Geld und Liebe

Der biblische Abschnitt lädt dazu ein, liebe Gemeinde. Er ist zwar gar nicht der Predigttext, aber er ist so schon plastisch, er ist so nachvollziehbar erzählt.
Der Abschnitt, den wir als Evangeliumslesung gehört haben, beschäftigt sich mit ganz vielem, was zum Themenfeld „Finanzwesen“ gehört. Und dieses Thema liegt ja – leider im Gegensatz zu den weltweiten Aktienkursen – obenauf.
Im Matthäusevangelium geht es um Kredit und Schuldner, um Schuldenerlass und sogar eine Haftstrafe wegen Zahlungsunfähigkeit.
Ja, und jetzt eine Predigt über das nationale und internationale Finanzwesen, um Spekulanten und einstürzende Kartenhäuser, hochfliegende Pläne und bittere Enttäuschungen und Verluste.
Der Text lädt dazu ein, so scheint es.

Im Prinzip ja. Aber: Vielleicht ist es dem einen oder der anderen auch schon beim Hören aufgefallen: Das Beispiel der beiden Schuldner und der unterschiedliche Umgang mit den ausstehenden Zahlungen bildet nur den Hintergrund, vor dem ein anderes Thema dargestellt wird: die Vergebung.

Das Thema „Vergebung“ ist heute dran, darauf hat uns ja schon der Wochenspruch hingewiesen. Im 130. Psalm stehen die folgenden Worte: „Bei dir ist Vergebung, dass man dich fürchte.“

Vergebung also.
Und mit „Vergebung“ im Ohr lassen Sie uns den folgenden Abschnitt hören. Er stammt aus dem 1. Johannesbrief – genauer gesagt, aus dem Eingangsteil dieses Briefes.

12 Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.
13 Ich schreibe euch Vätern; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch jungen Männern; denn ihr habt den Bösen überwunden.
14 Ich habe euch Kindern geschrieben; denn ihr kennt den Vater. Ich habe euch Vätern geschrieben; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich habe euch jungen Männern geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden.
15 Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.
16 Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.
17 Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.

Der Verfasser betont, dass er schreibt – das grenzt schon an Tautologie und klingt wie die Rede von „alten Greisen“ und „weißen Schimmeln“.

Er schreibt also. Er schreibt den Vätern, den jungen Männern und den Kindern. Und wir dürfen wohl im Stillen getrost die Mütter und die jungen Frauen dazunehmen.

Warum die Hervorhebung der unterschiedlichen Altersgruppen?

Die ältere Generation – darin sind sich die Wissenschaftler einig – repräsentiert die Gruppe derjenigen, die Christus als Herrn ihres Leben und der Welt erkannt haben. Damit besteht eine geistige Nähe dieser Älteren zu den Zeugen und Verkündern der allerersten Generation.
Und die Gruppe der Frauen und Männer, die etwa zwischen 18 und 40 Jahren alt sind, die haben den Bösen überwunden. Damit ist dies gemeint: Die „mittelalterliche“ Generation hat den Gegner Christi überwunden. Gemeint ist damit die Kraft, die den Abfall der Menschen von Gott betreibt. Und „Gottesferne“ ist für den Verfasser gleichbedeutend mit „Lüge“.

Ich fasse zusammen:
Der Absender unseres Briefes hat alle Generationen seiner Adressatengemeinde im Blick. Jede für sich hat sich um den Glauben verdient gemacht. Das stellt der Schreiber vorne an – und erzeugt durch diesen Zuspruch schon einmal eine gute Stimmung und aufnahmebereite Ohren.

Und ganz am Anfang seines Schreibens hat er ja betont, dass das, was die Menschen von Gott und voneinander trennt, vergeben ist. Auch das ist ja elementar wichtig. Im Wortlaut des Briefes heißt das so: Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.

Soviel Zuspruch vorneweg. Aber da kommt noch was hinterher – der Anspruch lässt nicht lange auf sich warten!

Denn dann folgt die Mahnung, sich nicht mit weltlichen Dingen zu befassen. Die Begrifflichkeiten Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben sind eindeutig und lenken unsere Phantasie in eine bestimmte Richtung.
Ganz genau, es geht – neben der Gier nach Macht und Geld – um das sexuelle Verlangen.

Im Umgang damit hat sich Kirche in der Vergangenheit oft genug sehr schwer getan. Und es gibt nicht wenige, die „der Kirche“ dies heute immer noch vorhalten.

In der Tat, die Beschäftigung mit dem, was unterhalb der Gürtellinie angesiedelt ist, die fand nicht statt. Bzw. spielte sich so ab, dass das Thema „Sexualität“ insgesamt verteufelt wurde.

Und damit sind wir ja auch auf der Linie des biblischen Textes, die „Welt“ und „Gott“, „Sexualität“ und „Glaube“ als unvereinbare Gegensätze hinstellt: … alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.

Eine Auseinandersetzung mit dem Bereich der Sexualität hat lange nicht stattgefunden, sagte ich. Aber über diese „Beschäftigungslosigkeit“ sind wir ja nun hinweg.
Und die „Eunuchen für das Himmelreich“ von Uta Ranke-Heinemann würden heute sicherlich weniger Aufmerksamkeit erregen als sie es damals taten.
Gleichwohl, wer für Keuschheitsgelübde streiten will, kann sich getrost auf diese Bibelstelle berufen.

„Von dieser Welt“ sollen wir Christinnen und Christen sein, aber eben nicht „in dieser Welt“.
D.h., weil wir keine andere Umgebung haben als diese unsere Erde mit all ihren Versuchungen, sollen wir schon genau hinsehen, was sich mit der Liebe zu unserem himmlischen Vater, was sich mit dem Glauben und unseren ethischen Grundsätzen verbinden lässt.
Und was nicht.

Liebe und Sex ist nicht dasselbe. Und auch nicht das Gleiche.
Vielmehr ist die kirchliche Einstellung – die ich im Übrigen voll und ganz teile – so, dass Sexualität ein Teil der Liebe ist.
Ein Teil neben dem der Erotik und dem der Agape, der vorurteilsfreien Hingabe, der Liebe, die nicht an Sympathie gekoppelt ist.
Und mit Sexus, Eros und Agape decken wir dann so viele verschiedene Spielarten der Liebe ab wie Zärtlichkeit, Sympathie, Mitleid, Fürsorge, Hingabe, Bereitschaft, Begehren und Gewähren.

Wie wichtig eine erfüllende und erfüllte Sexualität für eine Partnerschaft ist, das ist wohl unstrittig. Die einen wissen es und die anderen wünschen sich, es endlich zu erfahren.

Wenn wir denjenigen oder diejenige, die wir lieben, aber nur zu unserer Lusterfüllung benutzen, dann ist da etwas falsch. Dann sind wir genau an der Stelle, vor der der Verfasser des Johannesbriefes warnt: das ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Da habe ich mein Gegenüber nicht mehr als Gottes Geschöpf im Blick, sondern nur noch als „Höhepunktsgehilfin“ vor Augen!

Und noch ein zweiter Punkt: Wenn ich höre, wie Jugendliche einander sprachlich reduzieren auf abfällige Bezeichnungen ihrer Geschlechtsteile, dann wird mir Angst und Bange.
Achtung voreinander, Spannung, Freude aneinander und Respekt – alles das bleibt dabei auf der Strecke.
Von der Gewalt und der Diskriminierung, die in den Ausdrücken steckt, fange ich jetzt gar nicht zu reden an.

„Bei dir ist Vergebung, dass man dich fürchte.“, heißt es im 130. Psalm.

Wer zu der Einsicht gelangt, vor Gott und an seiner Nächsten, an seinem Nächsten schuldig geworden zu sein, der kann und darf um Vergebung bitten. Und um die Kraft zur Änderung des Verhaltens.
Dieser biblische Abschnitt lädt wirklich dazu ein, liebe Gemeinde.
Amen.

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