Wenn die Blätter fallen

Liebe Gemeinde!

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Der Dichter Rainer Maria Rilke hat ein Lebensgefühl im Herbst in Worte gefasst, das viele teilen. Was uns umgibt, fallende Blätter, kahle Bäume, der Schnee, der wie ein weißes Leichentuch alles zudeckt – ein Bild für die Vergänglichkeit allen Lebens. Von Einsamkeit ist die Rede. Wer nicht nur allein, sondern einsam ist, fühlt die Erdenschwere, bleiern oft und lähmend; der Himmel ist fern; seine Spuren auf der Erde sind die welkenden, fallenden Blätter. Manche fürchten diese Jahreszeit, weil sie sich aufs Gemüt schlägt, weil sie traurig stimmen kann und vorhandene Traurigkeit verstärkt.

Die Blätter fallen – Rilke hat das, was wir vor Augen haben, transzendiert; er überschreitet das Sichtbare, erzählt es weiter mit einer Hoffnung. "doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält."

Im Fallen aufgefangen und dann gehalten werden – das ist ein biblisches Bild für die Hoffnung der Menschen, die Gott vertrauen. Ich lese aus dem Buch der Weisheit Salomos – Teil der alttestamentlichen Apokryphen, Kapitel 3, 1-5. (Entschlafene, M-Text, Seite 641) König Salomo, der berühmt war für seine Weisheit, wird dieses Wissen zugeschrieben. Er beschreibt, wie es den Menschen, die an Gott glauben, er nennt sie "Gerechte", nach dem Tod ergeht.

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Deutlich wird dabei auch, wie der Tod beurteilt wird. Ich erkenne darin unser heutiges Denken wieder. "Abscheiden wird für Strafe gehalten, Weggehen für Verderben." Wer nicht mehr am Leben teilnimmt, verpasst alles. Leben, wie auch immer, ist besser als Sterben. Erst, wenn Menschen am Alter oder an einer Krankheit leiden müssen, schlägt es ganz schnell um. Dieses Leid möchten wir gern vermeiden, dann möglichst schnell alles beenden. – Ein "normaler" Umgang mit dem Tod scheint nicht möglich zu sein. Wir verdrängen den Tod. Dass alles enden wird, dass auch wir selber einmal vergehen – das wissen wir, aber wollen es im Grund nicht hören.

"Wenn sie auch nach Meinung der Menschen viel zu leiden haben" – Ja, das Ende des Lebens bringt Leid. Von Versuchung und Züchtigung spricht der weise Salomo. So als ob er gewusst hat, dass manche ihren Glauben verlieren, Gott nichts mehr zutrauen, wenn sie dem Tod nicht mehr ausweichen können, wenn vielleicht der liebste Mensch gestorben ist. Viel zu leiden – weil es ein unzeitiger Tod war; weil es eine todbringende Krankheit war, die einen Abschied mit Kummer und Schmerzen und Siechtum bedeutete; weil die Sorge und die Arbeit die Angehörigen ganz und gar belegt hatte. Sogar wenn eine oder einer nach einem langen Leben gestorben ist, alt und lebenssatt. Wir haben viel zu leiden, im Leben und im Sterben.

Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand. – So tröstet uns dieser weise König. Von Jesus Christus hat er noch nichts gewusst, aber doch von der Geborgenheit bei Gott. Vom Ziel unseres Lebens. – Am Ende nicht verloren, sondern in Gottes Hand.

Ein Gerechter – das ist ein Mensch, der auf den Irrwegen des Lebens Gott und sein Wort nicht aus den Augen verliert, der sich davon leiten lässt und auch für andere Schwester oder Bruder ist. Ein Mensch, der Gott fürchtet und sich und den Nächsten liebt, ein Mensch mit Ehrfurcht. Ein guter Mensch, so wie ich es oft in den Trauergesprächen von den trauernden Angehörigen gehört habe.

Sind wir denn gute Menschen? Sind wir solche "Gerechte"? Wer legt das fest, wer beurteilt das? Als Christen suchen wir unsere Gerechtigkeit nicht bei uns selber, sondern wir klammern uns, wir halten uns ganz fest bei Jesus Christus. Er hat uns durch sein Leiden und Sterben gerecht gemacht. Das Siegel darauf ist unsere Taufe. Die Gerechtigkeit des Herrn Jesus wird uns gutgeschrieben – nur vertrauen brauchen wir. Wir müssen nicht auf unsere eigenen oft allzu kleinen oder halbherzigen Wohltaten setzen. Nur auf die Heils-tat Jesu. – Wenn wir uns schon nicht mit guten Werken den Himmel verdienen brauchen, ob wir einmal als Gerechte im Sinne Jesu durchgehen werden? Haben wir genug Glauben, genug Gottesfurcht? Ist Glaube überhaupt quantifizierbar, zu bemessen? Ich denke an ein Gleichniswort im neue Testament, das Jesus gebraucht: Glaube kann Berge versetzen. Er spricht von einer verschwindend kleinen Menge Glaube, wie ein Senfkorn. Ich weiß nicht, wie viel oder wenig ausreichen wird. Ich vermute nur, dass die Barmherzigkeit Gottes auch viel größer ist, als wir es uns ausmalen können. Dass unsere Vorstellungskraft weit übertroffen wird. Wie kennen wir denn Jesus Christus? Er kommt den Menschen entgegen, besonders denen, die ihn brauchen. Glaube wie ein Senfkorn, gar noch viel weniger: Nur hinschauen zu ihm. Nur nach ihm seufzen in allem Leiden. In Zweifeln. In der Einsamkeit.

Ihr Abscheiden wird für Strafe gehalten und ihr Weggehen von uns für Verderben; aber sie sind im Frieden. Sie sind erfüllt von Hoffnung auf Unsterblichkeit. Viel Gutes wird ihnen widerfahren; denn Gott findet sie am Ende seiner wert. Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand. – Das sind tröstliche Worte aus der Bibel, Lichtworte. Aufzubewahren in einem Winkel von Herz oder Hirn, wenn wir sie gerade nicht akut brauchen. Damit sie griffbereit sind, wenn die Blätter fallen: Sie sind im Frieden, in Gottes Hand.

Zum Schluss möchte ich ihnen noch eine kleine Geschichte vortragen. Ich hätte sie gern selbst erfunden, aber ihr Verfasser ist schon 1869 in Budapest geboren, ein österreichisch-ungarischer Schriftsteller namens Felix Salten (geboren unter dem Namen Siegmund Salzmann – * 6. Sept. 1869 in Budapest).

Von der großen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen Bäumen. Ein Ast der Eiche stand hoch über den anderen Zweigen und langte weit hinaus zur Wiese. Auf seinem äußersten Ende saßen zwei Blätter zusammen. "Es ist nicht mehr wie früher," sagte das eine Blatt. "Nein," erwiderte das andere Blatt. "Heute Nacht sind wieder soviel von uns davon. Wir sind beinahe schon die einzigen hier auf unserem Ast." "Man weiß nicht, wen es trifft," sagte das erste. "Als es noch warm war und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung waren. Man weiß nicht, wen es trifft."
"Jetzt scheint die Sonne nur selten" seufzte das zweite Blatt; "und wenn sie scheint, gibt sie keine Kraft. Man müßte neue Kräfte haben." "Ob es wahr ist, "meinte das erste, "ob es wahr ist, daß an unserer Stelle andere kommen, wenn wir fort sind, und dann wieder andere und immer wieder … "Es ist sicher wahr," flüsterte das zweite, "man kann es gar nicht ausdenken, … es geht über unsere Begriffe." "Und man wird auch zu traurig davon," fügte das erste hinzu. Sie schwiegen eine Zeit. Dann sagte das erste still vor sich hin: "Warum wir weg müssen …?" Das zweite sagte: "Was geschieht mit uns, wenn wir abfallen …?" "Wir sinken hinunter …" "Was ist da unten?" Das erste antwortete: "Ich weiß es nicht. Der eine sagt das, der andere sagt dies, aber niemand weiß es genau …" Das zweite fragte: "Ob man noch etwas fühlt, ob man noch etwas von sich weiß, wenn man dort unten ist?" Das erste antwortete: "Wer kann das sagen? Es ist noch keines von denen, die hinunter sind, jemals zurückgekommen, uns davon zu erzählen." Wieder schwiegen sie. Dann redete das eine Blatt zärtlich zum anderen: "Gräme dich nicht zu sehr, du zitterst ja!" "Laß‘ nur," antwortete das zweite Blatt. "Ich zittere jetzt so leicht. Man fühlt sich eben nicht mehr so fest an dieser Stelle." "Wir wollen nicht mehr von diesen Dingen sprechen," sagte das erste Blatt. Nun schwiegen sie beide. Die Stunden vergingen. Ein nasser Wind strich kalt und feindselig durch die Baumwipfel. "Ach … jetzt …" sagte das zweite Blatt, "Ich … ‚Da brach ihm die Stimme. Es ward sanft von seinem Platz gelöst und schwebte hernieder. Nun war es Winter.

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