Ein Korb voll Nichts

Liebe Gemeinde,

von Zeit zu Zeit packt es mich. Dann wird aufgeräumt. Da ist ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Ordnung in mir. Manchmal ist es der Kleiderschrank, der dran glauben muss, manchmal die Bücherregale oder der Boden – da wird sortiert, bewertet, für gut oder schlecht befunden. Einiges landet dann regelmäßig im Kleidersack, anderes auch in der Mülltonne und wieder anderes mit einem Schild: „Nimm mich mit“ vor der Haustür.

Nun fällt es mir nicht sehr schwer, mich von Dingen zu trennen. Beim Sortieren wird mir bewusst, was mir wichtig ist und worauf ich ohne Not verzichten kann. Mir wird dann oft mit einem Schlag klar, was mir schon lange im Wege stand, was mich eigentlich nur einengte und belastete. Dann gleicht die Trennung davon mitunter sogar einer Befreiung.

Warum ich das alles erzähle? Meine Gedanken sind bei einem Satz des Apostel Paulus hängen geblieben: Prüfet alles und das Gute behaltet. Natürlich ist klar, dass Paulus hier nicht zum Aufräumen des Hausrats aufruft. Wahrscheinlich wäre er bei dem Wanderleben, das er geführt hat, gar nicht auf die Idee gekommen, dass man so viele oft ungenutzte, auch unnütze Dinge anhäufen könnte. Aber er wusste, dass man auch ganz andere Dinge anhäufen kann und mit sich herum schleppen, die einen behindern und das Leben schwer machen. So werden unsere Gedanken über die äußeren Dinge hin zu den inneren gelenkt und alles gilt es, nach Paulus, zu prüfen. Paulus fordert zur kritischen Durchsicht auf, und regt an, das gegebenenfalls unordentliche Leben wieder in Ordnung zu bringen:

Worauf Paulus mit seiner Aufforderung zur Prüfung zur kritischen Durchsicht zielt, mag folgende Geschichte illustrieren. <I>Es war einmal ein Waisenjunge. Er zog von Dorf zu Dorf, immer auf der Suche nach etwas Essbarem und einem Dach über dem Kopf. Eines Tages traf der Junge auf einen alten Mann, der ebenfalls von Dorf zu Dorf wanderte. Sie beschlossen, gemeinsam weiterzugehen. Der alte Mann trug einen großen, zugedeckten Weidenkorb, der offenbar sehr schwer war, denn der Alte lief tief gebeugt und stöhnte hin und wieder unter der Last. Als sie Rast an einem Bach machten, stellte der alte Mann seinen Korb erschöpft auf den Boden. Der Junge fragte "Soll ich deinen Korb für dich tragen?" "Nein," antwortete der Alte, "den Korb kannst du nicht für mich tragen. Ich muss ihn ganz allein tragen." "Was ist denn in dem Korb?" fragte der Junge, doch er erhielt keine Antwort. Viele Tage wanderten die beiden gemeinsam. Nachts, wenn der Alte glaubte, dass der Junge schlief, kramte er in seinem Korb herum und sprach leise mit sich selbst. Es kam der Tag, an dem der alte Mann nicht mehr weitergehen konnte. Er legte sich nieder, um zu sterben. Und er sprach zu dem Jungen: "Du wolltest wissen, was in meinem Korb ist, nicht wahr? In diesem Korb sind all die Dinge, die ich von mir selbst glaubte und die nicht stimmten. Es sind die Steine, die mir meine Reise erschwerten. Auf meinem Rücken habe ich die Last jedes Kieselsteines des Zweifels, jedes Sandkorn der Unsicherheit und jeden Mühlstein des Irrwegs getragen, die ich Laufe meines Lebens gesammelt habe. Aber ach – ohne sie hätte ich so viel weiter kommen können, im Leben. Statt meine Träume zu verwirklichen, bin ich nun nur hier angekommen." Und er schloss die Augen und starb. Der Junge ging zu dem Korb und hob den Deckel ab. Der Korb, der den alten Mann so lange niedergedrückt hatte, war leer.</I> (gefunden <A HREF="http://www.zeitzuleben.de/tipps/geschichten.html" TARGET="_blank">http://www.zeitzuleben.de/…</A>, dort zitiert aus Anleitung zum Positiven Denken von Shad Helmstetter, gekürzt und leicht geändert)

Liebe Gemeinde, was schleppen wir so alle mit uns herum – je älter wir werden, um so mehr. Da sind neben allen materiellen Dingen, die wir im Laufe der Jahre angehäuft haben, all die Irrtümer über uns selbst und andere, Kieselsteine des Zweifels, Sandkörner der Unsicherheit, Mühlsteine des Irrwegs. Wir halten sie fest, als wären es Edelstein, Kostbarkeiten. Paulus kennt das menschliche Herz, auch die Herzen derer, die so gern Christus nachfolgen wollen und die doch immer wieder daran scheitern, so gut zu sein, wie sie es doch so gern möchten. –

Prüfet alles und behaltet das Gute. Das Böse mit Bösen vergelten – das füllt den Lebenskorb nur mit schwerer Last an, mit Last, die den Rücken beugt und den aufrechten Gang erschwert. Weg damit also. Einander Gutes tun, verzeihen, macht den Korb leicht. Schaut genau hin, was es wirklich wert ist zu bewahren. Prüft, prüft alles – ohne Scheuklappen, ohne Tabus – prüft das Vertraute und Fremde und behaltet das Gute, das Beste davon. Prüft, ob das, was ihr bislang immer über euch und über andere gedacht habt, auch wirklich stimmt, trennt euch getrost von Fehleinschätzungen, beharrt nicht auf alter Meinung, weil ihr sie einmal für richtig gehalten habt. Schämt euch nicht, den Irrtum einzugestehen, es spricht für und nicht gegen euch, wenn ihr nicht immer Recht gehabt haben müsst.

Prüft alles – wirklich alles, ob es hilfreich und tröstend ist, aufbauend, das Leben fördernd oder ob es das Leben schwer macht wie jener Korb des alten Mannes, der in seiner Bedeutungslosigkeit am Ende leer ist, sich aber anfühlt wie die Last eines Gewichthebers, unter dem jeder untrainierte Mensch zusammenbrechen muss. Prüft alles und behaltet das Gute – das heißt auch – bewahrt euch das, was heilig ist und gut, bewahrt euch euer Mitgefühl, eure Anteilnahme, eure Offenheit für Neues – löscht den Geist nicht aus – so drückt das Paulus aus – bewahrt euch die Chance, es noch einmal und noch einmal neu zu versuchen, – traut euch, den Ballast Gott in die Hand zu legen und den neuen Tag mit seinem guten Wind im Rücken zu gestalten. – Würden wir doch diesem guten Rat des Paulus nie vergessen – wie viel leichter würde es sich leben, getroster und zuversichtlicher, ja heiliger.

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