Zeitlose Momente

<I>[Die Predigt geht auf den Auftakt der Pro Reli Aktion in Berlin ein.]</I>

Unaufgeregt – das ist bei uns heute ein Kompliment. Jemand schafft es, einen Streit unaufgeregt zu beenden. Das ist gut. Das ist jemand, der verliert nicht die Nerven, da ist eine, die bleibt sachlich und behält den Überblick. Sie macht den anderen nicht fertig. Sie findet eine Lösung, mit der alle leben können, kann sich ein- und wenn es sein muss auch unterordnen. So ein Mensch bleibt nüchtern in schwierigen Zeiten und bewegt dennoch etwas. Können wir brauchen, solche Menschen. Regt euch bloß nicht auf, sondern bleibt bei der Sache und lasst euch nicht irre machen – diese Botschaft hören wir auch heute im Ephbrief. Lebt weise, achtet sorgfältig, ja akribisch darauf, dass ihr euer Leben weise führt, schnappt mir ja nicht über und sauft euch nicht voll Wein, ja?! Das bringt nur Chaos in euer Leben und eure Umwelt. Lasst euch vom Geist erfüllen!

Na gut. Das kann man ja mal versuchen. Aber helfen uns diese Ermahnungen? Reichen gute Vorsätze, um sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen?

Um ehrlich zu sein: Ich kann das Wort „unaufgeregt“ nicht wirklich leiden. Es setzt die ins Unrecht, die nicht anders können, als sich aufregen. Immer wieder verlieren Menschen die Fassung, werden wütend oder verzweifeln. Und häufig mit gutem Grund. Wie kann man auch ruhig bleiben, wenn das eigene Leben durcheinander gerät und kein Ausweg sichtbar ist? Wie kann man ruhig bleiben, wenn die Möglichkeit besteht, das kommende Volksbegehren für das Wahlpflichtfach Religion/Ethik, zu verlieren? Wie kann man ruhig bleiben, wenn die Dynamik der Wirtschaft tausenden von Menschen ihre Arbeitsplätze kosten wird, wie gerade in den letzten Tagen durch die Insolvenz der US-Bank der Lehmann brothers wieder deutlich wurde. Wie soll man ruhig bleiben, wenn ein idiotischer Hurrikan ständig seine Bahn durch die eigene Stadt nimmt? Wie soll man ruhig bleiben, wenn man bei den eigenen Kindern erlebt, wie ihnen die ganze Last schulpolitischer Fehlplanung auf die Schultern gelegt wird und ihnen die Zeit verdorben und überhaupt die Zukunft auf dieser Erde immer mehr verbaut wird?

Die Dynamik der Ereignisse reißt uns immer wieder aus unserem Alltagstrott heraus. Wir spüren genau: Das sind keine ängstlichen Phantasien, die uns da umtreiben, das greift mein Leben an, da kommt etwas auf mich zu, wie die Lyrikerin Ingeborg Bachmann es ausdrückt:

„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“

Auf das, was da auftaucht, starren viele wie die Kaninchen auf die Schlange oder senken die Augen und schauen weg oder … regen sich auf. Sachlich und ruhig bleiben können die wenigsten. Aber ist Ruhe bewahren wirklich das, was der Epheserbrief uns nahe legen möchte mit seiner Ermahnung, unser Leben sorgfältig und weise zu führen? Ist das sein Rezept für harte Tage? Bleibt ruhig und sauft nicht? Wo bleibt unsere Dynamik im Epheserbrief? Kann der ruhig bleiben, weil er eine gesicherte Position hatte, damals? Oder ist der so abgehoben, dass er immer im Zentrum des Wirbelsturms bleibt und sich durch nichts aus der gefundenen Weisheit herausreißen lässt? Wer schreibt uns da?

Jedenfalls keiner, der damals viel zu sagen gehabt hätte. Der Verfasser dieses Briefes war ein Vertreter der christlichen Minderheit Ende des 1. Jhs. Die Christen wurden zu dieser Zeit zwar nicht mehr ganz so brutal verfolgt wie zu Kaiser Neros Zeiten. Sie mussten aber nach wie vor mit Prozessen und mit den Verleumdungen aus der Bevölkerung fertig werden. Da konnte man sich schon mal aufregen oder den Verlockungen der Hafenstadt Ephesus nachgeben und im Vergnügungsviertel auf verschiedenste Art versuchen den Stress zu vergessen.

Der Epheserbrief versucht, den Gemeinden zu helfen. Sie sollen sich weder aufreiben, noch ins selige Vergessen fliehen. Sie sollen nüchtern bleiben. Die Dynamik, der die Christen damals wie heute ausgesetzt waren, leugnet der Ephbrief nicht, sondern benennt sie: Es ist eine böse Zeit, sagt er. Es sind schlimme Tage. Die können einem zusetzen und umtreiben. Keine Frage. Aber – so sein Rat – kauft die Zeit aus. Holt alles heraus, was zu holen ist. Jetzt! Lebt ganz und gar den Willen Gottes in dieser Zeit, denn eine andere habt ihr nicht! Lasst euch vom Geist erfüllen! Das klingt nun wieder gar nicht nach Ruhe und Besonnenheit, sondern nach echtem Stress. Egal, was mir persönlich zustößt, ich soll mit aller Kraft das Beste daraus machen, das Beste im Sinne Gottes versteht sich. Such dir eine neue Beziehung, lebe mit deiner Krankheit, irgendwas geht immer, Gott hält deinen Weg offen! Opfere dich auf, wenn es sein muss, aber lebe in seinem Sinn! Renne mit hängender Zunge hinter den Schülern her und versuche sie zu Projekten zu überreden, um den Religionsunterricht trotz Randstunden aufrecht zu erhalten! Such dir eben eine neue Arbeit oder wenigstens eine sinnvolle Aufgabe! Verbarrikadiere dein Haus ordentlich und lass dich evakuieren und bau alles nachher wieder auf! Halte deinen Kindern soweit wie möglich den Rücken frei, kauf Energiesparlampen und übe Druck auf die Regierung aus, damit mehr auf den Umweltschutz geachtet wird! Vergiss nicht: Die Zeit drängt, die Zeit treibt vorwärts, die Zeit lässt dich nicht in Ruhe, sondern zerrt an dir, die Zeit …

Stopp, sagt der Epheserbrief, keine Panik. Du hast recht, genau das meine ich. All das sollst du tun. Aber die Zeit auskaufen, bedeutet nicht, sich von ihr überrennen zu lassen. Nicht für einen Christen oder eine Christin.
Eure Art, die Zeit auszukaufen, ist anders. Natürlich sollt ihr euch kümmern um euch selbst und um andere. Das sagt schon das Gebot der Nächstenliebe. Aber – und das kommt zuerst – ihr sollt euch vom Geist Gottes erfüllen lassen, Gott lieben von ganzem Herzen, dann kommt auch die Kraft, die Klarsicht, die Weisheit, wie das anzustellen ist, den Kopf nicht zu verlieren und besonnen zu bleiben und dennoch handlungsfähig. eWieder schöne und ansprechende Worte. Aber wie soll da noch der Geist Gottes Platz haben, wenn das Herz von Sorge und Anstrengung erfüllt ist, wie?

Wieder bleibt der Ephbrief erfrischend pragmatisch: Ganz einfach, sagt er, durch Singen. Ihr habt dem Bösen dieser Zeit nichts entgegenzusetzen, wenn ihr dem nicht das Leben einer anderen Zeit entgegensetzt. Diese Zeit ist noch nicht für alle sichtbar da und kommt auch nicht so bald. Aber man kann schon in ihr leben. Die Härte der Ereignisse greifen euch an, dagegen könnt ihr nichts machen. Und wenn ihr euer Herz dagegen verhärtet oder unempfindlich macht, dann tötet ihr auch anderes, Gutes, dann vertreibt ihr auch den Geist Gottes aus eurem Herzen. Eure Herzen sollen offen bleiben. Füllt es mit dem, was Leben schenkt. Setzt gegen die Härte der Zeit das pralle Leben, das die Welt weitet, die Enden der Zeit dehnt, so dass Raum entsteht, in dem Gott Platz hat und sich bewegen kann und ihr mit ihm. Das ist besser, als sich zu betäuben. Das ist besser, als sich sinnlos aufzuregen. Das ist aber auch etwas anderes, als immer ruhig und gelassen zu bleiben.

Singen und feiern und dankbar sein für alles Schöne.

Gott schenkt uns die Freiheit zu leben und zu feiern, wo kein sichtbarer Grund vorhanden ist. Gegen allen Druck dehnt sich die Enge im Herzen, auch durch den Inhalt der Lieder, die Gott preisen und damit seine Existenz hörbar machen durch unsere Stimmen und sichtbar durch unsere Freude am Leben. Lassen Sie uns einen Moment innehalten und dieses Rezept des Eph ausprobieren:

<I>Lied: Meine engen Grenzen</I>

Zeitlose Momente, Momente, in denen die Zeit den Atem anhält, die Stunden nicht gezählt werden, Aufschub gewährt wird, um das Leben dankbar auszukosten, Momente, von denen jeder weiß, dass sie nicht ewig dauern, denn am Horizont winkt schon all das, was im Moment zurückgedrängt wurde.

Aber diese Momente der Lebensfreude sind es, die uns Kraft schenken, um die Zeit, in der wir leben, auszukaufen und besonnen zu bleiben, weil wir dankbar würdigen können, was Gott und das Leben uns schenkt.
Wer weiß, wie das pralle Leben schmeckt, der wird zum Segen, weil er weder nüchtern im Sinne von unberührt bleibt, aber sich auch nicht auflöst in der Aufregung, die böse Tage so mit sich bringen. Das pralle Leben, das erleben manche beim Singen, beim Feiern, in manchen Gottesdiensten, bei einem schönen Abend mit Freunden, wo ein Wort das andere gibt, mit der Familie, in Stunden der Liebe, auch in der Arbeit, wenn Dinge gelingen.

Wenn ich Schüler frage, wo sie sich richtig lebendig und wunschlos glücklich fühlen, nennen sie häufig den Computer. Er ist für sie ein Ort des Rückzugs, der Ruhe, ein Ort, wo keiner sie quält mit Fragen nach unaufgeräumten Zimmern oder Hausaufgaben, ein Ort, der durch Spiele oder Surfen im Internet Spannung erzeugt und sie die Härte vergessen lässt, der sie immer mehr in ihrem Schulalltag ausgesetzt sind. Nun, den innigen Bezug der Jugend zur neuen Technologie soll man nicht verurteilen, ich weiß. Dennoch meine ich, dass dieses Verhalten dem Weinsaufen ähnelt, das der Epheserbrief kritisiert. Und die Kinder geben auch durchaus zu, dass sie sich häufig schal und leer fühlen, wenn sie Stunden vor dem Kasten verbracht haben. Aber Kinder kopieren das Verhalten, das sie in ihrer Umwelt sehen. Ich will jetzt gar nicht die Eltern ausschimpfen. Es geht vielmehr darum, dass die Orte, die Momente, wo den Kindern und uns das pralle Leben heute noch begegnet, rar gesät sind. Eltern sind erschöpft von der Arbeit, Lehrer verlieren immer mehr den Überblick, die Stundentafel verlangt Unmenschliches von den Kindern.
Wo begegnen sie noch Menschen, die, wie es der Ephbrief fordert, die Zeit auskaufen können, weil sie den Anstrengungen und den Ängsten etwas entgegenzusetzen haben, was man lebenswert nennen kann? Wo sind die Orte, an denen ohne Anstrengung und Hektik fröhlich gefeiert und einander begegnet wird, wo die Gedanken frei fließen können? Selbst der Religionsunterricht in Berlin verliert unter dem Druck sich zu halten, diese Qualität immer mehr.

Eigentlich sind es doch die Kinder, denen es noch am leichtesten fallen sollte, das pralle Leben zu erfahren in Spielen, beim Singen, Feiern und Fröhlichsein. Wenn sie das nicht mehr können, wer kann es dann noch?
Um ihretwillen, die unsere Zukunft sind, sollten wir darauf achten, dass vor allem Druck, ein Leuchtfeuer nach dem anderen aufzubauen, damit wir als Kirche bloß noch zu sehen sind, wie es das Papier der Landeskirche uns nahe legt, dass wir in den Gemeinden die Zeit immer wieder stunden, zurückdrängen und Freiheit schaffen in unseren Herzen und unserem Tagesablauf, um den Geist Gottes wirken zu lassen, der uns zu seiner und unserer Freude geschaffen hat. Diese Freude brauchen die Menschen, die mit uns leben, brauchen die Kinder, brauchen die Menschen in unserer Stadt, brauchen wir, um nicht unterzugehen. Und diese Freude gibt es nicht zu kaufen, die kann man nicht organisieren, die braucht einfach nur Raum in unserem Alltag, um sich frei entfalten zu können. Und wenn morgen die Aktion Pro Reli beginnt, dann sollte das unser Auftreten und das Ausmaß unseres Engagements bestimmten: Nicht die Angst und der Druck, sondern das Wissen um diese Freude am Leben, für die wir weiterhin den Raum bieten möchten, den Raum, wo in Ruhe nachgedacht und aufgeatmet und fröhlich zusammen gefeiert werden kann.

Was erfüllt Ihr Herz mit Freude? Wo erleben Sie diese zeitlosen Momente? Was gibt Ihnen die Kraft, die Zeit auszukaufen und das Nötige zu tun, um die Gebote der Zeit Gottes sichtbar werden zu lassen? Das, woran unser Herz hängt, das ist es, was uns den Weg weisen kann. Nicht die Opfer, nicht die Anstrengung, wenn wir uns überwinden, das Nötige zu tun. Das, woran unser Herz hängt, gibt uns Kraft und hilft anderen, gerade auch den Kindern, zu leben im wahrsten Sinne des Wortes. Darauf sollten wir hören. Beim einen ist es das Singen und Feiern, beim anderen Spaziergänge in der Natur, bei wieder einem anderen wie Janusz Korczak sind es die Kinder, die sein Leben so erfüllt haben, dass er den jüdischen Waisenkindern aus Warschau sogar ins KZ gefolgt ist. Er sagt: „Es lügt derjenige, der sagt, dass er sich für etwas oder für jemanden opfert. Der eine liebt Karten, ein anderer Frauen; der eine lässt kein Pferderennen aus und ich liebe Kinder. Ich opfere mich gar nicht, ich mache das nicht für sie, sondern für mich. Das ist für mich notwendig.“ Nur so geht es. Nur so haben wir die Kraft, gleichzeitig das Nötige zu tun und die Freude am Leben nicht zu verlieren. Nur so kann einer wie Janusz Korczak 1942 im Warschauer Ghetto beten und uns in die Schönheit des Lebens hineinziehen, indem er sagt: "Dank dir, guter Gott, für die Wiese und die Farben der Sonnenuntergänge, für den erquickenden Abendhauch nach einem heißen Tag voller Mühe und Arbeit. Guter Gott, der du alles so gut und klug ersonnen hast, dass die Blumen ihren Geruch haben, die Glühwürmchen auf der Erde leuchten, die Sterne am Himmel funkeln".

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