Etwas Besseres als der Tod

Im Gottesdienst zum Erntedanktag fallen mir die Bremer Stadtmusikanten ein: ‚etwas Besseres als den Tod finden wir überall’. Dieser Gedanken brachte sie auf ihren Weg. Diese Verzweiflung gibt es immer unter Menschen, die mitten unter uns leben – und alle, die diesen Satz nicht mitsprechen können, dürfen dankbar sein und die besuchen, die nicht wissen wofür zu leben lohnt.

Danke sagen für mein Leben, dazu gehört, diesen Dank auch abzustatten mit Worten und mit Taten, mit Worten in diesem Gottesdienst, mit Taten in meinem Alltag.

Erntedank heißt spätestens seit Martin Luther Danke sagen nicht nur für das tägliche Brot – das auch – aber auch für die anderen Gaben und die Menschen um mich herum.

Um nichts Anderes geht es an Erntedank, um nichts Anderes geht es insgesamt in Fragen der Lebensgestaltung. Denn jeder Feiertag ist ja auch ein Symbol: Was nützt ein Erntedanktag im Jahr, wenn nicht das ganze Jahr etwas davon hat.

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Dicke Schatten liegen über der Gemeinde des Hebräerbriefes. Es war eine in ihrer Existenz bedrohte Gemeinde. Da waren Bedrohungen von außerhalb. Die Staatsmacht bedrängte die Gemeinde. Aber auch nach innen war Erosion deutlich zu spüren. Und da schreibt jemand der Gemeinde. Den Text verdanken wir darum einer Gemeinde, die eine ganz bewusste Entscheidung für ihren Glauben getroffen hat. Sie weiß, warum sie dankt gerade auch in schlechten Zeiten. Sie weiß, warum sich auch im Angesicht der Gefahr lohnt, Gott Dank zu sagen.

Wir leben in einer bedrängten und bedrohten Welt und können das nicht einfach wegblenden, wenn wir Gott danken.

Wir können auch nicht einfach sagen: Die vor 2000 Jahren haben das doch geschafft, obwohl es ihnen wesentlich schlechter ging als uns heute.

Wir leben in unserer Welt mit guten und mit schlechten Erfahrungen, mit Erinnerungen und Träumen von Solidarität und Erfahrungen und Ängsten von Einsamkeit und Verlassenheit. In unsere Situation hinein schreibt der Hebräerbrief seine Ermahnung / Ermutigung. Es geht ihm im Kern um die Frage des Gottesdienstes in unserem Leben.

Es geht nicht um Opfer in dem Sinne wie wir es oft verstehen, als archaisches Ritual, in dem ein Tier geschlachtet wird, um es Gott darzubringen.

In den alten Schriften wurde jeder Gottesdienst oft auch als Opfer bezeichnet. Als Opfer oder Dienst, den wir Gott abliefern oder in dem Gott für uns da ist. Und noch heute empfinden KonfirmandInnen ja diesen Dienst als Opfer und nicht als Etwas, das Gott für uns tut. Ob sie das von uns so lernen? Dann müssten wir unseren eigenen Gottesdienst näher kennen lernen. Lernen, dass nicht wir Gott dienen, sondern Gott uns dienen will uns begegnen will in diesem Gottesdienst, uns zuhören will, uns annehmen mit unserer Schuld, unseren Nöten und unseren Ängsten.

Vielleicht erkennen wir dann auch die Chancen, die in unseren Gottesdiensten stecken. Die Chance, dass wir uns bedienen lassen und dafür Dank sagen. Die Chance, dass wir dankbar die Gaben annehmen dürfen, die da sind und nicht nur sehnsüchtig schielen auf die, die da sein könnten, weil wir sie gerne hätten. Das könnte ein schöner Erntedankgottesdienst werden, in dem ich mich zuallererst zurücklehne und dankbar bin für alle guten Gaben, die ich empfangen habe. Und dann erst überlege, was das für mein Leben bedeuten könnte.

Da sind Menschen im heutigen Nahen Osten, verfolgt wegen ihres Glaubens, die machen sich mit unseren Versen Mut:

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Ein Text geschrieben in Bedrängnis. Hier sind Menschen in ihrer Glaubensexistenz gefährdet und trotzdem mit Blick auf das, wofür sie dankbar sein dürfen. Sie haben eine bewusste Entscheidung für ihren Glauben getroffen. Diese Entscheidung verlangt ihnen Opfer ab, die sie bringen wollen, nicht im Hochmut die besseren Menschen zu sein, sondern in Dankbarkeit soweit gekommen zu sein.

Das ist eine neue Form des Dankes und des Denkens. Dankbar nicht nur für gute Gaben, für viel Einkommen, glückliche Beziehungen, sondern dankbar für Lebensentscheidungen, deren Ergebnis nicht das Paradies auf Erden ist, sondern ein erfülltes Leben mit Gott.

Aus dieser Dankbarkeit können die Menschen in neuer und überraschender Weise füreinander da sein. Der Schreiber unserer Zeilen erinnert sie dabei an etwas, das sie schon lange wissen. Er ermutigt sie, das in die Tat umzusetzen. Man kann nicht Danke sagen ohne diesen Dank auch in irgendeiner Weise zu tun.

Was mir dabei besonders imponiert ist: Da kommen keine klaren Handlungsanweisungen, keine klaren Gesetzlichkeiten, keine EU-Verordnungen, sondern ein schwammiger Satz: 16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Was das in meinem Leben ganz speziell bedeutet, das muss ich selber herausfinden. Ob ich spende, oder ob ich einem Kind zu essen gebe. Ob ich Mitglied in einem Hilfsverein werden, oder ganz im Verborgenen etwas tue. Wo, wie, was – da gibt es keine Antwort, keinen Hinweis, vielleicht auch weil unser Schreiber weiß: Wie ich meine Dank gegenüber Gott zu den Menschen trage, das hängt von Zufällen ab, von Situationen in denen ich lebe, oder denen ich begegne. Nur dass ich irgend etwas tu, dazu will er mir Mut machen. Es geht weniger um Opfer in dem sinne, das ich mir etwas abringe. Es gibt keinen Zwang, sondern, es geht darum, dass ich bereit bin, zu helfen, zu teilen.

Es geht nicht um etwas grundlegend Neues, sondern um die Erinnerung an etwas, das wir schon lange wissen. Wir kennen den Willen Gottes, nur die Umsetzung bleibt ein Problem.

Unsere unterlassenen Hilfeleistungen sprechen jedem Danke Hohn. Dass das Christentum für Menschen an Strahlkraft verloren hat, liegt auch daran, dass sie nicht mehr aus vollem Herzen Danke sagen kann. Die ersten christlichen Gemeinden haben durch tätige Nächstenliebe überzeugt. Uns heute fällt das Danke oft schwer, aber wenn es gelingt, kann uns oft auch leicht ums Herz werden.

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