Gottes Herz lässt sich noch erweichen

Aussichtslos, kompromisslos, endgültig – das Urteil ist vernichtend:
ich bin es nicht nur leid, ich habe es satt! Sodom und Gomorrha – das sagt schon alles. Ich muss gestehen, dass die Prophetenrede nur schwer auszuhalten ist. Natürlich kann ich es mir leicht machen und sie weit weg schieben, weil ja ganz offensichtlich nicht wir gemeint sind. Wir werden ja vielmehr mitten hinein genommen in den uns fremden Tempelgottesdienst mit seinen Brand- und Speisopfern, mit Weihrauch und fremden Liedern. Das Festjahr in Jerusalem mag ähnliche Tage kennen wie unser Kirchenjahr, es ist aber ein anderer Festkalender.

Aber damit mache ich es mir zu leicht. Nicht weil die Väter und Mütter mehr oder weniger weise diesen Predigttext für unseren Buß- und Bettag ausgesucht haben, sondern weil ich mich frage, wie wohl Gottes Urteil in unserer Mitte ausfallen würde. Wir sind solche harten Worte nicht gewohnt, die klare Rede mit deutlichen Worten ist uns zwar nicht fremd, aber am Ende warten wir doch immer auf das Wort, das aufrichtet, das tröstet, das ermutigt. Hier zerstört es alle Illusionen, alle vertrauten Glaubensgewissheiten. Bisher galt: Gott ist da, er lässt sich bewegen und erreichen. So wie der Rauch zum Himmel steigt, so tun es auch die Gebete, die Rufe der Klage und des Dankes. Gottes Herz bleibt nicht verschlossen, sondern wird angerührt.

Und jetzt? Macht in letzter Konsequenz Gottesdienst überhaupt noch Sinn? Oder sollte die Konsequenz nicht wirklich sein, alles Singen, Beten, Hören und Reden sein zu lassen und das einzig nützliche zu tun, was wirklich etwas bewegt: die helfende, verändernde Tat. Ist das womöglich der einzig vernünftige Gottesdienst? Denn so lange bis der Glaube den Menschen verändert kann die Welt doch nicht warten. So alt ist diese Frage also schon, dass sie beim Propheten Jesaja durch klingt.

Dabei haben es die Menschen damals durchaus ernst gemeint mit ihren Gesängen und Gebeten, mit ihrer Sehnsucht nach einem Zeichen Gottes. Es greift zu kurz hinter der Prophetenschelte nur Kritik an einer vermeintlichen Oberflächlichkeit der Gottesdienste und Rituale zu vermuten. Die mag ja durchaus auch berechtigt sein. Neben aller ernsten Sehnsucht gibt es auch viel Gewohnheit. Und wo Gewohnheit Einzug hält, macht sich auch schon mal Gedankenlosigkeit breit. Und schon kann es passieren, dass Gemeinde Gottesdienst feiert und sich eigentlich nichts dabei denkt. Man macht das halt so!

Nehmen wir zum Beispiel den Buß- und Bettag. Nur in einem Bundesland, in Sachsen, ist er als Feiertag erhalten geblieben, alle anderen Länder haben ihn zugunsten der Pflegeversicherung anstelle eines Urlaubstages geopfert. Der Protest der Kirchen verhallte, der Widerstand der Gemeinden war gering, in den neuen Bundesländern kannte man den arbeitsfreien Buß- und Bettag ja eigentlich auch schon lange nicht mehr. Im Kirchenjahr ist er auch nicht zwingend und relativ neu, nicht aus der Glaubenspraxis gewachsen, sondern von der Obrigkeit angeordnet.

In einer Predigmeditation las ich, das genau aus diesem Grund heute wohl nur die Gemeinde versammelt sei, die eh immer kommt. Also sich keine besonderen Gedanken macht, „warum gerade heute zum Gottesdienst gehen?“ Genau das glaube ich aber nicht, sondern ich erlebe, dass Menschen diesen ernsten, nachdenklichen Tag sehr bewusst nutzen, um in den Gottesdienst zu gehen und mit einzustimmen in das Bekenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und Begrenztheit, in dem was wir wollen und was wir können. Und ich erlebe Menschen, die wie ausgehungert und ausgetrocknet Worte aufsaugen, die Vergebung zusprechen und von Schuld befreien.

Wo hat das in unserer Gesellschaft denn noch seinen Platz, dass einer zugibt, nicht dem Ideal zu entsprechen, fehlerhaft und eben nicht makellos zu sein? Wo wird denn noch daran festgehalten, dass wir in unserem Leben Fehler machen, uns, anderen und so letzten Endes auch Gott etwas schuldig bleiben und nicht die anderen oder die Umstände daran Schuld sind? Wo können Menschen denn noch erfahren, dass man mit dieser Begrenztheit leben darf und nicht auf sie festgelegt wird? Im Kirchenjahr an diesem Tag, der ja nur beispielhaft für eine Grundhaltung steht und verantwortliches Leben und Handeln nicht ersetzen kann. Im Gottesdienst, wo ich Worte höre, die mir Vergebung verheißen und wo ich diese Vergebung in Brot und Wein schmecken kann. In unserem Glauben da, wo es mit Martin Luther heißt, dass nach dem Willen unseres Herrn Jesus Christus unser ganzes Leben Buße, Umkehr, Neuorientierung und Neuanfang sei. Ich habe es satt – kann da nicht das letzte Wort sein.

Ja, wir haben auch unsere Art Gottesdienste zu feiern, kritisch zu hinterfragen. Es gibt mir schon zu denken, wenn ich sehe , wie oft unsere Kirchen leer bleiben, Menschen sagen, dass es ihnen nichts gibt, was da gesungen und geredet wird. Aber ich spüre , wie wichtig mir der Gottesdienst ist, wie ich immer wieder eintauchen möchte in die vertrauten Worte und bekannten Melodien. Ich möchte nicht, dass sie verstummen oder verklingen, sondern dass auch andere sie hören und lieben und schätzen lernen. Ich habe es satt – kann da nicht das letzte Wort sein.

Das haben auch schon die Erben und Nachfahren des Propheten so empfunden, wohl weil sie erlebt haben, dass Gottes Ohr doch nicht endgültig ihren Bitten und Klagen gegenüber verschlossen blieb. Weil sie erlebt haben, dass ihre Lobgesänge doch Gottes Herz angerührt haben. Deshalb haben sie ein anderes Gotteswort an die Seite unserer Scheltrede gestellt: wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden. Und wir können doch gerade heute darauf vertrauen, dass Gott hinter sein Versprechen, das ich im Leben Jesu und in seinem Sterben und Auferstehen finde, nicht zurück kann. Das kann Gott gar nicht zurücknehmen, darauf hat er Brief und Siegel gegeben. Was bleibt also von dieser harten Rede?

Für mich die eindringliche Mahnung, Gott ernst zu nehmen. Es gibt keinen Automatismus in der Beziehung Gott-Mensch, keinen verbrieften Rechtsanspruch auf Zuwendung in der gewünschten Form zum gewünschten Zeitpunkt. Es braucht Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit in der Gottesbeziehung und im Gottesdienst. Es braucht aber auch Verbindlichkeit im Leben. All das ist Glaube: Gott ernst nehmen, die Beziehung pflegen, Verantwortung übernehmen und Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit einüben. Sich den eigenen Fehlern und dem eigenen Versagen stellen und es bekennen, Vergebung empfangen und Vergebung weiter schenken.

Und dann heißt es, den Glauben als Lebenseinstellung in alle Lebensbereiche hineinwachsen lassen – so jedenfalls verstehe ich die Konkretionen des Propheten nach seinem Rundumschlag: wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen. Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache. Der Glaube führt nicht nur in eine private, sondern auch in eine gesellschaftliche Verantwortung, wie wir es in den zurück liegenden Tagen der ökumenischen Friedensdekade oder mit unsrem Gedenken am 9.November deutlich gemacht haben. Frieden riskieren und Gesicht zeigen sind gegenwärtige Herausforderungen, wenn wir glaubhaft miteinander singen, beten und Erbarmen herbei flehen wollen. Gott will uns ganz nah kommen, sich tief zu uns hinunter beugen. Sein Wort will nicht zerstören, sondern klarstellen, aufbauen, aufrichten und den rechten Weg weisen. Dazu helfe uns der allmächtige und allbarmherzige Gott.

drucken