Empfänger unbekannt?

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext fordert uns auf zu Dank und Lob:

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Jedes Jahr zum Erntedankfest versammeln sich viele Menschen in der Kirche, obwohl doch die allerwenigsten noch selber im Garten säen und ernten und noch weniger tatsächlich von der Arbeit in der Landwirtschaft leben. Dem Erntedankfest haftet ein bisschen etwas Altmodisches, ein Hauch von Nostalgie an. Die meisten von uns leben von dem, was sie im Supermarkt kaufen – und da gibt es das ganze Jahr über alles, ganz unabhängig von Wetter und Ernte. Das Jahr 2008 war im großen und ganzen ein gutes Erntejahr, wie der Kreislandwirt Joost Meyerholz ja gestern auch in der Zeitung schrieb – mal abgesehen vom sehr trockenen Frühjahr.

Aber selbst in einem schlechten Erntejahr brauchen wir uns in Deutschland keine Sorgen um die Versorgung mit Lebensmitteln zu machen. Auch nach dem zehntägigem Streik der Milchbauern in diesem Jahr – den ich für absolut berechtigt halte – wurden bei uns die Milchprodukte noch lange nicht knapp.

Und wenn wir zu faul zum Kochen sind, oder überlastet und im Stress, dann brauchen wir das Essen nicht einmal mehr zubereiten, sondern stellen es komplett in den Backofen oder die Mikrowelle.

Ein frisch geschlachtetes Tier haben die wenigsten der Konfirmanden oder jüngeren Erwachsenen schon einmal gesehen – das Fleisch liegt fein säuberlich in ordentlichen Vierecken in der Kühltheke und nichts erinnert daran, dass es einmal ein lebendiges Wesen war.

Früher wurden die Erntegaben auf dem Altar an Bedürftige vergeben, in Wittlohe eine Zeit lang an das Johannisheim, habe ich mal gehört – heute ist das nicht mehr so: in vielen Einrichtungen gibt es keine Küche mehr, sondern nur noch Anlieferung von Essen. Bedürftige gibt es schon, aber sie sind eher an Geld als an Naturalien interessiert.

Warum als Erntedank?

Vielleicht gerade deswegen, weil viele von uns – nicht alle, ich weiß – von dem Prozess des Säen, wachsen lassen, ernten, zubereiten mittlerweile ganz weit entfernt sind.

Gerade wir, die wir weder Landwirtschaft noch einen großen Gemüsegarten haben, brauchen die Erinnerung daran, dass alles Lebensnotwendige nicht einfach nur da ist.

Gerade wir brauchen die Aufforderung zum Dank.

Der Dichter Hans-Magnus Enzensberger schreibt:

„Vielen Dank für die Wolken
Vielen Dank für das wohltemperierte Klavier
Und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.

Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
Und für allerhand andere verborgene Organe,
für die Luft,
und natürlich auch für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür,
dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern,
das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin.
Sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen, inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.“

Ich mag diesen Text, besonders interessant finde ich allerdings die Überschrift: Empfänger unbekannt ist das Gedicht betitelt. Empfänger unbekannt. Da kann ich dem Autor, von dem ich vermute, dass er Atheist ist, nur ganz entschieden widersprechen. Empfänger unbekannt – das gilt für uns nicht. Wir haben einen Empfänger für unseren Dank, deswegen treffen wir uns in der Kirche. Unser Dank geht nicht ins Leere, sondern landet bei dem Ursprung allen Lebens.

Wer dankt, weiß, dass er selber nicht der völlige Macher des Lebens ist. Seine Arbeit ist kostbar, aber er verdankt nicht alles sich selber und seiner eigenen Arbeit. Das Leben ist Geschenk; auch das Brot, das wir essen und die Früchte, die wir genießen. Wer fähig ist, sich zu verdanken, der weiß, dass er selber nicht Herr des Lebens ist ….Wie von selber öffnet uns die Dankbarkeit die Hände und lässt uns teilen, was uns gegeben wurde. Man kann sich Geiz und Dankbarkeit nicht zusammen vorstellen – so sagt der Religionspädagoge Fulbert Steffensky (Andere Zeiten Magazin 3/2008).

Man kann sich Geiz und Dankbarkeit nicht zusammen vorstellen.
Wir haben in unserer Kirche nicht nur am Erntedankfest ein wunderbares sichtbares Dankeschön. Das Fenster hinter dem Altar wurde von den Kindern der kleinen Anbauern gestiftet, die vor 150 Jahren zwei Morgen Land aus dem Kirchenbruch erhalten haben. Ich denke, dass auch die nächste Generation trotz harter Arbeit nur das Nötigste für sich und die Familie hatten: Trotzdem haben diese Menschen es sich nicht nehmen lassen, der neuerbauten Kirche im Jahr 1894 ein Altarfenster zu stiften. Sie haben damit ihrem Dank Ausdruck verlieren, aber auch ihrer Würde. Auch sie, die kleinen Leute, wollten etwas zur schönen neuen Kirche beitragen.

Man kann sich Geiz und Dankbarkeit nicht zusammen vorstellen.

Oder wie unser heutiger Predigttext es sagt: „Wir wollen nicht aufhören, Gott im Namen Jesu zu loben und ihm zu danken. Das sind unsere Opfer, mit denen wir uns zu Gott bekennen. Und vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. An solchen Opfern hat Gott Freude.“

Zwei aktuelle Nachrichten möchte ich zu dieser Aufforderung in Bezug setzen.

Eine erschreckende Meldung war vor einigen Wochen in den Zeitungen zu lesen. Die Zahl der hungernden Menschen ist im Vergleich zum Vorjahr um 75 Millionen Menschen gestiegen auf über 900 Millionen hungernde Menschen in der Welt. Der Armutsgipfel der UNO hat den reichen Ländern die Zusage von 16 Milliarden Dollar Soforthilfe abgerungen. Vergleichen wir mal: 700 Milliarden Dollar werden jetzt in den USA zur Beendigung der schweren Krise des Finanzsystems ausgegeben. 16 Milliarden für die Hungernden, 700 Milliarden allein in den USA für die Schäden, die durch ein sträflich unreguliertes Finanzsystem, unseriöse Banken und raffgierige Spekulanten entstanden sind …

Vieldiskutiert wurde in diesem Jahr der Milchboykott, an dem sich viele Milchbauern beteiligt haben, nicht nur im Süden der Republik. Den Bauern hat es wehgetan, das Lebensmittel Milch wegzukippen, sie wurden dafür auch hart kritisiert. Nur: Wie soll denn eine Spirale unterbrochen werden, in der Lebensmittel – unsere Mittel zum Leben – immer weniger kosten sollen, und das natürlich ohne ihre Qualität zu verlieren, während diejenigen, die diese Produkte erarbeiten, abhängig sind von einigen großen Discountern und von ihrer Arbeit nicht mehr leben können? Wer eine bessere Lösung weiß, soll sie sagen.

Das waren nur zwei Schlaglichter zu unserem heutigen Predigttext: Danken und gerechtes Handeln gehört zusammen. Gefragt sind sicher die Politiker und Mächtigen in der Wirtschaft, dieses z.B. in der Agrarpolitik und durch eine Regulierung der Finanzmärkte umzusetzen. Gefragt ist aber auch jede und jeder von uns, im eigenen Leben, beim Einkauf, Teilen mit anderen das umzusetzen: „Und vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. An solchen Opfern hat Gott Freude.“

Freuen wir uns heute am Erntedankfest an dem, was uns an Gaben zum Leben beschert ist. Teilen wir diese Freude mit unseren Nächsten und Fernsten und mit Gott.

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