Re-Formation am Buß- und Bettag

Liebe Gemeinde!

Heute ist Reformationstag! Wieso – werden Sie jetzt denken! Hat der aus Versehen die falsche Predigt mit auf die Kanzel genommen? Reformationstag war doch vor knapp 3 Wochen, am 31. Oktober. Heute ist doch Buß- und Bettag. Das ist doch etwas ganz anderes!

Ist es aber nicht. Der Buß- und Bettag will Menschen zur Umkehr aufrufen, zumindest zur Besinnung in Richtung Umkehr. Und Umkehr kann man durchaus mit Re-Formation übersetzen. Dem eigenen Leben eine neue Form geben. Neu formatieren, so könnte man auch in der Computersprache sagen. Wenn etwas neu formatiert wird, neu geformt wird, sieht es anders aus als vorher. Dass ist bei einem Textdokument so wie beim menschlichen Leben auch. Feiern wir also heute fröhlich noch einmal Reformationstag, also einen Tag, an dem zumindest irgend etwas anders wird oder werden soll es bisher war.

Re-Formation am Buß-und Bettag. Die Vorsilbe Re hat auch etwas mit „zurück“ zu tun. Reformation heißt dementsprechend: Etwas wieder in einen alten Zustand zurückzuversetzen, wieder dahin gehend verändern, wie es ursprünglich einmal gedacht war. Auf uns selbst, auf unser Leben übertragen könnte das heißen: zurück zu den Anfängen, zur ursprünglichen Bestimmung unseres Menschseins von der Schöpfung her, zurück zu einer unbefangenen Kindlichkeit wie am Anfang unseres Lebens, Umkehr und Rückkehr zu den vielleicht längst vergessenen Quellen des Lebens.

So gesehen, könnte jeder Gottesdienst, und nicht nur der am Reformationstag und nicht nur der am Buß- und Bettag eine Umkehr bedeuten. Eine Umkehr zum Leben, wie es vor 25 Jahren einmal als Kirchentagsmotto hieß.

Kehren wir also heute Abend um, kehren wir ein Stück weit zurück. Vielleicht sehen wir dann ja einiges anders in unserem Leben, vielleicht hilft uns solche Umkehr, solche Re-Formation, solche Buße ja ein wenig, uns selbst aus einem gewissen Abstand einmal ganz anders zu sehen. Das könnte gut tun, selbst dann, wenn es ungewohnt oder gar schmerzlich ist.

Ungewohnt und schmerzlich war es durchaus, was die Einwohner Jerusalems beim Besuch des Gottesdienstes im Tempelvorhof zu hören bekamen. Nicht die gewohnten Sprüche und Gesänge waren es, mit denen sie beim Gottesdienst gerechnet hatten, sondern ganz neue Töne. Da wurde ihnen nicht von den Priestern, die am Opferaltar standen, die Annahme des Opfers durch Gott zugesagt und damit Gottes Vergebung zugesprochen, sondern ganz im Gegenteil: Ich bin eure Opfer satt, ich habe keinen Gefallen mehr daran, das gefällt mir alles nicht mehr, ich bin es leid, ich bin es müde, hört auf damit. War das wirklich Gottes Stimme, was sie da hörten? Was sie da sahen, war ein Mann, den einige aus der Stadt kannten. Jesaja, der Prophet, der seit einiger Zeit von sich reden machte. Das heißt, er behauptete zumindest, Gottes Stimme zu sein, Gottes Botschaft weiter zu geben. Hört auf,mit dem, was ihr hier tut, das ist ja doch alles unehrlich und verlogen. Tut mir weg das Geplärr eurer Lieder, so heißt es bei einem anderen Propheten, Amos. Hört auf mit eurem Gesinge, ich kann es nicht mehr hören!

Wie würden wir reagieren, wenn wir so etwas im Gottesdienst zu hören bekämen? Wenn hier jemand aufstände oder gar herumliefe und unseren Gottesdienst mit Zwischenrufen störte. Wenn jemand es wagte, unsere Lieder als Geplärr zu bezeichnen und unsere Predigten als Geschwafel? Wenn man uns direkt ins Angesicht sagen würde: Geht lieber nach Hause, als dass ihr auch solchen Unsinn anhört oder gar daran beteiligt? Das wäre doch ganz schön starker Tobak, nicht wahr? Wir würden uns gestört fühlen und Küster und Presbyter oder notfalls die Polizei bitten, den Störenfried zu entfernen.

Jesaja, der Prophet, stieß auf ganz ähnlichen Unmut mit seinen Worten. Dabei waren es ja gar nicht seine eigenen Worte, sondern die, die Gott ihm eingegeben hatte. So wie viele andere Propheten auch hatte er zwar Gott gebeten: Bitte, lass mich nicht solche Worte sagen müssen. Ich kriege nur Ärger damit, und verstehen wird man mich sowieso nicht, und auf meine Worte hören wird man erst recht nicht. Doch er kam nicht drum herum, Gottes Botschaft weiter zu geben, zur Buße, zur Umkehr aufzurufen.

Jesaja sollte Unverständnis und Wut seiner Zeitgenossen zu spüren bekommen. Den Propheten wie auch den Reformatoren und Bußpredigern aller Zeiten erging es nicht besser. Und auch heute erntete man Unverständnis und Ärger, wenn man von Menschen verlangte: Ändert euer Leben! Doch es geht wohl kein Weg daran vorbei, dass einem dies ab und zu gesagt und nahegelegt wird. Denn wer sich selbst nicht mehr ansprechen und nie in Frage stellen lässt, wird unempfindlich für das, was im eigenen Leben und um einen herum geschieht, und der weiß am Ende nicht mehr zu unterscheiden zwischen dem, was wichtig und gut ist und was nicht. Buße, Reformation ist der Aufruf dazu, Augen und Ohren aufzumachen und die Herzen nicht zu verschließen, was Gott von uns Menschen will. Um nicht mehr und nicht weniger geht es auch heute Abend in diesem Gottesdienst.

Dabei haben wir es vergleichsweise bequem, weil wir in Ruhe die Worte des Jesaja hören und lesen und über sie nachdenken können. Es steht kein Jesaja hier in der Kirche, der lauthals verkündigt: Ändert euch. Wir werden nicht angegriffen, so wie sich die Leute von Jerusalem damals angegriffen gefühlt haben mögen. Ihnen wurde rundum die Ehrlichkeit ihre Glaubens abgesprochen: Alles, was ihnen vom mosaischen Gesetz her geboten war, was ihnen durch Tradition und Erziehung vertraut geworden und was sie als persönlichen Lebensvollzug lieb gewonnen hatten, das wurde in Frage gestellt. Alle Opferriten und feste, die hier genannt wurden, waren offensichtlich zu einer Farce geworden, zu etwas, was mit dem Glauben nichts mehr oder nur noch wenig zu tun hatte. Auch wenn ihr viel betet, so heißt es hier, höre ich euch doch nicht, denn eure Hände sind voll Blut.

Mit scharfer Kritik wird hier also nicht gespart – und wir Menschen heutzutage müssen uns fragen oder frage lassen, welche Bereiche unseres Glaubens und Lebens wohl angesprochen würden, wenn wir uns der Kritik des Jesaja stellten? Sind vielleicht die Verantwortlichen in den Chefetagen der Großbanken und der multinationalen Konzerne gemeint, die im Augenblick daran beteiligt sind, das Gefüge der Weltwirtschaft gehörig durcheinander zu bringen? Müssen Sie sich nicht auch den harten und dringlichen Fragen nach ihrer Verantwortung und ihrer Glaubwürdigkeit stellen?

Sicher ist das so, doch zuallererst sollten wir uns selbst immer wieder fragen, wo wir gemeint sind, wenn es heißt: Lasst ab vom Bösen, lernt Gutes tun, trachtet nach Recht. Im Großen wie im Kleinen gilt das, ohne Ausnahme. In dem, wie wir uns als Privatleute verhalten, als Familien, als Kollegen, als Gemeinde. Jesaja kritisiert, dass der Glaube bei den Menschen seiner Zeit zu einer Art Wunschdenken verkommen ist, zu einer Befriedigung der religiösen Bedürfnisse, bei der man gen Himmel blickt und Gott um alles Mögliche bittet und vieles opfert, nur um seine Gunst zu erlangen, wo man aber gleichzeitig nicht nach rechts und links blickt und womöglich andere mit Füßen tritt. Es ist schon ein sehr realistisches Bild einer Gesellschaft, das uns durch die Worte des Jesaja wie überhaupt durch sin ganzes Prophetenbuch entgegentritt. Eine Gesellschaft, in nach außen hin scheinbar alles in Ordnung ist, in der aber gewaltig Ungerechtigkeiten herrschen, die aber verdeckt und vertuscht werden. Da muss sich jeder einmal ganz persönlich fragen, welche Bereiche damit gemeint sein könnten. Getroffen würden wir an diesem Punkt vielleicht, wenn wir an unser Weihnachtsfest denken. Könnte es zum Beispiel vielleicht darum gehen, dass wir alle Jahre wieder viel Wert auf ein richtig schönes, traditionelles Fest legen, ohne danach zu fragen, was es eigentlich bedeutet, und ohne auf diejenigen Menschen zu blicken, denen ein solches Fest nicht möglich ist, weil sie entweder nicht satt zu essen haben oder aber keinen Menschen haben, mit dem sie feiern könnten, oder überhaupt keinen Sinn in einem solchen Fest mehr sehen? Könnte es sein, dass uns Jesaja auch deswegen angreifen würde, weil wir tatenlos und sprachlos zusehen, dass der Weihnachtsrummel mit entsprechendem Konsumzwang viele Menschen schon lange vor der Adventszeit in Beschlag nimmt, was zur Folge hat, dass schon vor Weihnachten nicht nur die Regale mit den Süßigkeiten leer sind, sondern auch viele Menschen selbst diese innere Leere spüren und schon vor dem Fest völlig erschöpft sind.

Hemmungsloses und sinnloses Opfern in alttestamentlicher Zeit, hemmungsloser und sinnloser Konsum in unserer Zeit sin sicherlich verschiedene Dinge, aber doch Symptome des gleichen Problems: Dass nämlich vielen Menschen der wahre Glaube abhanden gekommen ist. Und genau da setzt Jesaja, der Prophet an, und auch der heutige Bußtagsgottesdienst möchte uns wieder Mut zu einem verantwortlichen und glaubwürdigen Glauben machen. Im Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahre 1945 heißt es: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden.“

Solche Worte kommen aus dem Geist eines Jesaja,aber vor allem kommen sie aus dem Geist, der mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist, jenem guten Geist, der uns hilft, zu erkennen und auszusprechen, was in unserem Leben nicht in Ordnung ist, und mit Gottes Hilfe immer wieder eine neue Richtung im Leben einzuschlagen – in der Nachfolge Jesu Christi. Das ist der Weg der persönlichen Reformation, der Neuorientierung, der Weg einer Buße, die uns nicht als zerknirschte Sünder auf Knien herumrutschen lässt, sondern die uns einen aufrechten Gang schenkt und uns dankbar und fröhlich, aufmerksam und zuversichtlich als Christen in unserer Zeit leben lässt.

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