Im Glauben liegt eine Macht, Menschen zu verändern

Liebe Gemeinde am Volkstrauertag!

Mit dem heutigen Tag beginnt eine dunkel gefärbte Woche. Heute erinnern wir uns an die Kriegsopfer. Am Buß- und Bettag denken wir daran, dass nach Martin Luther das Leben des Christen eine ständige Buße sein soll. Und am Totensonntag denken wir an die Verstorbenen. Wenn man morgens aufsteht ist es noch dunkel. Manchmal bleibt der ganze Vormittag neblig und trüb. Dunkle Tage im November wie jedes Jahr.

Wir Menschen mögen die dunklen Tage und düsteren Themen nicht. Weihnachten ist viel beliebter.

Und doch, wir brauchen auch solche Tage. Denn das Düstere und Dunkle ist doch da in unserem Leben. Wir Deutschen haben zwei Weltkriege angefangen. Diese Kriege haben viel zu viel Leid in die Welt gebracht haben. Wenn wir ins Ausland fahren, dann werden wir damit manchmal noch in Verbindung gebracht. Überall in Europa gibt es die Erinnerung. Zum Beispiel die Bunker an der französischen Küste oder die Gräberfelder in Nordfrankreich. Wenn ich das sehe, muss ich immer wieder daran denken, wie jung die Männer waren, die damals auf das angebliche Feld der Ehre geschickt wurden. Unsere deutsche Gesellschaft hat aus den großen Zerstörungen gelernt. Seit soviel Jahrzehnten gibt es keinen Krieg mehr hier bei uns in Europa. Wir können nur dankbar dafür sein.

Die europäischen Völker haben aus der Katastrophe gelernt. Und für uns persönlich gilt: wir können aus dem lernen, was uns persönlich an Dunklem und Düsterem zugemutet wird.

Trauer und Abschied sind ständige Aufgaben unseres Lebens. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte unseres Landes ist unvermeidlich. Wir erleben Leid. Und wir wissen, dass wir sterbliche Menschen sind.

Das Dunkle und Düstere ist da. Und wenn wir den Stier bei den Hörnern fassen, wenn wir uns vor Gott mit diesem Dunklen und Düsteren auseinandersetzen – dann wird uns das Licht Gottes begegnen. Dann wird es geschehen, dass uns die Nacht leuchtet wie der Tag, wie es in der Bibel versprochen wird.

Unser Predigttext für den heutigen Volkstrauertag steht in 2. Korinther 5,1-10. Der Apostel Paulus schreibt:

[TEXT]

Der Apostel Paulus sagt hier: Wir müssen leiden und wir werden sterben. Unser irdisches Zelt wird abgebrochen und wir bekommen eine himmlische ewige Wohnung. Dazu müssen wir das jetzige irdische Zelt uns wegziehen lassen wie ein altes Kleid. Nur dann können wir mit dem neuen Kleid überkleidet werden.

Paulus redet davon, dass unser Körper ein vergänglicher und sterblicher Körper ist. In diesem vergänglichen Körper stöhnen wir laut. Und doch wollen wir uns dieses alte irdische Zelt nicht wegziehen lassen. Dabei müssen wir doch erst entkleidet werden, um dann überkleidet zu werden. Das alte, vergängliche Zelt, wird von uns weggezogen und dann wird ein anderes, ewiges Zelt unsere Nacktheit bedecken. Natürlich wollen wir leben. Und wir klammern uns fest an unserem Leben hier in der Welt. Aber Paulus meint noch etwas anderes. Wir wollen auch keine Veränderungen, wo Veränderungen uns doch manchmal gut tun würden.

Alle kennen den Satz: Jede Krise ist eine Chance. In einer Familienkrise steckt die Chance, dass man nun die Probleme wirklich angeht und sie löst. In unsere Finanzkrise steckt die Chance, dass wir wirklich überlegen, welche Welt wir wollen und wie wir sie gestalten können und uns nicht einfach von wirtschaftlichem Druck treiben zu lassen wie von einem wildgewordenen Monster, das niemand beherrschen kann.

In jeder Umbruchphase des Lebens, die mich erschüttert, steckt die Chance, anders und besser und menschlicher und glücklicher zu leben.

Der Gemeindebrief, der diese Woche wohl noch aus der Druckerei kommt, hat das Thema „Neu anfangen“. Jedes Jahr fangen wir neu an und überlegen uns, was wir in diesem Jahr anders machen wollen. Damit wir das dann auch tun müssen wir wahrnehmen, dass wir etwas altes nicht mehr wollen. Dass es uns nicht gut tut so weiter zu machen wie bisher. Wichtige Änderungen nehmen wir dann vor, wenn wir merken: das ist jetzt wirklich dran. Und dazu hilft es uns, das Dunkle und Düstere in uns und in unserem Leben wahrzunehmen.

Wir müssen entkleidet werden. Manchmal müssen wir etwas altes aufgeben. Natürlich wehren wir uns erst einmal dagegen. Wenn uns eine Veränderung aufgezwungen wird, ein lieber Mensch stirbt, ein Kind auszieht, eine Trennung ansteht, an der Arbeit sich etwas grundlegendes ändert – dann wollen wir das nicht. Aber manchmal sind wir einfach gezwungen uns damit abzufinden. Und es kann sein, dass in all den Schwierigkeiten sich neue Wege auftun.

Aber nicht nur äußere Zwänge bewirken Veränderungen in unserem Leben. Manchmal kommt der Impuls für die Veränderung auch von innen. Wenn wir uns darauf einlassen, dann können wir darin die freundliche Hand Gottes sehen. Wir können uns dann öffnen für die nötigen Veränderungen.

Paulus sagt: Während wir in diesem Zelt leben, stöhnen wir und haben es schwer. Wir wollen uns ja dieses Zelt nicht wegziehen lassen, sondern lieber das andere darüber ziehen.

Wir alle wissen: Veränderung, die eigentlich gut für uns sind, können sehr schmerzhaft sein.

Ich erzähle ihnen jetzt einmal etwas von einer Veränderung, die mir furchtbar schwer gefallen ist.

Ich bin ein jähzorniger Mensch. Vor allem beim Spielen kann ich mich richtig aufregen. Ich habe hier das Erbe meines Vaters zu verarbeiten. Er war auch jähzornig und das war für uns Kinder nicht einfach. Ich weiß nicht, ob ich den Jähzorn über meine Gene geerbt habe oder ob das Beispiel meines Vaters den bewirkt hat, wahrscheinlich von beidem etwas. Ich weiß nur, dass man in der Erziehung der eigenen Kinder leicht solche Erfahrungen wiederholt. Ich kann nur sagen: es ist eine starke Macht, so ein Jähzorn. Sie wissen ja, dass wir immer Boule spielen am Sonntagnachmittag. Früher konnte meine Frau mich nicht ansprechen und erreichen, wenn ich richtig wütend war. Heute kann sie mich ansprechen und ich komme runter. Wie kam es dazu?

Ich habe vor einigen Jahren gemerkt, dass der Zorn eine Sackgasse ist. Ich habe gemerkt, dass ich irgendwie den Zorn an Gott abgeben muss.

Der Wendepunkt war, dass ich in eine Sackgasse geraten war. Und Sie können sich das gut vorstellen: was mache ich, wenn es nicht mehr weiter geht. Vor mir ist nur eine Wand. Ich kann stehen bleiben. Ich kann gegen die Wand treten. Ich kann mich hinsetzen und heulen oder aus lauter Frust sehr viel Essen und Trinken. Oder ich kann umkehren. Den Rückweg antreten. Meinen Zorn an Gott abgehen. Und mich vom ewigen Licht erneuern und verändern und heilsam verwandeln lassen.

Ich kann nur sagen: es wirkt. Es wirkt unglaublich. Wir können tatsächlich uns ändern. Wir können den alten Menschen ausziehen und einen neuen Menschen anziehen. Wir können so werden, wie wir von Gott gedacht sind. Jedenfalls ansatzweise und ein wenig und wir können immerhin die ersten Schritte in die richtige Richtung gehen.

Sie können meine Frau fragen ich habe zumindest ansatzweise gelernt, meinen Jähzorn zu beherrschen. Dazu gehört viel Selbstkritik. Sicher scheitere ich immer wieder. Und ich muss Gott darum bitten, tief in mein Unbewusstes mit alten Verletzungen hinein heilend zu wirken. Es ist das langer Weg. Aber meine Frau kann bestätigen, dass ich mit den Jahren schon milder geworden bin.

Im Glauben liegt eine Macht, Menschen zu verändern. Die Jahreslosung für das Jahr 2009 lautet: Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubt. Und ich habe tatsächlich die Erfahrung gemacht. Im Glauben liegt eine Heilungskraft, die ist größer als die zerstörerischen Kräfte, die aus der Kindheit und aus alten Erfahrungen kommen.

Wir alle sind dazu aufgerufen, den Weg zu gehen, der jetzt für uns dran ist. Wie können wir jetzt schon das Leben, das auf uns wartet, in die Tat umsetzen. Wie können wir jetzt schon überkleidet werden mit dem ewigen und himmlischen Zelt? Wie können wir jetzt schon so werden, wie wir eigentlich sein sollen?

Nach Paulus fängt das neue Leben, das Gott für uns bereit hält, jetzt schon an. Noch stecken wir in alten und vergänglichen Dingen, die uns stöhnen lassen. Aber wir können uns öffnen für das neue Leben von Gott her.

Und jede Erschütterung, jede Krise kann uns helfen, das alte Zelt abzustoßen. Ich finde, Volkstrauertag ist die Erinnerung daran, dass aus ganz Schlimmem und Dunklem und Düsteren am Ende doch etwas Gutes erwachsen konnte. Was da Gutes entstanden ist, konnte man damals, als man mitten in der Katastrophe steckte, nicht sehen. Das war wie eine völlig andere Welt.

Und doch war damals schon der Keim des gelingenden Lebens da. Damals entstand die Chance auf eine so lange Friedenszeit, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben.

So ist es auch bei uns, in unserem persönlichen Leben. Wir alle Christinnen und Christen haben die Aufgabe, die allmählich zu werden, die wir in Gottes Augen schon längst sind. Wir sind schon Gottes geliebte Kinder. Wir sind schon fähig, Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, der Liebe und des Vertrauens zu leben und weiterzugeben.

Wir müssen nur all das Alte, was uns behindert, loslassen wie ein altes Kleid. Eigentlich sollte es uns leicht fallen. Es bringt uns doch eh nur zum Stöhnen.

Aber der leider ist der Weg zu dem himmlischen Zelt, das uns überkleidet und so sein lässt, wie wir gedacht sind, nicht einfach. Es ist eine lebenslange Aufgabe, die da vor uns liegt. Es ist ein anstrengender Weg, aber er führt uns aus dem Stöhnen zu wirklicher Lebendigkeit vor Gott und angefüllt mit der lebendigen Geistkraft.

Möge unser Weg gelingen.

Und der Friede Gottes …

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