In der Zeitung steht, dass Pfarrer nicht so wichtig sind

Liebe Gemeinde,

manchmal ist ein Bibeltext so voller Themen, dass man gar nicht alle aufnehmen und bedenken kann. Heute haben wir es mit einem solchen Text zu tun. Wie soll man den Bogen schaffen vom Gemeindestreit hin bis zur Frage, ob es ein Fegefeuer gäbe?

Der einzige Bogen, der mir dazu eingefallen ist, wäre tatsächlich aus Papier. Machen wir doch heute eine Zeitung, habe ich mir gedacht. Eine Zeitung erlaubt es, Themen auf einem Bogen neben einander zu stellen. Also, blättern wir ein wenig in unserer imaginären Zeitung. Es geht doch gleich interessant los:

Eine Umfrage
Liebe Leser und Leserinnen, in unserer Reihe „Wie halten sie es mit der Religion?“ geht es heute um das Thema „Gottesdienstbesuch“.
Nach welchen Gesichtspunkten entscheiden Sie, wann und warum sie in den Gottesdienst gehen. Machen sie ein Kreuz hinter den Aussagen, die für sie zutreffen:
1. Ich gehe in den Gottesdienst, weil es zum Sonntag dazu gehört.
2. Ich gehe eher zufällig, je nach Stimmung.
3. Ich muss gehen, weil ich Konfirmand bin.
4. Ich schaue vorher in den Gottesdienstanzeiger, wer die Predigt hält.
Das Ergebnis geben Sie bitte auf unserer Homepage ein.
Ach, das ist mir zu mühsam. Blättern wir weiter.

Eine Notiz
Das ist auch immer interessant „Wie´s früher war in unserer Gemeinde“. Hier, eine Notiz aus den 50zigern. „Obwohl immer mehr Gemeindeglieder fordern, vorab zu veröffentlichen, wer die Predigt hält, hat der Kirchenvorstand einstimmig beschlossen, dies weiterhin zu unterlassen. Er begründet seinen Entschluss unter Verweis auf 1. Kor 3, 1ff. Dort legt Paulus dar, dass die Vermittler des Glaubens eine dienende, untergeordnete Rolle haben. Sie dürften nicht selbst zum Gegenstand von Verehrung werden. Die Gemeindeglieder mögen weiterhin auf das Wort Gottes hören, das ihnen von jedem Prediger gesagt wird. Persönliche Vorlieben oder Sympathien dürften hierbei keine Rolle spielen.“
1. Korinter 3. Lesen wir doch einmal nach: 1. Kor 3,5-8.

Wer ist nun Apollos? Wer ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: 6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. 7 So ist nun weder der pflanzt noch der begießt etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. 8 Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.

Schauen wir wieder in unsere Zeitung. Hier ein kleiner Artikel zum Thema

„Religionsstifter“.
Die großen Weltreligionen kennen Religionsstifter. Als Religionsstifter werden historisch überlieferte Personen bezeichnet, die den Anstoß zur Gründung einer Religion gaben, oder auf die sich eine Religionsgemeinschaft als Quelle bezieht. Oft berufen sie sich auf eine göttliche Offenbarung, die sie in ihren Heiligen Schriften niedergelegt haben. Der Buddhismus geht zurück auf Siddhartha Gautama, der Islam kennt den Propheten Mohamed. Falsch sind jedoch in der Regel die lexikalischen Angaben über Judentum und den christlichen Glauben. Man spricht zwar von der „mosaischen“ Religion und in den Fünf Büchern Moses wird auch davon berichtet, wie Moses Gott im brennenden Dornbusch erkennt. Liest man genau, bemerkt man, dass es sich hier nicht um das Gründungsdatum einer neuen Religion handelt. „Ich bin der Gott deines Vater, der Gott Abrahams und Isaaks“, lautet die entsprechende Bibelstelle. Es geht also um ein Wiedererkennen, nicht um eine neue Religion. Es ist nicht belegt, dass Moses in irgendeiner besonderen Weise verehrt wurde. Es ist auch nicht bekannt, dass seine Art zu glauben zur Norm bzw. zum Dogma erhoben wurde.

Ähnlich verhält es sich mit dem Christentum. Wollte man einen Religionsstifter benennen, müssten wir den Namen Paulus ausrufen. „Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ In seinem Brief an die korinthische Gemeinde bezeichnet Paulus sich selbst als den, „der den Grund gelegt hat“, mithin als „Religionsstifter“. Im gleichen Atemzug aber nimmt er sich Person ganz zurück. Nicht der Baumeister ist von Bedeutung, sondern das Bauwerk aus Gottes Geist und Kraft.

In modernen Sekten spielen Gurus, geistliche Leiter, Schamanen und allerlei andere Personen eine zentrale Rolle. Ihre Offenbarung, ihre Lehren oder obskuren Bücher, ihre Autorität und in allem, ihre Person sind das tragende Fundament der Anhängerschaft, die den oder die Religionsstifter oftmals gottähnlich verehren. Ähnliche Strukturen und Verhaltensweisen tauchen auch in christlichen Sondergruppierungen auf.

Oh, das war ein langer Artikel. Blättern wir ein wenig weiter. Das könnte auch interessant sein. Ergebnisse aus dem „Gottesdienstinstitut“.

Kasualgemeinden wachsen nur für sich
„Die bisherige Annahme, dass Kirchengemeinden durch Taufen oder Hochzeiten aktive, neue Mitglieder gewinnen, hat sich nicht bewahrheitet. Die so genannten kirchlichen Kasualien schaffen keinen Zuwachs für Gemeinden, so eines der überraschenden Ergebnisse der Nürnberger Untersuchung. Das einzige, was sie bewirken ist, dass die Familien bei späteren Anlässen nur immer den gleichen Pfarrer wünschen, „weil der uns kennt.“ Kurz gesagt: Die Kasualien schaffen Kasualgemeinden. Sind die Botschafter wichtiger als die Botschaft? Gleiches gilt für Kirchenkonzerte. Sind sie gut, verstärkt sich deren Zuhörerschaft. Für die Gemeinden als „Veranstalter“ fällt nichts ab.“

Es ist hoffentlich interessant, was wir alles rund um unseren Bibeltext in unserer imaginären Zeitung lesen: Eine Umfrage, ein historischer Rückblick, ein Artikel über Religionsstifter, eine Notiz zu Kasualgemeinden. Es dreht sich alles um die Frage, welche Rolle denn andere Menschen einnehmen, wenn es um meinen ganz persönlichen Glauben geht. Es scheint alles auf diese Einsicht hinaus zu laufen: Neben Jesus Christus spielt keiner eine auch nur annähernd erwähnenswerte Rolle. Ach, da ist noch eine kleine Andacht abgedruckt:

Abgebrannt: Was bleibt übrig, wenn uns das Leben durch´s Feuer schickt?
Da sitzt er auf dem Flur und wartet auf die Verhandlung. Wie vor drei Tagen. Da ging es um den Offenbarungseid und seinen Firmenbankrot. Nun wartet er auf seine Scheidung. „Das war´s“, flüstert er vor sich hin und kämpft mit den Tränen. Aber die löschen nicht einmal mehr seinen Schmerz. „Abgebrannt, ich bin total abgebrannt“. Er merkt gar nicht, dass er zu seinen Gedanken die Lippen bewegt. Der Anwalt dreht verlegen seinen Kopf zur Seite.

Seltsam, was einem in solchen Augenblicken in den Sinn kommt. Er sieht sich selbst, wie er fünfzehn war. Mit Erika, die er sechs Jahre danach geheiratet hatte, war er in der gleichen Konfirmandengruppe. „Komisch,“ kommentiert er seine inneren Bilder, die ihn verwundern. „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“. Eigenartigerweise hat er seinen so fruchtbar frommen Konfirmationsspruch nie vergessen. Mit Kirche und Glauben hatte er eigentlich nichts anfangen können. Aber diese Worte sind geblieben. Seltsam, obwohl sie keine Rolle gespielt haben. Weder in seiner Jugendzeit, noch als er seine Firma gründete. Auch nicht bei seinen vielen Frauengeschichten. Jesus: langhaariger Softie. Das war nichts für ihn. Seltsam, was einem im Wartesaal vor dem Gericht für Gedanken durch den Kopf gehen. Jetzt kann er sich sogar an den Tag erinnern, als er in einer langweiligen Religionsstunde seinen Konfi-Spruch in der Bibel wieder gefunden hatte. War da nicht etwas gestanden vom Bauen mit Edelstein, Gold und Silber oder eben Strohhütten, die leicht abbrennen? Total abgebrannt. Ja, so fühlte er sich. Hab immer nur mit Stroh gebaut. Das brennt heiß. Irritiert hob er den Kopf. Im Hotelzimmer liegt eine Bibel. Schau halt mal wieder rein. Wäre wohl gut für dich.

„Erwarten sie nicht zu viel von mir“, sagte der Anwalt, „Unsere Position ist denkbar schlecht nach Gesetzeslage.“ Er stand auf und antwortete: „ Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.“ „Wie bitte“, fragte der Anwalt. „Ach, lassen sie nur, ist so ein alter Spruch. Hab ich einmal irgendwo gelesen. Bringen wir es hinter uns. Auf durch´s Fegefeuer.“ Er konnte sich weder an den Namen seines Konfirmationspfarrers erinnern, wusste auch nicht mehr, wer ihm überhaupt jemals etwas vom Glauben erzählt hatte und doch war er froh, dass nach seinem Lebensbrand dieser kleine Strohhalm an ihm vorbei schwamm. Und er griff zu. Darauf kommt es an. Auf nichts sonst. Alles andere ist Eitelkeit.

Liebe Gemeinde, jetzt haben wir unsere ganze Zeit damit verbracht, in unserer imaginären Zeitung zu blättern. Den Predigttext haben wir ja noch gar nicht gehört. Das will ich nun nachholen.

[TEXT]

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