe für den Krieg absitzen, aber es sollte alles noch kommen. Sie saßen wieder in den Kirchen um endlich frei zu werden. Um endlich auch Gerechtigkeit zu erfahren. Und sie sangen zu Hunderten Kyrie eleison. Und zogen durch ihre Städte. Und der Retter war schon unterwegs. Er zog in Dresden ein und die Menge rief: Helmut, hilf uns. Ich bin gekommen, Euch zu befreien, Schwestern und Brüder. Ich bin gekommen, aus Euren Dreckecken blühende Landschaft zu machen. Arbeit wird sich lohnen und die Rente ist sicher. Und die Menschen jubelten. Fabriken wurden neu gebaut und weiß angestrichen, das kannten sie nicht. Bald hatten sie auch das gute Geld, sie konnten sich was leisten. Erst in die Alpen, dann nach Spanien und schließlich in die Karibik. Die Wirtschaft brachte immer Neues, Kinder bekamen Markenmode und einen Fernseher ins Kinderzimmer, die Autos wurden immer größer, das Heil schien angebrochen. Und sie saßen nicht mehr in den Kirchen.

Sie wurden immer dicker und wollten schlank sein, die Kinder wurden kränker, denn ihre Seelen waren verhungert. Gewalt nahm zu und sie sagten: früher gab es das nicht.

20 Jahre vergingen und das Land schlitterte in die Katastrophe. Die Bundeskanzlerin verkündete schlechte Nachrichten und Menschen hatten Angst. Ihr Geld könnte nur noch die Hälfte wert sein und sie kauften weniger. Sie fühlten sich schon richtig arm. Nur noch einen Urlaub im Jahr und was soll das für ein Weihnachten werden? Man spekulierte auf die Senkung der Mehrwertsteuer, damit die Menschen mehr kaufen können. Kaufen können schien das Heil zu sein.

Einige kamen in die Kirchen. Sie wollten sich auf Weihnachten freuen. Aber was war das eigentlich Weihnachten? Der große Verzicht?

Und dann hörten sie den Spruch: Sieh dein König kommt zu dir, ein gerechter und ein Helfer. Wieder einer der kommt? Aber der kam ja schon immer aber sie hatten ihn eingetauscht, gegen Kaiser, Führer, Wohlstand. Dieser armselige Eselsreiter hatte ja auch nichts zu bieten. Gerechtigkeit und Heil wollte er bringen. Gerechtigkeit – wie weit sind wir weg davon, sagten sie. Und rings um uns herum nur Unheil, statt Heil. Und wir mitten drin, wir selber sind un-heil.

Und sie bekamen neue Hoffnung. Auf Gerechtigkeit und auf ein heiles Leben. Warum nur, fragten sie, laufen wir Menschen immer wieder den falschen Rettern hinterher.

Und sie begannen, sich auf Weihnachten zu freuen. Sie spürten, da kommt etwas auf uns zu. Wenn wir unser Leben einmal abgleichen mit dem, was dieser Heiland Jesus vorgelebt hat, dann wird es anders. Nicht kurzfristig, das versprechen immer die Falschen. Aber Stück um Stück. Und sie verstanden das alte Lied: O Heiland reiß die Himmel auf, denn nur vom Himmel kommt etwas, was Bestand hat. Die Krise der Wirtschaft und des Geldes war eine Wegkreuzung geworden. Gott schenkte wieder eine Chance, wie er sie immer wieder geschenkt hat. Ob sie sie dieses Mal ergreifen?

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