Wenn die Liebe kalt wird

Wenn die Liebe kalt wird, wenn das Zittern aufhört und der Alltag einkehrt, dann sollte man das Ganze beenden. So scheint es oft unter Menschen zu sein.

Egal ob es dabei um die große Liebe, die Ehe geht oder um ein neues Hobby oder die Mitgliedschaft in einem Verein. Menschen sind oft schnell mit Feuer und Flamme dabei – und wenn die Flamme erlöscht, das Feuer erkaltet, dann muss man sich eben neu orientieren.

Und es gibt wohl wirklich Momente im leben aller Menschen, da ist das richtig und in Ordnung. Es ist schließlich keinem geholfen, wenn man sich mit etwas quält, das nicht passt.

Aber mich beeindruckt manchmal auch, wen alte Ehepaare erzählen, wie sie im Laufe einer langen Ehe immer wieder an Punkten ankamen, wo sie kämpfen mussten gegen eine Kälte, die ihr Liebesleben erstickte, wie sie sich neu besinnen mussten, was wichtig war für sie – und erkanten, dass ‚weg damit’ nicht immer die beste Antwort, oft nur die schnellste und bequemste ist.

Leider konnte mir noch keiner verraten, woran der Moment zu erkennen ist, in dem es lohnt zu kämpfen und der Moment in dem es Zeit ist, sich neu zu orientieren. Man muss es wohl ausprobieren – und man muss sich fragen: Wie wichtig ist dir das, worum es geht. Da gibt es wohl Unterschiede zwischen einem Verein und einer Ehe.

Für die Kirche lohnt es sich auch zu kämpfen. Das meinte wenigstens ein Schüler des Apostels Paulus als er an die Gemeinde in Ephesus eine Litanei von Ermahnungen schrieb:

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‚Jeder macht, was er will, keiner macht, was er soll – aber alle machen mit!’ Diesen Spruch findet man mitunter an Schwarzen Brettern in Betrieben. Ein Augenzwinkern, ein Stück Selbstironie scheint da durch, aber wohl auch eine Portion leidvolle Erfahrung, die ich auch auf unsere Kirchengemeinde übertragen könnte.

Manchmal hat man da ja denselben Eindruck. Da geht es zu wie in manchen Familien: ein reges Kommen und Gehen, ein Abladen von Schmutzwäsche und Einpacken von Nahrung, aber kein Miteinander, keine wirkliche Begegnung, ein aneinander vorbei Gehen, dem jede Tiefe fehlt.

Da hatte man sich mal etwas Anderes vorgestellt. Aber nun ist es so – und es gibt nur zwei Möglichkeiten: resignierend Akzeptieren oder kämpfen. Unser Autor kämpft. Er riskiert sich selber, in dem er ein Donnerwetter loslässt, eine Abfolge von Ermahnungen. Er weiß wahrscheinlich, dass er sich damit den ärger aller anderen zuzieht. Keiner lässt sich gerne ermahnen. Aber er glaubt, dass es seine einzige Chance ist, die Gemeinde neu zu orientieren.

Was ist geschehen? Die Gemeinden stehen an der Grenze zur dritten nachchristlichen Generation. Die Zeiten der kleinen Gemeinschaften, die wachsen, weil jeder voller Begeisterung ist, weil Essen geteilt wird und den Armen geholfen ist, bröckelt. Es droht ein inneres Auseinanderfallen, weil die Gründergeneration weg bricht.

Ziel unseres Schreibens ist neues Miteinander in den Gemeinden. Die Gemeinde in Ephesus bestand wohl hauptsächlich aus HeidenchristInnen, der Brief aus den Jahren zwischen 80 + 100. Gerade in dem weltanschaulichen Allerlei dieses Ortes und der Herkunft der Gemeindeglieder, war es wichtig, die Einheit anzupeilen. MultiKulti nennen wir das heute, was damals schon Wirklichkeit war. Menschen aus allerlei Religionen und Kulturen kamen in Ephesus zusammen, als Sklaven, Händler, Unternehmer, als Menschen, die ein Schicksal oder wirtschaftliche Hoffnung hierhin verschlagen hatte. Solche Mixtur lebte von Anfang auch in der Gemeinde und hatte in der ersten Generation gelernt mit den Unterschieden umzugehen, sie zu nutzen. Aber der Schwung war vorbei. Nun drehte jede Gruppe lieber ihr Rad und kümmerte sich um ihr eigenes Wohlergehen.

Es mag sogar sein, dass es vielen dabei besser ging. Aber dass interessiert nicht. Das Gemeinsame Wort Gottes, das gemeinsame Mahl Jesu Christi war gefährdet. Und dahin zielt die Ermahnung: Das Leben der kleinen christlichen Gemeinde kann wie Hefe wirken und die Gesellschaft durchdringen. Damit das funktioniert braucht die Gemeinde Demut, die Haltung, die damit rechnet, dass sie nicht alleine wirkt, sondern Gott in ihr und durch sie. Sie braucht Sanftmut, den Mut auf Druck zu verzichten, damit die Liebe verändernd wirken kann. Und sie brauch Großmut, der zulassen kann.

Paulus, in dessen Namen der Autor schreibt, wird als gefangen ‚dem Herrn’ vorgestellt. Er lebt wohl im Moment in Gefangenschaft. Aber das mindert seinen Einsatz nicht. Im Gegenteil. Er fühlt sich vom Herrn in die Pflicht genommen und kämpft darum um die Einheit der Gemeinde.

Ziel dieser Einheit ist, dass die Welt sieht, dass durch den christlichen Glauben etwas Neues entstanden ist. Dass diese Gemeinde nicht den Konflikt, sondern den Frieden lebt und liebt.

Wir kennen Ermahnungen zur Einigkeit und Einmütigkeit aus der KO. Dort wird dem Presbyterium in seinen Entscheidungen Einmütigkeit abverlangt. Allerdings muss keine Einstimmigkeit sein, schon gar keine Einförmigkeit, wohl aber Gemeinschaft der Konsequenz. Da muss mitunter hart gerungen werden um eine Entscheidung. Da werden Gräben aufgerissen, aber oft auch zugeschüttet. Wir waren unterschiedlicher Meinung, aber wir haben uns bewegt aufeinander zu und miteinander vorwärts. Und selbst wenn unser Abstimmungsverhalten unterschiedlich war – am Ende stehen wir solidarisch beieinander als Schwestern und Brüder und vertreten das Ergebnis gemeinsam.

Die Liebe höret nimmer auf, schreibt Paulus in seinem hohen Lied der Liebe. Sein Schüler buchstabiert das hier in die Tagesordnung der Gemeinde. Er macht daraus eine Praxis und stört manche menschlichen Kreise mit der Frage: Wie lebst du diese Liebe?

Die Einheit des Leibes Christi ist ein Ziel, dass ich aus eigener Kraft nicht herstellen kann. Aber ich darf an diesem Werk mitarbeiten.

Ich darf den Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit begegnen. Ich darf sie nehmen, wie sie sind und darauf vertrauen, dass sie mich auch annehmen.

Zu den Erkennungsmerkmalen der Kirche Jesu Christi, die seinen Geist leben will, gehört, dass in ihr viele unterschiedliche Menschen miteinander streiten und Einmütigkeit anstreben.

Wochenspruch: unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Unserem Glauben wird etwas zugetraut, uns wird das Heil in einer kaputten Welt versprochen. Diese Verheißung haben wir. Mit ihr dürfen wir leben.

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