Fröhlich dabei sein

Liebe Gemeinde,

das heutige Predigtwort spricht – wie der gesamte Sonntag des 21. Sonntages nach Trinitatis – in eine Zeit hinein, in der bei uns viele Krisen sich anbahnen. Am beherrschensten scheint die Krise des Finanzmarktes zu sein. Ein Zusammenbruch eines kapitalistischen Systems, welches eben – entgegen vieler Aussagen seiner einstigen Befürworter – nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu regulieren. Viele Gelder sind vernichtet worden und viele Verluste werden zur Zeit, wie es so schön im Börsendeutsch heißt: „realisiert“, weil Menschen ihre Anteile auskaufen wollen. Die Kritik an diesem System ist und war schon immer mannigfaltig und ich darf heute, eben gerade weil ich kein Finanzexperte bin, auf den einen Aspekt hinweisen, den unser Predigtwort selbst auch vorgibt. Es ist der, eigentlich so einfache und gleichzeitig so elementare Hinweis darauf, dass wir angewiesen sind auf eine Gemeinschaft, die einander braucht im Guten wie im Bösen. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Guten“, sagt Paulus in unseren Wochenspruch. Er präzisiert es in unserem Predigtwort aus dem 1. Korintherbrief im 12. Kapitel. Hören wir also zunächst Paulus Worte:

[TEXT]

Es ist ein altes Bild, liebe Gemeinde, welches auch sofort einleuchtet. Das Bild eines Gesamtkörpers, bei welchem die einzelnen Glieder, seinen es Hand oder Fuß, Augen oder Ohren, Beine oder Arme immer zusammen wirken müssen, damit das Gesamtgebilde, der Körper überhaupt funktionieren kann. Gleichzeit ist keines der Glieder mehr wert oder besser als die anderen. Verweigert der Magen die Arbeit, so leiden alle. Verweigern die Füße die Arbeit, so erfahren die Einschränkung alle.

Die Gemeinde in Korinth, für welche jenes Bild bestimmt war, war im Begriff auseinander zu brechen an den verschiedenen Wertigkeiten, die man untereinander meinte aufmachen zu können. Da gab es z.B. die Besserverdienenden, die genügend Sklaven hatten, die alle Arbeit machen konnten. Ja, diese konnte schon früher zur eigentlich gemeinsamen Mahlfeier kommen – und tatsächlich: sie waren schon besoffen, bevor die andern, die späteren, überhaupt erst anfangen konnten zu essen. So aber, stellt es Paulus klar, kann eine Gemeinde nicht funktionieren. Ein Glied hat auf das andere zu achten. Ja es kann sogar nötig sein, dass ein Glied sich beschränken muss, um die Gesamtheit zu schützen. Paulus stellt es im gleichen Korintherbrief klar, als es um die Frage des Götzenopferfleisches geht. Es kann notwendig werden, um die Schwachen zu schützen, dass die Starken bereit sind, zu verzichten oder sich zumindest zurück zu halten. Das System, welches nun weltweit in eine Krise geraten ist, hat Stück für Stück dieses „Aufeinander-Achten“ abgebaut, um immer größere Gewinne an der Spitze zu ermöglichen. Im Bild des Paulus hat ein Glied sich auf die Kosten der anderen für wichtiger erklärt. Nun leidet der gesamte Körper. Möglicherweise kann dies ja auch wieder einen Anstoß geben, dass es eine Absicherung für alle braucht. Ein Achten auf den Nächsten von mir aus auch in einem System des Marktes. Eine soziale Absicherung und Regulierung.

Paulus freilich schreibt nicht nur vom Geld, denn er weiß zugleich, dass im Geld selbst kein Heil liegen kann. Paulus schreibt von den Dingen des Glaubens, die wichtiger sind, als alle materiellen Werte, die wir in diesem Erdenleben überhaupt anhäufen könnten. Wir sind – so sagt es Paulus – der Leib Christi. Hiermit erweitert er den alten Vergleich vom Körper, dessen Glieder aufeinander angewiesen sind und welches schon den alten Römer dazu diente auf die Wichtigkeit des Gemeinwesens hinzuweisen. Denn Paulus sagt nicht nur, dass wir untereinander eine wichtige Aufgabe zu erfüllen haben. Davon haben wir schon gehört: bei aller Unterschiedlichkeit, die z.B. uns, die wir heute hier sitzen, auszeichnet, können wir doch nur gemeinsam etwas bewegen und das heißt zugleich, dass wir uns auch immer aufeinander zu bewegen müssen. Nein, er schreibt noch mehr: wir sind der Leib Christi. Sie merken, dass sich etwas verschiebt. An anderer Stelle heißt es, dass Christus das Haupt ist. Hier wird ein Glied des Körpers wichtiger, denn es übernimmt die Leitungsfunktion. Gleichzeitig sind die einzelnen Glieder aber in einer höheren Sichtweise tätig. Es ist eben nicht mehr nur das einzelne, menschlich gerade Nächstliegende, was zu tun und zu handeln ist, sondern es greift weiter. Nämlich über diese Zeit und über dieses Leben hinaus. Weil dem so ist erfährt das einzelne Glied dieses Leibes zugleich eine höhere Bedeutung, denn es tut etwas, welches weit über seine Zeit hinausgreifen kann und zugleich erfährt es eine heilsame Entlastung, weil es erfahren kann, dass es in Gottes Liebe auf die rechte Bahn geleitet wird und somit zu einem wahren Werkzeug werden kann.

Wir sind, so schreibt es Paulus, durch einen Geist getauft. Dieser Geist, den wir den Heiligen nennen, will in uns wirken und uns bereiten zu einem neuen Leben in Christus Jesus. Geht das denn überhaupt, dieses neue Leben, in einer Zeit, in der so viele anscheinend drängende Probleme direkt vor uns liegen? Es ist in der Tat schwer zu fassen, denn es heißt gerade ja, dass wir uns in erster Linie nicht mehr über das definieren, was uns täglich auszumachen scheint: Essen und Trinken, Schlafen und Arbeiten, Besitz und Ansehen, sondern über etwas, welches einen tieferen – wenn Sie so wollen: einen wahreren – Kern unseres Menschseins ausmacht. Es ist die Beziehung zu diesem einen Gott, der uns in Liebe zugetan ist und der in Geduld auf unsere freie Antwort zu ihm wartet. Und diese Antwort besteht im Lobe dieses einen Gottes.

Ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen lernen, dass es bei diesem Angebot einer Beziehung zu Gott nicht um ein Muss geht, sondern, dass diese Gottes-Liebe den Menschen in die Freiheit führen kann. Es ist auch die Freiheit von all den Zwängen, die uns hier auf der Erde binden können. Freilich nicht in der Weise, dass wir hier keine Sorgen mehr hätten und kein Leid mehr zu erdulden hätten. Aber doch in der Weise, dass diese Sorgen und dieses Leid uns nicht mehr gefangen nehmen kann. Nicht mehr wegholen kann von der Herrlichkeit, wie sie Gottes Kindern versprochen worden ist. Das Bild des geistlichen Leibes, den wir als Leib Christi gestaltet sind, kann dabei helfen, zu verstehen, worum es geht.

Heute stellen wir der Gemeinde die neuen Präparanden vor. 19 junge Menschen, die sich für zwei Jahre auf den Weg machen, etwas verstehen zu wollen von diesem Leib Christi, in der Hoffnung, dann 2010 selbst bekennen zu können, dass sie dran bleiben wollen an diesem Angebot des Lebens. Wenn sie dann konfirmiert sein werden und damit nach den Gebräuchen dieser Gemeinde vollständig mit allen Rechten und Pflichten dazu gehören, wird der Leib Christi wieder mehr Glieder haben, die mit Taufe und Konfirmation eingegliedert wurden in diesen Machtbereich Christi. Ich hoffe sehr, dass diese jungen Menschen auch in unserer Gemeinde etwas davon lernen können, was es heißen kann, ein Glied einer solchen Gemeinschaft zu sein. Ich bitte die Gemeinde, ihnen dabei zu helfen, Vorbild zu sein und sie im Gebet zu begleiten. Wie das gelingen trotz aller unserer Unzulänglichkeit gelingen kann, mag eine kurze Geschichte verdeutlichen.

„Ein Christ träumte, er wäre gestorben und ein Engel trüge ihn in die Ewigkeit hinauf. Droben war ein herrlicher Tempel. Der Pilger bestaunte mit großen Augen dieses wunderbare Bauwerk. Plötzlich aber entdeckte er im Gewölbe eine Lücke. Offenbar fehlte da ein Stein.

So sprach er zu dem Engel: "Was ist denn das für eine hässliche Lücke?" Dieser antwortete: "Das ist die Lücke, die du gemacht hast. Gott hatte gerade dich bestimmt, diese kleine Stelle auszufüllen. Du hattest aber immer andere Dinge im Kopf, so dass du nie dazu gekommen bist, diese deine Pflicht, die Gott dir zugemutet hat, zu erfüllen."

Darüber wachte der Mann auf, ließ nun das Klagen und Schimpfen über all die Unzulänglichkeiten in der Gemeinde Gottes bleiben und arbeitete künftig fröhlich mit. Er wollte seine Lücke am Tempel Gottes füllen.“

Fröhlich dabei sein zu können, in diesem Leibe – zu wissen, dass wir alle der Leib Christi sind – dass darin unser Leben liegt und unsere Hoffnung: das wünsche ich uns allen.

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