Behütetes Zeltleben

Predigt
am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres
in Tannroda über 2. Kor 5,1-10

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Amen.

Liebe Gemeinde,
als junger Mann habe ich etliche Sommer oft im Zelt auf Campingplätzen und in freier Natur erlebt. Ich kann mich noch ganz genau an mein erstes Zelt erinnern. Mit zwei Freunden liehen wir es im damaligen "Kaufhaus" in Erfurt – heute "Anger 1" – aus, fuhren mit dem Zug an den Greifswalder Bodden und verbrachten dort zwei Wochen im Zelt. Dieses war aus festem Leinen und wog acht Kilo im trockenen Zustand. Wenn es nass war, haben wir es zu zweit tragen müssen. Es gab kein Überzelt und wenn es regnete, schlugen die Tropfen durch die Zeltwand ins Innere.
Später fuhr ich mit meiner "Hundehütte", einem Nylonzelt mit einem großen runden Loch als Eingang, nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Zum Schutz gegen Nässe hatte ich mir aus einer Plastetischdecke, Hohlnieten, Stricken und ein paar Metallstäben ein Überzelt gemacht.
Ein Zelt ist nicht mehr als ein Sicht-, und in begrenztem Maße ein Schutz gegen Witterungseinflüsse. Oft wurde mein Schlafsack nass, im Hochgebirge in 2000m Höhe habe ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und ohne isolierenden Schlafsack geschlottert wie ein Hund. Frühmorgens tropfte kondensierter Atem von den Zeltwänden und mittags war es in subtropischen Breiten brütend heiß. Einmal fuhr in meiner Abwesenheit auf einem Campingplatz in Bulgarien ein Auto über mein Zelt und zerriss es. Ich nähte es mit Nadel und Faden und dichtete es mit Verbandpflaster ab.
Die Reisen mit dem überladenen 150 ccm Schwingenmotorrad waren eine Strapaze. Aber ich habe sehr viel gesehen und bin vielen Menschen begegnet. Kurz – es war schön.

Wie komme ich dazu am Volkstrauertag, am vorletzten Sonntag des Kirchentages, von meinen Zelturlauben zu reden? Der Apostel Paulus schreibt den Korinthern: "Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel."

Paulus war Zeltmacher und zeit seines Lebens auf Reisen. Er lebte im Zelt, er ernährte sich durch das Herstellen von Zelten. Immer wieder wohnte er auch bei Freunden in deren Häusern. Doch lebte er so, dass sein Leib und Leben häufig den Schwankungen der Witterung, menschlicher Unberechenbarkeit und schicksalshafter Ereignisse ausgesetzt war. Er wollte so leben. Er wusste sich von Gott beauftragt. Die Botschaft vom Reich Gottes sollte er aus den Grenzen Israels hinaustragen. Von diesem Auftrag erfüllt, trotzte er Wind, Wetter, Krankheit, Hass und Gewalt und deutete diese als seine Prüfung Gott. Widrigkeiten stärkten umso mehr seinen Willen, seine Mission fortzuführen.

Paulus vergleicht seine Mission, seine Reisen und sein Leben mit einem Leben im Zelt. Er fühlt, dass er sich ständig neuen Herausforderungen stellen muss. Ja, dass dieser Umgang mit Unwägbarkeiten sogar das Leben selbst ist. Selbsterbaute Sicherheiten, auf denen Menschen sich verlassen, empfindet er als Selbstbetrug. Nur in Gott liegt die letzte Sicherheit.

Und Paulus überträgt diesen Gedanken auf das Leben aller Menschen. Das „Zeltleben“, die Bewältigung von Herausforderungen macht unser Leben erst zum dem, was es ist. Wir leben nicht in totalen Sicherheiten, sondern unser Leben ist von Gott her so angelegt, dass es befähigt ist, Herausforderungen, Widrigkeiten und Krisen zu bewältigen.

Welche Erwartungen haben Menschen an ihr Leben? Was muss das Leben Ihnen geben, damit sie glücklich sind? Was würde einen Durchschnittsdeutschen dauerhaft glücklich und zufrieden machen? Was wünschen Sie sich vom Leben? Worauf freuen Sie sich?

Vorgestern bin ich einem 82 Jahre alten Schäfer begegnet. Er hat sein Leben lang in diesem „Sieben-Tage-16-Stunden-Beruf“ gearbeitet. Er sagte mir: "Herr Pfarrer, ich hatte niemals Urlaub und keinen freien Tag. Aber wenn man die Arbeit gerne macht, ist keine Belastung zu viel." Nun ist er schwer krank und seine Frau pflegt ihn gerne. Er hatte gar keine Forderungen und Erwartungen an sein Leben. Für ihn wurde sein Leben glücklich und schön, weil er in seiner Arbeit als Schäfer eine tägliche Aufgabe und Berufung sah.

Liebe Gemeinde!
Es gibt Menschen, die schwere Lasten zu tragen haben. Heute am Volkstrauertag ist die Erinnerung an die unsäglichen Leiden wach, die Menschen anderen Menschen zufügen können. Es gab grausame Begebenheiten im 2. Weltkrieg und in der Nazi-Zeit. Und wenn wir die Nachrichten aus Mittelafrika aus dem Kongo, aus dem Irak und aus Afghanistan verfolgen und sehen wie die vielen Unschuldigen, die der Gewalt und Willkür von Ideologen mit Betonköpfen und Steinherzen ausgesetzt sind.

Solche Gewalt haben Menschen auch schon zur Zeit des Paulus erlebt. Soldaten, die ihre Wut an Zivilisten auslassen, Herrscher, die willkürlich über Leben und Tod entscheiden. Und in den vergangenen 2000 Jahren hat sich daran nicht viel geändert. Auch wir Christen können in der Geschichte oft keine weiße Weste vorweisen. Im Gegenteil – zu oft haben sich Christen angepasst. Judenverfolgung, Hexenverbrennung und Kriege unter dem Missbrauch des Namens Gottes seien nur als Stichpunkte genannt.

Da bleibt zu allen Zeiten die Sehnsucht groß, dass dieses, unser gefährdetes Leben, dass Willkür und Gewalt, Unrecht und Krieg, dass Elend und Not nicht der Wille Gottes sein kann und nicht sein letztes Wort.

"Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel."

Im Judentum zurzeit Jesu und auch noch bei Paulus war die Sehnsucht nach einem Retter groß. Der Messias, der Retter Gottes, würde kommen und allem Elend der Welt ein Ende bereiten. Diese Hoffnung steigerte sich hinein in den Gedanken, dass Gott selbst einen Retter mit Waffengewalt und königlichen Vollmachten beauftragen würde für Ordnung sorgen würde. Christen um Paulus glaubten, dass Jesus dieser Messias sein könnte. Und wenn dies schon nicht zu irdischen Zeiten möglich sein sollte, so wünschten sie sich sehnlichst das Ende der Welt herbei. Gott und mit ihm Jesus sollte endlich kommen und für seine Gerechtigkeit in dieser Welt sorgen. Er solle endlich Gute und Böse richten.

Eine verständliche Sehnsucht. Wo die Verzweiflung groß ist, möchten Menschen getröstet werden. Und Paulus tröstet sie mit einem Bild. Ja, hier erlebst du, wie wenig beständig dein Leben, deine Gesundheit, dein Auskommen und dein Recht ist. Ja, vertraue darauf, Gott schenkt dir die Kraft und ist bei Dir, wenn die Kraft nicht mehr ausreicht. Aber dieses Elend ist niemals der Wille Gottes für dein Leben. Sein Bild für das Miteinander der Menschen ist ein anderes.

Gott hält für uns ein beständiges, himmlisches Haus bereit, in dem Leib und Seele des Menschen eine Heimat in seiner Gerechtigkeit finden. Dieses Haus ist nicht so wie unser Zeltleben auf Erden, sondern beständig und befriedet bei Gott selbst. Unsere Leben, diese irdische Zeltwohnung, findet seine Vollendung in einem göttlichen, himmlischen Bau.

Paulus tröstet seine nach Gerechtigkeit suchenden Mitmenschen mit einer Zusage: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.
Es wird einmal eine himmlische Genugtuung geben für das, was Menschen im Leben an Gutem geleistet haben. Und es wird ein Richten sein für alles Unrecht und Böse, was Menschen an deren antun.

Liebe Gemeinde, ist die Sehnsucht ins wach geblieben? Die Sehnsucht und das Vertrauen, dass Gott Menschen recht sprechen wird? Dass er einst jedem klar zeigt, wie die Anteile von Gut und Böse in der Zeitspanne zwischen seiner Geburt und seinem Tod verteilt waren? Dass Gott auch auf die vielen, kleinen Schattierungen zwischen diesen weitgespannten Polen in unserem Leben Raum hinweist. Wissen wir denn in jedem Fall, welche unserer Handlungen dem Guten dient und welche zum Bösen führt?
Sinngemäß hat Albert Schweitzer Gut und Böse einmal so definiert: "Gut ist, was Leben fördert und wachsen lässt, Böse ist, was Leben tötet und behindert."

Leben wird auch vernichtet und behindert, wo Taten unterlassen werden. Wie viele ältere Menschen verlieren jeglichen Lebensmut, weil sie keine soziale Kontakte mehr haben? Wie viele Kinder und Jugendliche sind hoffnungs- und antriebslos, weil sie für sich keine Zukunft sehen? Wie viele Eheleute haben den Glauben daran, von ihrem Partner geehrt und geliebt zu werden schon längst vergessen?
Werden die 10 Gebote Gottes unter uns der Beliebigkeit menschlicher Einschätzung unterstellt oder bleiben sie gültige Willensentscheidung Gottes für uns?
"Wenn es keiner sieht, dann kann ich ja das Handy schnell mitnehmen!"
"Wenn am Sonntag noch mehr Profit zu machen ist, dann wird eben gearbeitet!"
"Wenn ich meine Zeit zum Geldverdienen brauche, dann muss eben meine Mutter alleine zurechtkommen!"

"Gut ist, was Leben wachsen lässt und fördert." Und weiter Albert Schweitzer: "Du lebst inmitten von Leben, das leben möchte."
Hier liegen unsere großartige Chance und die wahre Hoffnung für uns Sehnsüchtige nach Gerechtigkeit. Wenn wir auch darauf vertrauen dürfen, dass Gott uns einst gerecht spricht und Gut und Böse scheidet:
Ich möchte nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten und Menschen darauf vertrösten. Jesus hat verkündet: "Das Himmelreich ist mitten unter uns." Jetzt beginnt es, heute und hier. Die Liebe Gottes lässt uns Menschen danach schauen, wo wir Leben fördern können. Wo wir uns von Gott geliebt wissen, können wir in unserem irdischen Zeltleben Hoffnung, Trost und Zuversicht spenden durch unser Gebet, durch unser Sehnen und durch unsere kleinen und lebensschaffenden Taten der Liebe am Nächsten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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