Hausbau

In unserer Gemeinde gibt es an vielen Stellen Menschen, die sehen nicht nur, was zu tun ist, die tun es auch – ehrenamtlich. Das übersehen viele, die unsere Kirche kritisieren, dass sie davon lebt, dass Menschen sich engagieren auf allen Ebenen, in der Jugendarbeit, im Orchester, in den Frauengruppen oder der Frauenhilfe, bei den Bezirksfrauen, im Presbyterium, beim Gemeindefest oder im Kindergarten. Manche tun das auch nicht im Rahmen der Kirchengemeinde aber im Sinne der Kirchengemeinde. Sie besuchen Kranke oder Einsame. Sie bieten Hilfe an bei alltäglichen Verrichtungen oder Botengängen. Nur weil sie sehen was dran ist. Und dafür werden sie noch angefeindet von Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass Andere etwas ohne Hintergedanken machen. Geltungsbewusstsein oder Erbschleicherei oder doch versteckte Gelder oder Zuwendungen, irgendwas muss da noch sein.

Ich kenne manche Ehrenamtliche, die sich krumm legen – und dann noch angefeindet werden. Und ich bin überzeugt: Viele kenne ich nicht, weil sie im Verborgenen wirken. Und darum ermahnt mich der Apostel Paulus:

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Wichtig ist: Paulus schreibt an eine Minderheitenkirche (Vielleicht also die Situation, auf die wir uns hinbewegen?). Er gibt Ratschläge, wie sich Kirche in der Defensive verhalten soll. Nach innen und nach außen. Dass Ganze klingt wie eine unsägliche Aneinanderreihung von Ermahnungen. So etwas höre ich mir eigentlich nicht gerne an. Das erinnert mich zu sehr an die Ermahnungen meiner Kindheit: ‚Sitz gerade, schmatz nicht’ oder ‚Rede nur, wenn du gefragt wirst.’ Aber manchmal müssen Menschen sich auch Ermahnungen anhören.

In seinen 12 Ermahnungen an die Gemeinde in Saloniki erinnert Paulus an das, was eigentlich selbstverständlich ist. Ermahnungen sind in der Regel ja Erinnerungen an etwas, das eigentlich klar sein sollte. Das verborgene Leitwort des Textes ist der Hausbau. Es geht um den Bau am Haus der Gemeinde, darum, dass wirkliche Gemeinschaft gelebt wird. Die Gemeinde Jesu Christi ist zum Frieden berufen. Dieser Friede ist das Ziel und ist Gabe Gottes, an der jeder Mensch mitarbeiten darf. Dieser Friede ist nichts rein Jenseitiges, sondern universaler shalom, der Friede auf Erden, der bei Christi Geburt verkündet wurde. Zum Erreichen dieses shalom gehören auch Dienste aneinander und füreinander, gehört es, dass Menschen in dieser Gemeinde für andere arbeiten. Diese sollen respektiert werden. Zu wesentlichen Eigenschaften einer guten Gemeinde gehört Respekt vor denen, die sich in der Gemeinde und für die Gemeinde engagieren, genauso wie Respekt vor dem Willen Gottes und dem Leben seiner Gemeinde.

Allezeit Fröhlich und beten ohne Unterlass als eine Basis für christliche Lebensführung – das wäre allemal ein Ansatz. Allzeit Fröhlich heißt nicht ewig grinsen, aber heißt fröhlich das Tun, was bei mir liegt und das Andere in Gottes Hand legen. Und heißt: Im Vertrauen darauf, dass Gottes Geist bei allen Menschen liegt, ihnen zutrauen, dass sie auch das Richtige wollen, heißt, ihnen immer das Gute unterstellen.

Wichtig bleibt das persönliche Engagement. Es gibt keinen Schiedsrichter auf erhöhtem Stuhl wie beim Tennis. Wer Gemeinde leben will, muss mittendrin sein. Wer kritisiert, riskiert seine eigene Ruhe, er muss sich persönlich auseinandersetzen. Leben in Gemeinde funktioniert nicht vom hohen Ross der Kritik, sondern vom engagierten Mitwirken, vom Kritisieren und Kritik aushalten.

Ob wir unseren Glauben ernst meinen, entscheidet sich auch an der Frage, wie wir mit unbequemen Menschen umgehen, ob wir ermahne und aufbauen. Ermahnung kann nicht Aufgabe eines Amtsträgers sein, sondern ist Amt aller Schwestern und Brüder

Ich fühle mich selbst ertappt als ein alter Kritikaster, der sich leichter tut, andere zu kritisieren, als mit anderen positiv aufzubauen. Ich sehe, dass ich an mir arbeiten muss, mit Fröhlichkeit Menschen zu nehmen wie sie sind und nicht, wie ich sie gerne hätte und in der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder zu arbeiten an einem Hause Gottes, in dem sich viele unterschiedliche Menschen wohl fühlen können und ihren Glauben leben und in dem der Heiligen Geist weht, wie er will.

Gemeinde ist wie eine gute Familie, in der unterschiedliche Charaktere an einem Tisch sitzen und auch einander kritisieren, aber nicht um besser zu sein, sondern um gemeinsam zu wachsen.

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