Lösungsweg

Liebe Gemeinde,

können Sie sich noch an den Diakoniesonntag erinnern, den wir im Herbst letzten Jahres hier gefeiert haben? Sie haben eine aufklappbare Bildkarte von mir bekommen. Dort waren durch transparentes Papier hindurch die sieben Werke der Barmherzigkeit zu sehen. Es sind folgende Werke: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Die Zahl sieben findet sich auch sonst sehr häufig in der Heiligen Schrift. Wenn Sie etwas nachdenken, dann fällt Ihnen bestimmt etwas ein! Z.B. das Vater-unser besteht aus sieben Bitten. Es gibt sieben Ich-bin-Worte von Jesus. Sieben Gemeinden werden in der Offenbarung des Johannes angeschrieben. Das geheimnisvolle Buch dort hat sieben Siegel. Und natürlich die Schöpfungsgeschichte: der siebte Tag als der geheiligte Tag, an welchem Gott ruhte.

Manches ist bis heute im Sprachgebrauch geblieben: seine Sieben-Sachen packen z.B., auch die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen kennen Sie. Und Ihnen werden sicherlich noch mehr Beispiele einfallen.

Sieben ist in der Vorstellung der Schrift eine vollkommene Zahl, weil in ihr die Drei der Trinität mit der Vier der irdischen Elemente verbunden ist.

Nein, keine Sorge, ich möchte heute keine Vorlesung über die Zahlensymbolik geben, sondern Sie nur etwas einstimmen auf den möglichen Hintergrund dieser Zahl und ihrer Bedeutung in unserem heutigen Predigtwort.

Auch in ihm geht es um den diakonischen Aspekt des christlichen Handeln, ganz, wie es unserem Wochenspruch entspricht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Lesen wir also das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus der Apostelgeschichte im sechsten Kapitel, die Verse eins bis sieben:

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Ja, liebe Gemeinde, auch hier erscheint wieder die Zahl Sieben. Ich nehme hiermit das Ziel dieser Aufzählung vorweg: die Wahl der Sieben gibt an, dass eine vollkommene Lösung für das Problem gefunden worden ist. Die sieben Werke der Barmherzigkeit als die entscheidenden diakonischen Werke weisen damit ebenfalls auf jenes vollkommenes Handeln hin.

Wichtig für uns heute zu hören ist, dass es auch in der Urgemeinde bereits Konflikte gab. Es gibt ja nicht wenige Menschen, die frei nach dem Motto „früher war alles besser“ die gesamte Geschichte gerne als eine Verfallsgeschichte deuten. Früher wäre der Glauben entschiedener gewesen, frührer wären die Menschen mehr bei der Sache gewesen, überhaupt wären früher die Gemeinden mehr eine Einheit gewesen. Nein, liebe Gemeinde: all das nicht. Die Gemeinden waren kleiner, das schon, so klein sogar, dass man über diese diakonischen Fragen überhaupt reden konnte. Was war passiert: es gab Witwen in der Gemeinde in Jerusalem. Warum diese zu Witwen wurden, ist nicht erwähnt. Vielleicht starben ihre Männer eines natürlichen Todes, vielleicht waren aber auch schon erste Glaubenszeugen darunter. Die Witwen zählen nach biblischer Sicht zu den Ungeschütztesten der damaligen Zeit. Keine Rente gab es für Sie. Politisch konnten sie keinen Einfluss nehmen. Ohne ihren Mann waren sie aufgeschmissen – auf fremde Hilfe angewiesen. Und nun geschieht dies, was heute auch noch geschieht. Man fängt an, Unterschiede zu machen. Die hebräischen Witwen waren diejenigen, die aus der Religion kamen, der auch Jesus von Nazareth angehörte – wenn man so will – die Ursprünglichen, die Ersten. Die griechischen Witwen waren die Dazugekommenen, die Zweiten. Vielleicht hat sich dieses Denken auch bei der Verteilung der Almosen eingeschlichen: die Ersten, die Zweiten – denn die griechischen Juden begehrten auf und warfen den Anderen vor, sie immer nur an zweiter Stelle zu bedenken.

Konflikte, liebe Gemeinde, wie es sie heute auch immer noch gibt. Mehr sogar noch, der Grund des Konflikts ist für uns kaum mehr wichtig. Er entstammt einer Zeit, die mit diesen Problemen ganz anders umgegangen ist, als wir es heute im Sozialstaat tun können. Wichtig für uns aber ist die Lösung. Die Zwölf traten zusammen, um das Problem zu besprechen. Die zwölf Jünger Jesu stehen ebenfalls für die Ganzheit der Gemeinde. Zwölf Stämme Israels gab es und zwölf Tore in der himmlischen Stadt Jerusalem wird es wieder geben. Die Ganzheit ist damit umrissen, keine Einzelmeinung oder Einzelentscheidung wird hier getroffen, sondern alle, die zu entscheiden haben, nehmen sich des Problems an. Und noch einen Schritt weiter: diese Zwölf rufen die Menge der Jünger zusammen: mit allen also wird das Problem besprochen, allen wird es dargelegt. Wie gesagt, liebe Gemeinde, wir haben keine solch kleinen Gemeinden mehr, wie damals, aber gerade in den evangelischen Gemeinden ist es von Wichtigkeit, dass alle Glieder der Gemeinde aufgerufen sind, sich an diesen Entscheidungen zu beteiligen, sie mit zu bedenken und im Gebet zu begleiten. Deswegen geschieht vielleicht Manches langsamer, als wenn es einen Chef gäbe, der die Entscheidungen alleine fällt, aber es soll doch so immerhin abgesichert sein, dass die Gesamtheit der Gemeinde, die wichtigen Prozesse mittragen kann. Und noch weiter geht der Lösungsweg. Denn es wird der erstaunliche Satz gesprochen: „Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.“ Wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, passiert hier eine erste Aufgabenteilung. In unserem Predigtwort ist es keine Hierarchie, die dort entsteht – sondern eine echte Teilung der Bereiche. Die einen bleiben beim wichtigen Dienst des Wortes und der Verkündigung, die anderen übernehmen den Bereich der materiellen Versorgung, das tätige Handeln. Manchmal, und leider geschieht auch dies heute immer wieder, werden die Bereiche auseinander gerissen oder noch schlimmer: gegeneinander ausgespielt. Als wäre das Tun wichtiger als die Weitergabe des Wortes. Oder als wäre das Wort immer dem Tun überlegen. Nein, die Vollkommenheit der Lösung unseres Predigtwortes entspricht es, dass beide Bereiche ganz eng beieinander gesehen werden. Später beten die Apostel für die Diakone und legen ihnen die Hände auf. Und das Wort breitete sich aus – anscheinend eben auch über das Tun der Diakone. Gerade wir Heutigen brauchen die Einheit von Wort und Tat mehr denn je zuvor. Denn gute Taten gibt es allenthalben, Gott-sei-Dank. Aber es kann sein, dass ich alleine durch das Ausgleichen eines materiellen Missstandes den Lebensnerv des Hilfsbedürftigen nicht getroffen habe. Ich bin ihm mehr schuldig, als das freizügige Verschenken von lebensnotwichtigen Dingen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, so hat es Jesus selbst formuliert. Als Christ muss es sichtbar sein, dass die Tat einen Ursprung in der Liebe Gottes hat, die mir geschenkt worden ist. Das heißt ja nicht, dass ich jeden bekehren muss, dem ich etwas schenke. Noch weniger heißt es, dass ich diesen Menschen überzeugen soll, so zu werden, wie ich bin. Aber diesem Menschen darf aufgehen, aus welcher Kraft heraus ich handeln kann. Es soll sehen dürfen, welche Botschaft mich selber getroffen hat und verwandelt hat. Dieses geistige Brot ist genauso wichtig, wie das reale Brot, welches wir täglich essen. Und es scheint ja gerade bei uns in den sogenannten Wohlstandsgesellschaften so zu sein. Realen Hunger müssen nur noch wenige leiden – Gott-sei-Dank. Aber gerade bei denen, die oft ganz viel Materielles haben, scheint der Vorratsschrank an geistigen Dingen erschreckend leer zu sein. Mir begegnen Menschen, die nach außen hin doch alles Erstrebenswerte zu haben scheinen: Geld, Besitz, Möglichkeit zu Reisen und gesichert zu leben und dennoch so tief traurig sind, so deprimiert, ja inwendig leer, dass es ein Jammer ist, es anzusehen. Die Lösung in unserer Beispiels-Urgemeinde verknüpft beide Dinge untrennbar miteinander. Menschen, die die notwendige Tat organisieren und Menschen, die das Wort ausbreiten und auslegen. Beides gehört zusammen, beides ist aufeinander bezogen.

Ich habe bereits letzten Sonntag von einem ähnlichen Thema gesprochen. Denken Sie an die Erziehung der Kinder. Sie werden versuchen oder haben es versucht, Ihren Kindern das Beste mit auf den Weg zu geben. Ihnen die Chancen gegeben, im Rahmen Ihrer finanziellen Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren, damit sie das Gestalten lernen. Genauso gut tun Sie daran, wenn Sie ihnen das Wort nicht vorenthalten, sondern es weitergeben und ihnen von Gottes großen Taten berichten, damit diese Kinder auch einen geistigen Schatz gewinnen, der in der Lage ist, ihr Leben zu verwandeln.

Die Trennung der Aufgabenbereiche in der Urgemeinde wurde notwendig, weil nicht alle Alles schaffen können. Das ist bis heute so geblieben, ja vielleicht hat sich das Problem noch verschärft, weil die Welt immer spezialisierter und komplizierter geworden ist. Und bis heute ist es so, dass die einen mehr für das Tun geboren sind und die andern mehr dafür, den Wert des Wortes im Blick zu behalten. Aber vergessen Sie darüber nicht, dass beides immer aufeinander bezogen ist. Beides aufeinander angewiesen ist. Dann kann geschehen, womit unser Predigtwort schließt:

„Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.“

Und der Friede Gottes, der uns gnädig umfasst, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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