Finanzkrise –woran sollen wir glauben?

Liebe Gemeinde,

wer sich als Christenmensch, gar als Pfarrer traut etwas in Sachen Finanz- und Weltwirtschaft zu sagen, wer meint, dass wir als Kirche aus unserem christlichen Glauben heraus etwas in diesem Bereich zu sagen hätten, der musste – zumindest bis vor Kurzem- es sich gefallen lassen in die Schublade moralischer, weltfremder Schwärmer geschoben zu werden. (Ganz werde ich sie mit meiner Predigt auch nicht verlassen) Schließlich galt in der Finanz- und Wirtschaftswelt eine eigene Sachlogik. Und vor allem: eine der globalisierten Märkte entsprechende hohe Komplexität. Kirchliche Verlautbarungen stellten sich entweder diesen Herausforderungen und wurden unverständlich oder sie strichen deutlich die Option für die Armen dieser Welt heraus und wurden von Bänkern, Börsenmaklern und Managern eben mit einem Schulterzucken als unbrauchbare Moraltraktate zur Seite geschoben. Einerseits hat sich daran nicht viel geändert- andererseits sehr wohl: Wird doch in der Finanz- und Wirtschaftswelt im Moment etwas beschworen, was zentrales Thema christlicher Tradition und Wissenschaft ist: Glauben und Vertrauen. Nichts wird im Moment so beklagt wie mangelndes Vertrauen. Vertrauen nicht nur in sich selbst sondern auch in den anderen. Wer hätte das gedacht? Der Vertrauensschwund bringt weltweit das Finanzsystem und die Wirtschaft ins Straucheln, manche sehen schon eine ausgewachsene Weltwirtschaftskrise auf uns zurollen. Wo ein Mensch vertrauen gibt … da geschehen Wunder, da wächst Leben. So haben wir es eben gesungen. So wie es Jesus einmal auf den Punkt gebracht hat, als er sagte „der Glaube versetzt Berge“. Nun appellieren die Politiker: Vertraut euren Banken, vertraut der Wirtschaft, vertraut einander… Aber viele machen da nicht mit. Nach dem blinden Vertrauen in Wirtschaft, Aufschwung, Zinsgewinnversprechen in traumhafter Höhe, kehrt nun Katerstimmung ein. Einige haben nicht einfach nur etwas, sondern alles, was sie erspart haben verloren. Gut gläubig waren sie, haben z.B. ihrem Bankberater vertraut. Berater hieß er oder sie, aber eigentlich war und ist das ein Finanzproduktverkäufer, der Kunden die Produkte andreht, die ihm oder ihr eine maximale Gewinnbeteiligung versprachen. Angeblich alles ohne Risiko. Wetten wurden vorgegaukelt, bei denen der Einsatz nicht gefährdet sei, höchstens der Gewinn. Zertifikat nennt man das: dabei kommt das Wort Zertifikat aus dem Lateinischen: certus / sicher und facere / machen = sichermachen also. Normalerweise ist ein Zertifikat ein Gütesiegel oder eine Beglaubigung. Es bescheinigt: Hier kannst du vertrauen, weil andere geprüft haben, oder Glaubwürdige Personen dafür einstehen, dass es hier glaubwürdig zugeht. Wer hier investiert hat, kann sich also mit Recht um sein Vertrauen betrogen sehen – auch wenn dieses Recht ihm und ihr wahrscheinlich nichts nutzt. Es gibt gute Gründe nicht zu vertrauen, weil Vertrauen missbraucht wurde. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite: ohne gegenseitiges Vertrauen geht es nicht. Im individuellen Leben genauso wenig wie in der Wirtschaft. Und so wenig man jeden für kreditwürdig halten darf, so wenig darf als erstes unterstellt werden: du bist es nicht – kreditwürdig, vertrauenswürdig. Sehr eindrücklich hat das in letzter Zeit ein Bänker vor Augen geführt, der 2006 den Friedensnobelpreis erhielt: Muhammad Yunus. Ein Bengale, der durch Kleinstkredite von sich reden machte, die er Menschen gab, die für normale Banken nicht kreditwürdig sind. Er gründete die Grameen Bank, die Dörfliche Bank. Und weil er so erfolgreich war, erhielt er den Friedensnobelpreis und machte seine Bank inzwischen eine Filiale in New York auf. Die Grundideen seiner Geschäftspolitik ähneln denen der Genossenschaftsbanken: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung sind grundlegend. Natürlich soll Gewinn gemacht werden. Doch das oberste Ziel ist nicht Gewinnmaximierung, sondern soziale Verantwortung. An dieser Stelle muss daran erinnert werden: einer der Väter der Genossenschaftsbewegung in Deutschland war ein gläubiger evangelischer Christ: Friedrich Wilhelm Raiffeisen. „Nach meiner festen Überzeugung gibt es nur ein Mittel, die sozialen und besonders auch wirtschaftlichen Zustände zu verbessern, nämlich die christlichen Prinzipien in freien Genossenschaften zur Geltung zu bringen“. 1 ½ Jahrhunderte ist das nun schon her: vieles hat sich seitdem geändert – aber es ist schon spannend, wenn muslimische und hinduistische Bengalen in gewisser Weise die Aktualität Raiffeisens wiederentdecken und in die entwickelten Industriestaaten reimportieren. Vertrauen ist ein unverzichtbares, wertvolles Gut. Vertrauen gründet auf Beziehung. Ich weiß: wir haben in Deutschland ein Sprichwort, das lautet: beim Geld hört die Freundschaft auf. Vielleicht ist das ja grundverkehrt und fängt Freundschaft in gewisser Weise da erst so richtig an, bzw. bewährt sich. Das ist riskant, wer es jedoch nicht blauäugig missversteht wird die Wahrheit schnell erfassen. Menschen, die sich kennen, können eher abschätzen: braucht der oder die andere das Geld und wird er oder sie damit verantwortlich umgehen – oder nicht? Menschen, denen aneinander etwas liegt, werden zusehen, das entgegenbrachte Vertrauen wieder zurückzuzahlen. Im Vertrauen auf Gott, auf Jesus Christus geht Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther noch weiter- er schreibt:

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Ich will das noch einmal versuchen mit meinen Worten zu sagen: wer getauft ist, ist vom Geist Jesu Christ beseelt. Und dieser Geist lässt uns am anderen noch einmal anders Anteil nehmen: nicht nur nach dem Prinzip „wie Du mir, so ich Dir“, sondern in Form einer emotionalen Anteilnahme: Sich für den anderen zu freuen – überspitz gesagt, sich zu freuen, wenn der andere Gewinne macht, die nicht meine sind, und mit dem anderen mitzuleiden, wenn der andere Verluste macht. Ob wir das in unseren heutigen Lebenszusammenhängen so leben, weiß ich nicht. Standen dem Apostel Paulus doch eine überschaubare Zahl von Gemeinde mit einer überschaubaren Zahl von Christenmenschen vor Augen.

Ich finde, man muss aus den Worten des Paulus auch keinen moralischen Appell machen. Die Genossenschaftsbewegung des 19. Jahrhunderts hat Paulus da besser verstanden wie wir heute. Mir ist an den Worten des Paulus heute für uns der Hinweis auf die Taufe wichtig: Auf den einen Geist der uns unsichtbar verbindet. Der vielleicht manches Mal verschüttet zu sein scheint. Der uns aber die Kraft geben kann, uns anderen zu öffnen. Vertrauen zu verschenken und anzunehmen. Beziehung zu knüpfen. Einen Geist, der die Geister prüft – oder etwas modischer gesagt: Der uns über unsere Ziele nachdenken lässt. Der uns hilft, nicht beim Tunnelblick zu bleiben, sondern unser Gesichtsfeld weitet. Der bei sehr hohen Zinsversprechen beispielsweise. nachforscht: wie kommen diese Gewinne zustande? Und wenn es einem nicht koscher erscheint, sagt: lass die Finger davon – dann halt einen Prozent weniger und dafür ist es sozial verantwortlich angelegt. Einen Geist, der uns die Kraft gibt Ethik und Moral, und ganz schlicht: Rücksichtnahme und Respekt jedem Menschen gegenüber als Selbstzweck zu betrachten und nicht anderen Zwecken wie Profitoptimierung unterzuordnen.

Um es zum Schluss noch einmal deutlich zu formulieren: Vertrauen – ja. Aber nicht in ein Banken –und Wirtschaftssystem, dass ohne Rücksicht auf Verluste die Gewinnmaximierung Weniger betreibt. Vertrauen in ein Banken –und Wirtschaftssystem mit sozialer Verantwortung – ja. Zu diesem Vertrauen gehört: Ein Mensch darf nicht weniger wert sein, weil er weniger oder nichts besitzt. Und einen Christenmenschen kann es nicht kalt lassen, wenn andere unter die Räder kommen oder für dumm verkauft werden. Zu diesem Vertrauen gehört ein für mich ein Traum: eine Börse bei der der Kurs einer Aktie fällt, wenn die Aktiengesellschaft tausende von Arbeitsplätzen streicht. dafür könnte die Bankwirtschaft sogar ein sinnvolles Zertifikat entwickeln. Darauf zu hoffen, daran zu glauben – ich finde das lohnt sich- auch wenn es für die meisten Bänker und Manager in die Schublade Schwärmerei gehört. In diesem Sinne lass uns singen: oh komm du Geist der Wahrheit.

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