Wir sind der Mensch

Es ist eine typische Geschichte vom Menschen, der Macht bekommen hat. Sie ist deswegen so schrecklich, weil sie sich bis auf den heutigen Tag immer wieder abspielt. Da kommt einer aus dem Nichts empor – hier ist es der kleine David, der letzte in einer stattlichen Reihe von Brüdern. Einer, liebe Gemeinde, den man tatsächlich hinter den Schafen hervorgezogen hat. Und dieser bekommt auf unglaubliche Art und Weise Macht und Reichtum, quasi Einfluss ohne Grenzen. Nicht alle Menschen, die heute vergleichbaren Einfluss haben kommen aus dem gesellschaftlichen Nichts wie David, aber ich wage die These, dass doch alle Menschen, die hier auf Erden leben, einmal das Nichts erlebt haben oder zumindest mit ihm konfrontiert worden sind. Versagen, Angst, Krankheit, Tod, Hass und Neid – all das, was die Sünde in dieser Welt gebiert und zulässt, hat auch jeder Mensch schon einmal erfahren. Nun gut, manche dieser Menschen, auf der Höhe ihrer Macht stehend, verlieren die Grenzen. Sie haben keine Relationen mehr. Am einfachsten ist das beim Gelde zu erleben. Einer, der unglaublich viel davon hat, kann schnell für sich selbst die Relation des Geldes verlieren. Wofür andere Jahre, manche ein Leben lang arbeiten müssen, kann bei jenem verschleudert werden für einen Scherz, ein teures Auto, den Luxus des Lebens, den er für sich zu Recht zu beanspruchen glaubt. Er merkt nicht mehr, wie sehr ihn ein solcher Reichtum entfremden kann von seinen Mitmenschen. Oft kennt er die Schmerzen des kleinen Mannes nicht mehr, der nicht weiß, wie er seine Familie die nächsten Tage über die Runden bringen soll. Das muss nicht so sein, passiert aber häufig. Ähnlichen Verlust von Relationen finden wir auch in den anderen Bereichen des Lebens: z.B. wie ich mit Menschen umgehe. Einer, der gewohnt ist, immer zu befehlen oder in schwierigen Situationen, das Geschäft betreffend, einen kühlen Kopf zu behalten und schnell zu entscheiden, dem mag es manchmal schwer fallen, sich wieder für den Alltag zu interessieren und dort einer unter vielen zu sein, mit denen er reden und diskutieren muss. Der König David aus unserer Geschichte war auf dem besten Weg, ein solcher Mensch zu werden. Ich weiß nicht, ob wir ihm das vorwerfen können. Dieses Wort aus der Bibel ist kein bloßer moralischer Hinweis, so als ob man dies alles einfach vermeiden könnte. Es ist eher so, dass diese Dinge der Welt – so würde es die Schrift vielleicht an anderer Stelle sagen – dazu neigen, den Menschen zu verbiegen.

"Rebbe, so sagt es eine alte Geschichte, ich verstehe das nicht: Kommt man zu einem Armen, der ist freundlich und hilft, wo er kann. Kommt man aber zu einem Reichen, der sieht einen nicht mal. Was ist das bloß mit dem Geld?" Da sagt der Rabbi: "Tritt ans Fenster! Was siehst du?" "Ich sehe eine Frau mit einem Kind. Und einen Wagen, der zum Markt fährt." "Gut. Und jetzt tritt vor den Spiegel. Was siehst du?" "Nu, Rebbe, was werd‘ ich sehen? Mich selber." "Nun siehst du: Das Fenster ist aus Glas gemacht, und der Spiegel ist aus Glas gemacht. Man braucht bloß ein bisschen Silber dahinter zu legen, schon sieht man nur noch sich selbst."

In unserer Erzählung von David und Nathan wird das Silber nicht verteufelt, nicht die Macht oder der Einfluss, aber der Mensch wird gewarnt bei seinem Gebrauch. David ist die Macht zu Kopf gestiegen und er hat die Relationen verloren. Angefüllt von den schweren und verantwortungsvollen Sorgen, die das Regieren mit sich bringt, tritt er eines Abends auf den Balkon seines Palastes und sieht eine wunderschöne Frau baden. Er denkt, wie er es beim Regieren gewohnt ist: mein Wille ist Befehl und so kommt es dazu, dass er diese Frau nötigt und schließlich ein Kind mit ihr zeugt. Ihr eigentlicher Mann aber tut seinen Dienst für David an der vordersten Reihe in einem von ihm angeordneten Krieg. David will sein Vergehen vertuschen und ordert Fronturlaub für Uria an, damit wenigstens die Schwangerschaft zeitlich erklärt werden könnte. Aber Uria geht nicht zu seiner Frau, bleibt bei seinen Männern. David sieht keinen anderen Weg und lässt Uria so postieren, dass er beim nächsten Gefecht fallen muss.

Trotz aller Macht ist dem König mit dem Überschreiten der Grenzen alles aus dem Ruder gelaufen. Mehr dirigieren und arrangieren, als dieser König hätte niemand gekonnt – und dennoch war es nicht genug. „Gott widersteht den Hochmütigen“, so darf man diesen Teil der Geschichte mit den Worten unseres Wochenspruchs überschreiben.

David wird auch nach dieser Sache mit Bathesba von Gott geschützt und getragen – „den Demütigen gibt er Gnade“, so sagt es unser Wochenspruch. Seine Demut besteht – ganz knapp in der Geschichte – in einem Sündenbekenntnis: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn.“ Anzuerkennen, dass etwas falsch gelaufen ist in meinem Leben. Darum geht es ganz grundsätzlich im Confiteor, wie es auf lateinisch so schön heißt. „… so lasst uns gedenken unserer Unwürdigkeit und vor Gott bekennen, dass wir gesündigt haben mit Gedanken, Worten und Werken und wir aus eigener Kraft nicht fähig sind, uns von unserem sündigen Wesen zu erlösen.“ Sie wissen es längst: ich halte gerne an dieser etwas altertümlichen Weise des Sündenbekenntnisses am Anfang des Gottesdienstes fest. Gerade, weil es es schafft, nicht an den einzelnen Dingen festzukleben, sondern die große Gesamtschau zu bewahren. Gesündigt nämlich mit allem, was wir haben: in den Gedanken, in den Worten, in den Taten. Gleichgestellt nebeneinander – was für eine tiefe Einsicht verbirgt sich dahinter. Und es geht noch weiter: wir haben eben ein sündiges Wesen, es gehört mit zu unserer Natur hier auf dieser Erde. Und: wir können uns nicht allein davon erlösen.

Wenn ich die Geschichte unseres Predigtwortes lese, dann muss ich an unser Confiteor denken und stelle mir vor, dass deshalb das Bekenntnis des David so kurz aber gleichzeitig so umfassend ausgefallen ist.

Ein Moralist wäre die Sache ganz anders angegangen: er hätte die einzelne Tat herausgepickt und z.B. gesagt: außerehelicher Geschlechtsverkehr ist sündig, d.h. von Gott nicht geduldet. David begeht diesen Fehler nicht, den übrigens die Kirche ganz oft in ihrer Geschichte begangen hat: nämlich die einzelne Tat, das einzelne Verhalten als vor Gott nicht schicklich zu bewerten. Oft genug hat sie dabei die Moralvorstellung ihrer Zeit auf die Hl. Schrift übertragen. Davor müssen wir uns hüten – auch heute noch. Nein, David bekennt sich viel tiefer schuldig, als „nur dieses Ehebruchs“: es geht um eine tiefgreifend gestörtes Verhältnis zu Gott selbst. Das Einzige, was er dagegen tun kann, ist es zu bekennen und auf die Gnade Gottes zu hoffen. Es ist auch das Einzige, was wir heute tun können: anzuerkennen, dass wir ein sündiges Wesen haben bis zum Tode und Gott darum bitten, dass er uns seine Gnade schenken möge. Freilich heißt das zugleich, auch sein Verhalten dieser Erkenntnis anpassen – es geht ja um Gedanken, Werke und Worte. Aber erst einmal innezuhalten und zu sehen: ich bin auf dem falschen Weg.

Unser Predigtwort hat ein Scharnier, welches beide Teile zusammen fügt. Es ist ein schlichter vier-Wort-Satz und er lautet: „Du bist der Mann!“ Heute im Zeitalter der Gleichberechtigung müsste es vielleicht heißen: „Du bist dieser Mensch!“ Und es ist wahr: diese zwei Teile der Geschichte, wie unser Wochenspruch, der Hochmut ohne Gnade und die Gnade nach sich ziehende Demut sind für uns Heutigen damit erfasst. „Du bist der Mensch“, um den es in unserem heutigen Predigtwort geht.

Martin Luther fasst es so zusammen: „Der Hochmut ist, wie Augustin ganz richtig sagt, die Mutter aller Ketzereien, ja die Quelle aller Sünden und allen Verderbens.“ Und: „Rechte Demut weiß niemals, dass die demütig ist; denn wenn sie es wüsste, so würde sie hochmütig von dem Ansehen dieser schönen Tugend. Sie haftet vielmehr mit Herz, Mut und allen Sinnen an den geringen Dingen; die hat sie ohne Unterlass vor Augen.“

„Du bist der Mensch“, liebe Gemeinde, „Wir sind der Mensch“, liebe Gemeinde, den Gott in unserem Predigtwort ansprechen will. Es ist auch ein Grund, warum wir uns sonntags versammeln, um wenigstens einmal in der Woche dieser Erkenntnis und diesem Bekenntnis Raum zu geben: „hilf uns, uns von unserem sündigen Wesen zu erlösen.“

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es sehen können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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