Unsere Toten sind nicht verloren!

(Ich greife in diese Predigt Anregungen von Christiane Thiel aus der Reihe Gottesdienst Praxis A auf.)

Liebe Gemeinde, liebe Trauernde, liebe Angehörige der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres,

ich möchte Ihnen nochmals die kleine Geschichte vom Anfang des Gottesdienstes in Erinnerung rufen. Das Leben beginnt und endet mit dem Wunsch nach Umarmung. Viele von Ihnen, die heute hier sind, haben das Zuendegehen und Enden einer Lebensreise in den vergangenen Monaten miterlebt. Manche mögen sich an diese Bewegung des Armeerhebens, diesen letzten Umarmungswunsch, erinnern. Ja. Wenn Sterben behütet und geborgen zum Teil des Lebens werden kann, dann kann man sehr bewegende Erfahrungen machen, dann hat das Sterben oftmals etwas Tröstliches. Seltsam ist das, aber wahr.

Und trotzdem bringt jeder Tod, der unser Leben berührt, eine Saite unserer Seelen zum Klingen, die uns in Fragende verwandelt. Der Tod beschließt nicht nur ein Leben, er eröffnet auch neu die Suchbewegung nach dem Sinn und Gehalt des Lebens, nach dem Urgrund des Seins, nach den Zusammenhängen von Zeit und Ewigkeit. Wir verlieren einen Menschen, der unser Leben mit geprägt hat. Tote werden Teil unseres Lebens. Wir entdecken, dass diese Welt Grenzen hat. Wir entdecken aber auch, dass es jenseits der Grenzen weiter geht. Wir erleben, dass uns der Tod weich macht, so dass wir mehr sehen und spüren können als sonst.

Hören Sie an dieser Stelle den Predigttext. Er steht im 2. Brief des Petrus im zweiten Kapitel und umfasst die Verse 3–14.

[TEXT]

Dieser Ausschnitt aus dem Brief greift eine zentrale Frage unseres Glaubens auf: Die Menschen sterben, alles bleibt beim Alten, was ist denn nun mit der Verheißung, dass Jesus wieder kommt?

Die Fragen kenne ich auch von Ihnen. Ich weiß, dass einige sie sich gestellt haben. Wie kann es den Tod noch geben, haben Sie mich gefragt. Was soll dann alles Reden in der Kirche, wenn alles so ist wie immer und die Menschen sterben und nichts zu sehen ist von Auferstehung …? Hat Jesus gelogen? Haben die Alten uns was Falsches versprochen, als sie uns überlieferten, dass Gott die Erde verwandeln wird?

Ich schätze diese Frage. Ich war und bin Ihnen immer noch dankbar, wenn Sie so ehrlich und glaubwürdig fragen. Denn hinter der Frage steht eine große Hoffnung. Die Hoffnung nämlich, dass die Welt sich verändern kann, dass sich die Ordnung von Leben und Tod wandeln kann, dass Jesus wieder kommen wird. Hinter dieser Frage steht der große Ernst der österlichen Hoffnung: dass die Macht des Todes zerbrochen ist. Trotzdem bleibt die Frage: Warum muss immer noch gestorben werden? Warum müssen wir noch immer an der Trauer um liebe Mitmenschen tragen?

Lassen Sie uns also noch einmal auf die Worte des Petrusbriefes hören.

Als erstes stellt der Schreiber unser kurzes Leben in den Kontext der Schöpfung als Ganzes. Die Naturwissenschaften haben uns – ganz unabhängig von er Bibel – gelehrt, die Geschichte der Menschheit als Teil der Geschichte dieses Planeten zu verstehen. Dass was uns wie eine Ewigkeit vorkommt, ist auch Sicht der Schöpfung, erst recht aus der des Schöpfers nur ein winziger Augenblick. 1000 Jahre sind vor dir wie ein Tag heißt es in der Bibel – Geologen benutzen lieber den Vergleich mit Minuten, wenn es um die Geschichte der Menschheit geht.

Die Menschen zur Zeit des Neuen Testaments haben innerhalb kürzester Zeit mit einer Rückkehr Jesu gerechnet. Der Messias müsse die Welt auf einen Schlag von allem Übel befreien. Immer wieder begegnet beim Lesen im Neuen Testament diese Frage: Warum müssen Menschen noch sterben, bevor der Messias wiederkommt?

Der Petrusbrief dreht die Fragestellung um. Gott hat Geduld mit uns, so argumentiert er. Er sieht, dass noch immer viele den Weg zur Buße und damit zur Vergebung nicht gefunden haben. Liebevoll wie ein Vater, der auf ein trödelndes Kind wartet, steht Gott vor uns. So bleibt Zeit, um die gute Nachricht von Gottes vergebender Liebe weiter zu erzählen an Freunde und Familienmitglieder, die sie noch nicht angenommen haben. Es ist noch nicht zu spät. Ihr könnt den Weg zu Gott noch finden, so lese ich in diesen Zeilen des Briefes.

Und eine zweite Linie zeigt der Brief auf. Auch das im Einklang mit vielen anderen Abschnitten des Neuen Testaments. Gottes Reich kommt still und heimlich wie ein Dieb in der Nacht. Am Anfang steht nicht der große Knall, sondern der leise schleichende Beginn. Mit dem Auftreten Jesu hat dieses Reich begonnen. Immer wieder können wir einen Schimmer davon schon erahnen. Theologen haben das mit der Formel „schon hier – noch nicht“ zusammen gefasst. Das Reich Gottes hat längst begonnen, aber es ist noch nicht vollendet.

Ich erinnere mich an manches Trauergespräch im vergangenen Jahr, wo genau das deutlich wurde. Menschen sind alt und lebenssatt auf ihren Tod zugegangen. Dankbar dafür, nun sterben zu dürfen. Voller Hoffnung haben sie sich auf das Wiedersehen mit Ehepartnern oder Freunden vorbereitet. Die Angst war überwunden. Wir dürfen uns schon jetzt bei Gott geborgen fühlen.

Gottes Reich in dieser Welt wird auch erkennbar, wo Menschen für die Nöte anderer eintreten. Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hospizdienstes Kranke und Sterbende begleiten. Wenn Menschen im Besuchsdienst den Kontakt zur Kirchengemeinde nicht abreißen lassen. Wen Nachbarn sich gegenseitig Lasten abnehmen und sich so gegenseitig das Leben lebenswerter oder sogar den Umzug ins Heim überflüssig machen. Gottes Reich kommt wie ein Dieb in er Nacht. Still und unauffällig. Oft genug merken Sie gar nicht, dass Sie schon ein Teil davon sind. Dass andere in dem was Sie so selbstverständlich aus Ihrem Glauben heraus tun, Gottes Liebe erkennen.

Vor der Glut solcher unauffälliger Liebe werden die Fundamente der Welt ins Wanken kommen. Geldgier, Eigensucht und Gewalt werden ganz langsam überwunden. Sie können nicht Bestand haben, wenn Menschen aus Gottes Liebe heraus ihr Umfeld neu gestalten.

Der Petrusbrief beschreibt uns einen Gegensatz: Donnernd und krachend zerfließen die Fundamente des Bösen. Und wie ein Fels in der Brandung stehen die Christen abwartend dazwischen. Strahlen mit ihrer Hoffnung auf Gottes Nähe Ruhe und Sicherheit aus.

Wir erwarten – so macht es uns der Predigttext zuletzt nochmals deutlich – als größere Hoffnung einen neuen Himmel und eine neue Erde. Dabei liegt für mich die Betonung auf der neuen Erde. Ja, hier wird unsere Hoffnung Gestalt annehmen. Hier geht es los, was wir träumen und ersehnen. Und hier wird unser Tun der Gerechtigkeit Früchte tragen. Wir sind – auch wenn wir unsere Toten beweinen und vermissen – Teil der neuen Erde und haben jetzt schon Anteil an diesem Wunder des Neuen. Zugleich mit dem Schmerz können wir die Freude der Auferstehung leben. Unsere Toten sind nicht verloren, sondern bei Gott gut aufgehoben. Das ist das Paradox des Glaubens und zugleich die tiefe Weisheit gelingenden Lebens. Wir wissen es. Wir dürfen nicht aufhören zu hoffen und zu warten. Jedes Lachen, jede Umarmung, jede Geste, die wir dem Tod entgegenstellen sind ein Baustein dieser neuen Erde. Dazu helfe uns Gott.

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