Khalil

Liebe Gemeinde!

„Da geht es ja zu wie in Sodom und Gomorra.“ Sprichwörtlich sind sie geworden, diese beiden Städte am Toten Meer. Sie stehen für Unordnung und Unmoral, Sünde und schamloses Treiben, Verderbtheit und … Sodom und Gomorra – da liegt es nahe, einmal nachzudenken, wo heute Zustände wie in Sodom und Gomorra herrschen. Und somit ist die Versuchung groß, den Finger so kräftig in die Wunden unserer Zeit und Gesellschaft zu stecken. Beispiele lassen sich schnell finden: z.B. der Handel und die Prostitution mit Frauen und Kindern oder ganz aktuell die ungerechten Strukturen der Weltwirtschaft. Das erscheint ja so nahe liegend: Hier Deutsche Bank und Hypo Real Estate, dort Sodom und Gomorra, alle durch ihr eigennütziges und unmoralisches Treiben zum Untergang bestimmt, Pech und Schwefel fallen vom Himmel wie der Dax und der DowJones vom Vortagestief in noch weitere ungeahnte Abgründe und die Politik versucht noch zu retten, was zu retten sich lohnt. Ja, das hätte was, diese Bilder in allen Farben auszumalen. Ja, ich kann darüber klagen oder wettern, kann mich und Sie fragen, wie sollen wir damit umgehen: stehen wir daneben, lamentieren über die große Sünde und fordern: Gott, du musst aber jetzt wirklich einmal mit ganzer Härte dreinschlagen.

Es ist etwas anderes, was mich an dieser Bibelstelle interessiert, was mich reizt, näher hinzuschauen: und das ist Abraham, der hier mit Gott ganz direkt im Gespräch, von Angesicht zu Angesicht verhandelt. so amüsant es uns auch erscheinen mag – Abraham feilscht mit Gott nicht um Dividenden und Zinsen, sondern um das Überleben seiner Familie! Was mich beeindruckt, ist

1. Abraham, dieser Vater im Glauben, dieses Vorbild des gottesfürchtigen Menschen sagt nicht "Ja und Amen" zu Gottes Beschluss über Sodom und Gomorra, diese Stätte der Sünde. Dieser Abraham fängt in guter orientalischer Manier an, mit Gott zu handeln und zu feilschen. Es könnten doch 50 Gerechte in diesen Städten sein, Gott. Na, oder vielleicht nur 45, oder wenn es nur 20 sind – oder doch vielleicht eher 10 Gerechte … Ich fühle mich versetzt auf einen orientalischen Markt, auf dem die Preise nicht festgesetzt sind, sondern sich je nach Angebot, Nachfrage und der Sympathie der Händler verändern. Darf man so mit Gott umgehen? Als guter Christ habe ich doch gelernt, dass Gott nicht mit sich handeln lässt. Wenn Gott…, dann … Aber Abraham hat offensichtlich Erfolg: Gott lässt sich auf dieses Feilschen ein. Gott stimmt dem zu: Na gut, wenn sich 50 Gerechte finden. Also, gut, 40 Gerechte würden auch reichen um die Stadt zu schonen. Oder 20? Schön, auch 10 Gerechte wenden den Beschluss. An dieser Stelle ist mir Abraham wirklich ein Vorbild im Glauben! Im Orient trägt er einen Beinamen, der viel mit dieser Geschichte zu tun hat: in der arabischen Sprache heißt dieser Abraham auch Khalil, der Freund, der Freund Gottes. Diese Freundschaft mit Gott macht ihn zu einem Beispiel für gelungene Gottesbeziehung, zu einem Vater im Glauben. Abraham stellt sich Gott an dieser Stelle in den Weg. Ein Freund darf so etwas machen, von einem Freund erwarte ich sogar, dass er mich von Dummheiten abhält. Er packt den Herrn an seiner Ehre: "Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? … Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, sodass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?" Abraham spricht wie ein Prophet, der eine Frage stellt, die nur eine Antwort zulässt. Und das Wunderbare geschieht tatsächlich: Gott lenkt ein und er verspricht, die Städte zu verschonen, sollte er auch nur Zehn darin finden, die er als Gerechte anerkennt. Was mich beeindruckt, ist

2. Abraham, dieser Vater im Glauben, löst die dämonischen Chiffren "Sodom und Gomorra" auf. Es geht ihm nicht mehr um die Städte, sondern um die Menschen, die darin leben. Hinter den Namen tauchen Gesichter auf. Modern ausgedrückt ginge es nicht mehr um die Achse des Bösen, z.B. den Irak, sondern es ginge um die Kinder, die dort aufwachsen und unter Bomben und Raketen, unter Angst und Hunger leiden. Es ginge um Frauen und Männer, ganz reale Menschen. Um reale Menschen geht es auch in der aktuellen Finanzkrise. Ein Pfarrer in Frankfurt hat daher in seiner Kirche einen Krug aufgestellt, in den "betroffene Banker, Anleger und andere Besucher" ihre Fürbitten werfen können. Pfarrer Myers, der amerikanischer Abstammung ist, verspricht, täglich für die Menschen zu beten. Im Jahr 1402 wurde genau gegenüber der Nikolaikirche die erste Bank Frankfurts gegründet. Nicht nur deswegen habe seine Kirche eine gewisse Verantwortung für die Banker. Laut dem Pressebericht sind nicht alle Besucher begeistert von der kirchlichen Hilfe für die Finanz-Jongleure. "Nicht zu fassen", sagt eine Frau, die entsetzt ist, dass für Aktienhändler gebetet werden solle. "Die sind doch selber schuld!" Das hat mich betroffen gemacht. Ist es nicht unsere Pflicht, Fürbitte halten, für jede und jeden. Sagt nicht Jesus: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“? (Lukas 6,27f) Was mich beeindruckt, ist

3. Abraham, dieser Vater im Glauben, gibt nicht auf. Er verhält sich so, wie der Apostel später seiner Gemeinde schreibt: „Seid beharrlich im Gebet!“ (Römer 12,12c) Konnte Abraham, der doch nichts als "Erde und Asche" ist, damit rechnen, dass Gott auf seinen Einwände eingehen würde? Und wenn sich Gott bewegen lässt, gibt es dann überhaupt noch etwas, vor dem wir machtlos dastehen müssten, auch in unserem eigenen Leben? Vielleicht finden wir uns ja mit manchem zu schnell ab und trauen uns und anderen zu wenig zu und vergeben so die Chance, etwas vom Schlechten zum Guten zu wenden. Vertrauen wir zu wenig darauf, dass Gott sich bewegen lässt? Abraham vertraute auf Gott und ging zurück an seinen Ort, heißt es am Ende.

Wie die Geschichte weitergeht? Gott schickt Boten nach Sodom, um nach den Gerechten zu sehen. Als sie von der Bevölkerung bedroht werden, warnen sie Lot und seine Familie vor der bevorstehenden Zerstörung und treiben sie zur Flucht. Und dann bricht die Katastrophe über die Städte herein. Scheinbar hat Gott noch nicht einmal zehn Gerechte gefunden. Dafür aber das Leben der wenigen gerettet, die sich zu ihm hielten: Lot, seine Frau und seine beiden Töchter.

Und noch etwas erkenne ich in dieser Geschichte. Sie deutet an, was später in Jesus konkret wurde: die bedingungslose Begnadigung aller um eines Menschen willen. Hätte Jesus mit Gott gefeilscht, er wäre nicht bei zehn stehen geblieben. Er hätte – und er hat ihn – auf einen heruntergehandelt.

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