Vertrauen – ein Blick ins Paradies

Liebe Gemeinde.

Da passierte einem Mann das Malheur, seinen Geldbeutel samt Schlüssel im Wagen einzusperren. Als er eine junge Frau um 30 Cent zum Telefonieren bitten wollte, bekam ihm das schlecht. Er fand sich im Krankenhaus wieder. Die junge Frau hatte gerade einen Selbstverteidigungskurs absolviert und hielt ihn für einen Sittenstrolch. Schlimm erging es auch einem alten Mann, der seine beiden kleinen Enkel bei einem Verkehrsunfall verloren hatte. Nachdem er auf einem seiner Spaziergänge mit Hilfe von Schokoriegeln Kontakt zu Kindern gesucht hatte, wurde die Polizei alarmiert und das Gelände umstellt. Bis sie eingriff, hatten treusorgende Väter dem Kinderschänder schon eine Abreibung verpasst.

Erst draufhaun und dann reden. Angst und Misstrauen grassieren in unserer Gesellschaft, in der inzwischen zwei Drittel der Menschen allein im Haushalt leben. Und wo der vorauseilende Argwohn regiert, reduziert sich das Ansehen einer Person dann schnell darauf, dass er ja eine Unperson sein könnte, der alles zuzutrauen ist.

Hier auf dem Land ist manches noch nicht so extrem, man kennt sich weitgehend. Aber was würden Sie tun, wenn nachts zwischen Weipoltshausen und Madenhausen ein unbekannter Mann am Straßenrand stehen würde. Etwas ungelenkt, wirkt er wie besoffen und will offensichtlich mitgenommen werden. Sonst nichts. Einfach nur der Mann im Wald. Was macht er da? Wie kommt er dahin? Warum mitten im Wald, wo´s am dunkelsten ist? Was würden Sie tun. Sie allein, wenn Sie im Auto vorbeifahren? Einem entfernten Bekannten von mir ging es so. Er war mit dem Motorrad auf den Seitenstreifen gekommen und weggerutscht. Samt Motorrad den Hang hinunter, zum Glück nur leicht verletzt aber stark blutend. Angehalten hat niemand. Schließlich stellt er sich so auf die Straße, dass man ihn nur überfahren oder anhalten konnte. Er kam an den Richtigen, der anhielt.

Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht töten. Das ist eigentlich alles nicht so schlimm. Mit ein bisschen weniger Besitz kann man leben und damit, mal ausgetrickst zu werden. Und wenn mich jemand umgebracht hat, sei´s drum: Mich stört´s dann nicht mehr. Ich denke, das eigentlich Schlimme am Übertreten solcher Gebote ist, dass sie das Vertrauen von uns Menschen ineinander untergraben. Unsere Mitmenschen werden zu Menschen, die uns vielleicht ja Böses wollen. Und so frisst sich der Argwohn durch unsere Gesellschaft.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, setzt der Christus dagegen. Der Mensch ist nur gemeinsam Mensch. Ohne Eva kein Adam, ohne Adam keine Eva. Und ohne Verlass und Vertrauen aufeinander kein Paradies: nur Dornen. Darum: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Damit Vertrauen erhalten bleibt oder wieder neu wachsen kann.

[TEXT]

Zusammengefasst: Übt liebevolle Gemeinschaft ein. Lebt so, wie es euch Gott geschenkt hat: Ihr seid doch auf den gleichen einen Gott getauft. Er ist euer aller Vater. Wenn ihr euere Taufe ernstnehmen wollt, wenn ihr Christen sein wollt, dann übt ein, dass ihr füreinander sorgt, nicht als wärt ihr Geschwister. Nein, ihr seid Geschwister! Übt das als Christen untereinander. Seid Vorbilder für die Welt, damit sie sich anstecken lässt. Lasst Vertrauen wachsen. Denn mit dem Vertrauen wächst die Welt die Paradies entgegen.

Wie kann das aussehen? Ein Arzt in den USA eröffnet eine Praxis auf dem Land. Hier ist Vieles zerrüttet. Es herrscht Misstrauen untereinander – alte Geschichten. Viele sind nicht krankenversichert. Der Arzt wagt ein Experiment: Er behandelt alle. Jeder gibt, was er kann und für richtig hält. So wirbt der Arzt um gegenseitiges Vertrauen, indem er selbst Vertrauen wagt. Und: die menschliche Lage wird freundlicher. Sogar ein Gutsbesitzer, der als verrückt gilt und seit vielen Jahren nicht mehr normal mit Menschen geredet hat, öffnet sich auf seine Art. Arzt und Arzthelferin verlieben sich, wie es kommen muss. Und die Arzthelferin übernimmt das Vorgehen des Arztes: Vertrauen wagen und das Beste im Menschen sehen, damit es wachsen kann. Als der Arzt für einige Tage eine Konferenz besucht, betreut die Arzthelferin alleine die Praxis. Der verschrobene Gutsbesitzer ruft an und bittet, ihn zu besuchen. Sie kommt, und er? Er erschießt sie und sich, um gemeinsam mit ihr zu sterben. Auf seine kranke Weise hatte er sich in sie verliebt.

Der Arzt steht vor der gleichen Frage wie wir alle immer wieder: War es falsch, die Chancen zu sehen statt der Gefahren? War es falsch, Vertrauen zu wagen – auch über die Angst hinaus. Hatte er nicht nur sein Leben auf die falsche Spur gesetzt? War er nicht auch schuld am Tod seiner Geliebten?

Liebe Gemeinde, ist Jesus wie dieser Arzt? Hat Jesus als er sagte, „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach!“ bewusst den eigenen Tod und den Tod aller, die ihm nachfolgen in Kauf genommen, damit wir jede Chance nutzen, das Gute im Menschen zu wecken, und ja aus Angst keine Gelegenheit für Vertrauen verstreichen lassen? Sollen wir in Kauf nehmen, selbst Opfer zu werden, Opfer unserer eigenen Gutmütigkeit und fremder Verrohtheit und Angst? Ganz abgesehen von der Frage, ob´s was bringt, wenn die Guten zu Opfern werden und am Ende sich vielleicht doch die Gewalt durchsetzt?

Was also tun, liebe Gemeinde? Vertrauen wagen, und wenn es dumm läuft, selbst zum Opfer werden? Oder auf Sicherheit setzen und in Kauf nehmen, dass wir andere zu Opfern machen, weil unsere Angst sie schlechter einschätzt, als sie sind. Wie viel Demut, Sanftmut und Langmut, die uns der Epheserbrief empfiehlt, eigentlich gut?

Ich habe mich neulich ausführlich mit einer jungen Amerikanerin unterhalten. Sie war ganz begeistert, wie offen die Menschen hier seien und dass vieles so viel sicherer sei als in den USA. Sie könne hier, auch wenn sie kein deutsch spreche, besser leben als in ihrer Heimat, weil es in Deutschland eine Atmosphäre des Vertrauens gebe, die sie in den Staaten nie kennen gelernt habe. In den USA regiere das Misstrauen das Zusammen- oder besser Nebeneinanderleben. Ich habe sie gefragt, was sie glaube, woran es liege, dass hier bei uns relativ viel Vertrauen herrscht, und woher die Sicherheit komme. Ihre Antwort: Es gibt hier richtige Dörfer, wo die Häuser eng beieinander stehen und man gemeinsam lebt und sich immer wieder trifft – am Spielplatz, im Kindergarten z.B. oder bei tausend Festen. Man kennt sich. Feste, gemeinsame Kinderbetreuung und räumliche Nähe sorgen dafür, dass wir uns kennen lernen. Und wer sich kennt, kann Vertrauen wagen, weil er besser einschätzen kann, wie weit er vertrauen kann. Das Risiko ist einfach nicht mehr so groß. Es geht dann nicht mehr um Ganz oder Gar nicht, wenn wir uns zwischen Vertrauen und Vorsicht entscheiden. Der Aufruf des Predigttexts mutig zu sein, Vertrauen zu wagen ist dann kein Aufruf zum Leichtsinn. Denn Paulus schreibt an eine christliche Gemeinde, in der sich die Menschen untereinander kennen. Und er sagt ihnen:

Statt wie bisher immer ein bisschen argwöhnischer zu sein als nötig, vertraut immer ein bisschen mehr als nötig. Vertrauen öffnet Menschen. Argwohn verschließt sie. Nur wer anderen immer ein bisschen mehr vertraut, lernt sie auch mehr kennen und entdeckt, wo er doch vertrauen kann, wo er es gar nicht für möglich gehalten hätte.

Passt auf, dass ihr euch nicht auseinander, sondern zusammen lebt.

Ich sehe unseren Briefschreiber geradezu durch seine Zeilen hindurchgrinsen: „Ihr habt ja gar keine Wahl. Eure Mitchristen sucht ihr euch nicht aus, wie ihr euch euere Familie nicht aussucht. Gott sucht sie aus und nimmt sie durch die Taufe auf in seine und euere Familie.“ Dann wird er wieder ernst: „Deshalb kann es für einen Christen nicht beliebig sein, ob man sich auseinander oder zusammen lebt. Es steht nicht in unserem Belieben. Sondern Gott entscheidet, mit wem wir zusammen leben – durch die Taufe. Passt auf, dass ihr euch nicht auseinander, sondern zusammen lebt. Euer Christsein entscheidet sich daran. Ihr dürft und sollt euch gegenseitig darauf ansprechen. Nicht Unmögliches verlangen, aber statt ein bisschen argwöhnischer zu sein als nötig, vertraut immer ein bisschen mehr als nötig, damit ihr gegenseitig begründetes Vertrauen einübt, weil ihr euch immer besser kennen lernt. Wo Vertrauen wächst, wächst Gottes Reich.“

„Nutzt alle Gelegenheiten, wo ihr zusammen kommen könnt. Pflegt euere Feste, wo ihr auch mal Leute seht, denen ihr sonst kaum begegnet. Oft reicht ja schon das Sehen: Jemanden, den man schon mal gesehen hat, macht man leichter die Türe auf. Pflegt die Vereine und baut das aus, was euch verbindet über die Dörfer und Konfessionen und auch über die Religionen hinaus. Immer wieder aufeinander zugehen, statt sich wegzudrehen. Wo´s mal Verletzungen gab. Die Wut und die Verletzung niederringen und zur Vernunft kommen. Und umgekehrt: Einschreiten, wo etwas schief läuft, auch da, wo es schwer fällt. Denn auch das schafft Vertrauen, wenn ich mich als Mensch darauf verlassen kann, dass ich, wenn ich, wenn bei mir was schief läuft, nicht allein bin, sondern andere für mich einstehen.
Wer Christ ist, für den ist es nicht beliebig, Vertrauen über die bisherigen Grenzen hinaus aufzubauen. Es gehört zum Wesen des Christseins. Gott ruft die ganze Welt in seine Familie. In seiner Kirche dürfen wir üben, was das bedeutet. Die Welt soll sehen, dass durch Christus etwas neues entstanden ist. Seine Gemeinde soll wirken wie Hefeteig. Von ihr aus soll Vertrauen die Welt durchdringen.

So zu leben kostet Kraft – seelische Kraft. Aber es bringt auch viel. Das Gespräch mit der jungen Amerikanerin hat mir wieder klar gemacht: Wir gewinnen mehr, als es uns kostet. Vertrauen, das ist´s was die Welt im innersten zusammen hält. Und das ist´s auch, was unser eigenes Leben zusammen hält. Im Vertrauen spüren wir Gott. So gewinnt auch Jesu Aufforderung einen neues Klang: Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach … weil du im Vertrauen schon jetzt gleichsam auferstehen wirst zu einem neuen Leben.

Wochenspruch: unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Unserem Glauben wird etwas zugetraut, uns wird das Heil in einer kaputten Welt versprochen. Diese Verheißung haben wir. Mit ihr dürfen und sollen wir leben.

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