Das große Ziel

Liebe Gemeinde,

"es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge!" – so einfach und doch so endgültig überschreib der 1. Petrusbrief seine Mahnungen an die Gemeinde. Diese Einleitung ist wichtig, damit die Weisungen an die Gemeinde ihren Ort finden und damit als moralische Weisungen ihren Ursprung im Ziel finden. Denn das ist im Griechischen, der Sprache des NT, ebenfalls damit gemeint: das Ende ist zugleich das Ziel. Das, worauf wir hinaus wollen. Das, worauf wir freudig warten. Wir vergessen dies manchmal, wenn wir uns von unserem deutschen Wort „Ende“ zu sehr beeindrucken lassen. Denn natürlich gibt es dies auch: das Ende als letzten Weg, als Sackgasse, als nicht wiederholbare Möglichkeit. Am 20.07.1944, also heute vor 64 Jahren, scheiterte der Attentatsversuch auf Adolf Hitler in der Wolfsschanze. Stauffenberg als derjenige, der die Bombe in den Bunker geschmuggelt hatte, verlor bald darauf sein Leben. Das Attentat misslang – der Versuch dieser Menschen mit dem Ausschalten des „Führers“ den Krieg abzubrechen zu lassen kam zu seinem Ende. Die Hoffnung vieler Menschen starb zugleich mit diesem Fehlschlag.

Einige Jahre später, ebenfalls am 20.07. diesmal aber 1976, also heute vor 32 Jahren, beendete Viking I ihren langen Flug durchs Weltall. Fast ein Jahr lang war sie unterwegs gewesen. Nun landete sie erfolgreich auf dem Mars. Dieses Ende des Raumfluges bedeutete zugleich, dass ein wichtiges Ziel erreicht war: der Mensch war in der Lage, Proben und Analysen von diesem fernen Planeten einzuholen.

Das Ende der Welt, liebe Gemeinde, ist zugleich das Ziel der Geschichte dieser Welt. Denn in diesem Ende wird es die Neuschöpfung Gottes geben – ein neuer Himmel und eine neue Erde. Deshalb erinnert die Schrift an so vielen Stellen daran, dass der Herr wiederkommen wird. Sie erinnert daran, dass wir jederzeit bereit sein sollen, in zu empfangen. In ihm ist das Ziel erreicht, in ihm werden wir erst komplett zu den Menschen, als die wir geschaffen wurden. Wir werden Gott sehen, von Angesicht zu Angesicht.

„Auf einer Halbinsel des Comer Sees träumt die Villa Acronati einsam vor sich hin. Nur der Gärtner lebt da, und er führt auch die Besucher.
"Wie lange sind Sie schon hier?"
"24 Jahre."
"Und wie oft war die Herrschaft hier in dieser Zeit?"
"Viermal."
"Wann war das letzte Mal?"
"Vor 12 Jahren", sagte der Gärtner. "Ich bin fast immer allein. Sehr selten, dass ein Besuch kommt."
"Aber Sie haben den Garten so gut instand, so herrlich gepflegt, dass Ihre Herrschaft morgen kommen könnte."
Der Gärtner lächelt: " Heute, mein Herr; heute!“

Um diese Einstellung geht es für uns heute. Bereit zu sein, wenn das Ende naht. Bereit zu sein, dass wir ans Ziel gelangen können. Dafür muss man das Ziel im Blick behalten. Welche Erinnerungen stellt uns der 1. Petrusbrief anbei?

1) Seid besonnen und nüchtern zum Gebet.
Es ist für mich interessant, dass dieser Aspekt auch heute – angesichts des Endes – wieder vorkommt. Das Gebet als eine nüchterne und besonnene Tatsache. Wer beten will braucht nicht zu verzücken, muss nicht abdrehen in andere Sphären. Er soll vielmehr in Ruhe überlegen, worum es ihm geht. Was er sagen will. Wie er es sagen will. Besonnen eben. Nüchtern heißt für mich v.a. auch, dass der Beter offen aussprechen kann, wie es ihm geht. Er muss vor Gott keine Glaubenskapriolen vollführen. In Krankheit und im Sterben kann nüchtern die Chance und das Ende betrachtet werden. Alles aber wird in Gottes Hände gelegt. Ihm anempfohlen. So gesehen wird das Gebet zum großen Dienst an der Menschheit, denn nüchternes Gebet schließt die Handlungsoption mit ein.

2) Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe, denn die Liebe deckt aus der Sünden Menge. Dass die Liebe der Sünden Menge decken kann, wusste schon das AT – dieses Zitat stammt aus dem Buch der Sprüche. So wie die Sünde der Abstand zwischen Gott und Mensch und damit auch zwischen Mensch und Mensch ist, so ist die Liebe in der Lage, Abstände zu überbrücken. Wer dieser Liebe Christi folgt, wer sein Jünger wird und in die Nachfolge tritt, der darf dies auch erfahren. Liebe kann Abstände verringern, Gräben überwinden. In der Gemeinschaft der Christen untereinander sollte sie das letzte Wort haben, gerade weil sie weiß, dass kein Einzelner perfekt sein kann. Weil jeder in der Gemeinschaft der Christen seine Sünde zu tragen hat, bis das Ende da ist und das Ziel erreicht, darf er umso leichter die Verfehlungen des Nächsten hinten anstellen und in ihm den Menschen sehen, den Christus in ihm erblickt hätte.

3) Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. Es ist nichts anderes als die Weiterführung eines bekannten Bildes. Wir sind ein Leib in Christus und jedes Glied hat seine Aufgabe, seine Fähigkeit. Auch das ist ein weiterer Grund, warum niemand für sich alleine glauben kann. Ein weiterer Grund, warum es die Gemeinschaft braucht. Auch, weil wir unterschiedliche Gaben von Gott geschenkt bekommen haben. Keiner von uns kann im Blick auf die Gemeinde alles gleich gut. Das ist quasi unmöglich. Dort gibt es die einen, denen es gegeben ist mit Kindern oder mit Jugendlichen so zu arbeiten, dass diesen etwas von der Güte Gottes offenbar wird. Wieder andere dürfen ihre Fähigkeiten in der Verwaltung und Organisation einbringen und damit helfen, Abläufe unproblematischer und reibungsloser zu gestalten. Wieder andere legen dort Hand an, wo es gilt Dinge und Materialien zu bearbeiten, zu reparieren und so wieder in den Dienst zu stellen für die Gemeinde. Auch hier hat jeder, wenn es gut geht, das Ziel vor Augen: den Menschen von der Güte Gottes zu berichten, die Frohbotschaft der Vergebung der Sünden weiterzureichen und ihnen zu erzählen von dem Neuanfang, der kommen wird. Jede Gruppe der Gemeinde wird daraufhin überprüft: kommen diese Dinge dort vor? Jede Nutzung eines kirchlichen Gebäudes ist diesem Zweck untergeordnet. Jede Handreichung und jedes Papier, welches durch die Gemeinde herausgegeben wird, muss sich dieser Frage stellen. Das Haupt des Leibes ist nämlich Christus. Wir alle sind in ihm ein Leib. Wir dürfen und sollen uns untereinander ermahnen, unsere Gaben auch einzubringen. Wir dürfen auch testen, an welchem Ort unsere Gabe am besten zur Entfaltung kommt. Dafür aber müssen wir auch den Mut haben, überhaupt Gaben zu entdecken und sie für die Gemeinde in Aktion zu stellen.

Unser Predigtwort endet, wie es angefangen hat: mit der Beschreibung des Zieles, das wir Menschen im Glauben auf Erde haben dürfen – mit dem Lobpreis Gottes. „Sein ist die Ehre und die Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“

Ich halte an dieser Aussage fest und betonen sie immer wieder: es ist nichts anderes, als der Sinn unseres Lebens hier auf Erden. Als befreite Geschöpfe dürfen wir uns Gott zuwenden und ihm im Lobpreis antworten. Darin liegt unsere Erfüllung. Das gilt ganz jenseits dessen, was wir sonst im Leben erreichen mögen: Familie, Beruf, Engagement, Reichtümer, Ruhm und Ehre. Das große Ziel, auf das wir warten, am Ende aller Zeit, wird in unserer Welt am besten durch das Lob des Schöpfers dargestellt. Freie Kinder Gottes, aufbewahrt zum ewigen Leben, loben und danken Gott in ihrer Antwort auf seine Zusage.

Ganz zum Schluss: viele meinen, das Ende würde so lange auf sich warten lassen. Schon viele Jahrhunderte sind vergangen und die Erde, wie wir sie kennen hat immer noch Bestand. Das ist freilich richtig, wie jedermann sehen kann. Aber wir haben in unserem Erdenleben genügend Zeit an den kleinen Beispielen von Ende jenes Ende und Ziel zu bedenken. Wie dies geschehen kann, will die folgende Geschichte verdeutlichen.

„Der jüdische Rabbi Meir saß eines Tages im Hörsaal und hielt einen Vortrag. Während dieser Zeit starben seine zwei Söhne. Seine Frau legte ein Tuch über sie, und als am Ende des Sabbats der Rabbi nach Hause kam und sich nach den beiden Söhnen erkundigte, sprach die Mutter: "Sie sind unterwegs!" Dann trug sie ihrem Mann Speise auf, und nachdem der Rabbi gegessen hatte, sagte er abermals zu seiner Frau: "Wo sind nun meine beiden Söhne – unterwegs wohin?" Die Frau antwortete: "Vor langer Zeit kam ein Mann und gab mir etwas zum Aufbewahren. Jetzt kam er wieder, um es abzuholen. Ich habe es ihm gegeben. War das richtig, Rabbi, so zu handeln?" Meister Meir sagte: "Wer etwas zum Aufbewahren erhalten hat, muss es seinem Eigentümer zurückgeben, wann immer dieser es zurückhaben möchte." "Genau das habe ich getan", sagte die Mutter der beiden Söhne. – Dann führte sie den Rabbi hinauf ins Obergemach, zog das Bettuch weg und zeigte ihm die Toten … Da fing der Rabbi an zu weinen. Seine Frau fasste ihn am Arm und sprach: "Rabbi, du hast mir doch gesagt, dass wir das Aufbewahrte seinem Eigentümer zurückgeben müssen, wann immer er es zurückhaben möchte!?" Da sah der Rabbi ein, dass seine Frau recht hatte, und er hörte auf, über den Tod seiner Söhne zu weinen.“

„Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So preist Gott in allen Dingen durch Jesus Christus. Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Und der Friede Gottes, der uns als Zeichen für sein großes Ziel gegeben ist, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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