Da war doch was!?

Der König David ist bekannt. Jesu gilt als ein Nachfolger dieses Königs. An seine Geschichte mit König Saul und mit dem Riesen Goliath wird häufig erinnert – und dann: Da war doch was!

Ja, da war was. Dieser honorige König David hat auch eine dunkle Seite, die unserer Skandalpresse sehr gut gefallen würde. Wahrscheinlich uns auch.

Damals aber galten andere Regeln.

Der König lustwandelt auf der Dachterrasse seines Palastes und sieht eine schöne Frau beim Bade. Er genießt und lässt die Frau zu sich bringen. Sie wird schwanger. Nachdem der Versuch misslingt, diese Schwangerschaft Uria unterzuschieben, wird dieser auf ein Himmelfahrtskommando abkommandiert à Bathseba wird Witwe. Nach der Trauerzeit wird sie Teil des Harems von David und bekommt ein Kind. So schildert das zweite Buch Samuel im 11. Kapitel und endet mit der Feststellung: ‚Aber dem HERRN missfiel die Tat, die David getan hatte.’ Da setzt dann das 12. Kapitel ein:

[TEXT]

Gottes Botschaft kommt zu David, dem von Gott Auserwählten durch den Propheten Nathan. Nathan an sich ist unwichtig. Er gewinnt seine Wichtigkeit dadurch, dass er das Sprachrohr Gottes ist. Im Auftrag Gottes erzählt er eine Geschichte. Das, was wir gerne Gleichnis kennen, ist eigentlich eine völlig realistische Geschichte, die den Zorn des Königs weckt. Sie erfüllt die Funktion eines Spiegels, den sich David vorhalten lassen muss.

Es ist eine kunstvoll aufgebaute Geschichte, die David dazu bringen soll, sein eigenes Verhalten in anderem Licht zu sehen. Die Geschichte treibt David in die Enge und er muss seine Schuld anerkennen.

Das Schuldbekenntnis Davids ist knapp, aber ehrlich. Mehr muss nicht sein, dass Gott ein Schuldbekenntnis ernst nimmt. Für uns irritierend, dass ein Dritter die Strafe trägt, das ungeborene und unschuldige Kind, das aber nach alttestamentlichem Vorstellen eben nur als Kind, als Besitz seiner Eltern gesehen wird.

Das bleibt ein Ärgernis. Wir würden gerne das Rad der Geschichte zurückdrehen. Zwei Unschuldige sterben, weil David seine Sexualität nicht im Griff hat. Aber das passiert ja leider immer wieder. Menschen kommen zu Schaden, weil ein Anderer schuldig wird, seine Möglichkeiten überschätzt, seine Macht überstrapaziert, seinen Interessen und Ansprüchen freien Lauf lässt. David wird begnadigt, aber er geht nicht unbeschädigt aus der Geschichte hervor. So ist das mit Schuld und Entschuldigung. Wenn ich meine Schuld bekennen, kann mich das befreien, aber es wird mich nicht frei machen von den Folgen meiner Tat. Uria ist tot, das Kind stirbt.

Die Beichte befreit sein Herz, macht David aber trotzdem nicht frei von den Konsequenzen seiner Tat. Man kann die Geschichte nicht zurückdrehen, weil sie einem Leid tut. So wenig wie Uria eine Lebenschance hatte, so wenig hat dieses Kind eine Chance.

Trotzdem bleibt Bemerkenswertes:

Bemerkenswert, dass David trotzdem der Große bleibt, der König, dem die Geschichte viel Respekt zollt. Genauso bemerkenswert, dass dieser David sich so weit bringen lässt seine Schuld anzuerkennen.

Bemerkenswert, dass Gottes Vergebung auch diesem Mann gilt, dessen Reue wir nicht so ernst nehmen können, dem die Bitte um Entschuldigung abgenötigt wurde vom Propheten. Scheinbar ist die Bedeutung eines Schulbekenntnisses nicht davon abhängig, dass es aus freien Stücken daher kommt.

Bemerkenswert: das seelsorgerliche Geschick Nathans, mit dem er dem König den Spiegel vorhält, anders als unsere Skandalpresse ihn nicht in die Pfanne haut, sondern ihn zur Besinnung drängt.

David lässt sich die Kritik gefallen. Sie trifft ihn wie en Faustschlag ins Gesicht, aber er lässt sich schlagen – er beweist Größe auch in der Schuld.

Gleichzeitig wird Gott hier als der dargestellt wird, der auf der Seite der Armen und Schwachen steht, auf der Seite derer, deren Recht gebrochen wird, deren Rechte man gerne mit Füßen tritt. Diese liebevolle Geschichte von dem Mann mit dem Schaf, der sein Schaf behandelt wie ein eigenes Kind, zeigt deutlich wem hier die besondere Liebe gilt. Der Kleinbauer hat Priorität, nicht der Goßgrundbesitzer.

Es gibt keine ‚Moral der Geschichte’. Es gibt nur den Superstar David, der für seine Schwäche büßen muss.

Meine Verführung bleibt bestehen, mich immer aufs Neue über die Reichen und Schönen zu empören und damit auch der Kritik auszuweichen: Du bist der Mensch! Die peinliche Frage nach dem Unrecht in meinem eigenen Handeln lasse ich lieber nicht zu und weide mich lieber an dem Unrecht anderer mit Vorliebe prominenter Menschen. Die ganze Yellow press bezieht ihre Existenzberechtigung aus diesem uralten Zusammenhang.

Wie schwer tun wir uns immer wieder darin, Schuld einzugestehen.

drucken