Ein Band des Friedens

<I>[Predigt zur Visitation in Plaggenburg]</I>

Liebe Gemeinde!

Vor ein paar Jahren machten meine Frau und ich eine Rundreise durch einen Teil der Türkei. Durch jenen Landesteil, der zur Zeit Jesu römische Provinz war und ein blühendes Land. Zahlreiche Ruinen und Ausgrabungsstätten haben wir besichtigt .Es gibt dort noch viel, viel mehr.

Am eindrucksvollsten: die Ruinen der Stadt Ephesus. Damals das verbindende Tor zwischen Asien und Europa, eine wichtige Hafenstadt, eine Metropole, eine mächtige und reiche Großstadt.

Selbst die Ruinen waren noch eindrucksvoll. Vom Hafen in die Stadt führte eine Straße nicht aus Klinker oder Asphalt, sondern aus Marmor. Herrliche Mosaikfußböden in den Häusern. Eine öffentliche Toilette mit wohlriechenden Düften und Musik. Noch als Ruine ein Schmuckstück: die Fassade der Stadtbibliothek, damals eine der bedeutendsten Bibliotheken der Erde.

Paulus war hier gewesen, drei Jahre lang, die Apostelgeschichte in der Bibel erzählt davon. Er hatte gepredigt vom Gott Jesu Christi und das hatte am Ende zu Tumulten in der Stadt geführt. Dort gab es damals viele Silberschmiede und die fertigten für die Touristen kleine Figuren einer dort verehrten Göttin an, der Diana von Ephesus. Eine Frau mit nicht nur zwei, sondern einer ganzen Reihe nackter Brüste. Heute würde man sagen: typische Männerphantasien. Damals verehrte man sie.

Und nun Paulus mit seinem ganz anderen Gott. Die Schmiede spürten: wenn dieser Glaube kommt, dann versaut uns das unser Geschäft. Im Stadion der Stadt brüllen sie die Christen nieder. Zwei Stunden lang Gebrüll erzählt die Bibel. Immer wieder „Hoch lebe die Diana von Ephesus“.

Das Stadion ist in seinen Umrissen noch zu sehen. Es fasst so über 30.000 Zuschauer. Erst als ich dort herum ging, spürte ich, welch dramatische Sache das damals in der Stadt war.

Paulus musste schleunigst aus der Stadt verschwinden, aber die christliche Gemeinde existierte weiter und wuchs.

Und das in einer Stadt, von es damals hieß, sie sei : "Alt wie Athen, klüger als Rom, fromm wie Jerusalem und ein Hafen der Sünde“. St. Pauli lässt grüßen.

Irgendwie hatte das wohl auch auf die christliche Gemeinde abgefärbt. Zuerst war da die Begeisterung über den Glauben. Die Gemeinde wuchs. Aber dann kam es wohl zum Streit darüber, wer denn in der Gemeinde das Sagen hat, wer welchen Posten bekommt, wer am würdigsten ist und wer in der Rangordnung weiter hinten steht. Da kam es auch zum Streit unter den unterschiedlichsten Volksgruppen.

Dieser Streit muss wohl so heftig gewesen sein, dass er sich unter den anderen Christengemeinden damals herumgesprochen hat. Für unsere Lokalzeitungen heute wäre es eine Steilvorlage: „Seht nur, so gehen die Christen miteinander um“, vielleicht käme es sogar in die Bildzeitung.

Und das muss wohl einem Christen in einer der Nachbargemeinden gewaltig gegen den Strich gegangen sein. Er ist vielleicht ein Schüler von Paulus, jedenfalls versetzt er sich in dessen Gedanken hinein und schreibt ihnen einen Brief, so, wie er denkt, Paulus würde ihn schreiben.
Ein Abschnitt aus diesem Brief ist unser Predigttext für heute.

Hellmut Damschen liest uns den Abschnitt aus dem Epheserbrief Kapitel 4 die Verse 1—6 vor:

[TEXT]

Ist das auch ein Brief an uns? An unsere Gemeinde in Plaggenburg, Dietrichsfeld und Pfalzdorf?

Das klingt eher wie der erhobene Zeigefinger der Eltern: hüti … hüti … Oder wie die Mahnung des Lehrers, doch endlich Ruhe zu geben.

Ich muss ja heute zur Visitation über diesen Text predigen. Aber geht er uns denn etwas an? Müssen wir uns diesen Text anziehen?

Großen Krach und Meinungsverschiedenheiten, Gerangel um Posten und Einfluss – was hat das mit unserer Gemeinde zu tun? Das hat eher die SPD am vergangenen Wochenende bewegt. Ich gebe zu, wenn ich die Freiheit gehabt hätte, dann hätte ich heute nicht diesen Text gepredigt. Aber klopfen wir ihn mal ab, ob da nicht doch etwas ist, was uns anspricht.

Das mit dem Band des Friedens gefällt mir.

Ich habe hier solch ein Band. Ein Band das verbindet, Menschen verbindet, so meint es der Predigttext. Machen wir das doch mal. Ich reiche es durch und jeder gibt es weiter und hält sein Stück davon fest.

Aktion

Ein Band das verbindet. Wen verbindet dieses Band jetzt bei uns?

Ganz unterschiedliche Menschen: Kleine aus dem Kinderchor, Jugendliche aus dem Gitarrenchor, die Eltern und Paten der Taufkinder, die Konfirmanden, den Superintendenten, den ´Pastor, den Lektor, die Chöre, ein paar Eltern, Großeltern und alte Menschen, Menschen, denen es im Augenblick ganz gut geht und ganz sicher auch ein paar unter uns, die im Augenblick im Leben zu kämpfen haben. Unterschiedliche Menschen.

Der Schreiber des Epheserbriefes erinnert die Christen damals daran: so sollt ihr verbunden sein.

Für uns eine schöne Gelegenheit, heute uns zu erinnern und das mit diesem Band zu demonstrieren: so sind auch wir als Christen in unserer Gemeinde, ja mit allen Christen dieser Welt verbunden. Was ich das Sympathische an dem Bild mit dem Band finde, anders als bei einer Kette: wir haben die Freiheit auch unsere eigenen Bewegungen zu machen.

Das ist nicht die Einigkeit, die dem Einzelnen keinen eigenen Raum mehr lässt, in der es keine abweichenden Meinungen geben kann, in der ich mich eínzupassen habe, sonst passe ich nicht mehr hinein. Jene Einigkeit der Diktaturen, wie damals in der DDR, als es hieß: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“.

Nein, auch als Teil eines Bandes haben wir die Freiheit, ein ganzes Stück hierhin uns zu bewegen und ein ganzes Stück dahin. Ein gutes Band ist belastbar, es ist dehnbar, es hält das aus.
Und wenn das Band mal reißt, dann kann man es neu knüpfen.

Aber nun will ich nicht länger im Bild bleiben und sagen: das finde ich das Schöne an unserem Glauben, gerade auch in seiner evangelischen Form, dass er nicht bedeutet: alle müssen auf der gleichen Welle sein. Das finde ich das Schöne an unserer Gemeinde: hier darfst Du dazugehören und es wird nicht mit dem Pulsmesser gemessen, wie stark dein Glaube ist und ob Du in Glaubensdingen richtig liegst.

Uns verbindet ein Band, von dem der Schreiber unseres Bibeltextes sagt: es ist ein Band des Friedens. Und nun verstehe ich auch, warum ihn das so nervt, dieses Gezanke in Ephesus. Warum er ihnen so einen geharnischten Brief schickt: Seid würdig Christen zu sein. Demut und nicht Hochmut soll euch auszeichnen, Sanftmut und nicht Streitlust, und vor allem: Geduld, Geduld…Geduld. Und — am aller Wichtigsten: die Liebe, Liebe soll Euren Umgang prägen. Die Christen in Ephesus sind offensichtlich dabei, das Band das sie verbindet, so zu überstrapazieren, dass es zu reißen droht.

So, wie wenn wir alle jetzt einfach, jeder in eine andere Richtung, davonlaufen würden und unser schönes Band in tausend Stücke zerrisse. So, als ob hier bei uns in unserer Gemeinde jemand in diese oder jene Richtung zerren würde, damit alles so ist und wird, wie er sich das denkt. So geht es nicht, selbst dann nicht, wenn es der Pastor oder der Kirchenvorstand ist, selbst nicht der Superintendent.

Stop — so verstehe ich den biblischen Schreiber … Stop … zerreißt das Band zwischen Euch nicht und seht Euch einmal um, woran es fest gemacht ist. Besinnt Euch darauf.

Und nun nehme ich das Ende unseres Bandes und verbinde es mit dem, was diesem Band seine besondere Qualität gibt.

Aktion (Band wird mit Taufstein, Kanzel und Altar verbunden)

Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller … darin seid Ihr verbunden, Ihr Epheser, so hörten wir es aus dem Bibeltext.

Wir sind jetzt verbunden mit der Kanzel als Zeichen für das Wort Gottes, dem Taufstein, als Zeichen, das wir dazugehören, und wie schön, heute damit drei kleine Menschen mit hineinzunehmen, die Taufe als Zeichen, dass Gott uns bei unserem Namen kennt
und mit dem Kreuz, an dem uns Christus mit Gott verbunden hat — damit ist das Band, das uns zur Gemeinde macht verbunden und jeder Einzelne von uns mit. Vorletzte Konfirmandenstunde fragte ein Konfirmand ganz erstaunt: „Sind die im Ausland auch Christen?“

Ein Hinweis darauf, dass wir immer auch über unsere Gemeindegrenzen hinaussehen müssen. Das Band verbindet uns mit vielen Christen auf dieser Erde, in Europa, Amerika, Australien, Asien oder Afrika. Mit russisch Orthodoxen und Katholiken. Und deshalb müssen auch die Sorgen und Probleme dieser Welt in unserer Gemeinde Platz haben.

Wen ein Band des Friedens verbindet, der hat sich eben auch darum zu kümmern, dass dieses Band viele Menschen erreicht und verbindet.

Ein Band des Friedens – nicht weil wir es dazu machen, dazu sind wir viel zu oft unfähig.

Ein Band des Friedens, weil es verbunden ist mit dem, der diesen Frieden schenkt.

Wenn ihr damit verbunden bleibt, wenn diese Verbindung nicht abreißt, dann, so verstehe ich das, was unser Predigttext schreibt, dann wächst daraus ein guter Umgang miteinander, gegenseitige Achtung bei aller Verschiedenheit, Geduld miteinander, Hilfe und Liebe — dann zieht der Friede Gottes ein. So, wie Gott es uns zu Weihnachten durch seine Engel verkünden ließ: Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Wir sind die Menschen seines Wohlgefallens.

Auch die Christen in Ephesus waren Menschen seines Wohlgefallens. Noch immer.

Und damit es so bleibt, deshalb dieser Brief an sie.

Damit es bei uns so bleibt, immer wieder die Erinnerung daran, jeden Sonntag wieder und auch an den anderen Tagen, die Erinnerung daran, woran wir uns festmachen können.

Festmachen, damit das Band des Friedens bleibt und wächst.

Festmachen an dem Gott, der uns seinen Frieden schenkt.

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