Der Pfarrer, der sündigte …

Liebe Gemeinde,
ein junger Türke kommt zu einem Pfarrer. Er sagt zu ihm: „Ich möchte mich taufen lassen.“
Der Pfarrer fragt zurück: „warum wollen Sie sich denn taufen lassen?“
Daraufhin erzählt der Türke, dass er bald heiraten will. Seine Braut kommt aus einem sehr christlichen Elternhaus und darf nur einen Christen heiraten. Er selbst fühlt sich schon seit längerem vom Christentum angezogen, weil es, wie er sagt, eine bessere Religion ist als die seine. Zudem kann es ihm passieren, dass er als unerwünscht abgeschoben wird, weil sein Asylantrag abgelehnt wurde. In der Türkei besteht aber für ihn Lebensgefahr, weil er ein Kurde ist. Wenn er nun heiraten kann – christlich heiraten kann, dann dürfte die Gefahr gebannt sein.
Der Pfarrer hat schweigend zugehört. Dann antwortet er: „Tut mir leid, ich kann Sie nicht taufen!“
„Warum?“ fragt der Türke ganz erstaunt. „Ich glaube“, sagt der Pfarrer, „dass das alles nur vorgeschobene Gründe sind. Bei der Taufe geht es um ernste Dinge. Damit darf man nicht einfach so leichtfertig umgehen. Auf die Taufe muss man sich vorbereiten, muss die Dinge des Glaubens wissen!“
„Aber ich weiß doch Einiges“, sagt der Türke, „fragen Sie mich doch!“
„Na gut“, meint der Pfarrer, „wenn es Ihnen Spaß macht, dann sagen Sie mir doch das Glaubensbekenntnis auf!“
Und der Türke fängt an und sagt: „Ich glaube an Gott, den Vater …“ und so weiter.
„Hm, ja“, sagt der Pfarrer und kratzt sich nachdenklich am Kopf, „erklären Sie mir die Dreieinigkeit!“
Der Türke sagt: „Das ist ein Gott. Der zeigt sich in drei verschiedenen Gestalten: Als Gott, Vater, der die Welt erschaffen hat. Zeigt sich aber auch als Gott Sohn, der als Mensch unter Menschen gelebt hat. Und als Gott Heiliger Geist, der bei Taufe dabei ist, der uns im Leben begleitet. Er ist aber trotzdem nur ein Gott, keine drei!“
Der Pfarrer bläst die Backen auf und schnauft. „Das ist schon richtig, aber ich kann Sie trotzdem nicht taufen. Das geht einfach nicht!“
„Aber warum denn nicht?“ fragt der Türke ganz verzweifelt zurück. „Sie haben doch gehört, was ich über den Glauben weiß. Und Sie haben doch selbst gesagt, dass es richtig ist. Warum können Sie mich dann nicht taufen?“
„Für die Taufe braucht es eine lange Vorbereitung“, erwidert der Pfarrer. „Außerdem muss ich in Ihrem Fall erst meine Vorgesetzten fragen, und außerdem: Es geht einfach nicht!“
„Eine letzte Frage“, sagt der Türke, „wenn ich jetzt Deutscher wäre, könnten Sie mich dann auch nicht taufen?“
„Das“, ereifert sich der Pfarrer, „ist doch etwas ganz anderes. Das lässt sich gar nicht vergleichen. Natürlich würde ich einen Deutschen taufen. Aber bei Ihnen weiß man ja nicht so genau, was dahinter steht!“
Mit diesen Worten schließt der Pfarrer die Türe vor dem Türken.

Liebe Gemeinde, der Schriftsteller Günter Wallraff hat sich in den siebziger Jahren als Türke verkleidet gehabt und hat genau dieses unglaubliche Erlebnis gehabt. Ob der Pfarrer, als das Buch „Ganz unten“ erschien, wohl Gewissensbisse hatte? Oder ob er wohl immer noch dachte, ganz richtig gehandelt zu haben?
Solche Menschen wie diesen Pfarrer meint Jesaja, wenn er von den Herren von Sodom redet. Denn auch wenn wir keine Brandopfer oder Speiseopfer bringen, so sind wir dennoch angeredet. Der Pfarrer hält sich ja nur an die Regeln: Wer als Erwachsener getauft werden will, muss das und das erfüllen. Und er glaubt einfach nicht, dass der Türke es ernst meint. Muss er ihm die Taufe nicht einfach verweigern?
Doch genau gegen eine solche Haltung wendet sich unser Predigttext. Es geht nicht darum, Regeln zu halten, Brandopfer zu bringen, Feste zu feiern, sich christlich zu nennen, sondern wir Menschen sollen Gutes tun. Gutes, das heißt: „Trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!“
Nun können wir natürlich sehr leicht sagen: „Der Pfarrer hat sie ja nicht mehr alle! Er müsste doch helfen, zumal der Türke ja von Abschiebung bedroht und damit der Verfolgung ausgeliefert war!“ Es ist leicht, auf die anderen zu zeigen und zu sagen: „Du hast das falsch gemacht!“ Doch uns geht es eigentlich genauso. Auf uns deuten die anderen mit ihren Fingern und sagen: „Was hat er da wieder angestellt?“

Wir feiern heute Buß- und Bettag. Heute ist die Möglichkeit, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen: Mit dem, was wir falsch gemacht haben, mit dem, was wir an Gutem versäumt haben. Denn Dreck am Stecken haben wir alle. Zumindest vor Gott kann sich keiner von uns sicher fühlen. Vielmehr müssen wir uns fragen:
Wo habe ich Menschen getäuscht, enttäuscht?
Wo habe ich Menschen allein gelassen, ihnen nicht geholfen?
Wo habe ich Menschen belogen oder betrogen?
Wo war ich selbstgerecht, war stolz auf mich?
Wo habe ich mich vor Verantwortung gedrückt?
Wo habe ich Zeichen der Liebe unterlassen?
Wo habe ich gegen Gottes Satzungen und Gebote verstoßen?
Zusammengefasst: Wo habe ich gegen Gott gesündigt?

Wenn wir uns heute bewusst mit unseren Fehlern, mit unseren Sünden beschäftigen, dann merken wir sehr schnell, dass wir gar nicht auf die anderen zeigen müssen: Dass unsere Sünden schon schlimm genug sind! Und wir entdecken, dass wir vor Gott keine Chance hätten. Doch Gott will genauso wenig unsere Selbstvorwürfe, unsere Selbstzerfleischung. Um uns mit sich zu versöhnen, hat er seinen Sohn Jesus Christus auf diese Welt geschickt, damit der unser Bruder werde. Er hat mit uns unser Leben geteilt. Er hat sich für uns kreuzigen lassen. Er hat unsere Fehler auf sich genommen, damit wir vor Gott bestehen können. Nun dürfen wir uns rein fühlen, trotz allem, was wir in unserem Leben so anstellen.
Wenn ich den Pfarrer aus dem Beispiel so betrachte, entdecke ich an ihm viele Züge, die mir bekannt vorkommen, weil ich ähnlich bin. Weil ich manche Dinge aus meinen eigenen Vorurteilen nicht tue, weil mein Christsein manches Mal auf dem Papier steht, aber nicht verwirklicht wird. Jesaja sagt: „Tut Gutes, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!“

Weil ich mich als von Gott angenommen erkenne, weil ich weiß, was Gott für mich getan hat, weil ich Jesu Opfertod für mich annehme, deshalb will ich versuchen, so zu handeln. Ich will lernen, Gutes zu tun, wie es Jesaja mir mahnend sagt. Und ich bin mir sicher, Gott hilft mir auch dabei.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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