…und setzte ihn in den Garten

Liebe Gemeinde,

immer wieder fragen wir uns: „Wo komme ich her? Und Warum ist die Welt da?“ So beginnen schon Kinder im Kindergarten zu fragen. Wir suchen unseren Platz in dieser geheimnisvollen Welt. Wir wollen mehr sein als nur Staub, den Winde irgendwohin verwehen.

Darum erzählen Menschen seit Alters her Geschichten da­von, wo sie herkommen und wir entwerfen Modelle, wie die Welt wohl aussehen mag. Die Naturwissenschaft sammelt Zahlen, Daten, Fakten und fügt sie mit Hilfe der Mathema­tik zu großartigen Modellen zusammen. Das naturwissen­schaftliche Weltbild ist offen und noch nicht abgeschlos­sen, da kann noch Vieles hinzukommen. Immer wieder ver­ändern neue Entdeckungen das ganze Modell und man be­ginnt von vorne. Das Modell von der Welt wird ständig verändert, verbessert und manchmal auch wieder neu entworfen. Einige Beziehungen lassen sich nur noch mit Mathematik aus­drücken und wir können uns nicht mehr richtig vorstel­len, wie es denn wohl aussieht. Was Zahlen, Daten und Fakten angeht, ist die naturwissen­schaftliche Methode unschlagbar. Wir können nicht mehr auf sie verzichten, wenn wir Techniken des Überlebens in dieser Welt entwickeln wollen.

Aber es gibt mehr als Zahlen, Daten, Fakten und mathema­tische Beziehungen. Davon erzählen wir Menschen uns in alten und neuen Ge­schichten. Auch hier wer­den Zahlen, Daten oder Fakten angeführt. Das Material der alten Geschichten ist überholt. Per Naturwissenschaft wissen wir es exakter und besser. Die Geschichten bieten für die exakte Naturwissenschaft und für die Geschichts­wissenschaft kein Material, aber sie erzählen davon, wo unser Platz in dieser Welt ist und wie wir uns selbst verste­hen und einordnen können. Das wiederum kann uns kein naturwissenschaftliches Modell sagen. Wir brauchen ver­schiedene Geschichten, Modelle und Zugangsweisen, um die eine Welt zu begreifen. Dazu gehören die Naturwissenschaf­ten und dazu gehören die alten Erzählungen der Menschheit.
Wir hören nun eine alte Geschichte aus der hebräisch überlieferten Bibel, die uns etwas darüber er­zählt, wo wir hingehören:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, Gott setzt den Menschen in einen Garten. Da gehören wir hin. Gartenliebhaber unter uns werden dieses Bild auf An­hieb verstehen und nachempfinden. Menschen, die mit Händen und Hingabe im Garten arbeiten, haben das Bestre­ben, dieses Stück Land in ein Paradies zu verwandeln. Es ist schlimm, wenn ein alter oder ein kranker Mensch seinen Garten aufgeben muss. Gehen wir einmal hinein in das Bild vom Menschen und von der Welt, von dem hier erzählt wird.

Es beginnt mit dem Wasser. Ohne Wasser ist nichts los, nichts wächst. Alles bleibt grau, braun, fruchtlos und verdorrt. Wasser zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und alles bedeckt sich mit Grün. In diesem Jahr sind Sonne und Regen bei uns besonders ausgewo­gen. Jetzt wächst das Grün sogar schon wieder zwischen den Stoppeln der Feldern. Wasser für den Garten des Menschen. Wasser, das Leben schenkt. Wenn wir Menschen im Gottesgarten leben wollen, müssen wir darauf achten, dass das Wasser zu allen Men­schen fließen kann. Im Wasser schenkt Gott uns Leben, Le­ben,das zu allen fließen will.

Und Gott formt den Menschen aus Erde. Historisch gesehen gesch­ah es nicht so, wie es hier geschildert wird. Wir wissen aus der Naturwissenschaft vom evolutionären Prozess. Der Mensch entwickelt sich in Millionen von Jahren. Wir sind eingebunden in diese evolutionäre Entwicklung. Von unserem Eingebundensein erzählt auf ihre Weise auch die alte Geschichte. Sie stößt uns fast vor den Kopf. Denn sie erinnert uns daran, wo wir herkommen. Aus dem Material des Erdbodens wurden wir geformt. Die chemischen Elemente unseres Körpers stammen aus der Erde – dazu kommt das Wasser, aus dem wir bestehen. Mensch erinnere dich daran, wo du herkommst! Du bestehst aus Material, das vergeht und verfliegt, das sich ständig wandeln will, das wieder zu dem Erd-Boden zurückkehrt, aus dem du genommen bist. Auf hebräisch heißt der Erdboden: Die ‚Adamah‘ und Mensch heißt ‚Adam‘. Wir sind Erdlinge: Wir wohnen auf der Erde. Wir leben von der Erde. Das Material, aus dem wir bestehen, ist erdhaft. So hat uns Gott gewollt und geschaffen und so ist es gut, auch wenn es mir nicht immer gefallen will.

Dann erzählt die Geschichte vom Lebensatem. Hier findet sich zunächst einmal eine allgemeine Erfahrung: Höheres Leben atmet. Wenn ein Körper nicht mehr atmet, dann ist er Leichnam und hat sein Leben beendet. Wer at­met, lebt – wer lebt, atmet. Es ist gut, immer wieder einmal still zu werden und auf den eigenen Atem zu hören, ihn zu spüren und die Erfahrung zu machen, wie er kommt und wie er geht. Ich atme ein – ich atme aus. Immer wieder. (Spüren sie es einmal!) Das bewahrt mich vor Atemlosigkeit. Es atmet doch in mir. Ich bin da. Ich spüre das Geheimnis des Lebens – ich spüre mein eigenes Leben.
Gott blies den Hauch des Lebens in die Nase des Men­schen. Wie beim Blasen in die Glut wird ein Feuer ent­facht, das Feuer des Lebens. Der Atem, der Sauerstoff sorgt dafür, dass das Feuer in meinem Körper am Brennen bleibt. Immer wieder – Zug um Zug. Mein Leben, das ich jetzt lebe und führe, ist eine Gabe Gottes. Er schenkt meinem Körper, also mir selbst, Leben und Lebendigkeit. Die Kraft meines Lebens kommt von ihm. Mein Atem kommt nicht aus mir selbst. Ich habe ihn nur so lange, wie Gott in mir schenkt. Ich lebe mit so viel Atemkraft, wie sie Gott mir gerade gibt. Und an einem Tag wird Gott mir den Atem nehmen, und alle Lebendigkeit wird von mir wei­chen. Ob ich es nun will oder nicht, ich bin auf Gott ver­wiesen. Er hält mein Leben in der Hand. Mein Atem erin­nert mich: Ich bin mit Gott verbunden. Es ist sein Hauch, der mein Leben entfacht.

Und Gott setzt den Menschen in den Garten. Wir spüren es der Geschichte ab, dass hier ein Mensch erzählt, der aus einer landwirtschaftlichen Kultur kommt. Ich sehe einen Menschen, wie er mit­ten in einer Landschaft steht, wie er blickt nach Westen und Osten, nach Norden und Süden – vielleicht breitet er auch seine Arme aus. Er steht fest und schaut in die Weite des Landes. Er spürt den Boden unter seinen Füßen und ist ganz da: Ich stehe in Gottes Garten. Hier kann ich leben, hier finde ich, was ich brauche – von allem ist genug da. Da sind Ackerpflanzen und Bäume. Ich sehe, ich rieche, ich schmecke, ich höre den Wind rau­schen. Hier ist meine Welt, mein Lebenswelt. Es erfreut mich, es befriedigt mich, es sättigt mich – ich habe genug von Allem … (Pause…)

Wenn Sie wieder einmal einen Spaziergang unternehmen, können Sie sich auch einmal in dieser betrachtenden Haltung in die Landschaft stellen und die Sinne schweifen lassen: Sie stehen und schauen, Sie spüren und hören: die Welt um Sie herum wie einen großen Garten. …. (Pause).

Wir sind heute in der Regel keine Ackerbauern mehr. Na­turwissenschaft und Technik haben eine Industriekultur entwickelt. Die Menschen leben vorwiegend in Städten, unsere ganze Kultur ist städtisch geprägt. Nur wenige Menschen in den Städten haben noch einen Garten. Doch die Sehnsucht nach dem Garten lebt in den Menschen und lässt sie Ausflüge ins Grüne unternehmen. Wir haben es meist vergessen, dass unsere ganze Nahrung aus der Landwirtschaft kommt. Auch wenn die Produkte industriell noch so sehr verarbeitet und verändert wurden – sie stammen alle vom Erdoden, den Menschen bearbeiteten.

Gott stellt uns in den Garten. Da gehört alles zusammen – und eins ist auf das andere angewiesen. Darum gibt Gott uns den Auftrag: Bearbeite und behüte den Garten.

Die Menschen scheinen nur auf einem Ohr zu hören. „Be­arbeite den Garten!“, das haben wir gehört. Viele Techni­ken haben wir entwickelt und die Schätze des Gartens ge­hoben und ausgebeutet. Wir haben uns viel Arbeit ge­macht. Manches diente unserem Wohl und es ist uns in Vielem auch besser gegangen. Aber zu mancher Arbeit trieb uns die Gier. Die Lust am Gar­ten verwandelte sich zu Gier nach seinen Schätzen. Aus Bearbeitung wurde Ausbeutung.

Da werden die schönsten Gärten zu öden Steinwüsten, in denen nichts mehr wachsen mag. Als Gott uns in den Garten setzte, war es ein Ort des Friedens und des Gleichgewichts, der Mensch steht im Garten und ist auf diesen bezogen. Er lebt im Garten, er lebt vom Garten, er lebt mit dem Garten und all seinen Pflanzen und Tieren. Wenn er auch das andere Ohr öffnen würde, könnte er hören: „Behüte diesen Garten!“

Gott setzte den Menschen ein in den Garten zu einem heiligen Dienst. Der Garten, unsere Welt ist heilig und kostbar. Das ist unsere Welt, wir haben keine andere. Sie will gehütet sein wie ein Schatz. Wie Priester ihren Tempel hüten, so hüten wir unseren Garten. Das Hüten des Gartens hat etwas mit Ehrfurcht zu tun.

Albert Schweitzer suchte sucht zu Beginn des ersten Weltkriegs eine Antwort auf die Frage: Wie kann der Mensch dazu kommen, sich selbst und die Welt zu bejahen. Er musste im September 1915 eine längere Fahrt auf einem Fluss unternehmen. Am Abend des dritten Tages stand urplötzlich der Ausdruck „Ehrfurcht vor dem Leben“ vor ihm. Wer über Welt und sich selber betrachtet, erfährt, dass alles, was ihn umgibt, Pflanzen, Tiere, Mitmenschen, genauso am Leben hängen wie er selber. Wenn wir das erfahren, werden wir ihnen allen in Liebe begegnen. Aus Achtung vor Gott, der jedem Wesen das Leben schenkt, damit es seine Aufgabe erfüllen kann, gilt es, jedem Achtung entgegenzubringen und ihm zu seiner Erfüllung zu verhelfen. Schweitzer fasst das in einem kurzen Satz zusammen: ‘Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Die hebräisch überlieferte Bibel erzählt: Gott setzte den Menschen in den Garten, dass er ihn bearbeite und behüte.

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