Wir leben nicht in unseren Kirchen

Liebe Gemeinde,

in jedem Gottesdienst kommt es vor: Am Ende, noch vor dem Vater Unser, bitten wir Gott für andere. Wir halten Fürbitte. Wir bitten für Kranke, für Notleidende oder auch für Menschen, die eine große Aufgabe zu bewältigen haben. All das ist für uns Christen ganz normal. Die Fürbitte ist ganz selbstverständlich im christlichen Rahmen, denn die Fürbitte ist ein wesentlicher Teil unseres Glaubens. Das Fürbittengebet zeigt uns, dass wir nicht nur auf uns selbst bezogen leben und handeln. In der Fürbitte drückt sich unser Verhalten und unsere Verantwortung gegenüber anderen Menschen und auch gegenüber der Welt aus. Wir leben ja nun mal mit anderen Menschen zusammen und können also nicht so tun, als sähen wir manche Missstände nicht. Wir leben nicht in unseren Kirchen und Gemeindehäusern. Wir schließen auch nicht die dicken Kirchentüren zu und treffen uns als exklusiver Zirkel. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Denn Christen stehen mitten in dieser Welt und sind darum auch für diese Welt mitverantwortlich.

Liebe Gemeinde, jetzt gibt es in einem Leben immer wieder unterschiedliche Phasen. Mal hat man mehr, mal weniger mit sich zu tun. Manchmal hat man noch genügend Kapazitäten frei und kann sich verstärkt um andere Menschen kümmern, aber manchmal stürzt so vieles auf einen ein, dass man froh ist, wenn man seine eigenen Dinge einigermaßen geregelt bekommt. Das ist aber kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Jeden Sonntag hat das Fürbittengebet seinen Platz im Gottesdienst. Wenn man mal nicht kann, dann kann man sich in diesem Punkt getrost auf andere verlassen. Denn die Fürbitte wird immer gehalten. Die Fürbitte als deutlich spürbarer Ausdruck christlichen Lebens und Handelns ist noch dazu eine ganz alte Tradition und ist schon im Alten Testament zu finden. Der Predigttext für den heutigen Tag gibt uns ein Beispiel für eine solche Fürbitte. Es ist die Geschichte um Sodom und Gomorrha, und die drohende Vernichtung der Stadt, die Abraham dazu treibt, bei Gott Fürsprache zu halten. Das schöne an dieser Geschichte ist, dass Gott diese Fürsprache hört. „Im zweifel für den Angeklagten!“ So könnte die Überschrift für den heutigen Predigttext lauten. Ich lese aus dem 1. Buch Mose, aus dem 18. Kapitel die Verse 20-33.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, der Predigttext ist ein Plädoyer für eine leidenschaftlich vorgetragene Fürbitte. Denn man mag uns Christen bisweilen vorwerfen, dass wir blutleer und kraftlos sind. Unseren Wurzeln, in diesem Fall Abraham, kann man mangelnde Einsatzbereitschaft sicherlich nicht nachsagen.

Der Erzvater steht vor dem Höchsten, vor Gott, und feilscht mit eben diesem Gott um die Menschen in Soddom und Gomorrha. Ich sage ganz bewusst feilschen, denn dieses Wort beschreibt für mich eine ganz konkrete Handlung. Wer von Ihnen oder von euch schon einmal auf einem orientalischen Basar war, der weiß, dass man dort ganz gehörig feilschen kann. Aber man kann nicht mit sich alleine feilschen. Was man dazu braucht ist ein Partner, der überhaupt erstmal verhandeln will. Ein schöner Aspekt an dem heutigen Predigttext ist, dass er uns einen solchen aktiven und verhandlungswilligen Partner mit Gott vorstellt. Gott ist also nicht bloß eine statische Figur, mit der man nicht reden kann, sondern ein zuhörender Gott. Eben einer mit dem man reden kann.

Und weil Gott ein Gott ist mit dem man reden kann, lässt er sich auf die Fürbitte Abrahams ein und gewährt ihm jedes mal aufs Neue, seine Bitten. Sie und ihr habt es gehört: Abraham bittet ja nicht nur ein einziges mal, sondern er testet wie weit er gehen kann. Und indem Abraham die Zahl der zu findenden Gerechten auf 10 minimiert erhöht er die Chancen auf Rettung für alle. Von fünfzig auf zehn. Abraham läßt nicht locker, sondern er setzt nach. Er spürt, dass da mehr drin ist und am Ende ist er am Ziel. Er hat Gott darum gebeten, dass wenn er 10 Gerechte in Soddom und Gomorrha finden kann, die Stadt um diese zehn Menschen Willen nicht zerstört werden. Abraham verhandelt mit Gott. In diesen Tagen verhandeln die mächtigsten und wichtigsten Frauen und Männer mit anderen mächtigen und wichtigen Frauen und Männern und man selber hat nur vage Vermutungen darüber, wie solche Verhandlungen ablaufen. Ab und zu dringt etwas von diesen Verhandlungen nach außen. Der Text um Abraham und Gott kann helfen, etwas Licht in diese unbekannte Zone zu bringen. Denn einer von uns, als diesen möchte ich Abraham sehen, einer aus unserer Mitte, steht plötzlich im Rampenlicht und hat nicht nur mit den Mächtigen zu tun, sondern sogar mit dem Mächtigsten. Was man daran sieht ist, dass es gut ist, beharrlich zu sein. Abraham ist beharrlich und er gibt nicht auf. Von 50 auf 10 steht am Ende seiner Bitte.

Ich kann nicht sagen, ob Abraham Angst hat oder ob er sich unwohl fühlt. Was ich sagen kann, dass er in seiner Fürbitte solidarisch handelt. In diesen Tagen, in den Tagen der Bankenkrise, verhandeln nicht nur wichtige Menschen mit anderen wichtigen Menschen, weil einige Menschen in schicken Anzügen und hohen Häusern Fehler gemacht haben. In diesen Tagen gerät eine ganze Berufsgruppe unter einen Pauschalverdacht. Jeder darf mal drauf hauen auf die Banker; alle haben es jetzt gewusst und in unserer öffentlichen Welt werden stündlich andere Menschen, vorrangig als Schuldige bezeichnet, an den medialen Pranger gestellt.

Wenn wir den Predigttext noch im Ohr haben und beeindruckt sind von der Art und Weise wie Abraham hier nicht nach gibt, dann sind wir nicht nur beeindruckt von der Vehemenz, sondern – so hoffe ich – doch auch von der sich in diesen Fürbitten widerspiegelnden Solidarität mit den Anderen. Denn wenn nur 10 Gerechte gefunden werden, dann werden doch auch alle Ungerechten mit gerettet. Abraham zeigt Engagement für eine gottlose Gesellschaft; Soddom und Gomorrha sind die Beispiele für das sündige Verhalten schlechthin. Aber Abraham setzt sich für die Gerechten ein und damit auch für die Ungerechten. Wie soll man das auch immer trennen? Simul iustus et peccator sagt Martin Luther über das Wesen der Christenmenschen. Zugleich Sünder und Gerechtfertigter. Beides in einer Person. Schubladendenken hilft uns nicht weiter. Schwarz und weiß als Maßstab des Richtens steht uns nicht zu. Solidarität ist gefordert.

Abrahams Solidarität mit allen in Soddom und Gomorrha soll uns Beispiel sein in unserem Handeln. Sicher ist es verwerflich, was in der Stadt geschieht und geschehen ist. Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. Aber wenn Abraham die Stadt einfach sich selbt überlassen würde, was wäre dann gewonnen? Es wäre nichts gewonnen. Aber nur zusehen und nichts tun, das ist nicht christlicher Auftrag. Unsere Aufgabe ist es, dass wir uns einmischen, dass wir aktiv werden und dass wir handeln. Unsere Aufgabe ist es nicht, den nächsten Sündenbock zu finden. Wir sollen im Vertrauen auf Gott, der uns hört, in dieser Welt unser Möglichstes versuchen um sie zu einem etwas besseren Ort zu machen. Ein Instrument dafür ist die Fürbitte. Das Beispiel Abraham zeigt uns, dass man viel erreichen kann. Mit Beharrlichkeit und Ausdauer und mit einer guten Portion Solidarität.

Letztlich sieht es ja so aus, liebe Gemeinde, Abraham bittet für alle und weil wir nicht in unseren Kirchen leben, sondern in der Welt, wäre es mehr als verwerflich, wenn wir diese Welt und die Menschen in ihr, egal, ob diese nun Gutmenschen sind oder Millionen verbrennen, (wobei ich nicht weiß, ob man das trennen muss) sich selbst überlassen würden.

Ein besseres Plädoyer für die Fürbitte als diesen Text kann ich nicht finden. Jetzt kommt es auf uns an, diesem Beispiel zu folgen und Fürbitte zu halten. Und wir tun dies in dem Wissen darum, dass auch für uns Fürbitte gehalten wird am Ende aller Zeiten. Denn die 10 Gerechten sind nur der Anfang, am Ende bittet nur noch einer für uns und die Welt. Am Ende wird Jesus Christus der Fürbitter sein.

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