Geisterfüllt

Liebe Gemeinde, unser Predigttext heute kommt wieder aus dem Epheserbrief – wie schon am letzten Sonntag. Wenn sie letzten Sonntag da waren, dann erinnern sie sich vielleicht, dass vieles bei diesem Epheserbrief im Dunkeln bleibt. Wir wissen eigentlich nichts über den Briefeschreiber, der so tut, als wäre er der Apostel Paulus. Wir wissen auch nicht mit Sicherheit, ob das überhaupt ein Brief war.

Sicher ist nur, dass die es die Gemeinde damals in Ephesus nicht leicht hatte: Ständig angefeindet von den anderen, die wenig von diese Gott hielten. Immer beobachtet vom römischen Staat, immer auf der Suche nach einem Weg für die Gemeinde – aber auch darüber kam es ständig zum Streit. Zum Christsein der Menschen damals gehörte sicherlich auch eine ganze Portion Frust. Doch trotzdem, das war unser Fazit letzten Sonntag, sind sie alle miteinander verbunden durch ein Band des Friedens. Ihr seid alle eine Einheit, sagt der Schreiber – auch wenn ihr ganz unterschiedliche Menschen seid und wenn ihr verschiedene Meinungen habt. Dieses Band verbindet euch untereinander.

Heute geht unser Briefeschreiber nun der mindestens genauso wichtigen Frage nach: Wie also sollte man leben damals als Christ in Ephesus? In einer Zeit, die viele damals als böse und schwierig empfunden und erlebt haben. Unser Autor schreibt also in Kapitel 5 (in gerechter Sprache):

[TEXT]

„Irgendwie wird´s doch auch hier immer schlimmer“, sagt eine Kollegin in der Schule am Freitag zu mir und schenkt sich eine Tasse Tee ein. Sie meint damit die Lebensumstände von manchen Kindern: Kein Frühstück, keine Unterstützung von den Eltern, nicht einmal Hefte haben manche. „Es wird immer schlimmer“ – der Satz ist mir nicht aus dem Kopf, als ich in die Pausenaufsicht gegangen bin. Ich fische einen Jungen aus dem Schulhaus, der sich hineinmogeln wollte und sage: „Komm, heute scheint so schön die Sonne – bleib draußen!“ Er schaut mich finster an und sagt: „Für mich scheint sie nicht schön.“ Die anderen toben und rasen und spielen – er wartet vor der Tür. Wenn ich überlege – ich ihn noch nie lachen sehen.

„Es wird immer schlimmer“ – der Eindruck bestätigt sich in der Mittagspause beim Zeitungslesen: Börsencrash in Amerika – in wieweit wir betroffen sind ist noch nicht absehbar. Immer noch Anschläge im Irak und in Afghanistan. In Georgien herrscht eine mühsam errungene Waffenruhe. Die Hurrikans wüten in Amerika und der Karibik, wohl Folgen der Klimaveränderungen – zugleich plant Deutschland neue Kohlekraftwerke – wahre Klimakiller. Und jetzt schlägt also unser Predigttext noch in dieselbe Kerbe: Die Tage sind böse.

Doch so schnell lässt sich ein Christ nicht entmutigen – heute nicht und damals in Ephesus schon gar nicht: Deshalb heißt es: Du, wach auf aus dem Schlaf und steh auf von den Toten! Nutzt die Zeit aus. Angesichts der Umstände damals ein eindringlicher Appell, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern weiterzumachen. Und zwar nicht irgendwie weiterzumachen, sondern als Christin oder Christ. Endlich aufzuwachen aus dem Selbstmitleid und der Aussichtslosigkeit der Umstände. Endlich aufzuwachen und sich nicht einfach weiter so treiben zu lassen vom Leben. „Verschlaft die Zeit doch nicht“, warnt der Briefeschreiber, „sondern nutzt sie! Wacht endlich auf aus dem Schlaf!“ Deshalb: Achtet also genau darauf, wie ihr lebt, nicht als Törichte, sondern als Weise!

Ob er auch uns heute meint? Der Schreiber fordert ja, dass wir anfangen sollen, unser Leben bewusst zu gestalten. Dass wir anfangen, selber die Initiative zu ergreifen. Dass wir unseren Verstand einschalten und anfangen selbst Entscheidungen zu fällen, selbst die Weichen im Leben zu stellen.

Liebe Gemeinde, das hat schon viel mit uns heute zu tun. Oft erzählen mir die Menschen, dass sie sich wie in einem Hamsterrad fühlen. Sie fühlen sich getrieben im Leben. Andere bestimmen den Tagesablauf, die Umstände in der Familie oder im Beruf scheinen das Leben zu regeln. Manchmal erzählen mir auch schon Jugendliche, dass sie in der Schule so eingespannt sind, dass kaum noch Zeit bleibt. Und das bisschen, was noch da ist, wird dann verplant von Sport oder Musik. Auch sie sind schon gefangen und laufen im Hamsterrad. Und ich glaube, dieses Gefühl, das eigene Leben nicht mehr selbst in der Hand zu haben, das haben wir immer wieder. Wir leben nicht, sondern wir werden gelebt. Und genau da sagt unser Predigttext: Halt! Achtet also genau darauf, wie ihr lebt, nicht als Törichte, sondern als Weise! Nutzt doch eure kostbare Lebenszeit, auch wenn die Zeiten nicht einfach und manchmal undurchsichtig sind.

Wir sollen uns also gerade nicht treiben lassen von den Umständen. Wir sollen einen Blick bekommen für unser Leben und für das, was uns bestimmt. Wir sollen aber auch einen Blick bekommen für die anderen. Einen Blick für das, was sie beschäftigt – auch einen Blick für die Zusammenhänge, die in unserer Welt immer undurchsichtiger werden.

Doch was gibt uns in diesen bösen Tagen die Richtung vor? Was hält uns davon ab wieder in ein neues Hamsterrad einzusteigen?

Die kleine Gruppe von Menschen auf ihrem Zettel wird wahrscheinlich von denselben Fragen angetrieben (Quelle: Werkstatt für Liturgie und Predigt). Auch sie suchen nach einer Richtung und fuchteln dabei mit ihrer Taschenlampe herum. Und auch sie fragen sich, wie soll ich denn nun leben als Christ? Wie lebe ich denn als Weise und nicht als Törichte? Und vor lauter Suchen rennen sie vorbei an dem, was offensichtlich und unübersehbar in der Mitte des Bildes steht: 2 Steintafeln mit 10 Sätzen darauf. Das, was auf diesen Tafeln steht haben wir heute als Schriftlesung gehört und jeder Konfirmand ganz egal ob heute oder schon vor Jahren lernt diese 10 Sätze auswendig. Eigentlich müssten wir also gar nicht suchen!

Aber selbst jetzt gilt noch die Mahnung unseres Briefeschreibers: Achtet also genau darauf, wie ihr lebt! Denn diese 10 Gebote, die können wir nicht genau so wie sie aufgeschrieben sind einhalten. Sie sind mehr wie Wegweiser, die uns eine Richtung vorgeben. Manches mal zwingen sie uns schon auch zum Nachdenken. Viele suchen deshalb lieber wo anders, wo ich eben nicht selbst nachdenken muss und die Antworten ganz einfach vorgegeben sind. Doch so ein Leben meint der Epheserbrief nicht und das meinen auch die 10 Gebote nicht. Vielleicht ist das ja das Besondere an unserem Gott, dass er uns zum Nachdenken zwingt und uns einen eigenen Willen geschenkt hat. Dass wir die Freiheit haben, unser Leben selbst zu gestalten – aber auch die Pflicht, die Folgen unserer Gestaltung zu tragen. Und damit das keine unlösbare Aufgabe für uns Menschen wird, hat Gott Wegweiser aufgestellt – ein Geländer, an dem wir uns bei unserer Suche nach dem richtigen Leben orientieren können. Aber auch hier ist unser Verstand gefordert – ein törichter Umgang mit den Geboten kurzsichtig und dumm. Denn jedes Gebot eröffnet eine Vielzahl von Fragen: ´Gehört zum Ehren der Eltern zwingend dazu, sie allein zu Hause zu pflegen? Darf man einen Menschen töten, um viele andere Tote zu verhindern oder Schuld zu sühnen – denken sie nur an die Hinrichtung von Saddam Hussein. Und ist es eigentlich gut für mich, wenn ich auch sonntags arbeite und mache, was ich will?`

Gott will, dass ich frage und überlege und suche. Er will, dass ich mich an seinen Geboten reibe und über sie nachdenke. Und er weiß, dass ich auch scheitern kann. All das gehört eben zum Leben dazu. Und nur so kann ich versuchen zu begreifen, was Gottes Wille ist – unser Predigttext fordert uns ja dazu auf. Dass das nicht einfach ist, wissen wir alle – wir wissen auch, dass man sich darüber trefflich streiten kann. Aber nur, wenn wir Fragen stellen und nach Antworten suchen, dann können wir vielleicht in ganz kleinen Teilen Gottes Willen begreifen. Dann können wir anfangen, unser Leben selber in die Hand zu nehmen und unsere Lebenszeit tatsächlich zu nutzen.

Liebe Gemeinde, der Epheserbrief ermutigt uns, das zu tun und seine Mahnung gilt auch uns heute: Du, wach auf aus dem Schlaf und steh auf von den Toten! Nutzt die Zeit aus. Denn als Christen habt ihr die Freiheit euren Tunnelblick abzulegen. Nicht immer nur zu fragen, wie es mir geht und wie ich weiter komme im Leben nach dem Motto: Augen zu und durch. Achtet also genau darauf, wie ihr lebt – das heißt, habt einen Blick für die anderen. Einen Blick für das, was sie beschäftigt – aber auch einen Blick für die Zusammenhänge, die in unserer Welt immer undurchsichtiger werden. Nutzt die Zeit aus – das heißt: Legt euren Tunnelblick ab und übt euren Taufblick – wacht endlich auf! Laßt euch erfüllen mit Geisteskraft! legt uns der Briefeschreiber heute ans Herz. Versucht doch nicht immer alles selbst zu regeln und zu lenken. Vertraut doch ein bisschen auf das, was Gott euch bei eurer Taufe geschenkt hat, vertraut auf den Geist, den er euch geschenkt hat und vertraut auf euren Taufblick. Hört nicht auf zu fragen und zu suchen. Und dankt allezeit für alles Gott wie einer Mutter oder einem Vater, im Namen Jesu, des Christus, zu dem wir gehören.

Wie also leben als Christ in einer Zeit, in der wir manchmal den Eindruck haben, dass alles schlimmer wird, dass die Tage böse sind? Der Epheserbrief antwortet: Ihr seid Kinder des Lichts! Deshalb heißt es: Du, wach auf aus dem Schlaf und steh auf von den Toten! 15 Achtet also genau darauf, wie ihr lebt, nicht als Törichte, sondern als Weise! 16 Nutzt die Zeit aus und laßt euch erfüllen mit Geisteskraft! 19 Ermuntert einander mit Psalmen, Hymnen und geistgewirkten Liedern; singt und spielt in eurem Herzen vor Gott! 20 Dankt allezeit für alles Gott wie einer Mutter oder einem Vater, im Namen Jesu, des Christus, zu dem wir gehören.

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