Ja zur eigenen Schuld

Liebe Gemeinde,

der Buß- und Bettag wurde in den meisten Bundesländern als gesetzlicher Feiertag abgeschafft. In Sachsen, wo er noch als solcher gilt, fahren viele Menschen an diesem „arbeitsfreien Tag“ in die angrenzenden Bundesländer, um endlich einmal in Ruhe einkaufen zu können. Dabei sollte doch dieser Tag, oder besser noch, das, worum es an diesem Tag inhaltlich geht, in unserem Leben eine große Rolle spielen. Dass Sie heute hier sind, obwohl es nach dem Gesetz bei uns kein arbeitsfreier Tag mehr ist, zeigt, dass Sie um diese Bedeutung des Tages wissen. Es geht – und das haben Sie schon zu Beginn des Gottesdienstes erfahren und werden es im Laufe des Gottesdienstes noch an anderer Stelle erfahren: um das Bejahen seiner eigenen Schuld. Dann um die Bitte der Hinwegnahme dieser Schuld und schließlich um das Erfahren der Zusage Gottes, dass diese Schuld tatsächlich in Christi Händen geborgen ist.

Warum muss man auf diesen Dreischritt einen solchen Wert legen? Weil der Mensch in dieser Welt darauf hin angelegt ist, seine Schuld zu vergessen, klein zu reden, um vermeintlich vor sich selbst bestehen zu können. Es ist etwas, liebe Gemeinde, das quasi in unserer Natur liegt. Wir können nicht nur zermartert umherlaufen, niedergedrückt und voll von Zweifeln an dem, was wir tun. Wir müssen unser Haupt erheben und zu dem stehen, was wir sagen und handeln, damit wir überhaupt dieses Leben einigermaßen in den Griff bekommen. Sie, die Sie hier sind, wissen alle, wovon ich rede, selbst die Konfirmanden und Präparanden wissen schon, was es bedeutet, zu seinen Dingen zu stehen und ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein zu haben. Wer dies nicht hat, kann schnell untergehen.

Genauso wichtig aber ist es, die Balance in die andere Richtung hin zu halten. Wer sich maßlos überschätzt, wer ein Prahlhans geworden ist, wer seine eigenen Grenzen nicht kennt, geht in die Richtung des Größenwahnes, der schließlich für alle Menschen in seiner Umgebung gefährlich werden kann. Vor ein paar Tage hat sich zum 30. Male das sogenannte Jonestown-Massaker gejährt. Ca. 900 Menschen, ein Drittel davon Kinder und Jugendliche wurde in den Suizid getrieben von einem solchen größenwahnsinnigen Menschen, der eine eigene Kirche, quasi nur auf sich selbst gegründet, errichtet hat. Das Datum markiert einen Wendepunkt in der Religionspolitik. Seit damals hat man vermehrt ein Augenmerk darauf, welche Gruppen sich wie und mit welchen Inhalten zusammen schließen.

Wir Christen haben von je her das Bewusstsein dieser eigenen Grenzen gepflegt. Zeitweise kommt es einem so vor, als hätten diese Christen eine Wächter- und Mahnfunktion in einer Welt übernommen, die scheinbar immer mehr aus den Fugen gerät. Wie kann es sein, dass sich ein hemmungsloser Umgang mit Finanzen, mit Ressourcen, mit Menschen so ausgebreitet hat?

Und dennoch stehen auch die Christen in dieser Welt mit ihrem Handeln und Nicht-Handeln genauso in der Verantwortung wie alle anderen.

Das Bewusstsein um unsere Grenzen liegt in unserer Auffassung von der Welt begründet. Die Sünde – als die Entfernung von Gott – prägt diese Welt, in der wir leben. Wir werden in diese Entfernung hineingeboren, ob wir wollen oder nicht. Wir sprechen deshalb von der Erb-Sünde. In der Taufe werden wir aber in den Machtbereich Christi eingeordnet und im Glauben erfahren wir die Zusage der Rettung. Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden. Wir hören die Hoffnung auf eine neue Welt, eine Welt, in der Gerechtigkeit herrschen wird – so wie wir es besonders am Ende des Kirchenjahres bekennen. Und dennoch bleiben wir – solange wir hier leben – beides gleichzeitig: Gerechter und Sünder. Simul iustus et peccator, wie es Martin Luther auf Latein formuliert hat. Beides gleichzeitig. Wer darum weiß, wird immer wieder versuchen, sich seiner Schuld, in welche er durch seine Natur getrieben wird, bewusst zu werden. Wir haben die Beichte ja in jedem Gottesdienst gleich zu Beginn als gemeinschaftliche Beichte. Wir stehen dazu auf, denn wir beten ja zu Gott: „Der allmächtige Gott erbarme sich unser. Er vergebe uns unsere Sünde und führe uns zum ewigen Leben.“ Ohne diese gemeinschaftliche Beichte könnten wir den Gottesdienst gar nicht ordentlich feiern. Es ist eines der ersten Stücke, die die Konfirmanden lernen und begreifen sollen, denn es drückt ganz wesentlich aus, worauf wir hoffen, worauf wir angewiesen sind. Diese Sünde, liebe Gemeinde, können wir uns nicht selbst wegnehmen. Wir würden sagen: dies ist der Fehler einer bestimmten Art des neuzeitlichen Denkens, dass man meint, alles alleine leisten zu können. Wir glauben: das Wesentliche, was unser Leben erhält, bewahrt und rettet, kann eben nicht aus uns selbst heraus kommen, sondern wird uns von außen her geschenkt. Wir sind im Glauben Menschen, die angewiesen sind auf die gnädige Macht, die ihnen gegenüber steht. Wir stehen da mit leeren Hände, die aber offen sind, um dankbar zu empfangen. Dies unterscheidet uns auch wesentlich von der römisch-katholischen Kirche, gerade weil wir sagen: diese zum Leben notwendige Gnade kann ganz und gar nicht verdient werden, sie kann ganz und gar nicht vorbereitet werden. Sie wird nichts anderes als geschenkt. Das klingt so einfach, liebe Gemeinde, es klingt so harmlos. Dabei ist es unglaublich radikal, denn es reißt alle Grenzen ein, die bisher galten. Die Grenzen der Kirchen, die eine Zeit lang glaubten, sie könnten mit dieser Gnade Gottes Handeln treiben. Bis heute, liebe Gemeinde, gibt es den Ablass in der römischen Kirche, wenngleich er in seiner Bedeutung freilich nachgelassen hat. Es ist gleichsam so radikal, weil es uns in der anderen Richtung das Richten verbietet. Wenn alles Wesentliche geschenkt wird, dann kann ich an keiner Handlung mehr ablesen, ob der rechte Weg begangen wird oder nicht. Ich kann freilich einzelne Taten verurteilen – das muss ich sogar, aber ich darf nicht mehr über den Menschen als Mensch richten, weil er alleine vor Gott zu bestehen hat. Es ist mir so wichtig, wenn wir über andere Menschen nachsinnen – nehmen Sie diese, die im festen Turnus durch Gräfenberg und anderswo marschieren, um menschenverachtendes Gedankengut zu transportieren. Obwohl ihre Parolen andere Menschen verachten, so müssen doch wir auch ihr Menschsein anerkennen. Wir verachten ihre Taten und ihre Sprüche, dürfen aber ihnen das Menschsein nicht absprechen. Auf ihre Art und Weise sind auch sie Opfer, Fehlgeleitete und Geschöpfe, die unser Mitleid verdienen.

Von außen her kommt die Gnade, derer wir alle bedürfen. Wir können sie nicht herstellen, wir haben keine Lebensleistung, die den Empfang der Gnade bereiten würde.

Mit diesen Ohren hören wir das Predigtwort für den heutigen Buß- und Bettag aus dem Buch des Propheten Jesaja im ersten Kapitel, die Verse zehn bis 17:

[TEXT]

Das Wort, liebe Gemeinde, spricht für sich. Wir hören es anders als das Volk Israel damals, denn zur Zeit Jesajas gab es noch den Tempel in Jerusalem und die Opfer waren rituell vorgeschrieben. Jesaja greift radikal das religiöse System an. Was sollen die Opfer, was soll das Begehen von Feier- und Festtagen, was sollen eure Lieder und Gebet – all das ist leer, bedeutungslos, ja sogar frevelhaft, wenn ihr euch nicht besinnt auf das, was ihr vor Gott selbst sein sollt! Menschen, die in Gerechtigkeit wandeln und auf den Nächsten achten. Helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache. Noch aber kleben eure Hände voller Blut!

Liebe Gemeinde, in dieser Situation stehen wir heute nicht mehr, denn unser religiöses System, wenn ich den Ausdruck weiter verwenden darf, besteht nicht mehr im Opfer und nicht mehr in feinsinniger Kasuistik. Wir haben und leben stattdessen die evangelische Freiheit, die jeden Einzelnen ins Gewissen ruft und dazu befähigt, seine eigene Meinung, seine eigenen Gedanken ins Spiel zu bringen. Und dennoch bleibt in der Struktur, von der ich zu Anfang sprach, etwas bestehen. Weil wir immer noch unter der Sünde leben und immer noch Sünder sind, befällt uns der Wunsch nach Sicherheit, mit der wir Gott imponieren könnten. Sicherheit, die wir – wiederum durch unsere eigene Leistung – meinen im Blick auf unser Seelenheil erworben zu haben. All unser Handeln, all unser Trachten, all unser Denken muss immer wieder überprüft werden auf den Bezug in unserem Glauben. Ist denn das, was ich da tue, noch im Sinne meines Auftrages? Was aber ist mein Auftrag? Hinzugehen und den Menschen die frohe Botschaft von der Erlösung durch Jesus Christus zu bringen – durch Tat und Wort. Ich spreche, liebe Gemeinde, jetzt nicht nur von mir als Pfarrer, der diesen Auftrag gewissermaßen auch noch beruflich ausgebaut hat. Nein, es ist der Auftrag eines jeden Christen. Gehen wir die Worte von Jesaja gedanklich durch und fragen uns: sind wir bei dem geblieben, was Gott von uns fordert? Oder sind wir schon wieder – immer noch? – dabei uns Ablenkungsmanöver einfallen zu lassen? All unser Aktionismus: wir schaffen dieses und jenes natürlich auch noch. All die Termine und Veranstaltungen, all die Gruppen und Kreise: dienen sie noch diesem Auftrag oder haben sie schon vergessen, warum sie sich gebildet haben? Und diese Struktur, liebe Gemeinde, kann jeden packen und in ihren Sog ziehen: den Pfarrer, der über all dem Einarbeiten in die Finanzstruktur des Kindergartens vergisst, warum es überhaupt die evangelische Trägerschaft dafür gibt. Den Betenden, der über seinem starren Rhythmus und seinen festen Ansichten vergessen hat, wie Gott den Beter im Gebet immer wieder in Frage stellt und aus der Situation heraus reißt. Den Leiter einer Gruppe, der über allem Suchen nach Terminen und aller Organisation nicht mehr im Blick hat, warum diese Gruppe überhaupt zusammen gerufen wurde. Aber auch den, der in all diese Klagen einstimmen will und sich auf der sicheren Seite wähnt, weil er doch die Struktur schon längst erkannt hat – auch er hat vergessen, dass er Licht auf einem Berg sein soll.

Gott, liebe Gemeinde, ist ein lebendiger Gott. Ein Gott, der uns im Leben begegnet und unser Leben begleitet. Keine Trophäe des Glaubens, die quasi ausgestopft und tot, aber bitte deutlich bewunderbar in einer Ecke steht. Kein Gegenstand, von welchem durch seine bloße Existenz eine magische Kraft ausginge – ähnlich, wie es sich viele von einem Talisman erhoffen. Auch keine Urkunde, auf welcher meine Glaubensleistung nachzulesen wäre und die mir den Zutritt zu der nächst höheren Ebene verschafft.

Nein, wenn Luther von gleichzeitig Sünder und Gerechter redet, dann meint er genau diese lebendige Bewegung, die den Glauben ausmacht. Täglich und immer wieder aufs Neue darum ringen in seinem Herzen, in seinen Gedanken, in seinem Tun, dass nichts anderes an erster Stelle stehen kann in meinem Leben, als das Vertrauen auf diesen Gott. Dass nichts anderes seinen Platz einnehmen darf in der Liebe zu diesem Gott.

Buß- und Bettag denken wir notwendigerweise daran, wie oft wir das nicht geschafft haben. Wie oft wir vom Wege abgekommen sind. Wie oft sind von uns andere Dinge vor diesen Gott, den Einzigen, den Wahren, den Mächtigen geschoben worden und wie oft waren wir nur allzu gerne bereit waren, diesen Dingen den ersten Rang einzuräumen.

Dieses zu bekennen ist ein guter und ein wichtiger Schritt – immer wieder in unserem Glaubensleben. Das Wort Beichte kommt ja von dem Wort „bejahen“ her. Wir bejahen unsere Schuld. Wir lernen, dazu zu stehen, dass wir zu nichts anderem in der Lage waren, egal wie alt wir sind. Egal, wie jung wir sind. Egal, welche Erfahrungen wir im Leben schon gemacht haben.

In diesem Bejahen liegt der neue Anfang verborgen. Als Christen dürfen wir immer wieder neu anfangen. Das hört sich an wie eine Belastung, in Wirklichkeit aber ist es eine Gnade. Wir dürfen neu beginnen in der Suche nach diesem Gott. Auch in der Suche nach uns selbst und in der Suche nach Christus, der uns im Nächsten begegnen will. Wir bekommen die Gnade des neuen Beginns in der Vergebung zugesprochen. Du darfst das, was war, hinter dir lassen und es neu versuchen. Und noch etwas geschieht, welches wir nachher besonders feiern wollen. Gott sagt uns seine Liebe zu in diesem Neubeginn. Er sagt: ich bin bei dir – ich begleite dich – ich lasse dich nicht fallen.

Wenn wir das Abendmahl miteinander feiern, dann schmecken und sehen wir seine Zusage. Nimm hin und iss – das Brot des Lebens. Nimm hin und trink – den Kelch des Heils.

Was Gott euch in der Taufe gegeben hat, Vergebung der Sünden und Befreiung von der Macht des Bösen, das wird euch heute neu geschenkt.

Und der Friede Gottes, der uns begleitet ohne müde zu werden, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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