Christen 1. und 2. Klasse?

Liebe Gemeinde,

Wie reagieren Sie, wenn etwas Ungerechtes geschieht? Ist Ihnen das gleichgültig oder sind Sie empört? Nun, mich ärgert Unrecht. Ich versuche so gerecht wie möglich zu leben, versuche für mich die gleichen Maßstäbe gelten zu lassen wie für andere.

Wir sind auf Gerechtigkeit angewiesen. Unsere Gesetze sollen Gerechtigkeit möglich machen. Denn sie gelten für alle gleich; niemand steht über dem Gesetz. Wenn ein Mensch die Bank um 100.000 € erleichtert und dabei erwischt wird, dann wird er bestraft, egal, ob er nun arm oder reich ist, ob er es nötig hatte oder nicht, ob er ein wichtiger Mensch ist oder nur ein unbedeutender: Vor dem Gesetz sind wir alle gleich! Und wenn es einmal nicht so sein sollte, wenn ein Großkopferter zu billig daherkommt, wie es manchmal bei Wirtschaftsprozessen der Fall ist, dann bringt uns das aus der Fassung, und wir finden die Welt ungerecht.

Ähnlich ist es in der Schule: Wir erwarten für die gleiche Leistung auch gleich belohnt zu werden. Es darf nicht sein, dass der eine Schüler mit 7 Fehlern eine drei bekommt, während der andere für 7 Fehler mit einem Mangelhaft bestraft wird. Es soll gerecht zugehen!

Weil für mich Gerechtigkeit so wichtig ist, kann ich verstehen, dass im Jerusalem der Urchristen die Heidenchristen empört waren. Schließlich wurden sie deutlich benachteiligt! Aber worum ging es überhaupt?

In den Jahren nach Jesu Tod, Auferstehung und Himmelfahrt hatte sich die Gemeinde um Petrus, Jakobus und die anderen erhalten. Ja mehr noch, sie wuchs stark an. Da kamen Juden, die sich von der neuen Religion angezogen fühlten. Aber die Gemeinde blieb nicht auf Juden beschränkt. Paulus und Petrus und andere entfalteten ja eine reiche Reisetätigkeit, in deren Verlauf sie anderen, sogenannten Nicht-Juden oder Heiden, das Christentum nahe brachten. Und diese nahmen den neuen Glauben mit Freude auf. Einige siedelten sich sogar in Jerusalem an. Vielleicht war ihnen die Nähe zu den ersten Jüngern wichtig, vielleicht erwarteten sie auch in Jerusalem die Wiederkunft Christi. Wie dem auch sei, jedenfalls lebten in Jerusalem Judenchristen und Heidenchristen nebeneinander und miteinander. Man unterschied sich nach der Religion, die man von Geburt aus hatte: Ob man eben als Jude geboren war und später das Christentum angenommen hatte oder ob man als Heide, also als Nicht-Jude geboren worden war und dann zum Christentum übergetreten war. Wir heute lachen über diese Unterscheidung, aber damals war es ganz normal. Nicht normal fanden es allerdings die Heidenchristen, dass sie bei der Versorgung benachteiligt wurden. Es geht um die Witwen und Mahlzeiten, aber um welche bestimmte Versorgung es sich handelte, erfahren wir nicht, es ist auch nicht wichtig. Die Heidenchristen jedenfalls fragten sich: „Sind wir weniger wert? Gibt es Christen erster und Christen zweiter Ordnung? Wie passt das zusammen mit dem Wort Jesu Christi: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«?“

Es ist in der Tat ungerecht, wenn die einen bei der täglichen Verteilung bedacht werden, die anderen jedoch nicht. Und es passt in der Tat nicht zu unserem Verständnis vom Christentum.

Ich stelle mir vor, wie das heute aufgefasst würde. Der Pfarrer predigt von Nächstenliebe, aber im Alltag verhält er sich hart und abweisend; ein Kirchenvorsteher sagt, wie wichtig freiwillige Gaben sind, aber seine Arbeiten stellt er voll in Rechnung; eine Frau rennt in jeden Gottesdienst, aber über die Nachbarin zieht sie her und erzählt nur Böses.

Was würden Sie wohl sagen, wenn sie auf solche Menschen treffen würden? Es würde nicht zusammenpassen, es wäre ungerecht!

Die Heidenchristen beginnen also zu murren, nicht laut, aber vernehmlich. Ich stelle mir vor, dass es genauso wie heute ist: Wie man dem Pfarrer gegenüber nicht alles sagen kann, weil er ja eine Autorität ist, so haben sie sich sicherlich damals auch nicht getraut, den Jüngern diese Übelstände direkt ins Gesicht zu sagen. Schließlich waren die damals eine Autorität, hatten sie doch Jesus persönlich kennengelernt! Doch es wird den Jüngern zugetragen, wahrscheinlich hinter vorgehaltener Hand: „Hast du schon gehört … ganz im Vertrauen gesagt … ist das nicht unmöglich?“

Und die Jünger reagieren. Sie wollen sich nicht rechtfertigen, sich nachträglich gerecht sprechen, so in der Art: „Die Judenchristen sind wichtiger“, oder „die Heidenchristen sind ohnehin reicher …“ Nein, sie erkennen die Ungerechtigkeit, die Unvereinbarkeit ihres Handelns mit der
Christlichen Botschaft. Aber zugleich merken sie, dass sie überfordert sind: Überfordert von den Aufgaben, die sie und die Gemeinde ihnen aufgebürdet haben. Etwas muss auf der Strecke bleiben, und das ist die
Gerechtigkeit.

Wie können sie Abhilfe schaffen? Sie denken sich eine Lösung aus: „Wählt 7 Männer, rechtschaffen und rein, die für uns die Versorgung übernehmen!“

Und so geschieht es. Die Gemeinde wählt diese sieben Männer – übrigens alle Heidenchristen, und sie werden für ihren Dienst gesegnet. Die Jünger
hingegen beschränken sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe, auf das Gebet und den Dienst am Wort. Gerechtigkeit ist wieder hergestellt.

Liebe Gemeinde, mich fasziniert dieses Vorgehen. Vor allem fasziniert mich daran, dass die Jünger eben keine Entschuldigungen oder Verteidigungen vorgebracht haben. Nein, sie sind für ihre Fehler oder Unterlassungen eingestanden. Da merke ich, wie schwer mir das fällt. Wenn etwas schief geht, dann suche ich doch am liebsten einen Schuldigen: Einen, auf den ich meine Schuld abwälzen kann.

Noch schlimmer liegt mir die Schuld auf der Seele, die ich in meinem ganzen Leben auf mich lade. Die drückt mich nieder, und ich finde keinen Ausweg. Ich kann niemanden dafür verantwortlich machen, niemand nimmt mir meine Schuld ab. Gott weiß ganz genau, wo meine Schuld liegt. Doch einen Lichtblick habe ich: Jesus Christus. Er trägt meine Schuld, er büßte am Kreuz dafür. So ist die Schuld beglichen, Gerechtigkeit ist wieder hergestellt: Die Gerechtigkeit nämlich, die bei Gott gilt, und die niemals aufhört oder gebrochen wird. Die Gerechtigkeit, die Gnade buchstabiert wird.

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