Heilige sein vor Gottes Augen

Liebe Gemeinde!

„Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ – So lautet der Aufruf unseres Wochenspruches aus dem Epheserbrief. Wie wäre es, könnten wir so leben? Hören wir dazu eine Geschichte von Johann Gottfried Herder!

„Alexander aus Mazedonien kam einst in eine entlegene, goldreiche Provinz von Afrika; die Einwohner gingen ihm entgegen und brachten ihm Schalen dar, voll goldner Äpfel und Früchte. "Esst ihr diese Früchte bei euch?" sprach Alexander, "ich bin nicht gekommen, eure Reichtümer zu sehen, sondern von euren Sitten zu lernen." Da führten sie ihn auf den Markt, wo ihr König Gericht hielt.

Eben trat ein Bürger vor und sprach: "Ich kaufte, o König, von diesem Manne einen Sack voll Spreu und habe einen ansehnlichen Schatz in ihm gefunden. Die Spreu ist mein, aber nicht das Gold, und dieser Mann will es nicht wiedernehmen. Sprich zu ihm, o König, denn es ist das Seine."

Und sein Gegner, auch ein Bürger des Ortes, antwortete: "Du fürchtest dich, etwas Unrechtes zu behalten; und ich sollte mich nicht fürchten, ein solches von dir zu nehmen? Ich habe dir den Sack verkauft nebst allem, was drinnen ist, behalte das deine. Sprich ihm zu, o König."

Der König fragte den ersten, ob er einen Sohn habe. Er antwortete: "Ja." Er fragte den anderen, ob er eine Tochter habe, und bekam Ja zur Antwort.

"Wohlan", sprach der König, "ihr seid beide rechtschaffene Leute: verheiratet eure Kinder untereinander und gebt ihnen den gefundenen Schatz zur Hochzeitsgabe; das ist meine Entscheidung."

Alexander erstaunte, da er diesen Ausspruch hörte. "Habe ich unrecht gerichtet", sprach der König des fernen Landes, "dass du also erstaunest?" "Mitnichten", antwortete Alexander, "aber in unserm Lande würde man anders richten." "Und wie denn?" fragte der afrikanische König. "Beide Streitenden", sprach Alexander, "verlören ihre Häupter, und der Schatz käme in die Hände des Königs."

Da schlug der König die Hände zusammen und sprach: "Scheint denn bei euch auch die Sonne? Und lässt der Himmel noch auf euch regnen?"

Alexander antwortete: "Ja." "So muss es", fuhr er fort, "der unschuldigen Tiere wegen sein, die in eurem Lande leben: denn über solche Menschen sollte keine Sonne scheinen, kein Himmel regnen."

Über solchen Menschen, liebe Gemeinde, sollte keine Sonne scheinen, kein Himmel regnen. Wie sieht es aus im Land der Christen – richten sie wie jener König? Sind sie weise und gerecht, so wie es ihre Schrift ihnen vorschreibt?

In der Tat ist das eine schwer wiegende Anfrage, die unserem Glauben gemacht werden kann. So sagen die Zweifler und die Spötter: „wenn denn alles stimmt, was ihr da redet vom neuen Leben in Gott, müsste dann nicht die Welt schon viel besser aussehen? Müsstet ihr selbst nicht viel besser handeln und reden?“

Unser Predigtwort von heute kleidet diese Frage in seine eigenen Worten. Wir lesen es im Brief des Paulus an die Römer im sechsten Kapitel, die Verse 19 bis 23.:

[TEXT]

Paulus mahnt ihn an, diesen Wandel im Lebenslauf und nimmt dafür ein Wort her, welches wir evangelischen Christen gar nicht so gerne hören: die Frucht. Das also, was man sehen kann als Taten. Gute Werke wird es oft genannt. Früchte des Glaubens. Es gab, so Paulus, früher das Leben vor Christus als einen Dienst der Ungerechtigkeit und Unreinheit. Ihr wart Knechte der Sünde. Und die Frucht dieses Lebens war weitere und neue Unreinheit und Ungerechtigkeit. Nun aber seid ihr Knechte Gottes geworden und Ihr dient der Gerechtigkeit. So werden auch die Früchte entsprechend sein. Paulus nennt sie bei Namen: Heiligkeit und das ewige Leben.

Hört man sich im sogenannten Erweckungschristentum um, so sind es ganz ähnliche Worte, die man dort finden kann. Es wird ein Datum markiert, an welchem man die Erlösung gefunden hat, oft ganz exakt bis in die Stunden und Minuten hinein. Und dieses Datum bildet die Scheide zwischen Dunkel und Hell. Das Leben davor: ein Missgriff, Kummer und Leid, die Fehler endlos in der Zahl. Das Leben danach: Freude und Zuversicht, der rechte Weg und die Wahrheit, in der man selber ruht.

Liebe Gemeinde, Sie wissen meine Haltung dazu inzwischen recht gut. Ich glaube nicht nur, dass dies so nicht sein kann, sondern ich meine sogar, dass es dem Zeugnis der Schrift widerspricht. Denn einen Dualismus, also einen Kampf zwischen Gut und Böse, ein gleichwertiges Gegenüber zwischen Hell und Dunkel kennt die Bibel nicht. Es ist auch nicht das, was Paulus selbst vor Augen hat. Und das, obwohl solch ein Dualismus ein einfaches Modell mit hoher Anziehungskraft ist. Überlegen Sie mal, wo wir ihn überall finden! In vielen Filmen kämpft das Gute gegen das Böse, je einfacher dies gestrickt ist, desto emotionaler werden solche Filme ausfallen und umso attraktiver sind sie oft beim Publikum. Auch die Politik kennt solche vereinfachenden Formeln, nehmen Sie als Beispiel die Auseinandersetzung um die klimafreundlichsten Energieformen, die gerade geführt werden: sollte man nicht doch einfach wieder zur Atomenergie zurückkehren, den Ausstieg aus dem Ausstieg wagen?

Natürlich verwenden wir im Christentum ebenfalls einfache Bilder. Wir reden vom Licht, das in die Dunkelheit kommt – nachher feiern wir ja drei Taufen. Dreimal werde ich die Taufkerze anzünden und von jenem Licht reden – auch ein bildlicher Dualismus, natürlich. Aber wer weiter blicken kann und will, leider tun dies manche Kritiker zu wenig oder nur zu seicht, der wird auf das Kreuz stoßen, welch all diese Dualismen untergräbt – besser noch: durchkreuzt. Im Kreuz nämlich wird auf das Leid verwiesen, dessen der glauben darf. Im Kreuz wird auf die Seite derer gezeigt, die sonst im Leben das Nachsehen haben. Der Verlierer wird im Kreuz zum Gewinner. Die Letzten werden die Ersten sein. Und Gott selbst ist nicht dargestellt als der strahlende Held, sondern als der Vernichtete und Zerschundene.

Wogegen Paulus heute anredet ist gleichsam die Kehrseite einer falsch verstandenen Kreuzesfrömmigkeit. Denn das gibt es freilich immer wieder, auch bei uns: die Bequemen oder die Faulen, die den Hinweis, dass der Sünder gerettet wird so lesen, dass sie doch dann bitte schön erst recht sündigen sollten. So beginnt auch der Abschnitt des 6. Kapitel des Römerbriefes: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde?“ Paulus antwortet sich selbst: „Das sei ferne!“

Dies ist der Punkt, der uns heute gesagt sein will. Denn die wenigsten von uns sind ja im Erwachsenenalter bekehrt worden und machen diesen Dualismus für sich fest von früher und heute. Die meisten von uns sind als Kinder getauft worden und eingefügt worden in jenen Machtbereich Christi, denn wir mit Händen nicht fassen können. So geht es heute um die Bequemheit oder die Trägheit, in dem stehen zu bleiben, was man schon ergriffen hat. Genau so wie Luther einst gegen das Missverständnis angekämpft hat, dass man sich mit eigener Leistung aus dem Fegefeuer retten könnte, ja überhaupt sich mit eigener Leistung und guten Taten vor Gott gut stellen könnten, genauso müssen wir heute gegen das Missverständnis ankämpfen, es sei völlig egal, wie man als Christ lebt und ob es Früchte des Gerechtigkeit gibt oder nicht. Luther ist an diesem „neuen“ Missverständnis nicht ganz unschuldig. Für ihn nämlich war es völlig klar, dass wer sich befreit weiß von der Sünde und der Ungerechtigkeit, dass der quasi automatisch ein neues Leben lebt, aus der Heiligkeit und Gerechtigkeit heraus, ja, dass er seine „guten Taten“ von selbst hervorbringt, aus Liebe und Ergriffenheit. Die Entwicklung ist anders gegangen, wie Sie wissen. Die Freiheit, die der evangelische Glaube so betont, wurde falsch gedeutet als Freiheit der Beliebigkeit. Es wäre egal, was man tut – Gott hat mich eh lieb und sorgt dafür, dass ich gerettet werde. Wahr daran ist, dass die Taufe dafür sorgt, dass man vor Gott nicht vergessen ist. Sie kennen das biblische Bild vom Buch des Lebens: darin sind die Namen der Getauften eingeschrieben und – ganz gleich – welchen Lebensweg sie gehen werden, sie werden nicht vergessen sein am Ende der Zeit, am Ende der Welt. Aber wahr ist auch, dass die Sünde, die Trennung von Gott, immer noch in der Welt ihren Platz hat. Der Herrscher dieser Welt – das Böse – ist zwar grundsätzlich bereits von Gott entmachtet, aber diese Welt – und wir auf ihr – bestehen noch. Wir haben durch die Taufe den neuen Zugang zu Gott. Die Konfirmanden lernen es als ein Bild begreifen: der Abstand zwischen Gott und Mensch, die Sünde, ist dargestellt als ein großer Graben. Das Kreuz Christi aber ist über diesen Graben gelegt worden, so dass, wer den Weg Christi geht, dieser zu Gott kommen kann. So haben wir den Weg zu Gott, die Möglichkeit, ihn zu erfahren, ihn zu begreifen, sich von ihm erneuern zu lassen. Aber dieser Weg ist kein Laufband, auf welches ich mich stelle – wie am Flughafen z.B. – und dann quasi von selbst nach vorne transportiert werde. Nein, dieser Weg – und auch da taugt das Bild für die Konfirmanden – ist eben das Kreuz. Er ist verbunden mit Leid und Entbehrung, mit Spott und Hohn. Es ist ein Weg, der von dieser Welt und ihrem Mächtigen verlacht wird. Auf diese Art und Weise, liebe Gemeinde, begeleitet uns die Sünde, obwohl unser alter Adam, wie es Luther nennt, in der Taufe ersäuft wurde, bis zum Tode. Es ist ein tägliches sich-auf-den-Weg-machen, eine tägliche Umkehr und Buße, eine tägliche Besinnung auf das, was unserem Leben Kraft verleihen kann.

Die Warnung, die Paulus am Ende unseres Predigtwortes so deutlich ausspricht, gilt bis zum heutigen Tag: „Der Lohn der Sünde ist der Tod. Die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben.“

Unsere Geschichte vom Anfang kann uns eine Anregung werden, auf das zu blicken, was den Menschen dient und nicht den eigenen Vorteil zu suchen. Freilich scheinen in diesem afrikanischen Lande nach Herders Version paradiesische Zustände zu herrschen. Die haben wir eben noch nicht. Aber es ist der Blick auf meinen Mitmenschen als meinen Nächsten, welches den Christ auszeichnet. Sein Wohl zu suchen und zu fördern, sein Leid zu tragen helfen, Frieden zu stiften, soweit als möglich. Das alles wären Früchte des Glaubens, die wir nicht verkaufen müssen auf dem Markt der Eitelkeiten, die aber so wohlschmeckend und wohltuend sind, dass sie von sich aus wirken und so mit helfen, die Botschaft des freimachenden Gottes zu verkündigen.

In diesem Sinne heilig zu werden, ja Heilige zu sein vor Gottes Augen, das kann ein Leitmotiv eines jeden Tages werden. Nicht mehr der unmündige Knecht der Unfreiheit der Sünde sein, sondern frei zu werden für den Dienst der Heiligkeit als Gottes Kinder – dem nachzueifern, dies greifen zu können: das wünsche ich uns allen.

Und der Friede Gottes, der uns von innen verwandeln mag, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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