Was ist der Mensch?

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Sommerferien sind zu Ende. Nachdem man in den vergangenen Wochen schon den Eindruck hatte, dass dem Sommer die Puste ausgehe, dass er erschöpft mit hängenden Armen dastehe, hat er sich an diesem Wochenende noch einmal aufgerichtet und strahlt uns an. Aber es ist zu spüren: der Herbst naht. Um es mit Theodor Fontane zu sagen: „Dies ist die Zeit, wo jeder Tag viel Tage gilt in seinem Wert“
(O trübe diese Tage nicht)

In den zurück liegenden Wochen hat jede und jeder wohl auf je eigene Weise versucht, den Sommer zu genießen, Sonne und Licht zu tanken für die dunklere Zeit. Einige werden verreist gewesen sein, andere haben sich als Gärtner und Pfleger der Schöpfung im eigenen Garten die Tage schön gemacht, andere haben vielleicht Ferien auf Balkonien verbracht. Jede und jeder sucht oder schafft sich sein Paradies, braucht und genießt an diesen Orten Momente der Geborgenheit, eine Zeit sich auf sich selbst und das Leben zu besinnen. Solche Momente sind wichtig, da wir nur zu oft wie besinnungslos durch das Leben laufen. Viel zu oft ist der Mensch „außer sich“, ist mit allem Möglichen beschäftigt, nur nicht mit sich selbst. Man verliert sich im Alltag, man verliert den Kontakt zu sich selbst, zur Seele, zum eigenen, inneren Ich, zu Gott. Der Urlaub, wie ein jeder Sonntag können dazu dienen und sind eine Einladung Gottes zu sich selbst und zu ihm zurück zu finden, nicht mehr außer sich, sondern wieder ganz bei sich selbst anzukommen und zu sein. Solche Besinnung ist notwendig, ist gut und nötig. Denn nur wenn wir in uns selbst, bei uns selbst zuhause sind, werden wir uns im Leben geborgen fühlen. Dabei kann der Gedanke, der Zuspruch Gottes helfen, dass er Selbst, Gott in uns und bei uns ist, dass wir in ihm Geborgenheit haben. Das zu erfahren und zu spüren, braucht es Ruhe und Stille, braucht es die Zeit sich z.B. einmal unter einen Baum zu setzen, die Augen zu schließen, still zu werden, durchzuatmen.

Ich will aber nicht verschweigen, dass solche Besinnung auch eine andere Wirkung haben kann. Der Alltag ist auch eine gute Hilfe, Konflikte und Fragen unter den Teppich zu kehren, zu verdrängen und zu übergehen. Wenn die Ruhe einkehrt, werden die verdrängten Fragen laut, melden sich Zweifel zu Wort. Keine Angst davor! Diese Fragen sind nötig, und sie warten auf Antwort. Manchmal sind es die ganz elementaren Fragen, die sich dabei stellen. Wer bin ich? Was ist meine Aufgabe, was ist meine Bestimmung im Leben? Welche Ziele habe ich? Was habe ich noch zu erwarten und zu geben?

Der Predigttext kreist um diese Fragen. Er erzählt im Gewand einer Mythologie und will Antwort geben auf die Frage: Was ist der Mensch? Zugespitzt: Was ist der Mensch in Beziehung zu Gott, seinem Schöpfer und Herrn?

Er erzählt nicht von einem Urlaubsparadies, sondern vom Paradies schlechthin, vom Garten Eden. Es ist eine Schöpfungsgeschichte. Neben dem ersten Schöpfungsbericht, der die einzelnen Schöpfungstage schildert, wird hier ein zweiter Bericht eröffnet. Die biblischen Schöpfungsgeschichten sind weder an historischen Abläufen, noch an naturwissenschaftlichen Fakten orientiert. Niemand mit gesundem Menschenverstand vertritt die These, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen worden ist, und der erste Mensch hat nicht Adam geheißen. Die Schöpfungmythen führen uns in ihrer Erzählung nicht historisch nach hinten an den Anfang der Zeit, sondern sie führen nach innen, an den Ursprung unseres menschlichen Wesen, an die Quelle und den Urgrund unseres Dasein, sie führen uns zu Gott. Es sind religiöse Texte. Sie wollen uns antworten auf die Fragen: Was ist der Mensch? Und: Was will Gott von ihm?

Sehen wir mal darauf, wie der Mensch nach diesem Bericht geschaffen wurde. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Daher, dass der Mensch aus Erde gemacht wurde, hat er seinen Namen – Adam. Denn die Erde heißt auf hebräisch Adama. Der Menschheitsname wäre wörtlich übersetzt: Erdling. Dieser Titel drückt die Verbundenheit des Menschen zur Schöpfung aus. Der Mensch ist Teil der Schöpfung, sein Leib ist irdisch, das heißt aber auch vergänglich. Es gibt eine ganz wunderbare Dokumentation der BBC über das Universum, den Kosmos, seine Ausdehnung, seine Entstehung, seine Beschaffenheit. Im Grunde, so sagen die Wissenschaftler bestehen alle Planeten, alle Sterne wenn auch in unterschiedlicher Zusammensetzung aus denselben Elementen. Zu über – ich glaube 90% – ist auch der menschliche Körper aus diesen Stoffen gebildet –und so folgern die Wissenschaftler in einem Anflug von Poesie: Wir sind alle Sternenstaub. Viele werden diese Zeile aus dem Lied von dem Duo Ich und Ich kennen. Unser Leib ist also irdisch, und eigentlich unbelebte Masse. Sie wird durch Gottes Odem zum Leben erweckt. In der Tat hängt alles Leben am Atem, an diesem dünnen ätherischen Band. Es ist das Band zu Gott, der uns mit jedem Atemzug zuflüstert: du lebst nicht aus eigener Kraft, sondern durch meinen Lebenshauch. Die Kraft zum Leben strömt dir in jedem Moment von außen zu. Der Atem durchströmt und belebt uns wie der Geist Gottes. Das Leben ist ein göttliches Geschenk! So heißt es im 104. Psalm: Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde; Nimmst du weg ihren Odem. So vergehen sie und werden wieder Staub. So belebt Gottes Atem unseren vergänglichen Körper. Doch darin liegt zugleich die tiefe Hoffnung und die tröstliche Gewissheit verborgen, die in den Sprüchen Salomos mit den Worten festgehalten ist: Der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. Spr. 12,9

Das Eigentliche, die körperlose Seele, der Geist, der ist von Gott und bleibt in Gott, wird über den Tod hinaus in Gott ewig leben. Unser irdischer Körper kehrt zur Erde zurück, von der er genommen ist, unsere Seele aber ist göttlich und kehrt zu ihm zurück.

Und der Schöpfungsbericht lenkt den Blick schon einmal auf den Baum den Baum der Erkenntnis, der im Garten steht. Wir wissen schon, welches Drama damit in Verbindung steht, es ist das Drama der eigentlichen Menschwerdung. Denn der Mensch trat erst aus dem Reich der übrigen Geschöpfe, als er ein Bewusstsein, als er ein Gewissen bekam, als er lernen musste zu unterscheiden zwischen Gut und Böse. Das ist die Größe und zugleich die Herausforderung des Menschen: er hat einen freien Willen zu entscheiden, er folgt keinen Instinkten, sondern einem Verstand. Das ist sein Dilemma, denn von nun an steht er ständig in der Entscheidung. Diese Freiheit ist seine Aufgabe. Sie ist verbunden damit, dass Gott uns in seine Schöpfung hinein gestellt hat. Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre. Wir haben Verantwortung. Gott stellt jede und jeden von uns an seinen Platz im Leben. Dort haben wir in Verantwortung zu handeln. Es liegt je an uns, Entscheidungen zu treffen. Deshalb sind wir gefordert eine Ethik und eine Moral zu entwickeln. Ich höre in diesen Tagen gerade ein sehr interessantes Hörbuch, geschriebne vom Dalai Lama, der zwei Grundsätze einer Ethik in den Mittelpunkt stellt. 1. Jeder Mensch hat das Recht und hat den Willen glücklich zu sein, und soll danach sein Handeln ausrichten. 2. Bei allem, was wir tun, ist es uns aufgetragen, so weit es in unser Macht steht und wir es übersehen können, Leid zu vermeiden. Jesus sagt es so: Liebe deinen Nächsten, liebe sogar die, die dir feindlich gesonnen sind, liebe dich selbst und liebe Gott. Gott selbst ist pure Liebe, sein Geist ist strömende Liebe, ist Odem, und damit erfüllt er unser Wesen und hat damit unsere Bestimmung ist uns hinein gegeben. Wir sollen lieben. Da unser Leben und das Leben aller Menschen untereinander verbunden sind, und da alles mit allem, jedes Geschöpf mit der gesamten Schöpfung verbunden ist, ist die Bewahrung der Schöpfung mit inbegriffen. Die Schöpfungslieder, die wir heute im Gottesdienst gesungen haben und singen, ich finde, man kann sie in unser Zeit nicht mehr ganz frei und unbeschwert singen. Sie – nein, eher wir, haben gegenüber der Schöpfung unsere Unschuld verloren. Der Sonnenschein und die Natur, an der wir uns so sehr freuen, ist uns anvertraut, so wie uns Menschen anvertraut sind, wie uns unser Leben anvertraut ist. Wir leben, Herr, noch immer vom Segen der Natur. Licht, Luft und Blütenschimmer sind deiner Hände Spur. Wer Augen hat zu sehen, ein Herz, das staunen kann, der muss in Ehrfurcht stehen und betet mit uns an. Wir wollen gut verwalten, was Gott uns anvertraut, verantwortlich gestalten, was unsre Zukunft baut. Herr, lass uns nur nicht fallen in Blindheit und Gericht. Erhalte uns und allen des Lebens Gleichgewicht. EG 639

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