Lernt Gutes zu tun

Unser Buß- und Bettag hat keine lange Tradition: 1,5 Jahrhunderte etwa. Er wurde vom Kaiser erfunden mit dem Hintergedanken, dass es ja nicht schlecht sei, das Volk ein wenig büßen und beten zu lassen. Korrekt müsse man allerdings ergänzen, dass es Buß- und Bettage schon immer gab in der Geschichte der Religionen. Sie wurden allerdings meist spontan angesetzt, bei Katastrophen und Notlagen, vergleichbar mit einer Staatstrauer.

Wäre es darum nicht auch endlich an der Reihe den Buß- und Bettag abzuschaffen als Feiertag, der dann doch nicht arbeitsfrei ist (in den meisten Regionen der Republik)?

Zu bedenken ist aber auch, ob der Gottesdienst am nicht-staatlichen Buß- und Bettag ein Anfang ist für Gottesdienste, die in einem zeitlichen Rahmen stattfinden, den der Gesetzgeber eigentlich nicht mehr schützen will. Manchmal gewinnt ja der Eindruck Raum, die Gewerkschaften haben mehr Interesse am freien Sonntag als die Kirchen und diese wiederum mehr als die Politik. Vielleicht auch, weil es dem Wahlvolk – also uns – im Moment recht egal ist. Darum vielleicht dieser Gottesdiensttag als Modell der Zukunft: Gottesdienst während andere arbeiten oder shoppen.

Der Prophet Jesaja vor 2700 Jahren jedenfalls benutzt einen der Bußtage seines Volkes um aufzutreten und Gottes Wort mitten hinein in die Wirklichkeit der Menschen zu sagen. Und seine Kritik trifft uns wörtlich überhaupt nicht, sachlich vielleicht um so mehr.

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Der Gottesdienst ist tot – so lautet sein Urteil. Zumindest der Gottesdienst, den die Gemeinde für den eigentlich Richtigen hält. Das beschäftigt mich sehr. Klar sind wir davon abgekommen, Tiere zu schlachten, um sie unserem Gott darzubringen. Dafür essen wir sie viel zu gerne selber.

Und auch sonst hat sich an unserem gottesdienstlichen Ritual in den letzten 2,5 Jahrtausenden Einiges geändert. Aber Eines bleibt: Damals feierten die Menschen einen Gottesdienst, in dem sie sich Gott besonders nahe glaubten, so wie wir heute auch. Sie feierten so, wie es ihre Weisheit für gut und richtig erachtete, nicht ohne Vieles von anderen Religionen abzuschauen, weil das, was Andere machen ja so verkehrt nicht sein kann.

Gott hat sein vernichtendes Urteil gesprochen, aber welchen Gottesdienst hat er gemeint. An seinem Urteil müssen wir uns messen lassen – und dürfen wir wirklich so sicher sein, dass er uns nicht gemeint hat?

Die Gottesdienste werden nicht abgelehnt, weil etwas an ihrer Struktur falsch wäre, sondern weil die Einstellung nicht stimmt.

Ein Gottesdienst kann negativ werden, wenn er zur Routine erstarrt, wenn er seinen Finger nicht mehr in Wunden legt und wenn er Gläubige nicht mehr ermutigt, zu beten und gegen das Unrecht aufzustehen.

Ziel ist eine umfassende Umkehr. Die Menschen sollen sich ändern. Am Ende der Friedensdekade, 10 Tage nach dem Jubiläum der Reichspogromnacht werden wir deutlich gefragt: Was ist mit deiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit? Was ist mit deiner Haltung zu Gewalt und Hetze gegen Minderheiten? Was ist mit deinem Lebensstil und Gottes Gebot? Eine Umkehr ist möglich, sonst würde der Appell in V. 17 keinen Sinn ergeben: Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache. Aber die Umkehr muss auch eine Richtung bekommen, eine neue Richtung.

Der richtige Gottesdienst lässt sich also nur in enger Verbindung zum Alltag finden. Das heißt nicht, dass wir keine Sonntagsgottesdienste mehr brauchen, aber Gottesdienste ohne Alltage sind nichts. Der im Gottesdienst geäußerte Glaube braucht die alltägliche Praxis, sonst ist er Müll, der Gott stinkt.

Gott lässt sich nicht besänftigen durch Gottesdienste, Opfer und gute Werke. Das ist in der Kirche der Reformation eigentlich selbstverständlich. Aber manchmal machen wir daraus die Vorstellung: Alles ist verzichtbar. Es genügt, getauft zu sein. Dagegen protestiert der Prophet Jesaja im Namen Gottes: Das Leben, der Lebensstil müssen es schon sein. Drunter tut er es nicht.

Ziel ist der letzte Vers: Lernt Gutes zu tun. Nicht um Gott zu gefallen, sondern um Gottes Willen zu tun. Weil er Euch an seinen Tisch einlädt, könnt Ihr zu einem neuen Leben umkehren.

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