Gebete zu Farbeimern

<I>[Diese Predigt wird gehalten im Blick auf eine vielleicht bevorstehende, aber dennoch dringend nötige, Kirchenrenovierung auf die die Gemeinde nun schon seit mehr als 12 Jahren wartet. Geduld ist eben das Thema der Stunde.]</I>

Liebe Gemeinde,

"Nur Geduld! Mit der Zeit wird aus Gras Milch!“ Wie das genau geschieht, das werde ich Ihnen und Euch hier in Neuswarts (und Habel) sicherlich nicht erklären müssen. Natürlich geht das nicht so schnell, aber am Ende zählt, was in diesem Fall unten raus kommt.

Alles was man dazu braucht ist ein wenig Geduld. Überhaupt Geduld. Wie war das noch am Heiligenabend, wenn man als Kind kaum mehr warten mochte bis die Geschenke endlich zum auspacken freigegeben wurden? Unerträglich war das. Die Zeit zwischen Nikolaus und dem Weihnachtsfest schien unendlich lang zu sein.

„Du musst schon noch ein bißchen Geduld haben!“, sagten meine Eltern dann für gewöhnlich. Ich fand Geduld-haben-zu-müssen damals richtig doof.
Allerdings je älter ich wurde, desto mehr musste ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass es ganz ohne Geduld nicht geht.

Am eindrücklichsten zu vermitteln ist die Notwendigkeit Geduld zu haben sicherlich im Straßenverkehr. Wer schon mal im Stau gestanden, bei 36º Grad und praller Sonne, der oder die weiß: Ohne Geduld kann man das nicht lange aushalten. Erst recht, wenn man noch minderjährige Beifahrer hat, die alle Nase lang auf die Toilette müssen. In so einem Fall steigt dann nämlich nicht nur die Temperatur im Autoinnenraum, sondern auch die innere.

Geduld ist schon eine Menge wert in solchen Situationen. Fast genauso wichtig ist aber hier auch das Vertrauen darauf, dass der Stau sich irgendwann wieder auflöst, es zu regnen anfängt oder endlich ein Parkplatz in Sicht kommt, der nicht übervoll mit Autos ist und auch ein WC anbietet. Damit wäre ich auch schon beim nächsten Punkt angekommen. Vertrauen. Vertrauen ist etwas so elementares, dass falls es einmal enttäuscht wurde, es nur schwer wieder herzustellen ist.

So kann ja das Vertrauen zwischen zwei Ländern aufs tiefste erschüttert werden und nach Jahrzehnten noch nicht wieder hergestellt sein. Das wichtige Selbstvertrauen kann leiden, wenn man sich Heidi Klum 24 Stunden lang anschaut, wie sie bei McDonalds einen Chicken-Wrap nach dem anderen isst und dabei immer noch freundlich aussieht und dämlich in die Kamera grinst. Man selbst aber bei jedem Geburtstagsbesuch immer nur ein Stück Kuchen isst, aus Angst vor dem Display auf der Körperfettwaage.

Vertrauen in jeder Form kann leider erschüttert werden, wie das Fundament eines Hauses erschüttert werden kann. Nur geht das beim Vertrauen viel viel leichter. Allerdings zahlt sich Vertrauen auch aus. Wer vertrauen kann, der hat es gut. Denn Vertrauen ist auch immer die Basis für Hoffnung. Man denke nur noch mal an den Sommerstau. Wer jetzt nicht darauf vertraut, dass es irgendwie weitergeht, oder irgendwo ein Schild steht, der steht dann einfach so auf der dreispurigen Autobahn – ganz ohne Hoffnung. Traurig!

Es fehlt noch ein dritter Begriff, der sich aus den beiden zuerst genannten beinahe zwangsläufig ergibt. Die Verheißung. Was wäre das alles hier, wenn es nicht nach dem Stau den Ausblick gäbe auf etwas, dass zwar noch in der Zukunft liegt, aber doch sicher geschehen wird. Jedes Schild an der Autobahn auf dem der Hinweis steht, nächster Rasthof in 5km ist so eine Verheißung. Jedes dieser Schilder ist so etwas ist wie ein Gehstock oder ein Rollator. Beides verleiht einem Menschen Standfestigkeit, gerade dann wenn die Realität einen zum Schwanken bringt oder wenn eigenen Beine nicht mehr so stark sind.

Ein Text, der Rollator, Gehstock, Parkplatzhinweisschild und Hoffnung in einem sein will und kann ist heute Grundlage für diese Predigt. Ich lese aus dem Brief an die Hebräer, aus dem 10 kapitel die Verse 35-37.

[TEXT]

Wir befinden uns im Jahre 2008. Die Welt hat sich lange weiter gedreht und so wie ich das sehe nicht immer richtig die Kurve gekriegt. Der Predigttext spricht in eine Zeit, die zwar nicht annähernd die Jahreszahl trägt wie unsere, aber inhaltlich gar nicht so weit weg ist von uns. Die Sorgen, Ängste und Nöte sind ähnlich gelagert. Die wichtigsten Fragen mögen diese gewesen sein: Wie geht es weiter? Mit uns, mit dem Christentum, mit der Kirche ?

Zunächst einmal glaube ich, dass ich nicht zu viel verrate, wenn ich jetzt schon vorweg nehme, dass die Hoffnung, das Vertrauen, der Glaube und die Geduld der Angesprochenen nicht umsonst war. Heute, 2 Jahrtausende nach dem der Brief verschickt wurde, steht die Kirche immer noch. Auch hier im Ort ist die Kirche immer noch in Rufweite. Nicht in weiter Ferne, nicht entrückt, sondern zum Greifen nah.

Liebe Gemeinde, die Kirche tut gut daran, geduldig zu sein. Vieles kommt und geht, nicht alles bleibt. Nicht alles was der Zeitgeist anspült ist auch gut. Einiges kann man durchaus benutzen. Die Kirche tut auch gut daran weiterhin voller Vertrauen auf Jesus Christus zu schauen und auf Gottes Wort zu hören. Das die Kirche dafür einen zentralen Ort bietet ist sicherlich selbstverständlich. Die spannende Frage, die man sich stellen muss kann nur lauten, wie die Kirche so ein Ort bleiben kann.

Der Hebräerbrief, aus dem der Predigttext stammt, ist in manchen Teilen theologisch so aufgedreht, dass er für viele nicht mehr verständlich ist. Andererseits muss man dem Verfasser zu Gute halten, dass er wirklich versucht, die Gemeinde beisammen zu halten. Leider ist sein Versuch an vielen Stellen eine Verschlimmbesserung. Die Gemeinde, die der Schreiber im Blick hat, ist längst keine Einheit mehr.

Die Gemeinde ist vielleicht so etwas wie der Vorläufer der nicht mehr ganz so stabilen Volkskirche. Sicher sind hier schon die Vorläufer zu spüren von Zerstreuung und Aufspaltung. Verschiedene Wege liegen offen vor der Gemeinde, nur welcher ist zu gehen? All das ist ein Ergebnis der Zeit. All das geschieht im Jahre 90 n. Chr. Die Kreuzigung ist gerade mal knapp 60 Jahre vorbei und die Gottesdienste leiden unter Besuchermangel. Das kommt uns bekannt vor?

Natürlich. Aber wie soll Kirche, wie soll Gemeinde darauf reagieren? Sicherlich nicht, in dem beide beliebig werden und in panischem Aktionismus jeder neuen Strömung nachlaufen.

Es ist wichtig einen Standpunkt zu haben. Und es gilt: Viele verschiedene Menschen haben verschiedene Standpunkte. Aber um all diese Standpunkte aufzunehmen braucht es einen Ort, der standhält. Und es braucht Menschen, die den anderen nachgehen und die Menschen wieder an diesem Ort zusammenbringen.

Dieser Ort ist diese Kirche. Die Menschen, die den anderen nachgehen sind wir. Wovon wir reden sollen liegt auch auf der Hand. Wir sollen erzählen von dem Vertrauen auf Gott und wie sich dieses Vertrauen in unserem Leben erfahrbar macht.

Wir sollen erzählen von den Verheißungen, die wir gehört haben. Egal, ob die Luft auf der Strasse vor Hitze schon zu flimmern beginnt. Oder ob das erlösende Parkplatzschild immer noch nicht da ist. Eines wird kommen – ganz sicher. Und wenn nicht bleibt immer noch der Seitenstreifen. Man muss eben auch ein bisschen flexibel sein.

Ungefähr so flexibel und einfallsreich wie wir waren und sind, um diese Kirche erhalten zu können. Ein Ort der Menschen unterschiedlichster Herkunft versammeln und zusammenbringen kann. Eine Kirche im Dorf und das auch noch in Rufweite. Nicht unerreichbar, wie die theologischen Höhen des Hebräerbriefes. Eine Kirche im Zentrum, die der Gemeinde gehört, die daran arbeitet, dafür Zeit aufbringt (und gleich dafür feiern geht und schon dafür gefeiert hat.)

Unsere Hoffnung und unsere Motivation werden gespeist durch Christus. Er gibt die Kraft und die Ausdauer. Er ist der Eckstein, er ist der Grundstein. Das Symbol dafür ist diese Kirche.

Wie es weitergeht bei uns, hier mit unserer Kirche, das wissen wir noch nicht 100% genau. Aber wir wissen, dass es mit dieser Kirche weitergeht. Wenn nicht so, dann so. Weiterhin gilt natürlich: Nur Geduld. Irgendwann wird eben auch aus Gebeten ein Eimer Farbe!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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