Perspektiven-Wechsel

Liebe Gemeinde,

Oft gepredigt

„Ach, schon wieder das Bild vom Leib Christi“. Es taucht ähnlich unvermittelt auf im Predigtprogramm wie wiederkehrende Heimatfilme im Fernsehen. Pfarrer mögen dieses Bild. Anderen aber erscheint es aufdringlich wie Becks-Bier-Werbung, wo alle gemeinsam Schiffchen fahren und abends einträchtig beisammen sitzen. Am Lagerfeuer selbstverständlich.
Was beim Hören fremd wirkt, ist bei näherem Hinhören durchaus vertraut. Das Bild vom „Leib“ ist etwas abgewandelt als „Körperschaft“ durchaus in unserem Sprachgebrauch aktuell. Wir kennen „Körperschaften des öffentlichen Rechts“ – was übrigens auch unsere Kirchen sind. Wenn Menschen sich zusammentun, dann soll auch deren Vereinigung menschlich bleiben. So verstehe ich den Begriff „Körperschaft“.
„Leib Christi“ geht in diese Richtung und weist doch darüber hinaus. In Christus sind wir verbunden. Wie wir das spüren?

Globale Zusammenhänge

Wie sehr wir Menschen miteinander verbunden sind, spüren wir nicht in – sondern außerhalb der Kirchen und Gemeinden kräftiger. Spüren es sehr deutlich und vielfach mit großer Sorge angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise, als deren Opfer wir uns nun fühlen. Vergessen sind die Beratungsgespräche bei Capuccino und netter Atmosphäre im Bank-Separee als die Aussicht auf „sicherlich deutlich mehr als 5%“ den Kunden mit dem Gefühl entließen, einem zuverlässigen Geheimtipp gefolgt zu sein. Nun sollen Köpfe rollen und man will die Schuldigen am Pranger sehen. Vergessen wird, dass sich in den oberen Banketagen alle mit uns einig waren: Wir werden viel Geld verdienen ohne Arbeit.
Wir sehr wir miteinander verbunden sind, spüren wir eigenartigerweise eher in Katastrophen als im Guten. Spüren es, wenn wieder einmal eine Firma Bankrott anmeldet und unzählige Familien ins Elend stößt.
„Meine Firma, mein Arbeitsplatz, das alles stand auf dem Zettel, den mir eine Sekretärin zuschob“, erzählte mir jemand. „Nein, mein Name stand nicht darauf. Nur meine Funktion. Und darüber stand: Abwickeln.“ Heutzutage spüren wir eher diese kalte, funktionale Zusammengehörigkeit, in der wir Nummern, Kostenfaktoren und Rädchen sind im Getriebe. Weil uns das Menschliche aus dem Blick gerät, reden wir heute lieber von Organisationen als von Körperschaften.
Wir sehr wir miteinander verbunden sind, spüren vor allem in schicksalhaften Stunden unseres Zusammenlebens. Ältere mögen an Kriegs- und Nachkriegszeiten denken. Die Jugend schaut vielleicht eher auf das, was zu kommen droht mit Klima und Welthunger.
In dunklen Schicksalsstunden kann aber auch dies geschehen: Auf einmal spüren wir mehr als bloßes, gemeinschaftliches Ausgeliefertsein an was da kommt. In solchen Augenblicken kommt bisweilen der Wolf in uns zum Schweigen, der bislang durch´s Leben strich auf Beute lauernd mit Seinesgleichen.
Ein andere Art, zu leben, erscheint für einen Augenblick und mancher erfährt an sich eine ganze andere Seite: Hilfsbereitschaft und den Willen, zu geben ohne Forderung; zu schenken aus Güte.
Leib Christi ist keine Forderung. Die Formulierung beschreibt keinen Soll-Zustand. Sie sagt: Wir sind im Leib Christi. Und wenn es Gott gefällt, dann leuchtet dies bisweilen auf in unserem Leben rettend in dunklen Stunden.

Gott sieht mich im Kontext

Verfolgen wir diesen Gedanken weiter: Das Bild vom Leib Christi, in dem wir sind, beschreibt keinen Sollzustand. Es gibt uns einen anderen Blick auf uns selbst. Das Bild vom Leib Christi, in dem wir sind, nimmt uns mit Gottes Augen wahr.
Wir sehen uns vor Gott für gewöhnlich allein. Er aber sieht mich, er sieht mich mit denen um mich herum in dieser Welt.
Da klagen wir die Härte an unserem Arbeitsplatz. Er sieht mich, wie ich in dieser Arbeits-Welt agiere. Wir betrauern unsere Familienverhältnisse. Gott sieht uns als Beteiligte, nicht nur als Opfer.
Wir bitten Gott um Bewahrung unseres Reichtums und er sieht uns, wie wir geben können und teilen. Er hört meine Klage über die Bosheit der Welt und er hat auch gehört, wie ich über andere spreche.
Gottesliebe und Menschenliebe sind untrennbar und darum schaut Gott auf uns stets in diesem Zusammenhang: Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Ihr aber seid der Leib Christi.
Gott sieht uns im Kreis stehen um seinen Altar herum zum Empfang der Heiligen Gaben aus Brot und Wein. Er wird unsere Sehnsucht spüren nach echter, tiefer, verlässlicher Verbundenheit genauso wie er unsere Angst davor spürt, in diesem Leib uns zu bewegen.

Bilder abhängen

Leib Christi. Das ist ein gutes Bild für uns, wenn wir denn in Christus sind. Dieses Bild ist uns gegeben und wird doch nicht unser Besitz. Drei Nachzeichnungen des Originals nehme ich von der Wand:

1. Die Verkleinerung
Bei unzähligen Gemeindeabenden hat man seine Bastel- oder Bibel-Gruppe als Arm, Fuß oder Bauch auf´s Packpapier geklebt. Ganz witzige haben sogar für den „Allerwertesten“ eine akzeptable Deutung. Ja, so sollen wir sein, hören wir am Ende mit mehr oder weniger deutlich erhobenem Zeigefinger: Eine gute Gemeinschaft. Es bleibt beim Appell. Das universale Bild vom Leib Christi ist kein Abziehbild für Gruppen und Grüppchen.

2. Der Missbrauch
Das Bild vom Leib, in dem wir alle eins sind, kann militärisch missbraucht werden. „Löse dich auf ins Ganze. Höre auf, du selbst zu sein“, fordern die Herren der Sekten und abgehobenen Gruppenkirchen und kleiden Christi Glieder in graue, fromme Uniformen. Der Leib Christi birgt uns, aber er verschlingt uns nicht.

3. Das Missverständnis
Andere wieder deuten dieses Bild als Muster ihrer Hierarchien. Denken vom Kopf her, in dem selbstverständlich sie als die Herren Platz nehmen und dem Fußvolk und den Handarbeitern Kommandos geben.

Beheimatung im Gekreuzigten

Leib Christi ist ein gutes Bild, in dem Gott uns als Getaufte in seinem Sohn vereint und uns doch ganz bei uns sein lässt. Leib Christi ist Freiraum zum Leben, geistgetränkt mit Barmherzigkeit, Vergebung, Liebe und Frieden. Es ist ein Bild, das Beheimatung zum Ausdruck bringt, Beheimatung, die ich existentiell und wirklich an meinem Lebensort erfahren kann in meiner Kirche, in meinem Glauben, in meinem Christsein.
Meine Zugehörigkeit zum „Leib Christi“ gibt mir einen Heimatort für meine Seele und sie bindet mich an den Mitmenschen in Liebe zugleich. Sie lehrt mich, leitet mich und öffnet mir die Augen für die Zusammenhänge, in denen Gott mich und dich sieht. Das zu akzeptieren, ist für uns Evangelische oft die schwierigste Lektion.
„Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Der Leib Christi ist keine Kuschelstube. Mit den Augen Gottes sehen wir Schuld und Elend, Armut und Not der Menschenkinder, die gegeneinander zu Kampfe ziehen.
Der Leib Christi ist ein Lebensraum, in dem wir Anteil haben am Leid des Gekreuzigten. Als Teil seines Leibes spüren wir die Kälte dieser Welt, die ihre Solidarität in Habgier findet.
In seinem Leib stehend, spüren wir die Bosheit und Wut der anders gebundenen Menschen und erschrecken über ihren Hass auf Gott. In seinem Leib getragen wächst in uns die Sehnsucht nach anderer Welt.

In Bewegung

„ Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“ Anders, als rundliche Buddha-Statuen, sehe ich Christi Leib in Bewegung. Nein, ich will ihn nicht mit der Kirche gleichsetzen, wie sie durch die Jahrhunderte ihren Weg sucht. Der Leib Christi ist größer, als unsere Kirchen und Gemeinden, die daran Glieder sind und nicht den ganzen Leib darstellen, so gerne sie es wollten in ihrer Hybris.
Die Evangelien schildern Christus als Gottes Sohn in Bewegung, der Menschen mitnimmt auf seinem Weg. Paulus berichtet von seinem Weg und all den Stationen, in denen er Christus begegnet inmitten gottloser Welt. Das Buch der Offenbarung zeichnet die Vision des Gottessohnes, der durch Kosmos, Zeit und alle Welten uns mitnimmt hin zum Ziel. Der Leib Christi ist in Bewegung in und mit uns und er kommt uns entgegen zugleich, uns zu umfassen in ewiger Geborgenheit, in neuem Licht und Frieden allezeit.

Solange wir unterwegs sind, mag es gut sein, diesen „Heimatfilm“ vom Leib Christi, den Pfarrer so lieben, hin und wieder anzuschauen.
Amen

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