Die Vergangenheitsform der Hoffnung

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Römerbrief und dort im 6. Kapitel. Ich lese die Verse 19-23.

[TEXT]

Den größten Teil seiner Sätze hat Paulus hier in der Vergangenheitsform geschrieben. Und, liebe Gemeinde, dass macht Sinn auch Sinn. Denn Paulus, und darum hat Luther auch so übersetzt, weiß ja um das Neue, dass uns geschehen ist in Jesus Christus.

Der Sünde Sold ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben und ich muß menschlich davon reden um der Schwachheit eures Fleisches willen. Mit diesen Sätzen möchte ich gerne beginnen. Denn sie sind die Schlüsselstellen. Allerdings ist es für unsere modernen Ohren schwierig, das Wort Sünde zu füllen. Sünde ist Schokolade. Und neuerdings können sie alle sieben Sünden auch im Tiefkühlregal kaufen und nachher als sündiges Eis lecken.

Sünde ist aber nicht mit Hilfe von Eis zu erklären, sondern besser mit dem Hinweis darauf, dass Sünde die Abkehr von Beziehungen ist. Wir Menschen sind Beziehungswesen und innerlich auch darauf angelegt. Wir stehen in vielfältigen Beziehungen. Sei es nun zu unseren Familien und Freunden oder eben in Beziehung zu Gott. Diese Beziehungen können leiden. Durch falsches Verhalten, dadurch das man einander absichtlich Schaden zufügt. Dadurch, dass man andere Menschen klein hält. Ein gutes Beispiel für diese Art der falschen Beziehung in unserer Welt ist Guantanamo Bay. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sünde bedeutet also, das Richtige zu verkehren. Sünde bedeutet also das Oben und Unten um zudrehen, es aufzuheben. Woher wissen wir was richtig ist? Woher wissen wir von einem Oben und einem Unten und was von beiden wo sein soll?

Eine Verständnishilfe dafür ist der heutige Predigttext. Aber es gibt auch plastischere Bilder, die uns zeigen, wo wir uns in unseren Beziehung schaden. Auch selbst schaden. Ich muss menschlich davon reden. Also dann!

Frau Ocklitz wären Sie so nett?

Wer hier in der Kirche so ungefähr mein Alter hat oder auch etwas jünger ist , der oder die kann sich vielleicht noch an eine sehr gelungene Werbekampagne der Firma Body Shop erinnern.

Auf vielen in fast allen deutschen Städten verteilten Postkarten konnte man eine mollige Plastikpuppe sehen.

Wie auch immer. Die mollige Puppe ist nicht angezogen. Die Pose ist lässig und das ganze Setting will natürlich sein. So wie du bist, bist du okay. Auch wenn es der alte Sponti-Spruch ist. Es ist die Wahrheit: Du bist okay, so wie du bist.

Dazu kommt: Unter der molligen, sich räkelnden Plastikpuppe steht der Spruch: Es gibt drei Milliarden Frauen auf dieser Welt, die nicht wie Supermodels aussehen und nur acht die so aussehen wie.

Wie wahr. Was passiert mit unseren Kindern, was passiert mit unseren Teenagern, wenn sie beständig unter den Druck geraten, dass sie sich denken, wenn ich nicht so und so aussehe, dann bekomme ich keinen Freund oder keine Freundin, dann habe ich überhaupt keine Freunde, dann ist alles irgendwie blöd. Und ich bin erst recht blöd, weil ich nicht aussehe wie Tyra Banks oder Heidi Klum oder was weiß ich wie wer.

Jetzt sieht man nun mal nicht so aus wie eines der acht Supermodells – was dann? Im Übrigen sind auch reife Frauen oder Erwachsenen nicht vor diesen Tücken der modernen Gesellschaft gefeit. Die Kosmetikmittelfirma Dove versucht auf diesem Gebiet Frauen mittleren Alters davon zu überzeugen, dass Falten durchaus sexy sein könne. Also: Hände weg von Botox.

Wenn man aber nicht so aussieht wie ein Supermodell und gerade pubertiert und man denkt, ach ich bin zu dick, ja was passiert dann? Viele werden wahrscheinlich versuchen abzunehmen. Und vielleicht dabei Schaden nehmen. Ein Blick ins Internet und dort in verschiedene Foren verrät uns nämlich, dass viele junge Menschen, Frauen und Männer, sofern Sie einmal in diesen Sog geraten sind und dem augenscheinlichen Druck nicht mehr standhalten können und sich selbst als dick empfinden Gefahr laufen magersüchtig zu werden.

Diese Menschen hungern, um schön zu sein. Und merken gar nicht, dass sie am Ende ihre geschenkte Schönheit verlieren anstatt sie zu erhöhen. Und diese Menschen brauchen Hilfe. Nicht zuletzt fehlt es wahrscheinlich auch an Selbstvertrauen, aber es fehlt ganz sicher auch an Zuspruch. Und es fehlt an einer Gesellschaft, die aufhört, dem Schlankheitswahn hinterher zu hecheln und aufhört, Menschen so ändern zu wollen, dass sie in ein allgemein anerkanntes und gewolltes Bild passen.

Gehen wir davon aus, dass ich meinen Nächsten lieben soll, wie mich selbst, dann liegt es wohl auch an uns andere erstmal dazu zu befähigen, sich selber lieben zu können, bevor sie auf andere zu gehen können.

Dem Schlankheitswahn zu folgen und sich schlecht zu fühlen, weil man ein Eis gegessen hat, das muss man unterbinden. Liebe ist dafür ein ganz guter Anfang und ein ganz gutes Mittel. Alles andere ein Desaster.

[Pause]

Hier habe ich einen 20 Euro Schein. Vielleicht kennen Sie und ihr den Spruch. Ganz oft wird er von Leuten benutzt, die ihr Geld an der Börse handeln oder ein Unternehmen führen oder schlicht weg bei einer Bank arbeiten. Diese Menschen sagen oft: Geld arbeitet!

Wollen wir mal sehen, ob diese Aussage stimmt. Frau Ocklitz hat den Schein ja hier vorne hingelegt und am Ende meiner Ausführungen schauen wir mal, was das Geld da unten zustande gebracht hat.

Geld arbeitet! Ist das wirklich so, dass Geld arbeiten kann? Oder stehen hinter den Produkten in unseren Supermärkten und Discountern nicht eher Menschen, die irgendwo am anderen Ende der Welt, unter oft ziemlich bescheidenen Bedingungen, Waren produzieren für ein Gehalt, für das viele von uns hier im Raum sich nicht einmal von ihrem Platz erheben würden.

Es liegt an diesen unwürdigen Gehältern, dass wir in ein Geschäft gehen können und einen Fußball für unter 50 Euro kaufen können oder einen Pullover für umgerechnet 5 Euro. Das daran etwas faul ist, muss jedem und jeder klar sein, wenn er oder sie sich diesem Schnäppchen hingibt.

Was ist das aber für ein Skandal, wenn die Gesellschaft mich zwingt, diese Ware zu kaufen, weil zu mehr das Geld nicht reicht?!?

Und jetzt stellt sich jemand hin und sagt, Geld arbeitet. Ich denke, eine zynischere Aussage als diese kann es nicht geben, denn mit diesem Satz wird einfach übergangen unter welch schlimmen und unwürdigen Bedingungen viele Menschen arbeiten müssen um nur ein bisschen verdienen zu können.

Und zum Beweis: Der 20 Euro Schein hat in dieser Zeit nichts, aber auch gar nichts geleistet. Er hat keine Strasse gebaut, noch hat er die Kirche geputzt. Er hat sich auch nicht verdoppelt. Es ist immer noch der gleiche langweilige 20 Euro Schein der er vorher war. Wer also dem Geld anhängt und dabei vergisst, wer und was dahinter steht, wer also den Menschen hinter der Arbeit vergisst, der sollte noch einmal Paulus lesen.

[Pause]

Juni 2007. In Halberstadt, dem Tor zum Harz, ist der letzte Vorhang für die Rocky Horror Picture Show gefallen. Die Schauspielergruppe will feiern gehen. In ihren Kostümen. Genau diese Idee wird ihnen zum Verhängnis. Eine Gruppe rechter Schläger hält die Schauspielerinnen und Schauspieler für Linksorientierte. Am Ende werden 14 Menschen verletzt – unter Zeugen. Niemand greift ein. Schließlich nimmt die Polizei die Opfer ins Verhör. In der allgemeinen Verwirrung können die Schläger flüchten.

Die Sünde in diesem Fall, die eigentliche Sünde in der Welt, liegt vielfältig vor uns. Zuerst einmal ist die Gewalt gegen andere eine Sünde. Dazu hat Gott uns nicht bestimmt. Hier sind nicht Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie, weder Mann noch Frau, denn wir sind alle eins in Christus heißt es im Galaterbrief.

Im Falle des Schönheitswahns schreiben uns die Evangelisten ein Jesus-Wort ins Stammbuch: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Mit der Betonung auf wie dich selbst.(Mk 12, 31). Wenn wir es nicht schaffen unsere Mitmenschen auch für sich selbst zu begeistern, dann wird es noch schwieriger hier auf Erden.

Und über Gewinnsucht und zu fette Managergehälter steht auch was in der Bibel. Sammle keine Schätze auf Erden, wo Motten und Rost diese zerstören werden. Denn da wo dein Herz dran hängt, da ist auch dein Schatz. (Mt 6,19.21). Reichtum ist nicht verwerflich, verwerflich ist es nur, seine Mitmenschen dabei zu vergessen.

Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist. Das steht schon im Alten Testament und ist doch so modern wie der Paulus-Text. Er spricht zwar in der Vergangenheitsform zu uns, aber das kann ja wohl nur als Ausdruck der ewigen Hoffnung des Paulus auf Besserung verstanden werden.

Wenn wir wissen, wie heiß die Herdplatte ist, dann fassen wir nicht mehr drauf. Warum aber, leben wir immer noch in schädlichen Beziehungen? Gegen uns und mit anderen? Das Angebot zum Neuanfang für uns ist lange gemacht. Das ewige Leben ist versprochen. Der Beweis hängt vor ihnen.
Lassen wir Paulus nicht im Regen stehen, sondern lassen seine Vergangenheitsform der Hoffnung wahr werden.

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