Lässt Gott mit sich reden?

Liebe Gemeinde,

lässt Gott mit sich reden? Nein, werden jetzt einige denken. Gott lässt nicht mit sich reden. Was habe ich gebetet damals als mir dieses Unglück passiert ist, und was habe ich erfahren? Ich konnte nichts anderes tun als das Schlimme hinnehmen und sehen wie ich damit fertig werde. Nein, Gott lässt nicht mit sich reden. Gott tut unverständliche Dinge und wir Menschen müssen uns damit abfinden. Gott ist groß, seine Beschlüsse sind unfassbar und wir müssen stille sein und uns darein fügen.

Vielleicht denken andere: Ja, natürlich lässt Gott mit sich reden. Damals als dieses Unglück passiert ist, habe ich Gott gebeten, dass alles wieder gut wird. Und es ist wieder gut geworden. Gott hat meine Gebete erhört und hat mir geholfen. Ich bin so dankbar. Wenn ich an damals zurückdenke als ich fast keine Hoffnung mehr hatte und das vergleiche mit heute. Ja, Gott hat alles zum Guten gewendet.

Wer hat nun Recht. Die einen oder die anderen?

Sehen wir uns erst einmal den Predigttext für heute an. Er steht in 1. Mose 18,20-33:

[TEXT]

Unser Predigttext sagt: Gott lässt mit sich reden. Gott lässt erstaunlich unverschämt mit sich reden. Die Salamitaktik, die Abraham hier anwendet ist ja schon fast respektlos. Man fühlt sich wie auf dem Basar. Abraham probiert aus wie weit er Gott herunterhandeln kann bevor dieser sauer wird und die Beziehung abbricht. Und Abraham traut sich was. Er handelt die Zahl der Gerechten, die nötig ist um die Stadt zu retten von 50 auf 10 herunter.

Und Gott macht dabei mit.

Also ist Gott nicht das unveränderliche Schicksal, das man halt hinnehmen muss. Gott ist ein Gegenüber, das sich beeinflussen lässt. Gott ist eine Person, die auf unsere Gebete hört. Unser Predigttext ist an dieser Stelle eindeutig! – oder doch nicht? Können wir glauben, dass Gott mit sich reden lässt? Ich weiß nicht wie es ihnen geht. Ich kann das nicht immer glauben. Es ist schwer zu glauben, wenn man gerade jemand Wichtiges verloren hat und noch unter Schock steht. Dann ist die Welt verschlossen und Gott erscheint ganz weit weg oder unbegreiflich feindselig zu sein. Widerspricht das unserem Predigttext? Nein, ich glaube nicht. Der Gott in unserem Predigttext ist nicht einfach nur lieb und gutmütig. Schließlich ist er gerade dabei eine Stadt zu vernichten, weil Mord, Raub und Vergewaltigung dort alltäglich sind. Der Gott unseres Predigttextes ist nicht ungefährlich. Die Geschichte nach dem Predigttext geht übrigens so weiter, dass sich in Sodom und Gomorra keine 10 Gerechten finden und Gott die Stadt durch einen Vulkanausbruch vernichtet. Abraham spricht Gott an als den gerechten Richter der Welt. Und zu seinem Richten gehört, dass Gott bestraft und belohnt und vergibt und Menschen die Konsequenzen ihrer Taten tragen lässt. Richter üben Macht aus. Der Gott, mit dem Abraham hier verhandelt, ist mächtig und duldet keineswegs, dass man ihm auf der Nase herumtanzt. Der Gott, mit dem Abraham hier redet wie mit einem Freund, der ist gleichzeitig diejenige Person, die die Welt geschaffen hat und lenkt, und die soviel größer ist als wir uns das vorstellen können. Dieser Gott trifft manchmal Entscheidungen, die wir nicht verstehen. Wir können nicht erwarten, dass wir begreifen was Gott tut und warum er das tut. Und manchmal erscheint uns dieser Gott wie ein dunkles Schicksal, dem wir nicht gewachsen sind. Dagegen können wir nichts tun. Das ist so. Und dann können wir fragen warum, warum gerade ich? Und möglicherweise bekommen wir keine Antwort. Aber trotzdem hilft es zu fragen. Trotzdem hilft es auf Gott zuzugehen, auf Gott einzureden, Gott das zu klagen, was uns bedrückt und wir nicht begreifen können. Denn dann kann das Schicksal sich wenden, kann zumindest unser Inneres sich wenden und geheilt werden.

Und dann erfahren wir Gott vielleicht auch anders.

Und zum Glück ist das Leid und das Unglück ja nicht alles in unserem Leben. Unser Leben enthält ja auch Glück und Freude. Oft genug erfahren wir Gott als eine Person, die es gut mit uns meint. Oft genug antwortet Gott auf unsere Gebete. Oft genug stellen wir Fragen und bekommen eine Antwort. Wenn Gott uns sein Gesicht zuwendet, dann erfahren wir Gott als jemand, der mit sich reden lässt. Dann ist die Macht Gottes nicht gefährlich und unberechenbar. Sondern die Macht Gottes ist Güte und Freundlichkeit. Gott erweist sich als eine Person, die unser Vertrauen verdient. Dann ist Gott zu uns wie eine Freundin, die uns tröstend in den Arm nimmt. Dann ist Gott wie ein ruhiger See im Sommer im Sonnenschein an dessen Ufer wir Wärme und Ruhe finden. Aber wie finden wir einen Zugang zu dieser hellen und liebevollen Seite Gottes? Das macht uns Abraham in unserem heutigen Predigttext vor. Abraham vertraut darauf, dass Gott eigentlich barmherzig ist. Abraham vertraut darauf, dass Gott eigentlich die Menschen, die in Sodom und Gomorra leben verschonen will und es ihm viel lieber wäre sie würden von selbst einsehen, dass sie die Gewalt beenden müssen. Und Abraham weiß, dass er dieses innere Wesen Gottes ansprechen kann. Abraham rechnet damit, dass Gott mit sich reden lässt. Und das stimmt dann ja auch.

Auch wir können damit rechnen, dass Gott mit sich reden lässt. Nichts ist ihm lieber als wenn Menschen zu ihm kommen, die etwas von ihm wollen. Gott hat uns als beziehungsfähige Wesen geschaffen und möchte dass wir diese Beziehungsfähigkeit auch ihm gegenüber anwenden. Gott will angesprochen werden gerade wenn wir bedürftig sind und alleine nicht weiter wissen. Dann können erstaunliche Dinge passieren.

Mir ist so etwas Erstaunliches vor ungefähr dreieinhalb Jahren geschehen. Ich war müde und verzweifelt weil von allen Seiten so viel Schlimmes auf mich eingestürmt ist, dass ich einfach nicht mehr konnte. Zuerst war das ganz weit weg von meinem Glauben. Und ich habe Gott mit meinem Unglück nicht in Verbindung gebracht. Ich habe gesagt: Ich bin schuld oder andere sind Schuld. Aber eines Tages habe ich wütend diese ganzen Probleme Gott vor die Füße geworfen. Erst mal hat das überhaupt nichts geändert und ich wurde nur noch wütender, weil ich dachte Gott antwortet sowieso nicht. Ich weiß gar nicht ob es ihn überhaupt gibt und wenn es ihn gibt ist er sicher mit etwas anderem beschäftigt, was schert er sich schon um meine Probleme. Was dann nächstes passiert ist, war etwas ganz unauffälliges. Ich bin jemandem begegnet, dem ich das alles erzählen konnte. Und mir wurde schon ein wenig leichter ums Herz. Und um so mehr ich erzählen konnte, um so mehr habe ich wieder Zugang zu Gott bekommen und um so einfacher wurde es, Gott wieder etwas mehr zu vertrauen. Irgendwann nach einigen Wochen hatte ich soviel Abstand von meinen Problemen bekommen, dass ich diese Last, die da auf meinen Schultern lag, ablegen konnte. Ich konnte sie in einem Gebet vertrauensvoll in Gottes Hände legen und mich ihm anvertrauen. Und da ist etwas geschehen, was mich einfach umgehauen hat. Mir wurde so leicht ums Herz. Es war um mich soviel Licht und Freude. Ich war davon völlig überrascht. So eine unmittelbar spürbare Antwort auf ein Gebet hätte ich einfach nicht für möglich gehalten. Das war der Anfang. Im Laufe der folgenden Jahre haben sich Schritt für Schritt der größte Teil der Schwierigkeiten aufgelöst. Ich habe seitdem versucht dabei zu bleiben, Gott mein Herz zu öffnen und mit Gott im Gespräch zu bleiben. Da gelingt natürlich im Alltag nicht immer. Aber ich möchte Sie heute ermutigen, das was Sie wirklich bewegt im Gebet vor Gott zu bringen und mit Gott über die wirklich wichtigen Dinge in Ihrem Leben ins Gespräch zu kommen. Und ich wünsche Ihnen dazu Geduld und Ausdauer. Und ich hoffe und bete, dass Sie dabei viele schöne Erfahrungen machen. Ich wünsche Ihnen, dass Gott antwortet und dass ihr Leben hell und freudig wird.

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