Haben Sie Geduld?

Ein äußerst liebgewonnenes elektrisches Produkt hat sinnbildlich seinen letzten Schnaufer getan; es ist ausnahmsweise noch ein Tag vor Ablauf der Garantie nachmittags um 14 Uhr. Hektisch werden die Schubladen mit den wichtigen Papieren nach der Garantie und den Hinweisen abgesucht, was im Schadensfall zu tun ist. Es ist gerade erst mal 5 Jahre her – da muss noch etwas da sein… 14.30 Uhr
Mit großer Freude wird ein eselsohriges Blatt begrüßt, das nach zweimaligen durchsuchen doch an dem Platz aufzufinden war, an dem man zuerst gesucht hatte, es hatte sich in einem größeren Prospekt verborgen. Nun ans Telefon, die passende Nummer gewählt.
„Kein Anschluss unter dieser Nummer“.
Hm das Geschäft, bei dem sie das Gerät gekauft haben existiert nicht mehr, aber vielleicht weiß ja der größere Markt wie man die Firma erreicht? Das Telefonbuch ist gleich gefunden, das gibt Auftrieb.
„Herzlich willkommen bei XX Markt – please hold the line – bitte bleiben Sie am Apparat – piep – wenn der nächste Platz frei ist werden Sie verbunden“
Nur noch ein wenig Geduld.
Nach zwei Minuten Endlosschleife meldet sich eine Stimme: „Sie sprechen mit Frau x was kann ich für Sie tun?“
Mit betont ruhiger Stimme trage ich mein Anliegen vor.
„Oh, da muss ich sie weiterverbinden in die Abteilung Elektro, bitte warten Sie – piep – schnarrendes Geräusch – piep –
Sind Sie noch da? Ich habe versucht den Sachbearbeiter zu erreichen, aber er nimmt nicht ab, Moment ich versuch‘ s noch einmal – piep –
ungeduldig beginnt das Knie auf und ab zu wippen, ein Notizblatt füllt sich mit Kugelschreiberstrichen mit viel Ausdruck.
– piep – Ja hallo hier Y Elektroabteilung wie kann ich Ihnen helfen?
Tief Luft geholt und ganz ruhig noch einmal die lange Geschichte vorgetragen.
„Ah so ja die Kollegin hat sowas angedeutet… ja mit der Firma arbeiten wir nicht mehr zusammen, da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen, ja das müssen Sie dann direkt bei der Firma anfragen“…
„Aber die Telefonnummer stimmt nicht mehr, haben Sie vielleicht eine gültige?“
„Vielleicht bei der Auskunft oder im Internet?“
„Ja dann danke“ *gepresst höflich* 14.45 Uhr
Also gut schnelle Zeit – Internet…
In wenigen Minuten hochgefahren, rein in die Suchmaschine, Firma gefunden. Guuut, wo ist der Kundendienst? Hm vielleicht über den Fragenkatalog? Brauche ich Ersatzteile? Was weiß ich? Ich suche jemanden, mit dem man sprechen kann. Unter Kontakt eine Telefonnummer.
piep – sie werden sofort verbunden – please hold the line – piep –
„Hallo xy werke, was kann ich für Sie tun?
Schon etwas hastiger trage ich zum dritten Mal meine Geschichte vor, nette Dame am Telefon, fragt sogar nach…
„Ja da sind Sie falsch, das ist hier die Verwaltung Sie müssen beim Kundendienst anrufen“…
Ja die Nummer habe ich ja gesucht. Ich erzähle von der Hotline- Nummer auf meinem Blatt…
„ja da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen…“
„Können Sie mich verbinden?“
„Nein, aber Sie können die Direktwahl vom Kundendienst bekommen.“
„Herzlichen Dank.“ Ich notiere eine Nummer an den Rand des nun mit wütenden Strichen gefüllten Notizzettels 15Uhr
„Sehr geehrter Kunde Sie sind mit dem Kundendienst der Xy Werke verbunden, bei Ihrer Wahl drücken Sie die entsprechende Taste oder sprechen Sie laut und deutlich die Zahl in den Hörer; brauchen Sie Ersatzteile drücken Sie die eins, für Reparaturen drücken sie die zwei, für Beratung drücken sie die…
Ich drücke die zwei, ein Piepton erklingt, dann nichts, dann ein schnarrendes Geräusch, Besetztzeichen. Also von vorne…
„Sehr geehrter Kunde Sie sind mit dem Kundendienst der Xy Werke verbunden, bei Ihrer Wahl drücken Sie die entsprechende Taste oder sprechen Sie laut und deutlich die Zahl in den Hörer; brauchen Sie Ersatzteile drücken Sie die…
Ich rufe „zwei“ in mein Telefon vielleicht geht es so…
„eins, für Reparaturen drücken sie die zwei,
ich rufe laut „zwei“
„diese Eingabe ist ungültig, sprechen sie laut und deutlich“,
vorangehende Schleife wiederholt sich – Besetztzeichen. Ich bin kurz vor dem Platzen, versuche es noch einmal. 15.20 Uhr
„Sehr geehrter Kunde Sie sind mit dem Kundendienst der Xy Werke verbunden, bei Ihrer Wahl drücken Sie die entsprechende Taste oder sprechen Sie laut und deutlich die Zahl in den Hörer; brauchen Sie Ersatzteile drücken Sie die eins, für Reparaturen drücken sie die zwei, für Beratung drücken sie die… ich drücke die drei und lande mit meinem Zorn direkt bei einem Menschen. Ich erzähle mein Verschen das vierte Mal mit festem Griff um die Tischplatte und verbissenem Gesicht.
„Oh, Sie sind jetzt mit der Verkaufsberatung verbunden, Sie brauchen doch den Kundendienst…“
Ich schlucke. *Fast zuckersüß*: „Wären Sie so freundlich und würden mich verbinden?“
„Moment ich schau mal – piep – oh das tut mir leid, der Kollege ist schon weg wir haben immer bis 15.30 geöffnet, rufen Sie doch morgen ab 9 Uhr wieder an.
„Danke“, hauche ich und bevor ich noch nach der Durchwahl fragen kann ist der Mann fort.
Nur ein wenig Geduld… kein guter Rat für mich. Inzwischen ist mein Hirn vor Ärger komplett lahmgelegt. Ich spiele mit dem Gedanken, dass Elektrogeräte ja nun keine Entsorgungsgebühr mehr kosten, vielleicht wäre eine Fahrt zum Recyclinghof angebracht.
Rein ins Auto, rauf aufs Gas, der Motor darf auch wütend klingen, ganz besonders, wenn eine Baustelle die halbe Stadt in Chaos legt, es heiß ist und der geplante Weg so nicht zu erreichen ist.
Geduld, nur ein wenig Geduld…
Da vorne ist ein kleines Elektrogeschäft, sonst bin ich immer vorbeigefahren hier im Stau fällt es mir auf. Ich habe nichts mehr zu verlieren und steuere auf den Parkplatz zu. Ganz vorsichtig lege ich mein Gerät auf den Tresen und trage meine Geschichte vor, bereichert um Nuancen von Frust, heulendem Elend und Ärger. Der Mann verzieht keine Miene, nimmt das Gerät in die Hand fragt noch einmal nach Details, sagt „schau‘ n ma mal“ und schraubt an verschiedenen Abdeckungen, nimmt eine Batterie heraus, die sich schräg hinter anderen Bauteilen versteckt hielt und ersetzt sie durch eine neue. „So, das müsste es sein“ sagt er und schraubt alles wieder zu. In dem Moment könnte ich ihn umarmen.

„Hab Geduld!“
Wie oft haben Sie, liebe Gemeinde diese Ermahnung schon gehört und auch der obligatorische Nachsatz „es dauert nicht mehr lange“ hat sicher nicht gefehlt. Seit -wie wir heute im Predigttext lesen können – fast 2000 Jahren werden wir vertröstet und ermahnt. Und täglich trainieren wir unsere Geduld.
Kleinkinder sind meist unermüdlich, wenn sie ein Ziel erreichen wollen, sie fallen eher vor Müdigkeit um als von ihrem Vorhaben abzulassen. Erreichen sie es bestärkt es sie; es geschafft zu haben ist ein zusätzlicher Bonus und spornt an das nächste Ziel in Angriff zu nehmen. Das macht stark und selbstbewusst auch in Zeiten, in denen man sich einfügen muss in Schule, Ausbildung, Beruf im Umgang mit Geschwistern, Freunden und Eltern.
Mark Twain hat dazu eine nette Geschichte verfasst:
Quelle Hoffsümmer Kurzgeschichten
Zu einem Mann, der recht klug war, kam einmal ein Junge und sagte: "Ich verstehe mich mit meinen Eltern nicht mehr. Jeden Tag Streit. Sie sind so rückständig. Sie haben keinen Sinn für Modernes. Was soll ich machen? Ich laufe aus dem Haus!"
Der Mann antwortete: "Junger Freund, ich kann dich gut verstehen. Als ich so alt war wie du, waren meine Eltern genauso ungebildet. Es war nicht auszuhalten. Aber du musst Geduld mit den alten Leuten haben. Sie entwickeln sich langsamer. Nach zehn Jahren hatten sie schon so viel dazugelernt, dass man sich schon ganz vernünftig mit ihnen unterhalten konnte. Und was soll ich dir sagen? Heute, nach zwanzig Jahren – ob du es glaubst oder nicht – wenn ich keinen Rat weiß, dann frage ich meine alten Eltern. So können die sich ändern!"
Wer wartet heute noch 10 Jahre? Wie schnell werfen wir unser Vertrauen weg, wenn etwas nicht gleich klappt, geben auf und verzichten auf Erfahrungen, die auf Dauer ausgelegt sind. Puzzle, Stickereien, Strümpfe stopfen, feine Handarbeiten. Welches Problem auch immer uns lästig fällt wird nach dem Vorbild Alexanders mit dem gordischen Knoten gelöst. Keine Gedanken verschwenden, keine Zeit verplempern, einfach durchschneiden. Schnelle Lösungen, Zeit ist Geld.
„Wir leben in einer Welt, in der Datenströme in Bruchteilen von Sekunden über Kontinente hinweg ihr Ziel finden; in der die Morgenzeitung von Gestern ist und was eben noch gegolten hat im nächsten Moment revidiert werden muss; in der ich aufgefordert werde, schon jetzt zu kaufen, was ich auch in einem Jahr nicht bezahlen kann; in der die Entwicklung der Technik so rasant voranschreitet, dass ich mein gestern teuer gekauftes Handy morgen schon wieder in die Tonne werfen kann und in der ich am Morgen noch ein gesichertes Einkommen habe und am Abend ohne Job dastehe. Unser Leben gewinnt immer mehr an Fahrt und wer sich nicht auf der Überholspur befindet, der scheint es zu verpassen.“ Quelle A. Reinhold
Das spiegelt sich auch in unseren Beziehungen wieder, deren zunehmende Oberflächlichkeit auch mit dem Verfall der Sprache einhergeht. SMS statt Brief lässt keinen Raum für tiefe Debatten, da würde einem der Daumen abfaulen, auch wenn einige junge Leute inzwischen schon Schreibmaschinengeschwindigkeit bei dieser Technik erreichen. Bild statt Wort lässt viele Dinge schneller erfassen aber schwieriger wieder ausdrücken. Warum Geduld mit einem Menschen haben, wenn ich ihn trotz Hochzeit und feierlichen Versprechen ganz einfach gegen ein neueres Modell austauschen kann. Warum mit einer tollen Sache bis zum Geburtstag warten, wenn ich doch per overnight express schon morgen haben kann, was immer ich will.
„Hab Geduld!“
Wieviel Zeit lassen wir unseren Kindern sich in ihrem eigenen Rhythmus zu entwickeln? Welche Panik, wenn die sorgsam eruierten Ergebnisse der Wissenschaft über Entwicklungsstandards mit denen wir in den Medien bombardiert werden nicht kongruent mit der unserer Kinder sind…
„Hab Geduld!“
Wie leicht lassen wir uns vom Tempo unserer Zeit mitreißen ohne Bremse ohne Atempause.
„Hab Geduld!“
Wie leicht sagt sich das zu Menschen, die am Abgrund stehen, verzweifelt eine Arbeit suchen um ihre Familie zu ernähren, abgeschlossen von aller Welt in Gefangenschaft leben, bedroht von Hunger und Krankheit keinen Ausweg mehr wissen, leer und wütend über den Verlust einen geliebten Menschen keinen Sinn mehr sehen, am Ende ihrer Kräfte ausgebeutet keine Perspektive haben.
„Hab Geduld!“
Dieser Satz weckt Aggressionen.
Wäre da nicht die Hoffnung, dass da doch ein Sinn ist, ein Ziel wofür sich das Warten lohnt, worauf zu vertrauen einem etwas gibt.
„Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ Heißt es im Hebräerbrief. Geduld zahlt sich aus. Einerseits werden wir verheißenes empfangen; es kommt etwas auf uns zu; es ist schon im Anmarsch; andererseits macht es stark und ruhig und selbstbewusst zu wissen, dass man vom Leben noch etwas erwarten kann.
Sicher haben die Menschen, die diesen Satz des Briefes zuerst gelesen haben, ganz konkret, die Rückkehr Jesu erwartet und das noch zu Lebzeiten und der Glauben – ganz frisch – wurde so bestärkt. Mit Jesus hat unsere Hoffnung auf eine neue, entschleunigte Welt, von der wir nicht mitgerissen werden, sondern die wir bewusst gestalten können mit unseren Gaben in unserem eigenen Tempo, ein Gesicht.
Er ist der Mensch, „der vor den Herausforderungen des Lebens nicht zurückgewichen ist, der Freund und Feind mit einer Zuneigung begegnete, die die Welt zu verändern vermochte, der den Sinn seines Lebens darin sah, das unsere zu retten.“ Quelle A. Reinhold
Nein, Jesus ist nicht zurückgekommen zu Lebzeiten der Briefempfänger und dennoch haben Generationen nicht aufgegeben, sich die Worte zu Herzen genommen, sie für so wichtig angesehen, dass sie sie immer weiter gegeben haben als Aufruf, der in der ganzen Welt Anklang gefunden hat. Sie haben Kraft daraus gezogen, Sinn und Perspektive bekommen; der Glauben an das kommende Reich Gottes die Gesellschaft geprägt und in schweren Zeiten des Rückschritts durch Krieg, Verfolgung und lebensbedrohliche Situationen hindurch getragen.
Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
Laß den Satan wettern, laß die Welt erzittern, mir steht Jesus bei.
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.
Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein.
Denen, die Gott lieben, muß auch ihr Betrüben lauter Freude sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude.
EG 396, 2.6
Manchmal liebe ich diese heftigen Bilder, mit denen wie hier die Menschen im 17 Jh. die Stärke ihres Glaubensbundes malen und besingen und ich wünsche jedem solche Kraft – auch mir.
Dann kann ich auch lachen über die nervenaufreibenden Kleinigkeiten des Alltags, über meinen Zorn, wenn wieder einmal nicht alles gleich so klappt, wie ich will.
Auch mein Glauben braucht wie der der Adressaten unseres Predigttextes immer wieder Bestätigung, diese Verlockung „nur noch eine kleine Weile“, gut Ding will Weile haben. Wie man auf einer anstrengenden Bergtour neue Kraft aufwendet bei den Worten „nur noch zwei Kurven, dann kommt die Hütte, da gibt’s sicher etwas zu trinken;“ wie neue Hoffnung aufkeimt beim Satz „ein Moment noch, ich verbinde Sie“.
Dazu brauchen wir einander, damit wir einander die Verheißung Gottes zusprechen können und uns so gegenseitig Kraft und Halt geben können in einer wahrhaft mitreißenden Welt.
Eines Tages hoffe ich anzukommen und mein Leben dem Meister in die Hand zurückzugeben und er sagt „ da schau‘n wir Mal“ und „ah, das haben wir gleich“ und richtet mich für ein neues Leben in seinem Reich.

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