Erleben Sie El Paradiso

„Kommen Sie und erleben Sie El Paradiso, das Paradies am blauen Meer, am Palmenstrand, paradiesische Tage in unberührter Natur, paradiesische Nächte unter dem funkelnden Sternenzelt, nehmen Sie sich gemeinsam Zeit, einfach glücklich zu sein.“ (vgl. Predigtstudien 95/96)

Das könnte eine Reklame für eine Reise in die Karibik sein, aber auch für den Garten, von dem wir heute in der Lesung gehört haben. Vielleicht erinnert es Sie auch an einige Sommertage, Ferienzeiten ohne Pflichten, auf die wir nun zurückblicken. Es gelingt uns zwar selten, diese Unbeschwert­heit einen ganzen Urlaub lang durchzuhalten. Doch wenn er vorbei ist und der Alltag mit Arbeit und Schule wieder begonnen hat, dann wissen wir rückblickend diese Zeit zu schätzen und versuchen, etwas von diesem Lebensgefühl hinüberzuretten in die Zeit, die vor uns liegt. Genauso blicken Menschen auf den Anfang der Zeit zurück. Die Geschich­te, die wir vom Garten Eden und der Erschaffung des Menschen gehört haben, ist keine abgeschlossene Urlaubs­geschichte. Wir haben von der Wiege der Menschheit gehört, einer heilen Welt, wie wir uns das kaum vorstellen können, eine Welt, die als fruchtbarer Garten gemalt wird, der dem gibt, der ihn pflegt, Leben im Einklang mit der Natur und mit Gottes Willen, fruchtbare Erde, Wasser aus vier Ström­en, üppige Vegetation, vielfältige Tierwelt, ein völlig intaktes Ökosystem und darin: Die von Gott gestiftete liebevolle Einheit in der Zweisam­keit. Die Men­schen leben als Teil der Erde, von Gottes Händen geformt in jeder Einzelheit und werden beseelt von dem Atem Gottes, der ihnen den weiten Blick schenkt, den sie brauchen, um dieses Land zu bebauen und zu bewahren. Wunderbar!

Aber das bleibt nicht so. Das Ende dieser Zeit gibt den Ton an. Der schöpferische und fürsorg­liche Gott hatte nämlich die Nase voll von seinem Pärchen und hat sie vor die Tür gesetzt. Ein Wächter steht vor dem Tor zum Garten und verhindert die Umkehr. Nach soviel heiler Welt ein ziemlicher Absturz. Irgendetwas ist unwieder­bringlich zerstört worden und wird in dieser Rein­heit nie wiederkehren, egal welche Versprechun­gen uns auch durch Reiseprospekte gemacht werden. Diese Tatsache ist der Grund, warum diese Geschichte erzählt wird: Es ist die unangenehme Wahrheit, die Gott Adam und Eva nicht vorent­hält und der die meisten von uns in ihrem Leben schon begegnet sind: Manche Dinge, Beziehun­gen, Arbeit, Gesundheit werden nicht mehr rich­tig gut. Man muss mit ihnen weiterleben, aber es macht Mühe und oft auch nicht mehr richtig Spaß. Da hilft auch ein Urlaub nicht mehr heraus. Doch lohnt es sich dennoch, sich an paradiesi­sche Zeiten zu erinnern, denn manchmal hilft uns das auch in der mühevollen Gegenwart, einen Schritt zurückzutreten, um neue Wege zu sehen und den Geschmack des Lebens wieder auf die Zunge zu bekommen.

Nun ist mir dankenswerter Weise ein Bericht zur Verfügung gestellt worden, indem uns Adam und Eva von ihrer ersten Zeit im Paradies berichten. Und sollten Sie das für unmöglich halten, frage ich Sie, was in dieser Zeit immer perfekterer Nach­richtenübermittlung überhaupt noch unmög­lich sein soll. Soviel dazu. Ladies first. Lassen wir zunächst Eva zu Wort kommen:

Eva: Mein Leben begann, als ich die Augen aufschlug und mich in den Augen Adams sah. An das Vorher konnte sich keiner von uns mehr erinnern. In unserem Jubel übereinander spie­gelte sich die Begeisterung Gottes über sein Werk, über die Liebe, die kein Wort mehr war, sondern als lebendige Kraft sichtbare Spuren hinterließ. Nichts von dem, was mir heute an Adam auffällt, habe ich damals gesehen: Seine Umständlichkeit beim Essen, für das er ewig braucht und mir so die Zeit für notwendige Arbeiten stiehlt; seine Verträumt­heit, die mich heute oft zur Weißglut bringt. Nicht einmal sein Schnarchen habe ich gehört und das will einiges heißen. Mein und dein, gut und böse, all das waren keine Fragen, die uns umtrieben. Und wo der eine Körper anfängt und der andere aufhört, war nicht aus­zumachen. Ein Fleisch sein – das hat es gege­ben.“ Halten wir vielleicht an dieser Stelle an, bevor es noch ausführlicher wird und lassen Adam zu Wort kommen:

Adam: Ja, alles, was Eva berichtet hat, stimmt. Sie war für mich, was der Name Eden bedeutet: Eine Wonne! Und auch auf unsere Umgebung passte dies. Nicht, dass wir nur faul herumsaßen oder den ganzen Tag spazieren gingen. Wir haben schon unsere Aufgabe erfüllt und den Garten gehegt und gepflegt. Aber es war nicht so mühevoll wie heute, wo ich erst einmal alle Steine aus dem Acker sammeln und mir sorgenvolle Gedanken über Regen und Wachstum machen muss. Alles war da, von Gott zur Verfügung gestellt und wuchs und gedieh ohne Mühe. Wir fühlten uns umsorgt und vertrauten darauf, dass Gottes Sorge uns auch weiter umhüllen würde. Wir waren Teil der Erde und durch den Lebens­atem mit Gott verbunden. Unsere Gedanken und die Gottes fanden noch mühelos zueinander, und Schuldbewusstsein, Sehnsucht, Hoffnung – all das waren keine Wörter, die dort einen Sinn erge­ben. Das pralle Leben eben.“

Soweit zu Adam. Angesichts von soviel Harmonie fragt man sich allerdings, wie es da zu einem solchen Ende kommen konnte.
Lassen wir noch einmal Eva zu Wort kommen:

„Wie es dazu kommen konnte? Zunächst einmal: Harmonie bedeutete damals nicht, dass es keine Unterschiede zwischen uns gab, nur dass sich diese Unterschiede eben ergänzten. Der wichtigste Unterschied zwischen uns war die Art und Weise, wie wir diese Lebendigkeit gelebt haben, die uns ganz erfüllte. Adam wollte gerne mit mir Hand in Hand still an einem der großen Flüsse sitzen und in die Weite und Ruhe schauen. Und meine Kraft und Liebe wollte sich ausbreiten. Wir lebten mit Gott und der Welt vereint, in einer Fülle und Weite, die ich zusammen mit Adam auskosten wollte bis in den letzten Winkel. Und so zog ich ihn oft hinter mir her und ging mit ihm durch diese Welt, die wie ein Garten ohne jegliche Grenze war. Außer einer: Dieser Baum, von dessen Früchten wir nicht essen durften. Er bildete eine Grenze, die wir sonst nicht kannten in unserem Gefühl mit allem, was ist, verbunden zu sein. Der Baum, so würde ich im Nachhinein sagen, war das Grenz­denken schlechthin, das Denken in Entweder – Oder, Gut und Böse, Schuld und Unschuld, Du und ich, Frau und Mann. Gott hatte bis dahin dieses Denken für uns übernommen. Wir mussten unser Leben nicht in den Griff bekom­men. Wir wurden zusammengehalten durch die fürsorgliche Nähe Gottes. Adam hätte vermutlich den Baum Baum sein lassen. Aber ich zog ihn zu ihm hin und wir bewunderten gemeinsam seine Schönheit, genauso, wie wir vieles andere Schöne miteinan­der geteilt hatten. Als wir so gemeinsam da standen, da zögerte er nicht, auch den Apfel mit mir zu teilen. (‹brigens: weder eine Schlange, noch besonders verführerische Kniffe meinerseits waren nötig, um mich bzw. Adam dazu zu bringen.) Ich sagte vorhin, mein Leben begann, als ich mich in Adams Augen sah. Dieser Alltag hier begann ebenfalls mit einem Blick, doch nicht in Adams Augen. Nachdem ich von dem Apfel geges­sen hatte, sah ich plötzlich, dass da Raum war zwischen uns und dann sah ich alles, was ihn von mir unterschied. Und es war, als ob wir beide dadurch an Schönheit und Wert verloren, als ob wir weniger würden, je mehr wir uns als zwei verschiedene Menschen erkennen lernten. Wir standen uns plötzlich fremd gegenüber und mussten den Weg zueinander erst wieder aus eigener Kraft finden. Ich glaube Adam hat es ähnlich erlebt.

Kann Adam das bestätigen?

Adam: Ja, mir war gleich klar, dass es kein Zurück mehr gab in die Zeit der Unschuld. Ich sah die Erde, die Pflanzen und Tiere und zum ersten Mal machte ich mir Sorgen, ob das alles so bleiben würde, ob es genügend regnen würde, ob unsere Arbeit ausreicht, ob Eva und ich uns weiter­hin so gut verstehen würden. Ich dachte zum ersten Mal an die Zukunft und die Fürsorglichkeit Gottes schien mir nicht ausreich­end, um diese Sorge von mir zu nehmen. Ein ungewohntes und sehr unangenehmes Gefühl. Und Gott hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er sehr ärgerlich war. Er war mächtig, aber er konnte uns nicht mehr aus der Getrenntheit zurückholen in das schwerelose Leben, das wir zuvor geführt haben. Und so hat er uns genau und schonungslos gesagt, was uns erwartete: Er sprach: "Ihr habt euch den Schleier der Leich­tig­keit von den Augen ziehen lassen. Jetzt müsst ihr auf den Boden der Tatsachen kommen und regeln, was ich bisher für euch geregelt habe. Ungeschützt werde ich euch preisgeben allen Gegensätzen des Lebens. Mit Saat und Ernte und Sonne und Regen bleibt übrigens alles beim Alten. Und meinen Atem spende ich weiterhin euren Nachkommen." Das war immerhin beruhigend. Aber sonst änder­te sich viel. Evas Verlangen nach mir wurde eine Schwäche und eine Versuchung für mich über sie zu herrschen, sie musste unter Schmerzen gebä­ren und ich unter Anstrengung dem Boden seinen Ertrag entreißen müssen. Nur eines hat Gott uns abgesehen von dem Kreis­lauf von Saat und Ernte gelassen, das Geschenk des mühelosen Atems, das uns an seine Gegenwart erinnert und vor allem: Die Erinnerung an unsere schwerelose Liebe.“

Soweit zu Adam und Eva. Ich denke, der Alltag, den sie danach erlebten wird sich nicht groß von unserem unterscheiden. Er wird Höhen und Tie­fen gehabt haben, Arbeit, die gelingt und manch­mal auch nicht, Kinder die Freude machen und auch große Sorgen, Momente, in denen sie an einem Strang gezogen und Momente, wo sie gegen­einander gearbeitet haben. Man kann nur hoffen, dass sie immer wieder Zeit gefunden haben, um ihre Spaziergänge wieder aufzuneh­men und etwas von ihrer vergangenen Harmonie, dieser Schwerelosigkeit des Paradieses gespürt haben. Und man kann nur hoffen, dass sie trotz der Mühe auch die Gegenwart Gottes erlebt haben, der es trotz Disteln und Steinen immer noch regnen lässt und dafür sorgt, dass Wachs­tum und Liebe nicht aufhören. An der Klarheit dieser Geschichte kommen wir nicht vorbei. Etwas ist zu Ende, eine Umkehr ist nicht möglich und Vergebung richtet nichts aus, sondern verpufft wirkungslos. Die Polkappen schmelzen, die Menschen haben sich soviel Leid angetan, dass die Folgen, die Angst, die Wut und der Hass ihre Beziehungen für immer prägen werden. Es ist ein anderes Leben als das im Paradies, daran mahnt uns der Engel, der wachend vor dem Tor des Gartens steht: Gott ist sorgend und liebend an unserer Seite und gibt seinen Atem verschwenderisch weiter, das schon, aber seit wir aus der Unschuld heraus gefallen, uns unserer selbst bewusst und erwachsen geworden sind, ist auch klar: Unseren Teil müssen wir tun, es läuft nicht alles wie von selbst, wir müssen auf den anderen zugehen, über Trennendes hinweg, wir müssen unsere Gewohnheiten wieder der Erde anpassen, von der wir leben und uns den Folgen der gegenseitigen Ausbeutung stellen. Wir müssen versuchen, vertrauensvoll an die Möglichkeit des Zusammenlebens zu glauben und uns dieses Vertrauens als würdig erweisen. Gott sind die Hände gebunden, wenn Menschen nicht sehen, dass sie Teil seines Atems und der Erde sind, sondern sich von ihr abgrenzen. So wie Adam und Eva ernüchtert vor der Pforte des Gartens stehen, kommen auch wir nicht umhin, der Realität ins Auge zu blicken. Doch ist diese Realität falsch beschrieben, wenn wir nur von unserem zerstörerischen Handeln und unserer Unfähigkeit reden. Zum einen: Vieles brauchen wir auch weiterhin nicht zu tun. Denn nach wie vor ist es die Erde, die uns die Nahrung schenkt, nach wie vor atmen wir, ohne den Sauerstoff herzustellen und nach wie vor erle­ben wir Momente, in denen wir einander und das Leben zu schätzen wissen und über das Gestern und Morgen nicht nachdenken, Momen­te, die uns überraschen wie ein Geschenk. Nach wie vor sorgt Gott für uns, ausreichend und liebevoll, schenkt uns seinen Atem am Beginn unseres Lebens und dann weiterhin, Tag für Tag, Jahr für Jahr; nach wie vor öffnet er uns mit seinen Geboten und der Kraft seiner Liebe Wege, die uns über die Trennung und gegenseitige Ausbeutung hinausführen können und – zum anderen – wir verweigern uns ja nicht nur, wir versuchen wir doch auch immer wieder, diese Wege zu gehen, mit wechselndem Erfolg, aber mit gutem Willen. Auch wenn manche Dinge nicht wieder richtig gut werden unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unsere Gesundheit oder unsere Erde, so bleibt es doch für uns der einzige Weg miteinander besser zu leben, als wir es häufig tun: Zu vertrauen, dass für uns gesorgt wird, zu vertrauen, dass die Sorge Gottes reicht, um allen ein menschenwür­di­ges Leben zu ermöglichen. Und sich dieser Sorge als würdig erweisen. Daran erinnert uns diese Geschichte aus dem Paradies und auch das Evangelium, wenn es davon spricht: Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Reich Gottes? Vielleicht das: Sich endlich zusammenbringen lassen durch die fürsorgliche Nähe Gottes.

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