Kirchenleitung

Liebe Gemeinde,

alle sechs Jahre geht es in unseren Gemeinden so zu, wie wir es eben gehört haben. Alle sechs Jahre wird ein neuer Kirchenvorstand gewählt. Nun weiß ich nicht, ob sie sich an der Wahl beteiligt haben, noch weiß ich, nach welchen Gesichtspunkten sie ihre Wahl getroffen haben. Nur eines weiß ich noch ganz genau: Bei der Auswahl der Kandidaten spielten die drei in unserem Bibeltext genannten Qualifikationen durchaus eine Rolle: Können, guter Ruf und Beziehung zum Glauben.

I. Kirchenvorstandswahl
Traditionell bezieht man unseren Bericht aus der Apostelgeschichte auf das Diakonenamt. Daran sind geübte Gottesdienstbesucher/innen so gewöhnt, dass es einem gar nicht auffällt: In unserem Bericht kommen weder der Begriff Diakon noch deren Amt zur Sprache. Was aber zur Sprache kommt, ist Gemeindeleitung. Denn darum geht es tatsächlich. Die Apostel, so heißt, wollen ganz “beim Gebet und beim Dienst des Wortes“ bleiben. Fast unwillkürlich entsteht dabei das folgende Bild: Man sieht den Pfarrer am Schreibtisch wie er, von Büchern umgeben, seine nächste Predigt schreibt. Davor steht der Diakon, der gerade Anweisungen erhalten hat, wer in dieser Woche zu besuchen sei. Tatsächlich ging es damals wohl eher darum, dass die so genannten Apostel zur Mission aufbrechen wollten, d.h. sie verließen Jerusalem und die dortige Gemeinde. Und ehe sie das taten, trugen sie Sorge für deren Fortbestand. Zumindest den Legenden nach tauchen Thomas in Indien, Petrus in Rom, Jakobus in Spanien und Bartholomäus in Armenien auf. Historisch sicher ist, dass der Apostel Paulus sich der Mission in Kleinasien und später in Griechenland gewidmet hat.

Der kleine Abschnitt aus der Apostelgeschichte gehört zwar zu den Gründungslegenden der Diakonie, handelt m.E. aber eher von der Einsetzung des „ersten Kirchenvorstands“. Die Siebenzahl zumindest legt diesen Schluss nahe, denn das war die damals übliche Anzahl eines Leitungsgremiums.

„Gemeindeleitung“ ist also das Thema, um das es heute gehen muss. Wir wollen es zum Anlass nehmen, uns auf unsere evangelische Tradition zu besinnen. Was es natürlich notwendig macht, möglichst genau zu sagen, was denn Kirche sei?

II. Verkündigung und Gestaltung
Unsere christliche Kirche hat zwei Aufgaben. Die erste ist die der Verkündigung des Evangeliums in der „apostolischen Tradition“, d.h. die getreue Weitergabe vom Wort des Lebens. Was damit gemeint ist, beschreiben die Eingangsverse im 1. Johannesbrief: “Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“

In und mit der Verkündigung des Evangeliums ist die zweite Aufgabe der Kirche verbunden. Ihre Aufgabe ist es, dem Leben, dem Zusammenleben der Menschen Gestalt zu geben so, wie es dem Evangelium von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes entspricht. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Apostel die erste, synodale Gemeindeleitung auf Diakonie hin verpflichten, auf die Aufgabe, dem Leben zu dienen, Gemeinschaft untereinander in und mit Gott zu ersehnen, zu leben und dies auch anzumahnen. Dass Kirche auf Erden auch der Fehlbarkeit und Sünde unterworfen ist, tut dieser Aufgabe keinen Abbruch. Wir wissen, dass alle Versuche, im Evangelium zu leben, nur zeichenhaft sein können; bruchstückhaft, voll Fehler auch und auch voll Angst. Und manchmal auch voll Mut, Kraft und Licht. Diakonie war damals der Grundbegriff kirchlichen Lebens. Heute haben wir ihn eingeschränkt auf Sozialarbeit und neben die Kirche gestellt.

III. Sichtbar und unsichtbar
Unserer Tradition nach ist die wahre Kirche sichtbar und unsichtbar zugleich. Was damit gemeint ist, bringt ein Satz aus der Verfassung unser Landeskirche zum Ausdruck: Kirchenleitung „ist zugleich geistlicher und rechtlicher Dienst“. Kirche ist geistlich, ist sozusagen „unsichtbar“ dort, wo es um wahren Glauben geht. Herr dieser wahren, aber für andere Menschen „unsichtbaren“ Kirche, so sagen wir, ist Christus selbst und nur er. Kirche ist geistlich dort, wo wir Gottesdienst feiern und uns zum Heiligen Abendmahl versammeln, auf das Wort Gottes hören, unsere Kinder taufen, Segen geben und empfangen. Sie ist geistlich dort, wo Glaube ist: als Senfkorn, als Kindheitserinnerung, als Sehnsucht, als Gewissheit, als Kraft; so, wie es einem jeden gegeben ist in den Wechselfällen seines Lebens.

Diesem geistlichen Geschehen sind die von der Gemeinde Ordinierten, sprich Pfarrer und Pfarrerin zusammen mit dem Kirchenvorstand zugeordnet als Diener des Wortes. Hier, im Gottesdienst, hat das „Pfarramt“ als Amt der Verkündigung des Evangeliums seinen eigentlichen Ort. Diese geistliche Kirche ist eine Glaubensgemeinschaft, die Menschen in Christus vereint. Diese geistliche Kirche ist nach unserem evangelischen Verständnis die Basis, die Quelle. Wo Glaube ist, da ist Kirche.

Vor allem der junge Martin Luther hat diese geistliche Seite der Kirche besonders betont. Das ist verständlich, weil sich die Reformation ja gegen eine sehr verweltlichte, prächtige Institution durchsetzen musste, eine Institution, in der Äußerlichkeiten eine große Rolle spielten. Luther setzte ganz auf die Kraft des verkündigten Evangeliums.

Kirche ist dann aber immer auch sichtbare Versammlung, ist Lebensgemeinschaft in und unter dem Evangelium. Die Reformatoren Philip Melanchton und vor allem auch Calvin fügten später diesen Aspekt wieder deutlicher in das evangelische Kirchenverständnis ein.

Was unsere Gemeinde in dieser Hinsicht ausmacht, sind die Ehrenamtlichen, die sich in den Gruppen, Kreisen, Gremien einbringen. Was unsere Gemeinde in dieser Hinsicht ausmacht, sind all diejenigen, die mithelfen bei den Aufgaben, die mit der sichtbaren Gemeinde zusammen hängen.

Beide Seiten, die „sichtbare“ der organisierten Gemeinde und die der „unsichtbaren“ geistlichen Gemeinde sind nicht unbedingt identisch. Sie sind aufeinander bezogen und könnten je ohne die andere Seite nicht wirklich existieren. Gelegentlich ist es üblich, beide Aspekte der Kirche gegeneinander auszuspielen. „Karteileichen“ verunglimpft man diejenigen, die selten zu sehen sind. Und andererseits unterstellt man den Engagierten schnöde, rein weltliche Motive, Eitelkeit, bloß „um gesehen zu werden“. Die Spannung zwischen den beiden Aspekten unserer Kirche müssen wir aushalten. Darin liegen unsere Kraft und auch unser Reichtum. Nur so können wir Volkskirche sein: Evangelische Kirche Christi im Volk, für das Volk und durch das Volk.

IV. Und die anderen?
So genannte „Freikirchen“ halten das anders. Sie bestehen meist auf einer Identität von „sichtbarer“ und „unsichtbarer“ Gemeinde, d.h. wer zum Gottesdienst geht, muss sich auch zum Gemeindeleben halten und umgekehrt. Da sind wir freier ….

Wieder anders schaut es in der katholischen Kirche aus. Sie ist streng hierarchisch, von oben nach unten, vom Papst über die Bischöfe hin zu den Gemeindegliedern organisiert. Mit der Hierarchie sind zwei Aspekte verbunden, die uns Evangelischen in Sachen Kirche fremd sind: Weisungsbefugnis, genauer gesagt Gewissenlenkung, von oben nach unten und entsprechender Gehorsam in umgekehrter Reihenfolge. Diese hierarchische Verfassung ist das eigentlich Trennende in der Ökumene. Nach der Reformation hat sich die katholische Kirche in dieser Gestalt gegründet. Erst seit Anfang der Neuzeit versteht sich der Vatikan als absolutistischer, monarchisch gelenkter Staat. Dieses Verständnis kann trotz aller Beliebtheit hierarchischer Strukturen und trotz aller Sehnsucht nach Pracht und Stärke niemals für unsere evangelische Kirche gelten.

V. Presbyteriale Leitung
Die Leitung der Kirchengemeinde obliegt in Bayern fast ausnahmslos den Pfarrstelleninhabern. Was für uns nahezu selbstverständlich ist, schaut z.B. in Baden-Württemberg schon ganz anders aus. Dort steht i.d.R. ein ehrenamtliches Mitglied der Kirchengemeinde vor, Pfarrer/innen haben die Position des 2. Vorsitzenden. Die Leiter/innen der „Kirchengemeinderäte“ werden sogar zu „Ehrenbeamten“ auf zeit berufen.

Unser kleiner Bericht aus der Apostelgeschichte steht für diese Form der Gemeindeleitung ganz am Anfang der Christenheit. Im Rheinland z.B. weiß jeder, was ein „Presbyter“ ist, nämlich Mitglied in einem Kirchenvorstand. Der Begriff „Presbyter“ ist dem Neuen Testament entnommen und heißt schlicht „die Ältesten“. Und aller Wahrscheinlichkeit nach hatte auch die Urgemeinde eine „presbyteriale“ Leitung. Zumindest berichtet die Apostelgeschichte mehrfach von Beschlüssen der „Ältesten“, die manchmal in Zusammenarbeit mit den Aposteln gefasst worden sind. Die Rheinländische Kirche hat übrigens kein Bischofsamt. Sie wird von einem Präses geleitet.

VI. Und bei uns?
Eine Fangfrage: Wer ist „Chef der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche?“ Nein, es ist nicht der Landesbischof. Die Leitungsverantwortung unserer Kirche liegt bei der Landessynode, deren Präsidentin die Ingolstädter Richterin Dr. Dorothea Deneke-Stoll ist. Ihr zugeordnet ist der „Landessynodalausschuss“, in dem übrigens aus Kulmbach Christina Flauder Mitglied ist. Der Landesbischof ist Vorsitzender des Landeskirchenrats, der sich wiederum gegenüber dem Landessynodalausschuss verantworten muss.

„Landessynode, Landessynodalausschuss, Landesbischof und Landeskirchenrat leiten die Kirche“, heißt es in unserer bayerischen Kirchenverfassung. Anders, als im Rheinland und in anderen evangelischen Landeskirchen gibt es bei uns das Bischofsamt. Man hat es um willen der Ökumene aufrecht erhalten. Eine inhaltliche Weisungsbefugnis gegenüber den Pfarren hat unser Landesbischof nicht. Übrigens hat die auch ein Dekan nicht. Wütende Leute, die bei mir anrufen, ich solle den oder diese doch möglichst bald entlassen, wollen das gar nicht glauben. Ein bayerischer Pfarrer ist im Prinzip nicht versetzbar. Damit soll die Unabhängigkeit in der Verkündigung geschützt werden. Eine vergleichbare Stellung haben sonst nur Richter/innen.

Die sieben Männer der ersten Stunde unserer Kirche haben unzählige Nachfolger/innen gefunden. Dafür dürfen wir dankbar sein, dass es immer wieder Männer und Frauen guten Rufes, voll Weisheit und Glauben gibt, die ihre Gaben ins Leben der Kirche mit einbringen.

Wir stehen am Ende unserer Besinnung auf das Thema Kirchenleitung. Das war nun sicherlich keine erbauliche Predigt aber hoffentlich dennoch interessant, sich an diesem Sonntagmorgen im August auf die eigene Kirche zu besinnen. Die Gemeinde ist unsere Quelle und unser Auftrag zugleich. Jedes Amt in der Kirche ist ein dienendes Amt. Und so gesehen hat unser heutiger Predigttext dann doch etwas mit Diakonen zu tun. Diakon heißt schlicht und ergreifend Diener. Das sollen wir alle sein: Diener des Herrn, in Freiheit, voll Glauben und voll Zuversicht.

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