Vom Blick eines Wütenden in die Hölle

Liebe Gemeinde!

Unser Predigttext scheint aus einer Zeit zustammen wie aus 1001-Nacht. Wo am Lagerfeuer alles möglich wird. Vielleicht kennen Sie das: Wo unser Auge die Außenwelt nicht erkennen kann, wo das Dunkel das Außen verschluckt. Da kommt unser Inneres nach außen und füllt das Dunkel. Wo bei Licht noch ein Baum war, scheint nun jemand auf uns zu warten. Und je nachdem, wie es in uns aussieht, können wir unsere Angst vor dem Fremden, der seine Arme nach uns ausstreckt nur schwer kontrollieren – oder wir schmunzeln, weil wir geistig jemandem begegnen, den wir hier nicht vermutet hätten. Ich meine, es ist ja doch recht amüsant, Angela Merkel oder Dolly Buster beim nächtlichen Spaziergang im Wald zu begegnen.

Unsere Geschichte wirkt wie am Lagerfeuer erzählt, wo das Dunkel der Nacht die Welt durch unser Inneres ersetzt. Eigentlich ist das ja immer so: Wenn wir Angst haben, wirkt die Welt bedrohlich. Wenn wir übermütig sind, gehört uns die ganze Welt. Wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, richtet uns die Welt. Wenn wir wütend sind, ist die Welt ein Sodom und Gomorra und wir ihr göttlicher Richter.

Das Dunkel um das Lagerfeuer zeigt Abrahams Inneres. Was er glaubt nimmt für ihn Gestalt an in Form dreier Männer. Abraham scheint wütend zu sein über die Welt. Denn was er sieht, ist Gott auf dem Weg nach Sodom und Gomorra. Zu dritt ist Gott unterwegs um diesen Saustall mit dem eisernen Besen auszukehren.

Abraham neigt zum Fundamentalismus, der immer mit Angst und Wut einhergeht. Und den es nicht nur im religiösen Bereich gibt. Wo die Wut übermächtig wird, da teilt sie die Welt in gut und böse, schwarz und weiß. Der Wütende wird zum göttlichen Richter der Welt über Gut und Böse. Dementsprechend sieht Abrahams Gott aus: Drei Rächer auf dem Weg, das Böse zu vernichten.

Ob sich Abraham erinnert hat, dass er selbst nicht immer eine ganz reine Weste hatte? Warum auch immer: Abraham scheint vor seinem eigenen Glauben zu erschrecken, als der ihm in Gestalt der drei Rächer gegenübersteht. Es schießt ihm in Kopf und Herz: Mein Gott, du kennst keine Gerechtigkeit mehr! Du scherst ja alles über den gleichen Kamm!

Dass es uns öfter so ginge wie Abraham, das würde ich mir wünschen. Dass wir zur Besinnung kämen aus unserer Wut.

Abraham handelt seine eigene Wut herunter: „50 Gerechte sollte es in einer Stadt schon geben. Sonst kann sie echt zur Hölle fahren. Na ja, 50 sind schon viel. Ob ich selbst dazu gehören würde? Ach, 45 sollte man schon finden können.

Aber wer weiß: 45, die wirklich gerecht sind. Wer ist schon wirklich gerecht. Und gleich 45 in einer Stadt. Wenn ich ehrlich mit mir bin, sollte ich mich wohl nicht als Richter der Welt aufspielen. Ich bin selbst nur Erde und Asche.

Ich finde, also, 40 echt gerechte in einer Stadt sind schon viel. Oder sagen wir vielleicht 30!“

Abraham scheint sich immer unsicherer zu werden. Richter, das ist jetzt schon sehr deutlich, will er jetzt nicht mehr spielen. Er scheint eher Angst zu haben vor seinem Gott der Wut.

In großen Schritten verhandelt er jetzt. Ich kann mir das nur so erklären, dass er sich mittlerweile sicher ist: „Ich würde nicht zu den Gerechten gehören. Und eigentlich glaube ich auch nicht, dass irgendjemand vor meinem Fundamentalismusgott bestehen kann: Eigentlich auch keine 20 oder 10 Menschen.“

Und als er seinen Gott schon auf 10 heruntergehandelt hat, da beschleicht ihn die Angst, dass es keinen einzigen Gerechten geben könnte. Und wenn er nun mit Gott nach Sodom und Gomorra gehen würde, um sein Mütchen zu kühlen, dann könnte sich vielleicht herausstellen, dass nicht mal er vor seinen eigenen Ansprüchen bestehen könnte. Dann, ja dann, … dann würde Abraham selbst dem Gericht zum Opfer fallen und zur Hölle fahren.

Und da beschließt Abraham: Er könnte doch einfach nicht mit nach Sodom gehen, damit nicht so auffällt, dass er es ja selbst nicht so genau nimmt mit der Gerechtigkeit. Und wir lesen: „Und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.“

Abraham verabschiedet sich von seiner Wut, seinem Rächergott und seinem fundamentalistischen Glauben. Er lässt ihn abtreten: Die drei Männer verschwinden in der Dunkelheit.

Aber was bleibt. Es wäre zu schön, wenn der richtende Hochmut nun ein endgültiges Ende gefunden hätte. Es wäre zu schön, wenn Abraham den Gott der Demut, den er soeben gefunden hatte, treu geblieben wäre. Aber wir lesen einfach nur: Er ging weg – vielleicht wütend über sich selbst? Das wäre schade.

Vielleicht kennen Sie solche Bücher wie „Die Bibel hat doch Recht.“, in denen versucht wird, nachzuweisen, dass Gott wirklich die Welt in sieben Tagen erschaffen hat und Jerichos Mauern „wirklich“ mit Posaunen zum Einsturz gebracht hat oder eben, dass Gott wirklich Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorra fallen ließ, nachdem deren Bewohner Gottes Engel vergewaltigen wollten, als diese kamen, um zu sehen, wie schlimm es wirklich in den Städten zuging.

Leider verstellen solche Bücher den Blick auf den Sinn solcher Geschichten. Denn wie die Schöpfungsgeschichte nicht erklären will, wie die Welt naturwissenschaftlich entstanden ist, sondern zeigen will: Es gibt eine Ordnung des Lebens: Wer nur arbeitet und am Sonntag des Feiern vergisst, der erfährt nichts von der Schönheit der Welt, von der Gott sagt: Sie ist gut. Er erfährt nichts davon, dass das Leben einen Sinn hat, der mehr ist als Arbeit, nämlich Gärtner der Welt zu sein, damit sie blüht. Und er erfährt nichts davon, dass er wertvoll ist, ganz abgesehen von Arbeit und Leistung: sehr gut, sagt Gott, ist der Mensch – noch bevor der überhaupt etwas getan hat.

All das, um was es wirklich geht, übersieht man, wenn man meint, man müsse beweisen, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat. Was soll das? Es trägt nichts für mein Leben aus, wenn ich weiß, wie das nun abgelaufen sein soll.

Auch bei Jericho und Sodom und Gomarra bringt es nicht, wenn wir zu beweisen versuchen, dass die Bibel „doch Recht“ hat und die Wissenschaft böse ist. Denn dann übersieht man das Wichtigste: Abraham erschrickt dem Gott seiner Wut, der immer Recht hat und wunderbar in gut und böse trennt. Er erkennt, dass das nicht Gott ist, sondern Abbild seiner Wut.

Wenn wir die Geschichte weiter lesen, sehen wir Abraham wie er auf das zerstörte Sodom und Gomorra blickt, und wie ihm ein Stein vom Herzen fällt, dass er noch lebt, wo er doch selbst erkannt hatte, dass es mit der eigenen Gerechtigkeit auch nicht weit her war.

Was bleibt von dieser Geschichte:
– Ein Mensch, dem der Schrecken darüber in den Knochen sitzt, wie einfach er seine Wut mit Gott verwechseln konnte.
– Ein Mensch, der erkannt hat, dass er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird.
– Und ein Mensch, der verwundert feststellen darf, dass Gott für ihn gesorgt hat, obwohl er nicht besser ist als andere, die an ihrer Ungerechtigkeit umgekommen sind.
Wir sehen einen Menschen, der auf zerstörte Städte blickt und sich fragt, warum Gott ihm das Leben schenkt.

Hoffen wir für ihn und für uns, dass er den Schrecken nicht vergisst, der ihm in die Glieder fuhr, als er merkte: Dass er sich dem Gott der Wut und Rache verschrieben hatte. Und wie dieser Gestalt annahm in der Dunkelheit der Nacht – geboren aus dem eigenen dunklen Herzen.

Hoffen wir, dass der Gott der Gnade in unseren Herzen geboren wird, damit wir die Welt in seinem gnädigen Licht sehen können.

Hoffen wir für Abraham und für uns, dass uns die Ruinen vergangenen Lebens daran erinnern, dass wir leben – nicht, weil wir es verdient hätten, sondern weil Gott gnädig mit uns war.

Gebe Gott, dass wir die noch kommenden Ängste und Verfehlungen unseres Lebens als Erinnerung Gottes daran sehen, dass er uns nicht bewahrt, weil wir so gerecht sind, sondern weil er gnädig mit uns ist. Gott erhalte uns in dieser seine Gnade.

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