Einstellungsgespräch

Wenn wir den Namen Paulus hören und an den Apostel denken, dann denken wir an einen großen Prediger und Briefeschreiber, den wir zwar nicht unbedingt verstehen, aber dessen Einfluss wir gerne heute in unserer Kirche spüren würden. Aber Paulus war nicht so unumstritten, wie wir heute gerne glauben würden. Es gab Anhänger und es gab Gegner. Manche fochten indirekt mit ihm, kamen in Gemeinden, die er gegründet hat und bauten dort nicht weiter, was er angefangen hatte, sondern bezweifelten erst einmal seine Befähigung, fingen also einen Streit an, um Paulus niederzumachen.

Das hat in Gemeinden oftmals Schaden angerichtet. Es hat zu Verunsicherungen geführt: Sind wir damals womöglich einem Irrlehrer aufgesessen?, so fragten sich die Menschen, die neuen ChristInnen. Paulus muss sich zur Wehr setzen, auch um in den neuen ChristInnen den glauben zu erhalten:

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Ihr seid ein Brief – ‚unser Brief’ so beschreibt der Apostel die Gemeinde in Korinth, an die er schreibt. Diese Gemeinde, mit der es auch Differenzen gab, ist der Beleg, dass der Apostel nicht umsonst gearbeitet hat. Diese Menschen mit ihrem schwachen angefochtenen Glauben sind ein lebendiges Zeugnis: Christus hat den Brief geschrieben, der Apostel hatte nur dienende Funktion. Geschrieben hat er nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes. Dieser Geist spricht immer dort, wo die lebendige Gemeinschaft zwischen den Schwestern und Brüdern erhalten bleibt.

Im Zentrum dieser Gedanke stehen die Gebote Gottes als Zeichen seiner Zuwendung. Er hat mit seinem Volk einen Bund gegründet, dessen Urkunde diese Gebote sind, aber nicht im Sinne eines Gesetzbuches. Der Buchstabe dieses Gesetzes ist relativ uninteressant. Das unterscheidet es von den uns bekanten Gesetzen der EU oder Ähnlichem. Interessant ist der Geist der hinter diesen Geboten steht, der Geist der Befreiung aus der Sklaverei, der Geist, der sich Menschen zuwendet und ihnen hilft, zu leben. Und das traut Paulus der ganzen Gemeinde zu, dass sie den Geist versteht, der hinter den Geboten steht, dass sie den Willen Gottes deuten kann.

Das ist das wesentliche Kriterium christlicher Predigt, christlicher Seelsorge, dass sie die Menschen ernst nimmt, ihnen zutraut mehr zu sein, als ein Publikum, das klatscht. Wenn wir weiter lernen wollen, christlich miteinander umzugehen, dann können wir auch weiter lernen, miteinander zu ringen um Beantwortung der Frage: was ist der Wille Gottes in unserem Leben, in unserer Gesellschaft, in unserer Wirklichkeit.

Und wenn wir uns miteinander darum bemühen, werden wir als Gemeinde auch dahin kommen, dass wir die Gemeinde ernst nehmen als Gruppe von Menschen, die Gottes Willen kennen und ihn übersetzen in ihr Leben, in ihren Alltag. Und die darin miteinander auf dem Weg, und noch nicht am Ziel sind.

Die Kernfrage, der sich Paulus stellt: wer ist tüchtig zum Apostel des Evangeliums? Er hat keine einfache Antwort nach dem Motto: Nehmt doch einfach mich. Ich bin sowieso der Größte und Beste. Sondern er fordert die Menschen in Korinth auf, ihre Entscheidung zu fällen: wer ist wirklich glaubwürdig aufgetreten? Wem geht es um wessen Ruhm? Er lädt die Gemeinden ein, in Ruhe die verschiedenen Prediger zu testen.

Es ist wie vor einem Einstellungsgespräch: Ich habe Zeugnisse und Bescheinigungen. Was ich davon halten soll, erfahre ich erst im Gespräch – alles weitere wird die Zukunft zeigen. Ob ich die richtige Person auf diesen Posten gewählt habe, weiß ich erst sehr viel später.

Im Glauben und im Gemeindeleben habe ich auch Zeugnisse und Schriften. Ich habe das lebendige Zeugnis. Was das in meinem konkreten Leben bedeutet wird die Zukunft ebenso weisen.

Darin darf Gemeinde von Schwestern und Brüdern wachsen, die biblischen Texte zu lesen und zu hören, sie zu diskutieren und zu verstehen und miteinander Antworten zu finden auf die Fragen des Lebens. Ich weiß nicht, wohin mich dieser Weg führen wird, aber es könnte ein Weg sein, den der Herr selber segnet, weil er mir hilft seinen Willen zu erkennen.

Für Paulus selber ist klar: Gewissheit gewinnt er nicht aus äußeren Fakten, sondern allein daraus, dass er weiß: Der Herr ist bei mir. Apostel ist Paulus, weil er über dieses Selbstbewusstsein verfügt: Der Herr ist mit mir.

Mit diesem Selbstbewusstsein will er auch die Gemeinden infizieren. Nicht mit Überheblichkeit, sondern mit dem Selbstbewusstsein, das aus der Dankbarkeit kommt. Gott beschenkt mich mit Geboten, mit einem wachen Geist und mit Schwestern und Brüdern. Und darum kann ich mein Leben verantwortlich führen.

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