Ein Fest für die, die wir lieben

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

heute am letzten Sonntag des Kirchenjahres gedenken wir vor Gott derer, die im letzten Jahr von uns gegangen sind. Für alle Angehörigen ist es ein Tag, an dem noch einmal bewusst wird, der Schmerz des Gehens, der Verlust, die Trauer. Es begleitet uns. Es prägt sich ein. Es ist das, was uns ärmer macht und reifer auch. Wir gehen nicht daran vorbei. Es ist uns wohl bewusst, keiner kann bleiben. Es kommt eine Trennung. Und dann stehen alle Dinge auf einmal in einem völlig neuem Licht.

Aber am letzte Sonntag wird nicht nur der Verstorbenen gedacht, nein, es wird damit auch bewusst und eingeübt die Grenze, die mir selbst als Geschöpf gesetzt ist. „Dann tut mir nichts mehr weh“, pflegt ein mir bekannter älterer Herr immer in einem solchen Fall zu sagen. Als er aber an das Grab seiner eigenen Frau treten musste, spürten wir ein Zögern und die geflüsterte Bemerkung: „Aber hier ist es doch so kalt.“ Ich kann diese Grenze nicht überschreiten. ich habe nichts an mir, das mir die Gewähr dafür bietet, dass es nicht das Ende ist, wenn es mit mir zu Ende geht. Es gibt keine Substanz, kein Gas oder keine geflügeltes Seelchen, das von sich aus den Weg findet, hinaus aus der Hülle, hinein in die paradiesischen Welten. Alles steht nur in Gott selbst. In der Hoffnung, die uns durch Christus vor Augen ist. Es ist nur der Glaube, das Zutrauen, der Aufblick zum Vater. Davon haben die auch geredet, die längst vor mir im Glauben standen. Davon haben sie gezehrt in harten Stunde, in Verzweiflung, in Trauer, in Unmenschlichkeiten, in so viel Kummer, in Freude. Es ist der dunkle Graben, der uns von allem trennt, was nicht irdisch ist. Wir können nicht mal einfach so zum Probieren hinüber und dann zurückkehren, nicht in diesen Himmel.

Der für heute gegebene Predigtabschnitt thematisiert die Vergänglichkeit in ihrer extremsten Form. Es ist das Ende aller Dinge im Blick. Aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde zu warten, das scheint weltfern, weltverleugnend und falsch. Und dennoch haben die Szenerien Hochkonjunktur, die den Untergang mit allen Mitteln der Filmindustrie darstellen, ins Bild setzen, Horrorszenarien erfinden. Mancher mag zwar solche Filme nicht sehen, flüchtet sich lieber in die Volksmusikabende oder die endlosen Serien. Oder andere stürzen sich in die Alltagsbeschäftigungen. Die sind wie eine heftige Droge, es bleibt keine Luft, keine Zeit.

Es geht nicht darum, Ängste zu schüren, Trauer zu benutzen oder aus der realen Welt zu entfliehen. Der christliche Glaube, den Gott selbst in uns weckt, möchte stark machen zum Leben und stark machen, wenn es ans das Sterben geht. Er weiß aber auch um die Grenzen dieser Welt. Er weiß etwas dazu zu sagen, dass alles, was wir so als sicher annehmen, innerhalb eines kurzen Momentes vorbei sein kann. Wenn wir einmal einen plötzlichen Tod miterleben müssen, dann ist dieser in besonderer Weise ein sinnfälliges Zeichen, das alles vergänglich ist und keinen dauerhaften Bestand hat. Ich bin ganz auf Gott geworfen. ich habe nichts zu bringen, außer mein Unvermögen, meine Schuld, meine Eitelkeiten und Irrtümer. Mein bisschen irdischer Ruhm, falls er überhaupt irgendwo ist, bleibt nicht, weht weg, ist bald vergessen.

Es bleibt eine Spannung. In der christlichen Überzeugung ist sehr wohl vom Ende die Rede. Und diese Grenze steht erst einmal. Sie gilt es wahrzunehmen. Es ist nicht gut, einfach, als wäre es wohlfeile Verfügbarkeit, in das Ewige hinüberzuwechseln.

Wir bedenken heute einen Abschnitt aus dem 2Petr. Es ist eine Schrift, die die am Ende auf den Apostel Paulus hinweist. Er kannte solche Zeiten der äußeren Bedrängnisse. Darin möchte er diese Welt eher heute als morgen verlassen. Er ist müde, verzweifelt und schwach. Paulus hält es für besser zu gehen und danach beim Herrn zu sein. Er möchte quasi für sich vorwegnehmen, was erst später kommen soll. Doch dann erinnert er sich an die Aufgaben, die er in dieser Welt noch für die Menschen tun soll, an die er gewiesen ist. Für ihn waren es seine Gemeinden, für einen anderen ist es vielleicht die Familie, die Kollegen, die Freunde und Nachbarn, die Gemeinde.

Beides steht da: Die Stunde des persönlichen Todes oder des möglichen Endes überhaupt. Gerade am Totensonntag stehen wir Christenleute dazu, auch zu allem Schmerz, der damit verbunden ist.

Erst als zweiter Schritt, und nicht vor dem Ersten, gilt es dann auch von unserer Hoffnung zu sprechen, die sich nicht auf uns selbst gründet, etwa auf unsere Leistungen und Verdienste. Erst im zweiten Schritt richten sich die Augen hoffnungsvoll auf den Vater. Und wer dazu nicht in der Lage ist, der lauscht dem Klang des Glaubens, der laut wird in seiner Gemeinde, unter den Brüdern und Schwestern. Es ist wie eine neue Geburt der Hoffnung, reiner, freier, fröhlicher, überwindender: "Unser Herr, du bist groß. Deine Macht umschließt doch auch unser bisschen Leben. Wenn du dich an uns erinnerst, dann ist es das allein, was uns eine neue Gestalt gibt mit unserer Identität, gereinigt, frei, ohne Tränen und Schmerz, keine Krankheit, keine Alterslast, irgendwie unbeschreiblich." Der Himmel ist uns noch verschlossen. Wir können nur von ihm träumen. Und dies haben schon viele vor uns getan. Dies nicht, weil die Christen Träume wären, nein, sondern weil Ihnen hier schon ein Licht aufgeht und sie nicht glauben wollen, dass Gottes Macht nicht über allem steht.

Totensonntag ist Bedenken. Es ist ein Fest für die, die wir liebten und noch lieben, die vor uns waren und unser Leben prägten. Ihrer erinnern wir. Und wir bedenken auch unsere eigene Sterblichkeit, in aller Konsequenzen, den erfreulichen und den schrecklichen. Und wir hören den Klang einer Hoffnung, die eigentlich unbeschreiblich bleibt, die sich in dem gründet, den Jesus unseren Vater nennt. Wir sind unterwegs, unterwegs in der Welt, alle Tage, die uns geschenkt sind. Und wir sind unterwegs zu ihm, um dort eine neue Heimat zu finden, eine, die bleibt.

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